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ſchwindelfrei den handbreiten, die Brücke ver⸗ tretenden Balken hinüberbalanzirt. Seine Laſt iſt ein über den Rücken herabhängender feiſter Gemsbock, auf der rechten Schulter aber trägt er ſeinen Hund, der ganz vertrauungsvoll und ſicher, wie ſein Herr, aber mäuschenruhig in den ſchwarzen Abgrund hinunterblickt. Doch! — jetzt— jetzt iſt er glücklich hinüber, der Hund ſpringt zur Erdo, ſchüttelt ſich, wedelt freundlich und dankbar und ſpringt luſtig bellend um ſeinen Herrn herum— bis ſich beide im Dickicht verlieren.
ſun wollen wir über das Almer Thal hinüberſehen, in die Gegend, wo der Pongau und das Wildbad Gaſtein liegt; in dieſer Rich⸗ tung zeigt ſich uns in blaugrüner Färbung ein ziemlich umfangreicher Berg von Mittelhöhe, der dem Auge eigentlich nichts Beſonderes oder Auffallendes darbietet. Und doch iſt er merk⸗ würdig in ſeiner Art und allbekannt in der Gegend. Es iſt nämlich einer jener Berge, auf deſſen Plateau ſich alljährig an einem beſtimm⸗ ten Tage die„rauf⸗ und rankelluſtige“ männliche Jugend nicht nur aus der Umgegend, ſondern ſogar auf Meilen weit aus Tirol und Steier⸗ mark verſammelt, um hier den Kampfpreis, den Lohn ihrer Kraft und Gelenkigkeit, ſo wie des perſönlichen Muthes zu erringen. Ein Burſche, der ſich aufgefordert einer ſolchen Kraftprobe
entziehen wollte, würde gar bald als Feigling
im Gau bekannt, von den Dirnen gemieden oder wenigſtens bemitleidet, von den Burſchen aber verſpottet und bei jeder möglichen Gelegen⸗ heit ziemlich derb gehänſelt werden. Sogar die den Hut ſchmückende Spielhahnfeder würde ihm herabgeriſſen und von den kecken Burſchen auf den eigenen Hut aufgeſteckt werden. Bei dem Sonntagstanz würde dieſe dann hochmü⸗ thig bei der Geliebten des Unglücklichen vorü⸗ berjauchzen und gar oft, unbarmherzig genug, der vor den Gefährtinen ohnehin genug Ge⸗ demüthigten zurufen:„Das iſt Deines Herzlieb⸗ ſten Feder, wann er ſie will, mag er ſie holen!“
Auf dem Bergplateau wird ein großer, freier und ebener Kreis ausgeſteckt, ringsum ſitzen die alten und greiſen Männer als Kampf⸗ richter— den Frauen wird das Zuſehen nicht geſtattet— während vor ihnen der Nachwuchs im Fauſt⸗ und Ringkampf, ſo wie im Bund⸗ faßen und Ueberwerfen ſeines Gleichen oder den Stärkern ſucht. Gar oft jedoch nimmt Ver⸗ wandtſchaft oder Thalnachbarſchaft Partei für den Verlierenden, und aus dem mit Lachen be⸗ gonnenen Zweikampf wird zuletzt eine allge⸗ meine Parteirauferei, die jederzeit mit Blut und zerriſſenen Kleidern, aber auch nicht ſelten mit zerſchmetterten Hirnſchalen und gebrochenen Gliedern beendigt wird.
Man erzählt ſich hiebei auch Vieles von mit den Daumen ausgequetſchten Augapfeln und ſonſtigen Mißhandlungen des Gegners, welche deſſen lebenslängliche Verkrüppelung zur Folge haben ſollen, doch ich kann darüber nichts Faktiſches berichten, da ich nicht ſelbſt Augenzeuge eines ſolchen Kampfes war.
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Ein merkwürdiger Kontraſt in dem See⸗ lenleben des Pinzgauers, in dem ſich die äußerſte Herzlichkeit und Gutmüthigkeit mit dem härte⸗ ſten Trotze, mit der zäheſten, jeden Widerſtand vernichtenden Ausdauer berühren!
So kampf⸗, ſo raufluſtig und ſiegesdurſtig der hierländige Burſche iſt; ſo herzlich, beſchei⸗ den, geduldig und lenkbar iſt der Pinzgauer im gewöhnlichen Leben und ungereizten Zuſtande bei freundlicher Behandlung.
Eine kleine Epiſode aus dem Gerichtsleben dürfte hier nicht unwillkommen ſein und mehr Licht auf das von uns Geſagte werfen.
Die Ausſage eines Bauers wurde nämlich behufs einer Verhandlung bei ſeinem Pflegege⸗ richte üblicher Weiſe zu Protokoll genommen.
Pfleger: Wie heißt Du?
Bauer: Wer? Ih?
P.: Ja, Du!
B.: Alſo Ih— Nal der g'ſtrenge Herr Pfleger weiß ja eh, daß ih der Koglbauer bin.
P.: Das weiß ich wohl, aber vor Gericht mußt Du ſelbſt und perſönlich Deinen Tauf⸗ und Zunamen zu Protokoll geben.
B.: Ah ſo! Itza is racht, ih haß alſo Seppel, der Koglbauer.
P.: Nein doch, als Koglbauer kennen wir Dich wohl und Deine Nachbarsleute; da dieß aber der Name des jedesmaligen Beſitzers Dei⸗ nes jetzigen Auweſens iſt, ſo mußt Du den Namen angeben, wie Du Dich nach dem Va⸗ ter ſchreibſt.
