Heft 
(1858) 11 11
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Lippen kommt. Der rohe Pöbel begreift nicht die Geheimniſſe der Natur, er würde Sie nur verlachen! Schwören Sie mir, dieſes Blatt, dieſe durch die Berührung mit der Körperluft körperlich, irdiſch gewordenen Gedanken, die ſich als hoher, ſchöner Ausfluß des Geiſtes vom Monde trennten, Niemand zu zei⸗ gen! Schwören Sie!

Ernſt antwortete der Doktor:Ich ſchwöre es Ihnen! Gleich aber beſchäftigte er ſich wieder mit ſeinem Briefe, ging lächelnd auf dem Verdecke auf und ab und nickte wieder ein: Ja! ja! ja! ja! Freu' ſinnig deſſen Dich was

Wir boten dem Alten gute Nacht, er drückte uns die Hand, man ſah ihm aber an, daß er an etwas ganz anderes dachte, wenn er über⸗ haupt dachte; und während wir zu unſered Kajüte hinabſtiegen, ſetzte er ſeinen Spazier⸗ gang, ſein Nicken, und ſeinJal jal jal ja! fort.

Kaum unten angelangt, ſchlug G. ein lau⸗ tes Lachen auf, und als er mir mittheilte, daß die ſchöne Sternſchnuppe nichts anderes gewe⸗ ſen ſei, als der durch einen kleinen in der Hand verborgenen Spiegel aufgefangene und reflek⸗ tirte Mondesſchimmer und der Liebesbrief vom Monde eigentlich ein Stammblatt aus Natur⸗ papier, auf das ihm einmal ein türkiſcher Be⸗ kannter ein Paar Sprüche in ſeiner Sprache mit Silberſchrift geſchrieben habe, da ſtimmte ich wohl in ſein Gelächter mit ein, aber vom Herzen ging es mir nicht.

Als ich erwachte, befand ſich der Dampfer ſchon ein Paar Stunden im Gange und als wir uns nach unſerm Reiſegefährten von geſtern Abends erkundigten, hieß es, er ſei ſchon vor anderthalb Stunden an's Land geſtiegen.

Zwei Jahre ſpäter brachte ich den Sommer im Bade zu T. zu. Zu den dortigen klei⸗ neren Ausflügen gehört der Beſuch des in der Nähe gelegenen Brrner Sauerbrunnens.

Auch ich war an einem Nachmittage in einer ziemlich großen und heitern Geſellſchaft dahin gefahren. Wir zogen es vor, im Städtchen B. auszuſteigen und den kurzen anmuthigen Weg bis zu den Anlagen des Brunnens zu Fuße zurückzulegen. In B. ſchloß ſich uns ein dort in Garniſon liegender Offizier an, den ich von den Reunionen T.'s her kannte. Wir waren noch kaum aus den engen Gaſſen B.s heraus, als uns ein altes vertrocknetes Männlein be⸗ gegnete, das den uns begleitenden Offizier freundlich grüßte.

Ich erkannte mit Staunen den Oberarzt.

Er trug im Knopfloche einen ungeheuren Berg⸗ oder Schneewaſſers angefeuchteten Wie⸗ Strauß von rothen Nelken, zu dem er ein ſenmatten und Alpentriften weich und angenehm,

ganzes Beet geplündert haben mußte. Der Offizier fragte ſpöttelnd:

Sind Sie Bräutigam, Herr Doktor? Gewebe dahinſchreiten, um uns plötzlich und

Dieſe ſchöne Roſe und deutete dabei auf

Eine Roſe! eine Roſe! nickte wohlge⸗ fällig lächelnd der Alte und ſpazierte ver⸗ gnügt weiter.

Ich erkundigte mich nach ihm, und der Offizier erzählte mir, der alte Oberarzt wohne ſeit zwei Jahren in B., unterſtütze von ſeiner geringen Penſion ſeine Verwandten und ſei ein höchſt ſonderbarer Kauz, der alles was er finde, ſammle und jeden Gegenſtand für das anſehe, für was ihn der Witz des Nächſtbeſten auszu⸗ geben für gut fände. Und dieß müſſe ſich von einer unbekannten Begebenheit herſchrei⸗ ben, die ihm vor zwei Jahren auf einer Reiſe zugeſtoßen ſein möge.

Meine Freude am Ausfluge war verdor⸗ ben, und ich ſpielte eine ſehr traurige Rolle inmitten der heitern Geſellſchaft.

Oft ſeither überkam es mich wie ein ſtiller Vorwurf, wenn ich an den Alten dachte, Theilnehmer, wenn auch in noch ſo geringem Grade, an jenem leichtſinnigen Spiele gewe⸗ ſen zu ſein, das ich zweifle nicht daran ſeine vielleicht ſchon ſehr empfindlichen Nerven überreizte, und eine Saite in ihm zerſprengte. Und derart waren auch die Gefühle, die ich vorhin beim Anblicke jenes Punktes em⸗ pfand, wo jene Nacht unſer Boot vor An⸗ ker lag.

