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reichliche Mahl vorüber, ſo beginnt die Muſik von neuem, doch nicht auf dem Tanzboden, ſondern auf dem Markte, denn heute iſt das freudig erwartete„Hahnſchlagen.“
An dieſer Fröhlichkeit nehmen auch Kinder in ſoweit Theil, daß ſie einen prächtig gefieder⸗ ten Hahn nebſt einer langen Schnur, einen Pflock, eine Axt und einen neuen, bebänderten Draſchflege von dem Markte bis auf eine vor dem Dorfe gelegene Wieſe mraene Der Zug beginnt. Voran die Mufik hierauf die Kinder mit dem Hahne, dann ein vanigekletbeter Spaß⸗ macher und zuletzt die Burſchen mit ihren Mädchen.
Draußen angekommen, wird der erwähnte Pflock in die Erde geſchlagen, die Schnur daran befeſtigt, und an dieſelbe der zum Tode ver⸗ urtheilte Hahn gebunden, ſo zwar, daß es ihm möglich iſt, ſich ziemlich frei zu bewegen. Nun wird einem der Mädchen ein weißes Tuch vor die Augen gebunden und derſelben der mit Bän⸗ dern gezierte Dreſchflegel in die Hand gegeben, worauf ſie mitten in den weiten Kreis geführt wird, der ſich rings um den Hahn gebildet.
Die Muſik beginnt, und das Mädchen ver⸗ ſucht mit dem Dreſchflegel den herannſlrtternden Hahn zu treffen, woran ſie jedoch theils durch das ausweichende Opfer ſelbſt, theils aber durch die beſtändigen Neckereien des ſchon erwähnten und ebenfalls in den Kreis getretenen Spaßma⸗ chers gehindert wird. Wenn ſich das Mädchen manchmal gegen den Necker wendet, und der⸗ ſelbe in eiligen Sprüngen dem Schlage auswei⸗ chen muß, wird dieß von der Verſammlung mit ſchallendem Lachen aufgenommen. Nach mehreren vergeblichen Schlägen gegen den Hahn wird das erſte Mädchen brec ein zweites zlgel öſt, und ſo fort, bis es einem derſelben gelingt, das ſchon ermattete Thier tödtlich zu treffen. Oft kommt es wohl auch vor, daß die eine oder die andere der mordſüchtigen Schönen über die Schnur ſtrauchelt und auf den weichen Boden fällt zur größten Heiterkeit der Zuſchauer und des Spaßmachers.
Iſt der Hahn gefallen, ein Opfer der Freude, ſo folgt man der voranſchreitenden Muſik wie⸗ der auf den Tanzboden, wo der Jubel und der Tanz von neuem beginnt, und abermals erſt beim Morgengrauen endet.
Der dritte und letzte Tag hat wieder ſein eigenes Feſt, es iſt„das Bockſtürzen.“ Nachdem die Reſte der Braten und Kuchen ver⸗ zehrt ſind, tönt die unermüdliche Muſik ſchon wieder auf dem Markte. Hier ſteht heute ein ungefähr drei i Klafter hohes Gerüſte, auf das eine ſchmale Treppe führt. Dießmal findet ſich Alt und Jung ein, und bildet einen Halbkreis um dieſes Bauwerk. Die Muſik, die ſich mitt⸗ lerweile entfernt hat, erſchallt plötzlich vom Wirthshauſe her. Aller Augen richten ſich dort⸗ hin. Da kömmt auf einem alten, ſtörriſchen Bocke, der übrigens heute feſtlich mit Bändern ausſtaffirt wurde, der Spaßmacher von geſtern dahergeritten, was jedoch ihm viel Mühe und dem Bocke viel Schläge koſtet. Bei dem Gerüſte
angekommen, wird der ſchon„Unrath“ witternde Bock nolens volens hinaufgebracht; dann be⸗ ſteigt ſein Reiter ebenfalls die Bühne, entrollt mit wichtiger? Anamtlä eine ungeheure höl⸗ zerne Brille auf der Naſe, ein mitgebrachtes Papierheft, und beginnt den Anklageakt über den zum Tode verurtheilten Bock herabzuleſen.
Hierin liegt nun der Gipfelpunkt des gan⸗ zen Scherzes. Ich hörte einſt eine ſolche Rede mit an, und muß geſtehen, daß es ein derbko⸗ miſch parodirter Amtsſtyl war und viel ge⸗ ſunden Witz enthielt. Doch ſcheue ich mich, ſie wieder zu geben, weil dieſelbe von lokaler Färbung iſt und von den beißendſten Anſpie⸗ lungen ſtrotzt.
Natürlich wird der Vorleſer öfter durch ein homeriſches Gelächter unterbrochen, bevor er endet. Nachdem das Urtheil gejprdehen das ſtets ohne Gnade auf Tod lautet, wird der Bock von dem Gerüſte herabgeſtürzt und ſo⸗ dann von dem untenſtehenden Schlächter ſo⸗ gl leich getödtet. Hierauf wird derſelbe auf eine eigens vorbereitete und mit Reiſern geſchmückte Bahre gelegt, und von vier Burſchen, Uneer Vorantritt der Muſik, die nun einen Trauer⸗ marjch ſpielt, unter zahlreicher Begleitung ins Wirthshaus getragen, wo ihn der Schlächter wieder übernimmt. Man eilt nun abermals auf den Tanzboden und es beginnt wieder Tanz und Jubel.