B.: Nu! mein Voada war der olde Mit⸗ termayer, ſo haß ih leicht der junge Mittermay⸗ Koglbauer— der g'ſtrenge Harr Pflegr waß eh guet.
P.: Alſo Joſef Mittermayer iſt Dein Na⸗ me, jetzt ſag' mal, was biſt Du?
B.(ſich verwundernd): Wer? Ih?
P.: Ja, Du!
B.: Daſſen is g'ſpaßig, a jed's Kind kennt mih als den Koglbauer!
P.: Wohl, wohl, aber Du mußt hier Deine Beſchäftigung, Deinen Stand genau angeben. Biſt Du etwan ein Schneider, Schu⸗ ſter, Holzknecht, oder biſt Du ein Halbbauer, großer oder ganzer Bauer? Alſo ſchnell, was biſt Du?
B.: Ih? No— ih bin nix!
P.(ungeduldig werdend): Du mußt ja doch von Etwas leben, Etwas treiben, Du haſt ja Dein Anweſen, Dein Haus, Alm und Wald, oder biſt Du vielleicht ein Bettler, ein Vagabund?
B.: Ih? Na, daßen net! ich bin halter ner a g'ſchlechter Moah(ich bin halt nur ein ſchlichter Mann).
Dieß Alles aber iſt keineswegs aus Ver⸗ ſtellung oder Tücke; es iſt aus kindlicher Her⸗ zenseinfalt geſprochen, die den manchmal mit himmliſcher Geduld ausgeſtatteten Vorſtand den guten oder den ſchlimmen Pfleger nennt nach gutem alten deutſchen Brauch.
Vorſtehendes Geſpräch bitte ich recht ſehr für eine alte Geſchichte zu halten, aber wahr iſt ſie.
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Dieſe anſpruchloſe, naive, dem oberfläch⸗ lichen Beobachter vielleicht als Albernheit er⸗ ſcheinende Unſchuld und Einfalt gibt denn auch die Veranlaſſung zu vielen Anekdoten und Witzen, die jedoch nicht im Geringſten dem wahren Werthe der biedern Pinzgauer wirkli⸗ chen Abbruch thun können.
Wie alle Grenzvölker gern Witze über ein⸗ ander erfinden, ſo neckt denn auch der welt⸗ durchwandernde Tiroler gern und überall ſei⸗ nen gutmüthigen Nachbar.
So erzählte mir eines Tages ein jovialer alter Tiroler ganz ruhig folgende Anekdote:
„Als in dem 48ger Jahre die ganze Welt um Etwas bittlich geworden, ſo haben denn auch wir bei unſerm gütigen Kaiſer das Anſu⸗ ſchen geſtellt, uns gnädigſt noch zehn Jahre zu⸗ zugeben, da, wie bekannt, die Tiroler erſt mit dreißig Jahren geſcheit zu werden brauchen. Seine Majeſtät hat uns denn auch die Bitte gewährt und uns die zehn Jahre zugegeben, — den Pinzgauern aber hat Er's ganz ge⸗ ſchenkt.“.
Eine andere, im Munde des Volkes lebende Anekdote iſt nachſtehende: Eines Tages begeg⸗ neten ſich auf einem über einen reißenden Bergſtrom führenden ſchmalen Stege ein Ti⸗ roler und ein Pinzgauer. Zufälliger Weiſe lag in der Mitte des Steges zwiſchen Beiden ein ſchöner, netter Tirolerhut. Natürlich machten Beide Anſpruch auf den willkommenen Fund. Da ein Kampf um denſelben auf ſo gefährlicher Stelle für Beide jedenfalls ein ſehr trauriges Ende genommen hätte, ſo machte der ſchlaue Tiroler einen Vorſchlag, der auch ſogleich von dem argloſen Pinzgauer angenommen wurde. Sie ſollten ſich nämlich, wie der Tiroler meinte, auf dem Brette der Länge nach niederlegen und jeder die Krempe des Hutes— einander in die Augen ſehend— mit den Zähnen feſthalten; wer dieſe dann zuerſt auslaſſen würde, ſollte ſeines Anſpruches bar, dem Gegner den Hut überlaſſen. Wie geſagt, ſo gethan! Nachdem ſie nun eine Viertelſtunde über dem Abgrunde den Hut, einander mit lauernden Blicken be⸗ obachtend, im Munde feſtgehalten, fragte der Tiroler ſeinen Gegner, durch die Zähne ſpre⸗ chend:„Na, haſcht'n noh?“ Da rief der Pinzgauer ſich vergeſſend mit weit aufgeſperr⸗ tem Munde:„Ja, Tiroler! freili ho ih'n noh!“ worauf der pfiffige Tiroler den ſei⸗ nem Gegenpart entſchlüpften Hut lachend an ſich zog.
Solcher Späſſe, gegenſeitig erzählt, mit der volksthümlichen Derbheit ausgeſtattet, könnte man bei einigem Bemühen heftweiſe aufzählen.
Dieſe gemüthliche Eintracht der Menſchen ſcheint ſich, ſo zu ſagen, auch auf die dortige Thierwelt verpflanzt zu haben. Ich erinnere mich gerade eines derartigen Zuges, der mir als etwas ganz Gewöhnliches und Allbekanntes erzählt wurde. Wir erſehen daraus, daß auch der ſcheue, furchtſame und im höchſten Grade vorſichtige Gemsbock ein aufmerkſamer Ritter zu ſein vermag.
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