Kapitän S. ſah trübe vor ſich hin, ich aber fand, als ich um den Namen des Doktors fragte, meine Ahnung beſtätigt, denn die Ant⸗ wort lautete:Oberwundarzt Schrann!

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Aus dem Pinzgau. Skizzen aus dem dortigen Volksleben.)

Von F. Brentovansky.

III. Der Reisbuſchen.

Um unſere dritte Wallfahrt in die Pinz⸗ gauer Berge und Thäler ohne Verzug anzutre⸗ ten, friſch den Bergſtecken zur Hand, den war⸗ men, dichten Loden über die Schulter, den rothen Regenſchirm unter den Arm, die duf⸗ tende Cigarre angebrannt, und vor Allem ein munteres Reiſelied angeſtimmt!

Unſerm launiſchen und ſo gerne neckenden vaterländiſchen Rübezahl nicht unähnlich, läßt der Pinzgau uns über die reizendſten blumen⸗ geſtickten, durch unzählige Rinnſale des reinſten

ja weicher und behaglicher, denn auf pariſer Salonteppichen oder perſiſchem und türkiſchem

unerwartet einen kühnen Sprung machen zu laſſen und uns in ein dem ſteinigen Arabien nicht unähnliches Felſenmeer zu verſetzen, wo ein verſpritzter Tropfen wie vom glühenden Eiſen aufziſcht, und die heißen, meſſerſcharfen Steinkanten auch der ſtärkſten, nägelgepanzer⸗ ten Schuhſohle Hohn ſprechen.

Doch, nicht den Muth verloren, denn dort in der Ferne, in der Höhe winkt uns ein ſchwarzer Streif Erholung. Es iſt dieß ein kühlender, rauſchender Wald, in deſſen Schatten wir bald auf friſchem, elaſtiſchen Mooſe, zwiſchen den Kindern der unerſchöpflichen, tauſendge⸗ ſtaltigen Alpenflora, am Rande einer kryſtall⸗ hellen Felſenquelle die ausgeſtandenen Drang⸗ ſale vergeſſen werden.

Und da endlich angelangt, bleiben wirſtehen, um Rückſchau zu halten. Tief zu unſern Füßen ſchwebt ein junger Falkenflug, ruhig, majeſtä⸗ tiſch, kaum die Fittige bewegend, als hinge er angenagelt in der heitern, reinen Luft aber hoch, kaum ſichtbar oft für den Thalbe⸗ wohner. Stolzen Blickes und befriedigt lächelnd benennt uns dann der Führer die verſchiedenen hervorragenden Bergſpitzen und Gletſcher, die unter dem Grün emportauchenden rothen Kirchthürme; nennt die Namen der wie Spie⸗ gel unter uns glitzernden Bergſeen, und die Aachen, welche die herrliche Landſchaft ſilbernen Bändern gleich durchſtrömen.

Freudetrunken ſtehen wir da, verſunken in das vor unſern Füßen aufgerollte, erhabene Schauſpiel.

Wo bleibt aber der Reisbuſchen? Schon ſo bald? den Reisbuſchen bekommen, heißt ja ſo viel, als Abſchied nehmen und dem PinzgauLebewohl ſagen!

Wenn meine liebenswürdigen Begleiter und muthigen Gefährtinen der Reisbuſchen verdienen wollen(es iſt dieſes eine Auszeich⸗ nung, eine Anerkennung beiläufig geſagt), und wenn Sie, wie ich überzeugt zu ſein glaube, die Pinzgauer in Folge unſerer zwei Wanderungen ein wenig lieb gewonnen haben, ſo werden Sie nicht ungehalten ſein und mir zuſtimmen, wenn ich vorſchlage:Den Abſchied laſſen wir auf die Letzt! Ruhen wir jetzt auf unſerm luftigen Plate, genießen wir mit Muße die Reize der Ausſicht und verkür⸗ zen uns die Zeit mit Erzählungen und Schil⸗ derungen von dieſem uns werth gewordenen Bergvölkchen.

Sieh da! was macht denn jener Menſch dort zwiſchen dem Geſtrüppe ſo nahe am Rande des jähen Felsabſturzes? Bald bückt er ſich zur Erde, bald richtet er wieder Etwas an ſeinem Körper und rückt an ſeiner Schulter, und jetzt jetzt ſchreitet er gar unter einer Laſt entſchloßen auf den Abgrund zu! Will ſich der Unglückliche etwa hinabſtürzen? oder was ſoll das ſonderbare, ungewöhnliche Treiben beſa⸗ gen? Nichts von Bedeutung. Wenn wir ‚recht ſcharf hinſehen, werden wir bemerken, daß er nun gerade über dem Abgrund ſteht, oder

die Nelken.

*) Schluß zum Oktoberhefte, Seite 302.

eigentlich mit feſtem Fuß und ſicherem Aug'