Heft 
(1858) 11 11
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flüchtigen Beſtien ohnehin nicht. Es war wäh⸗ rend dieſes Geſpräches nebſt dem Kapitän und Don Nicolo nur noch ein Offizier in der Ka⸗ jüte; ich machte mir mit dem Abräumen des Tiſches nach dem Frühſtück etwas länger zu thun, um Alles mit anzuhören, ſtellte mich aber, als ob ich auf den Gegenſtand gar nicht achtete. Don Nicolo war dieſen Morgen ſchon ſehr ernſt geſtimmt, jetzt ſtand er vom Tiſche auf, trat vor den Kapitän und ſprach:Herr Kapi⸗ tän! das Schiff und ſeine Mannſchaft ſind Ih⸗ nen anvertraut, aber gewiß nicht, daß Sie es mit 35 Menſchenleben aus Leichtſinn oder Ei⸗ genſinn dem Untergange opfern. Als Seemann müſſen Sie wiſſen, daß jetzt außer Kriegs⸗ ſchiffen, ſich nicht leicht ein Fahrzeug allein über den Golf von Mexiko wagt. Ich ſage Ihnen mit Beſtimmtheit, wir ſind verloren, wenn Sie das Wagniß nicht aufgeben. Von einem menſchlichen Gerichte werden ſie freilich weder zur Rechen⸗ ſchaft gezogen noch beſtraft werden, davor wird der Tod ſie ſchützen; aber werden Sie es vor dem ewigen Richter verantworten können, wenn Sie 35 Menſchen ohne Noth, ohne Ausſicht auf Gewinn, blos aus ſtrafbarem Eigenſinn dem Tode opfern?! Der Kapitän gab ihm hierauf keine Antwort, ſondern ſprach zu dem Offizier:Der geiſtliche Herr hat vor den Waſ⸗ ſerratten ſchrecklich viel Reſpekt, ſein alter Muth, den er als Seemann oft ſoll bewieſen haben, iſt ihm gänzlich abhanden gekommen Der Offizier entgegnete:Ich habe nicht zu befeh⸗ len, ſondern nur zu gehorchen; aber nach mei⸗ ner Meinung hat er wohl ſo unrecht nicht. Uebrigens ſpricht aus ſeinem ganzen Weſen jene merkwürdige Zuverſicht, als könne er mit hellem Blicke in die Zukunft ſehen, eine Gabe, von der mir ſchon früher einige nette Pröbchen erzählt worden ſind. Mich rief jetzt der Dienſt an's Steuerrad. Wir ſegelten per Stunde 10 Mei⸗ len, hatten bald die Inſeln Weſtindiens hinter uns und ſchwammen im Golfe von Mexiko. Ich war in geſpannter Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten; der übrigen Mannſchaft ſchien von der verhängnißvollen Zukunft nichts bekannt zu ſein.

Unſer Schiff mochte etwa den dritten Theil des Golfes durchlaufen haben, da ſprang der Wind plötzlich um; es blies ein feuchter kalter Nordwind, der bald einen ſo dichten Nebel brachte, daß wir kaum den Maſtkorb unſeres Schiffes ſehen konnten. Don Nicolo bat den Kapitän, alle Waffen in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen und Alles zum nahen Kampfe zu rüſten, da die Piraten nicht mehr lange ausbleiben würden.

Der Kapitän antwortete ihm mürriſch und verächtlich:Das iſt meine Sache, Ihre Sache iſt das Brevier!

Die Herren ſaßen ſchon beim Mittagseſſen; der Nebel war etwas durchſichtiger geworden; da zeigte ſich eines jener Piratenfahrzeuge ſo nahe, daß es faſt mit Kartätſchen zu erreichen geweſen wäre; wie ein Schmetterling ſchaukelte und ſchwankte es auf den müßigen Wellen hin

und her. Es war von ihm auf keinen Angriff abgeſehen, man wollte uns offenbar nur beob⸗ achten, denn es verſchwand alsbald wieder. Der Kapitän mochte nun wohl an die Mög⸗ lichkeit eines Angriffes glauben und ließ einige Anſtalten zur Vertheidigung treffen. Das Mit⸗ tagmahl war vorüber; Don Nicolo hatte ſich nicht dabei eingefunden, ſondern kniete in ſeinem kleinen Gemache und betete ohne Un⸗ terlaß. Etwa eine Stunde nach dem Eſſen er⸗ ſchienen zwei ſolche Fahrzeuge, bald ein drittes, endlich waren ihrer fünf ringsum in unſerer Nähe, doch hielten ſie ſich immer in gleicher Entfernung. Es ging nun ſehr lebendig auf dem Schiffe her, Alles rüſtete ſich zum nahen Kampfe, die ſechs Kanonen wurden geladen, vier derſelben mit Kartätſchen; dieſe ſollten, wie der Kapitän meinte, den Waſſerratten ſehr bald den Garaus machen. Wir ſtanden Alle unter den Waffen, bis auf Einige, die das Schiff zu bedienen hatten. Es ſah übrigens für uns auf dem ſtattlichen Schiffe, jenen fünf Schmetter⸗ lingen gegenüber, gar nicht gefährlich aus. Ei⸗ nige nach ihnen abgefeuerte Kanonen trafen nicht und wir erwarteten mit Ungeduld ihre Annäherung.

