Minuten ein, wie nach einem gewaltigen Don⸗ nerſchlage; ich war wie betäubt.
Der Abend dämmerte bereits, es folgte eine ſchaudervolle Nacht. Um den Todten küm⸗ merte ſich Niemand. Es entſtand eine ſchreck⸗ liche Verwirrung; Alle rannten durcheinander, Jeder wollte bei der unvermeidlichen Auflöſung der Geſellſchaft, in dem Zuſtande des wildeſten Fauſtrechtes, die größte Beute machen. Ich und Don Nicolo zogen uns in das Gebüſch zurück und nahmen ein Paar weggeworfene Wolldecken zum Nachtlager mit. Mein ehema⸗ liger ſpaniſcher Kamerad hatte mir eine Jacke und Beinkleider gegeben, daß ich meine blut⸗ volle Kleidung wegwerfen konnte. Don Ni⸗ colo's Gewand wuſch ich in der Nacht und trocknete es im Winde.
Der Mondſchein ließ uns aus unſerem Verſtecke das grauenvolle Schauſpiel, welches die Seeräuber auf dieſem Platze aufführten, deutlich beobachten. Der Wein von unſerem Schiffe hatte die Raubgier der Elenden bis zur Wuth geſteigert. Um einen werthvollen Gegenſtand rauften und ſchlugen ſich immer Mehrere; wer dabei unbefriedigt blieb, der ſchlug, hieb oder ſchoß fluchend drein. Viele hatten ihren Ranb in den Hütten verſteckt, Andere zündeten dieſe an, Niemand verſuchte zu löſchen. So dauerte das Schlacht- und Raubgetümmel bis nahe an den Morgen fort.
Don Nicolo war gegen Morgen ein wenig eingeſchlummert, unterdeſſen ſah ich mich in der Nähe auf der Inſel um und ge⸗ wahrte bald an der Küſte einige Ruderboote. Ich meldete ihm meine angenehme Entdeckung ſogleich und rieth, mit einem derſelben unver⸗ weilt über die Meerenge an's Land zu rudern. Er war aber nicht einverſtanden und meinte, wir wären für dieſes Unternehmen jetzt Beide zu hungrig und kraftlos, auch laſſe ſich am Lande nicht bald auf Lebensmittel rechnen. Wir wandten uns alſo nach dem Schauplatze des nächtlichen beobachteten Kampfgewühles.
Hier war nun vollſtändige Ruhe einge⸗ treten. Der Bruder des verendeten Oberhaup⸗ tes hatte den noch vorhandenen Reſt der Pi⸗ raten unter ſein Kommando gebracht. Man that uns kein Leid an, Don Nicolo wurde ſogar mit Hochachtung behandelt. Proviant von unſerem Schiffe war noch genug vorhan⸗ den und wir ſtillten genügend Hunger und Durſt.
Nachdem wir die rauchenden Trümmer der Hütten, vie vielen herumliegenden Leichen der im nächtlichen Gemetzel Gebliebenen betrachtet, den Lebenden beim ruhigen Aufleſen der Gold⸗ und Silbermünzen eine Weile zugeſehen hat⸗ ten, beſtiegen wir ein Boot und ruderten an das texaniſche Feſtland hinüber.
Wir kamen nach einer wochenlangen, mü⸗ hevollen Landreiſe, während welcher ich fort⸗ während am Fieber litt, endlich zu meinen Eltern in dem Flecken Refugio. Don Ni⸗ colo reiſte nach mehreren Ruhetagen nach Mexiko und ich habe ſeitdem nichts mehr von
Erinnerungen. 1858.
ihm erfahren. Von Refugio bin ich ſpäter hierher überſiedelt, wo ich mein ſeliges Ende erwarten will.“
Auf meine Frage, was in der Folge noch mit den Piraten geſchehen ſei, antwortete er: „Man ſagte mir, daß der Bruder des Häupt⸗ lings alle Schiffe, deren achtzehn geweſen ſein ſollen, nebſt mehreren Ruderbooten, ſammt einiger Mannſchaft, gegen Zuſicherung der Strafloſigkeit der Regierung der Vereinigten Staaten übergeben habe.“
Die Waffenſtücke, Billardkugeln, ſilbernen Löffel, Gold⸗ und Silbermünzen und dergl., welche an dem bezeichneten Orte der Inſel ſpäter zuweilen ſind aufgefunden worden, ſchei⸗ nen dieſer Erzählung zu einiger Beſtätigung zu dienen.(Schluß folgt.)
—5 Ge
Die arktiſchen Expeditionen*).
Sobald die Schiffe der Polarreiſenden die Grenzlinieder arktiſchen Zone überſchreiten, wird von allen Seiten eine vollſtändige Umgeſtaltung der bisherigen Ordnung bemerkbar. Jetzt öffnen ſich die Kiſten und Behälter, um die bis dahin zurückgehaltene wärmere Kleidung unter den Mannſchaften zu vertheilen. Manche bis dahin in den untern Schiffsräumen aufbewahrte Ge⸗ genſtände— Schlitten, Eisſägen, Eismeißel, Klammern, Haken und Walfiſchtaue— werden zum Verdeck hinaufgeſchafft und dort zur ſofor⸗ tigen augenblicklichen Bereitſchaft aufgeſtellt.
