Heft 
(1858) 11 11
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durch das mir ganz heimiſch gewordene Städt⸗ chen hinaus; während aus allen Fenſtern und Thüren freundlich nickende Geſichter blickten und treuherzige Hände winkten, und ein viel⸗ ſtimmiges:Adjes! Auf Wiederſeh'n! mich bis vor das Städtchen begleitete. So gings fort bis an die Grenze, wo wir bairiſches Land betraten und der Freundes⸗ und Abſchieds⸗ ſchmuck fallen mußte.

Mir war es damals aber ſo zu Herzen, als hätte der Abſchied und mein letzter Rückblick meinem eigenen theuern Vaterhauſe gegolten.

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Die Kirchweih in Bühmen. Von Franz V. Prinke.

Wenn ſich der Landmann das ganze Jahr hindurch im Schweiße ſeines Angeſichtes mit der Bearbeitung des oft nur kargſpendenden Bo⸗ dens gemüht, und nachdem er die Saat üppig keimen und langſam reifen geſehen, in den glü⸗ henden Strahlen der Sonne die Frucht des Feldes geſchnitten, in Garben gebunden und in die ſchützende Scheuer gebracht hat, dann beginnen jene heitern Feſte, wo Jubel und ausgelaſſene Freude im Dorfe erſchallt, der bebänderte Baum errichtet wird, und Tanz und Sang beim Schalle der Muſik die jun⸗ gen Landleute im heitern Kreiſe verſammelt.

In jenem Theile Böhmens, wo Mutter Natur mit freigebiger Hand alle Arten der ſchönſten Feldfrucht, Weizen, Korn, Gerſte, Ha⸗ fer, die verſchiedenſten Hülſenfrüchte und Knol⸗ lengewächſe, alle Obſtarten, den trefflichen Wein und den weithin berühmten Hopfen ſpendet, dort in dem reizenden Elbethale, das mit Recht das böhmiſche Paradies genannt wird, feiern die Landleute bei eintretendem Herbſte ihre unter dem NamenKirchweih bekannten Kirchtagsfeſte.

Kaum iſt der Sonntagsmorgen angebro⸗ chen, ſo erſchallen ſchon im Dorfe heitere Fan⸗ faren mit obligatem türkiſchen Trommeldonner. Eine feſtlich geputzte Muſikbande zieht durch die Gaſſen auf den kleinen Dorſplatz und muſizirt dort den freudig herbeiſtrömenden Zu⸗ hörern Märſche und Tanzmelodien vor, wo⸗ bei ſchon jetzt manchem flinken Burſchen und Mädchen das Herz im Leibe hüpft und die Fußſohlen jucken. Die Muſik endet und die Zuhörer zerſtreuen ſich, um ſich zum feier⸗ lichen Gottesdienſte feſtlich zu ſchmücken, wäh⸗ rend die Hausfrau, die ſchon Tags zuvor mächtige Haufen vonGolatſchen gebacken, und ganze Heerden von Gänſen und Hühnern geſchlachtet, mit von der Hitze des Herdes glühendem Geſichte in und außer der Küche hantiert, kocht und bratet. Daß Tags zuvor auch ein Schwein geſchlachtet, und allerlei

in der Pfanne ziſchend ſchmoren, iſt ſelbſt⸗ verſtändlich.

Der Gottesdienſt, der dießmal ungewöhn⸗ lich lange dauerte, und von dem Ortslehrer und allen Muſikkundigen des Dorfes mit Anſtrengung aller Kräfte verherrlicht wurde, iſt zu Ende; das große Thor der Kirche iſt zu enge, alle die Andächtigen, die ſich auf einmal herausdrängen, durchzulaſſen, ſo daß es eine ziemlich geraume Zeit dauert, ehe Jedermann ins Freie gelangt. Nun findet ſich Nachbar A. zum Nachbar B., Gevatter X. zum Gevatter U., die Frau Muhme Z. zur Frau Muhme N, und da gibts ſo viel zu ſagen und ſo viel zu erzählen, wie der Herr Pfarrer heutegor ſu ſchine gepredigt, wie der Kaplan ſo tief geſungen, und wie die Muſik mit den Pauken und Trompeten präch⸗ tig geweſen ſei,doß an is Her'n und Sah'n vergang; dann ſpricht man vom Wetter, von der Fechſung und tauſenderlei Anderes. End⸗ lich zerſtreut ſich die Menge und kehrt nach Hauſe zurück.

Hier ſind mittlerweile Bekannte und Freunde, Gevatter, Schwager und Schwä⸗ gerin, und mitunter auch ein Städter mit einer Schaar hungriger Kinder angekommen, die ſich ſchon, ehe das eigentliche Mittagsmahl beginnt, rings um den Tiſch breit machen, und Stücke Kuchen, ſo groß als möglich, in der Hand halten.

