Heft 
(1858) 11 11
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Wie in allen Alpengegenden, ſo wird auch hier nach Eintritt der gelinden Jahreszeit, wenn die Mittelpartien des Gebirges den dicken Schneepelz abgeworfen, und ſich in ihr ſchönes, ſaftiges Grün gekleidet haben, das geſammte Vieh, bis auf einige wenige Stücke für den täg⸗ lichen Hausgebrauch, auf die Alpen getrieben, wo ſie den ganzen Sommer hindurch mit den ſie begleitenden Sennerinen und Sennerbuben verbleiben. Daß zu dieſen Heerden auch eine bedeutende Anzahl von Ziegen gehört, verſteht ſich von ſelbſt. Zu dieſer Ziegenſchaar geſellt ſich denn der Gemsbock, und iſt ihr treuer und gefälliger Begleiter, der ſeinen fremden Gäſten die zarteſten und ſchmackhafteſten Weideplätze zeigt. Die Landwirthe daſelbſt hüten ſich wohl, denſelben ſcheu zu machen, oder gar zu ver⸗ treiben; denn ſie behaupten, daß die von dem Gemsbock abſtammenden Ziegen viel beſſer und kühner klettern, und ſomit viel zartere und aromatiſchere Kräuter und Gräſer errei⸗ chen können, wodurch ſich ihre Milch unge⸗ mein verbeſſern ſoll. Solche Ziegen ähneln in der That der Geſtalt und Farbe nach ganz dem Gemswild, nur haben ſie in der Regel ganz kurze, verkümmerte Hörnerſtümpfe, nie aber bekommen ſie die netten, ſogenann⸗ ten Krückeln des Gemsbockes. Die hübſcheſten Exemplare ſolcher Gemsziegen habe ich im Stuppacher Thale, ſeitwärts von Mitterſill im Oberpinzgau gefunden.

Wenn endlich bei Annäherung der rauhen Herbſtzeit das Vieh von den Bergen in die warmen Winterſtälle heruntergetrieben wird, ſo begleitet der Gemsbock ſeine Freundinen noch ein weites Stück herab, doch immer nur bis auf eine gewiſſe Höhe. Es iſt dieß die ſogenannte Nebelgrenze oder eigentlich der Hö⸗ hepunkt, wo die Alpenroſen oder Nebelblumen aufhören, und bis zu welcher Tiefe ſich ge⸗ wöhnlich die Wolkenmaſſen herabſenken und den darüber liegenden Theil der Berge einhül⸗ len. Daſelbſt angekommen und vermuthlich die Nähe und Menge der menſchlichen Wohnungen mit ſeinem ſcharfen Geruchſinn witternd, nimmt er Abſchied, und eilt in mächtigen Sätzen ſeiner luftigen Heimat zu.

So ſind wir denn unwillkürlich in den wichtigſten Theil der Landwirthſchaft, die Vieh⸗ zucht, hineingerathen, und ich will mir noch, aber nur im Vorübergehen, einige kurze An⸗ deutungen über die Pferdezucht und den Pferd⸗ einkauf erlauben.

Das in den mehrbenannten Gauen des Salzburger Landes am häufigſten vorkom⸗ mende Pferd iſt von dem ſogenannten ſteyri⸗ ſchen oder Burgunder Schlag. Ein etwas ſchwerer, durchaus nicht unſchöner Kopf, der jedoch nicht immer ſchwer in der Fauſt liegt, ein geſtreckter Leib, überaus muskulöſe, nicht zu lange Beine mit entſprechender ziemlich großer Huſſohle, verziert mit buſchig langem Köthenhaar, der Speckhals, ſo wie das ge⸗ ſpaltene Kreuz mit kaum zu umſpannender breiter Croupe, getragen von einem maſſiven

Knochengerüſte faſt immer in bizarren Far⸗ ben, groß gefleckt oder getigert, das ruhige Temperament, wie die faſt ſtereotype Gutmü⸗ thigkeit und Anhänglichkeit an den Menſchen charakteriſiren das einheimiſche Landpferd, und ſind die Hauptmerkmale des ſobenannten Pinz⸗ gauer Roſſes, deren die wohlhabenden Land⸗ wirthe zu vierzehn, ja noch mehrere im Stalle ſtehen haben. Solche Pferde ſind aber nur im ſchweren Fuhrwerk, dann zum Schiffs⸗ und Pontonszuge gut zu verwenden, obwohl ich deren mit ſehr leichtem und angenehmen Trab geritten habe. Außer dieſen findet man auch recht fein und elegant gebaute, in andere Ra⸗ cen gehörige oder veredelte Landpferde, doch ſchon mehr in den Thälern, Städten, und an den Grenzen, beſonders gegen Baiern und Oberöſterreich zu. Jedoch zählt es doch immer zu den Hauptwünſchen des echten Pinzgauer Landwirthes, einen ſchönen Stall voll kräftiger, wohlgenährter, muthig ſcharrender Pinzgauer Hengſte ſein nennen zu können, und die Einla⸗ dung, ſeine Roſſe zu beſehen, muß der Fremde immer als eine Aufmerkſamkeit und beſondere Gewogenheit betrachten.