Schon treten den Seefahrenden die Rie⸗ ſengebilde der Eisberge entgegen, umgeben von dem kleinern Corps der Eisblöcke, Eisflarden und des wogend daherſtrömenden Treibeiſes. Dazu die überraſchenden Erſcheinungen des thieriſchen Lebens in der See, auf dem Eiſe und in den Lüften; denn vor allem zieht die charakteriſtiſche Neuheit der gefiederten Schö⸗ pfung, welche in zahlloſen Schwärmen, in großen und kleinen Arten jede Inſelbildung, jede vereinſamte Felsklippe im Meer und ſelbſt die vergänglichen Maſſen der Eisberge bewohnt, ihre Aufmerkſamkeit an. Mit eigenthümlicher Lebendigkeit von den Eindrücken dieſer neuen fremden Welt durchdrungen, von den Scenen einer wunderbar und gewaltig ergreifenden Na⸗ tur erhoben, ſtehen die Seefahrer wie zum Kampfe gerüſtet, als ginge es in den Krieg ge⸗ gen feindliche Mächte. Erwartungsvoll lauſchen ſie der Stimme des Wächters im Krähenneſt.
Mit dem Namen, Krähenneſt“ bezeichnet man den in Form einer Tonne hergerichteten Behälter, der hoch am Hauptmaſt des Schiffs befeſtigt wird, um eine Ueberſicht der Umgegend gewinnen zu laſſen. Meiſt nimmt ein Eismei⸗ ſter oder ein Steuermann in demſelben Platz,
*) Nach einem Aufſatze in 20. Heft. 1858.
„Unſere Zeit“
345
und zeigt mittels eines Sprachrohrs den Wachen und Mannſchaften ſeine Beobachtungen an. So kommen ſie nach und nach höher hinauf in die mehr ruhigen und ſtarren Zonen jener Eisfelder, deren unüberſehbare Flächen hie und da durch Kanäle durchſchnitten ſcheinen. Allein dieſe weithin ſich ſchlängelnden Kanäle, die als dunkel glänzende Streifen erblickt werden, ſind in den allermeiſten Fällen trügeriſch. Nicht ſelten glaubten zuerſt der Wächter, dann auch der Kapitän und die Offiziere, welche ſich nach und nach zum Krähenneſt hinaufwinden ließen, jenſeits eines ſolchen Eisfeldes am nördlichen Ho⸗ rizont offene See zu erblicken. Wie ein Lauffeuer verbreitet ſich die Nachricht unter der Mannſchaft. Alle ſind von der Hoffnung erfüllt, jene ver⸗ meintliche offene See, die ein freies Fahrwaſſer bietet, zu erreichen. Das iſt ihr nächſtes Ringen und Trachten, für welches ſie mit begeiſterter Stimmung alle ihre Kräfte einſetzen. Allein Niemand vermag auch nur mit haltbarer Wahr⸗ ſcheinlichkeit kund zu thun, welche unter jenen ſchmalen Waſſergaſſen, und ob eine derſelben einen Ausgang zum erſtrebten Ziele darbieten werde. Dazu kommt, daß der Compaß wegen der Nähe des magnetiſchen Pols in jenen Ge⸗ genden unzuverläſſig wird, und daß auch das alte Schlagwort:„Die Sonne iſt mein Com⸗ paß“ in einer Reihe düſterer, nebelvoller und ſonnenlofer Tage, wie ſie in jenen Gegenden häufig ſind, keinen Troſt, keine Aushülfe brin⸗ gen kann. Gleichwol gilt es in dieſer Lage nicht zu zaudern, ſondern muthig aus Werk zu gehen. Dabei begegnet es denn wohl, daß die Waſſer⸗ ſtraße im Eisfelde, welche anfangs lockend er⸗ ſchien, unter vielen Ausweichungen nach ver⸗ ſchiedenen Himmelsgegenden und unter zahlrei⸗ chen Verzweigungen enger und enger wird, bis ſie plötzlich an dichten Eismaſſen zu Ende geht. Schwer und bisweilen nicht unbedenklich, obwohl dennoch unter Umſtänden unerläßlich, iſt der Entſchluß zur ſchnellen Umkehr. Denn gar häu⸗ fig haben ſich hinter dem Schiffe die Eismaſſen wieder zuſammengeſchloſſen. So lange irgend eine Ausſicht des Gelingens vorhanden bleibt, zumal wenn der Wächter im Krähenneſt, mehr oder weniger entfernt, noch nahe Waſſerſtreifen oder forkdauernd Anzeichen einer offenen See erblickt, erſchallt der Ruf:„Vorwärts“. Nun gilt es mit Eisſägen, welche die Matroſen, durch frohe Geſänge gegenſeitig ſich anfeuernd, in Thätigkeit ſetzen, einen Weg zu bahnen, oder die Aexte, Cismeißel und anderes zum Brechen des Eiſes bereit gehaltene Werkzeug anzulegen, oder endlich an geeigneten Stellen mit Pulver die entgegenſtehenden Maſſen zu zerſprengen, um einen Ausweg aus dem gefahrvollen Laby⸗ rinth zu erkämpfen. Schlimm aber iſt es, wenn alle dieſe Mittel und Auswege verſagen, wenn das Schiff, von allen Seiten mit Eismaſſen umſpannt, in willenloſem Spiel an der Bewe⸗ gung des Eisfeldes hängt, mit deſſen Zuge es den Klippen und Untiefen auf Wochen, ja auf Monate unwiderſtehlich preisgegeben oder auf kürzere oder längere Zeit unabwendbar zu ver⸗
33