Jetzt kömmt die ungeheure irdene Schüſſel, gefüllt bis an den Rand mit kräftiger Brühe und dem ſogenannten jungen Ganſel. Die Löffel ſind von Blech, Meſſer und Gabel von Eiſen, und nur bei den im Comfort mehr vor⸗ geſchrittenen Bauern findet man den Luxus Teller. Aus der gemeinſchaftlichen Schüſſel wird geſchöpft und mit geſundem Appetit ge⸗ geſſen. Es verurſacht der Wirthin auch nicht den geringſten Schmerz, daß von der gemein⸗ ſchaftlichen Schüſſel bis zu jeglichem Gaſte, auf dem blendend weißen Tiſchtuche nach und nach eine Suppenſtraße entſteht, oder daß die abge⸗ nagten Knochen des jungen Ganſels auf den rein gebohnten Boden geworfen werden; wird doch das Tiſchtuch nach derKirweih gewa⸗ ſchen und erſt nach Jahresfriſt wieder gebraucht und der Bodenna, der wird ſunſt a wieder drackig. Nun kommt das Nindfleiſch, ein Viertel Ochſe, mit einer Sauce, bei deren Verkoſten oft der geſchickteſte Koch in Verlegen⸗ heit gerathen würde, wenn er alle Ingredien⸗ zen derſelben nennen ſollte. Dieſem folgen ge⸗ bratene Hühner, Gänſe, ſo viel Schweinfleiſch als möglich, und eine Sündfluth von Blut⸗ und Leberwürſten mit Sauerkraut. Bier iſt in Fülle da, ſelten Wein. Nachdem die Fleiſches⸗ luſt geſtillt, dann kommen ganze Berge von Kuchen, Aepfeln, Zwetſchken, Birnen u. ſ. w.

Nach beendigter Mahlzeit fängt zwiſchen den Alten die Konverſation an, da während des Eſſens doch unmöglich Zeit dazu ſich finden

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Mühe lohne, Etwas anzubauen, und wie der Wein, nachdem er ſo viel Plage und Koſten verurſacht, heuer wieder keine günſtige Leſe verſpreche.

Mitunter erzählt der Städter etwas von Kriegen und Politik, und der Bauer hört dann mit Staunen und mißbilligendem Kopfſchüt⸗ teln dieſe außerordentlichen Dinge an,

Wie weit hinten in der Türkei

Die Völker auf einander ſchlagen.

Inzwiſchen hat ſich der jüngere Theil der Hausgenoſſenſchaft davon geſchlichen, um den lockenden Tönen der Muſik auf demTanzbo⸗ den zu folgen. Hier regiert noch der gemüth⸗ licheAltdeutſche im Vereine mit Polka und Walzer. Wenn ein Stück, das gewöhnlich eine gute Stunde dauern muß, geendet iſt, da ver⸗ liert ſich hier und da ein Paar, das ſich zu ſammengefunden, und ſie eilen hinunter auf den Dorfplatz, wo allerhand Krämer ihre Bu⸗ den aufgeſchlagen haben.

Nach vielem Hin⸗ und Hergehen wird end⸗ lich bei einemStand Stand gehalten, wo allerlei lieblich duftendes und reichlich vergol⸗ detesZuckerback feilgeboten wird. Da iſt die Wahl ſchwer! So viele ſchöne Sachen! Und ob's denn auch gut ſchmeckt? bemerkt ſchüch⸗ tern das Mädchen, wählt aber trotz der oftma⸗ ligen Aufforderung ihresBurſchen nichts von Allem, bis dieſer endlich ſelbſt die Auswahl. trifft, und demSchatz ein rieſigespfeffer⸗ kuchenes Herz einen vergoldeten Reiter und ein Paarzuckerbackene Kindeln, unter viel⸗ ſagendem Gelächter überreicht. Die Tanzmuſik erſchallt aufs neue, man eilt in den Tanzſaal und es wird wieder getanzt,gehopſt und ge⸗ ſchrien. In der Mitte des Dorfplatzes ſteht der bekannte, bebänderte und bis an den Gipfel, glatt geſchälte Feſtbaum, mit deſſen Erſteigung ſich die Knaben abplagen, um zu jenen Koſtbarkeiten zu gelangen, die oben an der nadeligen Krone hängen.

Auf dem Tanzboden geht es immer luſtig zu, und wird eine ungeheure Menge Bier und Wein konſumirt. Es kömmt nun wohl auch öfter vor, daß hie und da einStänkerer Händel anfängt, da zeigen ſich aber bald Fäuſte, die den Schreier auf ſo eigenthümlich beredte Weiſe augenblicklich zum Schweigen bringen, daß die allgemeine Heiterkeit keinen Augenblick getrübt wird.

Die Nacht iſt bald zur Neige, und ſchon graut der Morgen, da lichtet ſich endlich der von einer dichten Staubatmoſphäre erfüllte Tempel Terpſichorens, und die Tänzer verlieren ſich nach und nach, um ſich durch Schlaf zum kommenden Tagwerke zu ſtärken. Worin beſteht dieß wohl? In Arbeit?= 4 25

O, behüte! Währt doch die Kirchweih nicht einen, ſondern drei volle Tage lang.

Der Montagvormittag wird von den jun⸗ gen Leuten zum Theile verſchlafen und vertän⸗

ließ. Da wird nun über den Getreidepreis ge⸗

ſchmackhafte Würſte gemacht wurden, die jetzt

klagt, wie er ſonieder, daß ſich's kaum der

delt, während die Hausfrau wieder emſig kocht (und bratet. Kaum iſt jedoch das, ſo wie geſtern⸗