Nachdem man dieſe gehörig bewundert, kommen erſt die Kühe, Schafe, Ziegen u. ſ. f., ſofern ſie zu Hauſe und nicht auf der Alm ſind, wohin auch ein Theil der entbehrlichen und jungen Roſſe zu gehen pflegt. Ein feſcher Poſt⸗ zug ſolcher maſſiven Streithengſte, unter deren Hufen die Straße zittert und weithin erdröhnt, gehört immer zu den Schwachheiten des Pinz⸗ gauers; beſonders wenn dann Sonntags wäh⸗ rend dem Kirchgang Alt und Jung ſtehen bleibt, bewundert und ruft:Das iſt des rei⸗ chen Metzgers, oder Lederers, oder Oberbauern von da und da ſein ſtolzes Gefährſcht.Jo! der hoat oallweil Kapitalfarth!

Der Pferdeinkauf im Pinzgauer Land hat ſeine komiſchen Seiten, aber auch ſeine Be⸗ ſchwerlichkeiten und Anſtände. Ein Wort, ein Handſchlag gilt hier eben ſo viel, als anders⸗ wo Siegel und Brief; denn ſein Verſprechen bricht der echte Pinzgauer nie. Glaubt er aber einmal Urſache zu haben, Mißtrauen und Arg⸗ wohn in die Perſon oder Rede des Menſchen ſetzen zu müſſen dann Ade mit der Freundſchaft.

Wer im Pinzgau gute Pferde kaufen will, benöthigt unausweichlich eines oder mehrerer Zubringer, die in den drei Gauen und ihren Stallungen bekannt und wohlbewandert ſein müſſen; denn der wohlhabende Beſitzer ſchöner Pferde geht nicht gern auf den Markt, und zieht es vor, ſich aufſuchen zu laſſen.

Aber jetzt endlich, und zwar im Ernſte, zum Reisbuſchen, den wir beinahe vergeſſen haben. Doch nein, dieſen zu vergeſſen wäre unmöglich; da wir doch einmal Abſchied neh⸗ men müſſen, und der gute Pinzgauer ſeine werthen Gäſte gewiß nicht ohne Reiſebuſchen mit dem auch ich vor einigen Jahren beehrt worden bin wird ziehen laſſen wollen.

Jhauſe Verſammelten zugewinkt, und ich rollte

Wie es mir damals ergangen, will ich meinen gütigen Leſern erzählen. Die Zeit meines Aufenthalts im Pinzgau war zu Ende, der Tag meines Abmarſches auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt. Mit ſchwerem Herzen, und nicht ohne aufrichtigen Schmerz hatte ich ſchon von allen meinen Bekannten und mir erworbenen guten, herzensguten Freun⸗ den Abſchied genommen, und auch dieſem ſchönen Ländchen, ſo wie den darin verlebten, mir unvergeßlichen, ſchönen Tagen, ein herz⸗ liches Lebewohl geſagt. Der Morgen der Ab⸗ reiſe brach an, die gepackte Kutſche ſtand vor der Hausthüre, die Roſſe ſcharrten ungeduldig den bethauten Boden und ſchnupperten luſtig in die friſche Morgenluft. Ganz wehmüthig geſtimmt ließ ich den Wagen langſam voraus⸗ fahren, mit dem Auftrage, mich vor dem Poſt⸗ hauſe zu erwarten. Ich ſelbſt ſchlenderte ſin⸗ nend den Berg hinab, um die mir ſo liebge⸗ wordene Landſchaft ſo lange noch als möglich zu genießen. In dem Städtchen angelangt, be⸗ gab ich mich in das Poſthaus, um noch einmal dem mir ſtets gefällig geweſenen Eigenthümer, ſo wie ſeiner freundlichen Gattin die Hand zu drücken, fand aber zu meiner freudigen Ueber⸗ raſchung die meiſten meiner lieben Herren Be⸗ kannten im Weinzimmer verſammelt, wo ſie mich mit einem Abſchiedstrunkerwarteten. Nach einem kleinen Aufenthalte und einer Menge der beſten gegenſeitig ausgetauſchten Wünſche, griff ich nach meiner Mütze, aber ſiehe da! ein groß⸗ mächtiger Blumenſtrauß mit Maſchen und her⸗ abhängenden Bandſchleifen war darauf ange⸗ näht, und mitten in den Blumen prangten die Anfangsbuchſtaben meines Tauf⸗ und Zuna⸗ mens in gold⸗ und ſilberblitzender Chenillen⸗ arbeit. Ich trete vor das Thor des Poſthauſes auch mein Kutſcher hat einen ähnlichen, doch kleineren Strauß mit Band am Hute, ſo⸗ gar die Pferde hatten jedes Blumen auf dem Kopfe und lange herabflatternde Seidenbänder. In dem Augenblicke zogen meine Leute vorüber, aber auch dieſe, ſo wie ihre Reitpferde waren mit friſchen Blumenſträußchen und Sei⸗ denbändern ausſtaffirt. Ich ſtutzte und wollte ſchon, mit dieſem Brauche und der von den Leuten dortſelbſt ihm beigelegten Wichtigkeit ganz und gar unbekannt, es höchſtens für einen Spaß anſehen, die Ablegung dieſer Zierden veranlaſſen; da errieth zum Glück einer der Freunde meine Gedanken, trat an mich heran und flüſterte mir zu:Um Gotteswillen nur das nicht, das wäre die größte Beleidigung

und bitterſte Kränkung; ſo wie es auch die

größte Auszeichnung für Dich und Deine Leute iſt! Dieſer Schmuck ſoll Jedermann offen und kund geben, daß man Euch recht lieb gehabt, daß man Euch geachtet, und nur ungern aus unſern Bergen fortläßt.

Alſo Gott befohlen! rief ich,den guten Pinzgauern zu Lieb' und Ehr' marſchiren wir blumengeſchmückt und bebändert von dannen!

Noch ein Abſchiedsgruß den vor dem Poſt⸗

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