Heft 
(1858) 11 11
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ſchen, kam unter dem Koffer hervor und ließ mich ſeinen Inhalt und das Bedenkliche meiner Lage in dieſer Nacht ſehr leicht errathen.

Ich ſtand auf und ſuchte meinen Bewegungen den Anſchein der Gleichgiltigkeit zu geben, als ob ich nichts Auffallendes bemerkt hätte. Nach dem ich mich überzeugt hatte, daß die Ein gangsthüre richtig von mir war verriegelt worden, ſchnitt ich eine der aufgeſpannten Lei⸗ nen ab und band ſie leiſe aber feſt um den Koffer, damit er nicht ſogleich zu meinem Ver derben die Rolle des trojaniſchen Pferdes ſpie⸗ len möchte. Ich konnte nach allen Anzeichen nicht länger zweifeln, daß ein Spitzbube darin verborgen war, der mich im Schlafe zu über fallen gedachte, in welchem Falle mir weder das Verſchließen der Thüre, noch die Doppel⸗ piſtole genützt haben würde.

Ich nahm Stock und Reiſetaſche und kroch zu einer Fenſteröffnung hinaus, welche meine geräuſchloſe Flucht am meiſten zu begünſtigen ſchien. In dem Erdgeſchoße war alles finſter und ruhig, nur ein Hund, der auf der andern Seite des Gebäudes ſeine Stimme erhob, flößte mir einige Beſorgniß ein; da aber be reits die zwölfte Stunde herangekommen ſein mochte, um welche Zeit die Hunde bekanntlich nicht viel Muth zeigen, ſo beruhigte er ſich bald wieder.

Ich wandte mich zuerſt nach der Oſtſeite hin, wo ein finſterer naher Fichtenwald mir die nächſte und ſicherſte Zuflucht zu bieten ſchien; aber da ich glaubte, in der ruhigen Nacht Menſchenſtimmen von dorther zu ver⸗ nehmen, ſo ſchlug ich, in einem Bogen mich wendend, eine weſtliche Richtung ein und ge⸗ langte bald in ein mäßiges Thal, jenſeits deſſen eine offene Prairie lag. Dieſes Thal durchfloß ein nicht unbedeutender Bach, an welchem ich eine weite Strecke abwärts gehen mußte, um die durch das Rauſchen angezeigte ſeichte Stelle zu finden, wo das Durchwaden ermöglicht werden konnte. Dasſelbe ging glück⸗ lich von Statten, obſchon ich bis an die Hüfte durchnäßt wurde.

Ich eilte bergan nach der Prairie und merkte nichts von einer Verfolgung. Als ich nach ungefähr einer halben Stunde ſtehen blieb, um ein wenig zu verſchnaufen, ſah ich nicht nur mein Schlafgemach, in welchem ich das Licht hatte brennen laſſen, ſondern auch die untere Etage erleuchtet; um das Haus gaukelte eine Laterne und am Rande jenes Fichtenwaldes war ein großer Lärm von bellenden Hunden, als ob ſie zur Jagd angehetzt würden. Man hatte offenbar meine Fährte verloren.

Ich ſetzte meine Flucht weiter fort und ge⸗ langte gegen 3 Uhr Morgens an ein kleines Städtchen; da aber noch keine Spur von wa⸗ chenden Menſchen zu merken war, ſo ging ich durch, ohne einzukehren, ſo ſehr ich auch der Nahrung und der Ruhe bedurft hätte, und meine Kräfte kaum mehr hinreichten, um lang⸗ ſam fortzuſchleichen. Bei anbrechendem Morgen ſprach ich bei einem deutſchen Farmer ein,

deſſen Gaſtfreundſchaft mir die ſo nothwendige Erholung und Stärkung angedeihen ließ. Die⸗ ſem erzählte ich mein überſtandenes Abenteuer, in Folge deſſen ich von ihm über jenes Haus und das darin ſich aufhaltende Geſindel genü⸗ gende Auskunft erhielt und Gott für meine glückliche Rettung aufs neue dankte.

II. Der prophetiſche Don Nicolo.

Ich ſaß auf einem vom Meere ausgewor fenen Baumſtamme an der Matagordabai und verzehrte einſam mein Stückchen Maisbrod als Mittagsmahl; da kam ein Greis an der Küſte von Indiannola herab und nahte ſich mir mit langſamen Schritten. Er hatte ein Stück grünes Zuckerrohr in der Hand, von dem er zuweilen ein wenig abſchnitt, um das Mark davon mühſam in dem zahnloſen Munde des ſüßen erfriſchenden Saftes wegen, zu kauen.

Auf meine Frage, was der Zweck ſeines Herumwandelns an der einſamen Küſte ſei, antwortete er:Ich war in meinen jungen Jahren ſpaniſcher Matroſe, und da ich für das Meer eine große Vorliebe behalten habe, ſo gehe ich bei angenehmer Witterung täglich hierher, um mich an dem Anblicke desſelben zu erfreuen und dabei an die allen guten Zeiten zu denken.