Plötzlich fuhren alle fünf Fahrzeuge mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit an unſer Schiff heran, daß ihre Segel vor unſern Au⸗ gen flatterten. Die Kanonen, auf deren Wir⸗ kung der Kapitän ſo feſt vertraut hatte, erwie⸗ ſen ſich gänzlich nutzlos. Die Waſſerratten ver⸗ loren durch ſie nicht einen Mann. Ihre wohl⸗ gezielten Büchſenkugeln ſtreckten aber ſogleich mehrere von uns nieder, der Kapitän war un⸗ ter den erſten. Die Piraten waren an Zahl uns weit überlegen; ſie warfen Enterhaken an unſern Bord, an welchen ihre Schiffchen hin⸗ gen; ähnliche Haken waren mit Strickleitern verſehen, an welchen ſie emporkletterten. Wir ſchoßen, hieben und ſchlugen Manchen todt, ehe er ſeinen Fuß auf unſer Verdeck ſetzen konnte. Die Unſrigen hielten ſich überaus tapfer. Der Kampf hatte vielleicht eine halbe Stunde gedauert, da hörte man kein Kommando mehr, Jeder kämpfte auf ſeine Fauſt. Wir hatten nicht Zeit, die Todten und Verwundeten aus dem Wege zu räumen, man konnte auf dem mit Blut übergoſſenen und mit Leichen bedeck⸗ ten Bretterboden nicht mehr feſtſtehen. Das Kampfgetümmel ließ endlich nach da fühlte ich mich plötzlich von kräftigen Armen rückwärts ergriffen, unter dem Zurufe:Halt ein, Kame⸗ rad! es iſt umſonſt, wir ſind Sieger! Es war ein ehemaliger Kamerad, ein geweſener ſpaniſcher Matroſe, mit dem ich längere Zeit auf einem Schiffe gedient hatte. Ohne ſeinen Schutz würde auch ich, nebſt Don Nicolo, der einzige von unſerer ganzen Mannſchaft

Uebriggebliebene, niedergemacht worden ſein.

Ich hatte nur einige leichte Wunden erhalten. Als ich Don Nicolo wieder ſah, war er auf dem Hintertheile des Schiffes mit einigen Ster⸗ benden beſchäftigt, und obwohl nicht verwundet,

ſo doch überall mit Blut beſpritzt. Ich wurde

mit ihm auf eines der Fahrzeuge gebracht, das, nachdem es voll geladen worden, nach der In⸗ ſel fuhr.

Als wir gelandet waren, ſprach Don Ni⸗ colo zu den uns begleitenden Piraten: Führt mich zu Eurem Kapitän, ich habe ihm eine ſehr wichtige Nachricht zu bringen! Man brachte uns auf einen freien Platz zwiſchen den Gebüſchen, den ringsum mehrere Hütten um⸗ gaben; vor einer derſelben ſtanden etliche In⸗ dianerpferde, zwei derſelben waren mit Wild beladen. In dieſe niedrige Wohnung, die aus dem Materiale einer Kajüte von einem Zwei⸗ maſter gebaut zu ſein ſchien, wurden wir noch in unſern blutbeſpritzten Kleidern hinein⸗ geführt.

An einem langen, zierlich gearbeiteten Ti⸗ ſche von irgend einem ſpaniſchen Schiffe, der mit Wein und Wildbraten reichlich beſetzt war, ſaß Lewis mit zwei Häuptlingen der India⸗ ner und noch vier Anderen, die ich für Nord⸗ amerikaner hielt. Ich erkannte gleich beim Ein⸗ tritte, daß die ganze Geſellſchaft ſchon ziemlich herauſcht war und der Hausherr wohl am mei⸗ ſten. Wir mußten lange ſtehen, ehe man auf uns achtete. Endlich wandte ſich der Piraten⸗ häuptling nach uns um und ſtammelte die Frage:Was wollt Ihr? Don Nicolo antwortete mit ernſtem Nachdrucke:Ich bin gekommen, Dir Dein Ende anzuſagen! Ich erwartete den augenblicklichen Befehl zu unſe⸗ rem Erſchießen; aber er wandte ſich nach dieſer Ankündigung wieder zu ſeinen Gäſten um, und wir ſtanden wieder wie vor unbeachtet da.

Mittlerweile brachten zwei ſeiner Leute die Kaſſe von unſerem Schiffe. Sie wurde geöff⸗ net, die Goldſtücke ſchüttete man auf einen Tiſch, die Kaſſe mit dem übrigen Inhalte trug man wieder fort. Daun ſtand Lewis auf, be⸗ ſah das Häufchen Gold, ſchien aber mit der Quantität nicht zufrieden und bemerkte:So viele Leute verloren und ſo wenig Beute für mich! Er ſah Don Nicolo grimmig an, hob die Fauſt drohend gegen ſeinen Kopf auf, und krächzte:Warte Spanier, an Dir will ich mich rächen! Don Nicolo antwortete kurz:Es iſt zu ſpät! Lewis nahm einen Stuhl, ſetzte ihn vor das eine Fenſter, trat darauf und zog aus einem geheimen Behält⸗ niſſe in der Wand oberhalb des Fenſters ein ſchweres Käſtchen; nachdem er die eben ange⸗ kommenen Goldmünzen hineingeworfen hatte, verſchloß er es wieder und wollte es nun an ſeinen Ort bringen. Es war bedeutend ſchwe⸗ rer geworden, man ſah, wie er ſich anſtrengen mußte, um es zu der Höhe ſeines Kopfes em⸗ porzuheben. Ehe er es noch hineinzuſchieben vermochte, nahm die Laſt nach rückwärts das Uebergewicht und der lange Mann auf dem Stuhle ſchlug rücklings mit einem fürchterlichen Krachen zu Boden, daß ſein Kopf gerade zu meinen Füßen lag. Das Goldkäſtchen war ihm auf die Bruſt gefallen, er that keinen Athemzug mehr; aus ſeinem Munde ſtrömte das Blut. Es trat eine ſchauerliche Stille von einigen