Mit dem Ende der zwölften Stunde jedoch verſtummt die Muſik, die Lichter verlöſchen nach und nach und die„Kirchweih“ hat ihr Ende erreicht.
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Aus dem Tagebuche meiner Reiſe in Nordamerika.
Von P. G. Menzel.
I. Das rettende Abendgebet.
Nachdem ich einige Tage im Norden des Staates Illinois umher gewandert war, nä⸗ herte ich mich dem Erieſee, um auf demſelben mittelſt Dampfboot nach Buffalo zu gelangen. Es war ein freundlicher Apriltag, an welchem ich Sandusky City noch vor Abend erreichen wo llte, aber es wurde mir trotz der größten
Anſtrengung nicht möglich. Die Sonne ging unter und ich mußte eine menſchliche Wohnung zu erreichen ſuchen, wo ich übernachten konnte.
Die Gegend war mir vö lig anbeloinnt
Beim Lichte der Sterne, das mich zur Noth den Weg finden ließ, gelangte ich an ein ein⸗ zelnes langes Haus, deſſen zwei Etagen, wie es ſchien, ſehr flüchtig und für kurze Dauer be⸗ rechnet, aus Holz aufgerichtet waren. Dieſer große Bretterbau hatte, wie ich bald erfuhr, beim Bau der Eiſenbahn von Cincinnati nach
Sandusky City als Unterkunft für die Bahn⸗ arbeiter gedient, jetzt war er ein abgelegenes wenig beſuchtes Wirthshaus.
Gleich beim Eintritt machte das Innere einen unangenehmen Eindruck auf mich; alles trug da den Stzuader des Verfalles, der Un⸗ ordnung, Verwahrloſung und des Mangels einer ernſtlichen Geſchäftst hätigkeit ſeiner Be⸗ wohner und Beſucher. An einem langen Tiſche ſaßen wohl an fünfzehn Gäſte, denen man es trotz allen Zeichen der Armuth leicht anſah, daß ſie nicht gewohnt waren, ſich ihr Brod im Schweiße des Angeſichtes zu verdienen. Es waren meiſt Deutſche, die offenbar ihre Heimat in dem Wahne verlaſſen hatten, daß ſie in Amerika ein beſſeres und müheloſes Fortkom⸗ men finden würden. Der Wirth, ebenfalls ein Deutſcher in mittleren Jahren, war noch ledig, und da es an weiblicher Bedienung in dieſem Hauſe ganz fehlte, ſo war der Wirth Koch und Kellner zualeich
Den Durſt ſtillte ich bald mit zieunlich trinkbarem Bier, aber den Braten fand ich trotz meines Hungers ganz ungenießbar, daher nnußte ich mich mit einem Stückchen Brod begnügen.
Meine Müdigkeit erzeugte das Verlangen nach Schlaf und Ruhe. Man führte mich in einen großen Saal hinauf, der den größten Theil des oberen Stockwerkes einnahm. Die hier auf⸗ geſpannten Leinen zeigten, daß dieſer Raum jetzt hauptſächlich zum Trocknen der Wäſche diente. Zwei Bettſtätten, mit Trümmern von ſchaf⸗ wollenen Decken, ein Tiſchgeſtell mit einigen darauf zelegten Brettchen und ein wenigſtens ſechs Fuß langer hölzerner Luffer mit der Schloßſeite an die Wand geſtellt, bildeten die ganze Einrichtung dieſes meines großen Schlaf⸗ zimmers. Fenſter, oder vielmehr große Oeffnun⸗ gen in der luftigen Bretterwand, wo ehedem ſich vielleicht Fenſter befunden haben mochten, gab es auf allen drei Seiten in Menge. D Fußboden war von Hühnern und dntdene befiederten und unbefiederten Thieren in einen Zuſtand verſetzt worden, der eher an einen offenen Hof, als an einen Saal erinnerte.
Ich ging eine Weile auf und ab, um mich in der kühlen Abendluft, welche durch die großen Fenſteröffnungen ein⸗ und durchzog, vor dem Niederlegen etwas zu erwärmen und meine vom Schweiße noch feuchten Kleider abzutrocknen. Ich fing an, es zu bereuen, daß ich hier einge⸗ kehrt oder nicht alsbald wieder weiter gegangen war. Dieſe Gemüthsſtimmung vermehrte ſich, es geſellte ſich zu ihr eine Art Bangigkeit, und ich fühlte lebhaft das Bedürfniß des Gebetes.
Ich kniete bei dem langen Koffer nieder und ſtützte beide Ellenbogen auf den gewölbten Deckel desſelben. Bald kam es mir vor, als ob der Koffer eine bedeutende Wärme von ſich gäbe, die meinem Gefühle widerlich war. Bei dem Befühlen dieſes Behältuiſſes bemerkte ich, daß es hohl auf zwei Leiſten ſtand und daß ſein Boden einen Roſt, deſſen Spalten kaum ¼ Zoll breit waren, bildete. Ein warmer Dunſt, wie der von einem ſchwitzenden Men⸗