Ich reichte ihm meine volle Whiskyflaſche mit der Bitte, ſich zu mir auf die vom Meere hergeſtellte Bank niederzulaſſen, und mir etwas Intereſſantes aus ſeinem Seeleben zu erzählen. Nachdem er einen guten Schluck genommen, ſetzte er ſich zutraulich an meine Seite und ſprach:Ich würde wohl Tage brauchen, ſollte ich Ihnen umſtändlich mittheilen, was mir aus meinem vielbewegten Leben im ſpaniſchen Seedienſte noch erinnerlich iſt. Sind Sie ka⸗ tholiſch? frug er unerwartet und ſah mich bei dieſer Frage prüfend an. Als ich ihm dieſes bejahet und bewieſen hatte, fuhr er fort:Et was will ich Ihnen von meinen Erlebniſſen be⸗ kannt machen, was auf dieſe Gegend Bezug hat. Landeten Sie in Galveſton, als Sie nach Texas kamen?

Ich antwortete:Ja, habe aber weder an der Stadt noch an der Inſel gleiches Namens etwas beſonders Intereſſantes finden können. Ich reichte ihm nochmals meine Feldflaſche, die eine gewiſſe Anziehungskraft auf ihn zu äußern ſchien, und er begann:

Als ich im Jahre 1811 dieſe Inſel das erſte Mal ſah, war ſie nicht ſo kahl wie heute, ſondern mit Bäumen und Sträuchern von ver ſchiedener Art bedeckt, aber die höchſten derſel⸗ ben maßen kaum 20 Fuß. Auch verſchiedenes Wild hatte da ſeinen Aufenthalt und ich ſah öfters ganze Rudel von Hirſchen durch die Meerenge ſchwimmen, welche die Inſel vom texaniſchen Feſtlande trennt. Nur ſchade, daß

die damals ſo ſchöne Inſel einem Seeräuber

geſindel als Schlupfwinkel dienen mußte, wo Schlupfwinkel fahren; fangen kann man die

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man ihm nicht beikommen konnte. Von der Landſeite hatten dieſe Waſſerratten nichts zu fürchten; das Land war von den Spaniern wüſt gelaſſen, weil es eine Schutzwand gegen die Nordamerikaner bleiben ſollte; es hauſten da nur Indiauer, die mit den Piraten frater⸗ niſirten. Gegen die Seeſeite iſt, wie Sie wiſſen werden, eine breite Sandbank(barre), durch welche der mehrfach gekrümmte Eingang von 10 Fuß Tiefe nur kleinere Schiffe an die Inſel gelangen läßt. Das Oberhaupt dieſer Spitzbuben, don den SeinigenKapitän ge nannt, hatte unter und zwiſchen den Gebüſchen der Inſel mehrere hölzerne Hütten erbauen laſſen, die von außen unanſehnlich waren, in nen aber alle Bequemlichkeit ihren Bewohnern boten. Ihre kleinen, leichten Fahrzeuge lagen, von ferne unbemerkbar, an der Küſte vor Anker.

Wenn wir zuweilen die Piraten auf der See verfolgten, verſchwanden ſie oft plöͤtzlich vor unſern Augen, als wenn ſie untergetaucht wären. Etwa acht Seemeilen von hier gelang es uns aber doch einmal, eine ſolche Gondel mit eilf dieſer Schurken zu fangen, nachdem eine glückliche Kanonenkugel ihr einen derben Leck verſetzt hatte. Alle ſollten Pardon erhalten, wenn ſie uns den Aufenthalt ihres Kapitäns Lewis verriethen; aber ſie verweigerten es ſtandhaft und wurden auf der Stelle erſchoſſen.

Im Herbſte des genannten Jahres 1811 war ich auf einem königlichen Transportſchiffe, das mit Gütern nach Vera Cruz befrachtet war. Die Mannſchaft betrug in allem 35 Köpfe; nämlich 19 Matroſen, 12 Soldaten, 2 See⸗ offiziere, den Kapitän und den Schiffsprieſter Don Nicolo. Dieſer letztere hatte ſeine jungen Jahre ebenfalls im Seedienſte verbracht, war aber als Offizier ausgetreten und in ein Klo⸗ ſter gegangen, um nach einigen Jahren als Mönch wieder auf den Wunſch unſeres frü⸗ heren Kapitäns zu Schiffe zu gehen. Ich hatte das Glück, ihn zu bedienen. Wir achteten und liebten ihn ſehr, und mit dem vorigen Kapitän lebte er in der innigſten Freundſchaft. Wenn der Kapitän einen Zweifel hatte, ſo fragte er ihn immer um Rath und befolgte denſelben. Da ging alles gut. Dann kam ein anderer Ka⸗ pitän, ein flatterhafter Franzoſe, Piére mit Namen, der richtete ſich gar nicht nach ihm, und da ging es bald ſehr ſchlecht

Wir hatten eines Morgens die Spitze von Cuba in Sicht, der Wind war uns ſehr günſtig; der Kapitän berechnete ſchon, nach wie viel Ta gen wir in Vera Cruz eintreffen könnten; da entſpann ſich zwiſchen ihm und Don Nicolo ein ſehr lebhaftes Geſpräch. Der Letztere rieth dringend, in einem Hafen von Cuba einzulau⸗ fen und die Ankunft des zweiten Schiffes, das mit uns zugleich ausgeſegelt war, abzuwarten. Der Kapitän ſprach lachend:Sie fürchten die Piraten; die ſollen nur kommen, wir wollen ſie mit unſern Kartätſchen willkommen heißen, daß ſie mit ihren Nußſchalen bald wieder in ihre