Heft 
(1858) 11 11
Seite
337
Einzelbild herunterladen

ten meiner Erklärung!

greifliche Leichtgläubigkeit, ein unbekanntes Etwas, vielleicht das in ihm liegende Saat korn des Wahnwites, immer mehr die Ober⸗ hand über das Mißtrauen und die Gegenſprüche der Vernunft erhielt.

Mit einem vagen Blicke, der ſich ſelbſt un⸗ bewußt und auf nichts gerichtet küah wie ihn oft ganz zerſtreute Menſchen haben ſchied er von uns, nachdem er kopfnickend verſprochen, zur beſtimmmten Zeit wieder zu kommen. Auch G. ging in die Kajüte und kramte in ſeinein Koffer. Ich ſelbſt blieb ſitzen, betrachtete mir die Gegend und verſank in eine düſtere Traum⸗ welt, ſo daß ich kaum bemerkte, wie der Spa⸗ diergänger am Bord immer wriiet wurden, bis die läſtigen Schnaken auch die letzten ver⸗ trieben. Ich würde denſelben wabſchein auch gefolgt ſein, wenn nicht in dem Augenblicke G. neben mich getreten wäre. Er nahm mir das Verſprechen ab, alles ruhig und ohne Lachen mit anzuhören, und ich gab es ihm gerne, denn ich war höchſt begierig zu ſehen, wie G. den einmal aufgefaßten Gedanken ausführen werde.

Auch der Doktor geſellte ſich bald zu uns, und wir ſetzten uns ſchweigend auf eine der Bänke an der Brüſtung. Alles zeigte ſich G.s Plane ſehr günſtig. Nachdem die Signallaterne am Maſte befeſtigt und Alles zur Ruhe gegan⸗ gen war, ſelbſt die gewaltige Maſchine ſchlief, ſchien das ganze Schiff ſich in träu⸗ meriſchen Schlummer zu wiegen. Prachtvoll ſtand der Vollmond faſt im Zenithe, kein Lüft⸗ chen regte ſich, kein Laut war hörbar, als das Flüſtern und Rauſchen der gebrochenen Welle.

G. ſtreckte langſam beide Arme gegen den Mond, und nachdem er tief aufgeſeufzt, begann er mit bewunderungswürdigem deklamatori⸗ ſchem Vortrage:

O Du mein Vaterland! Du geiſtig helles, fülberlichtunwogtes Vaterland! Verbannt aus Deinem reinen Aether muß ich hier vermen⸗ ſchen! Die Sehnſucht zehrt das Herz mir aus der Bruſt! O Heimat, wann nimmſt Du mich wieder auf? wann wann darf ich wieder heim? Das war ſo weich, mit ſo ſehnſüchtig zitternder Stimme geſprochen, daß ich ſelbſt ganz verblüfft auf G. ſtarrte. G. aber ſchien ſich zu ermannen und fuhr fort:

Doch, Sie verſtehen mich nicht und war⸗ Haben Sie ſchon von der Seelenwanderung gehört?

Der Oberarzt bejahte.

Glauben Sie daran?

Des Doktors Geſicht drückte Zweifel aus, doch G. ließi ihn nicht zu Worte kommen.

Ol Sie müſſen daran glauben, denn ſonſt erzähle ich Ihnen vergebens! Die Seelen⸗ wanderung exiſtirt, aber nicht vom Thiere zum Menſchen und umgekehrt, ſondern von einem Sterne zum andern, von der häßlicheren Hülle zur ſchönern, bis er endlich auf der Sonne die läſtige Umhüllung ganz abſtreifend, zur höchſten Klarheit und Reinheit gelangt, und ſich in nackter Schönheit, Wahrheit und Vollkommenheit, der alles erkennenden An⸗

Erinnerungen. 1858.

ſchauung erfreut. Ach, mein Herr, Sie ſoll⸗ ten die geiſtigen Bewohner des Mondes ſehen, um ſie mit dem ſchwerfälligen, fleiſchgeketteten Erdenmenſchengeſchlechte vergleichen zu kön⸗ nen! Auch ich gehörte zu jenen! Wie wenig von dieſer läſtigen Hülle, die ich jetzt mit mir ſchl eppe, veraſe da meinen Geiſt! Wie leicht, wie ſelig fühlte ich mich damals, wie frei von aller üernen Schwere! Sie können nicht glauben, wie eindrucksfähig dort der Geiſt, wie voll von ungeahnten Talenten er iſt! Dort kennt man nicht das zeit⸗ und gefühltödtende Lernen. Das Einſaugen der Atmoſphäre irgend eines Wiſſens genügt un⸗ ſerm poröſen, attrahirenden Geiſte, um den Gegenſtand ganz zu erfaſſen! Haben Sie nie geträumt, Sie hätten den Willen zu flie⸗ gen und fühlten ſich durch Ihren Willen allein gehoben, der Sie forttrug, wie die verdünnte Luft den Ballon, und war Ihnen das nicht ein Gefühl der ſeligſten Wonne? Haben Sie es geträumt, dann war es eine Mondes ahnung! Die Bewohner des Mondes, ſo körperlos, erheben ſich wirklich vom Boden, blos durch die Gewalt ihres Willens, durch die Leichtigkeit ihres Weſens!

Das Mißtrauen des Doktors war längſt verſchwunden, und ſeine Augen hafteten an dem Munde des Sprechers mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Nach einer Pauſe fuhr G. fort:

Wie glücklich war ich damals! Ach, ich hätte auch ſo glücklich bleiben können, aber mein Geiſt war zu unruhig, ich ſtrebte nach Niegeſehenem, deſſen Ahnung mich verlockte. Es drängte mich über die Schranken! Ich hob mich empor ich flog über dieſe Schran ken hinaus aber 4 Weltäther, zu rein und leicht, ſetzte den Schwingen meines Geiſtes keinen Widerſtand mehr entgegen, und ich ſtürzte und ſtürzte nieder zur Erde!

Athemlos lauſchte der Doktor, und ich ſelbſt horchte mit Intereſſe auf G.'s phantaſievolle Erzählung.

Der Mond zeigte ſich damals ſetzte G. fortder Erde im erſten Viertel, das heißt er ſtand unter einem ſwiten Winkel zu derſelben. Ich erreichte die ¹ Atmoſphäre der Erde und in dem Augenbl icke ging auch mit mir nach und nach eine Wandlung vor ſich meine Hülle verdichtete ſich, ich erhielt einen irdiſchen Leib. Ich ſtürzte durch den Dunſt⸗ kreis vieler Länder, bis die ſich nach Oſten dre⸗ hende Erde mir in den Hochgebirgen Schott⸗ lands ein Hinderniß entgegenſetzte, und ich, da mein Fall nicht ſenkrecht ſtattgefunden hatte, ſanft zur Erde kam. Ich hatte über Indien den T Dunſttreis der Erde berüt hrt und war in einer, geraden Linie über alle die Länder geſchwebt, die zwiſchen Indien und Schottland liegen. Mein Geiſt hatte noch ſo viel von ſeiner frü⸗ heren Attraktionsfähigkeit hehalten, daß er die Sprache aller dieſer Länder zu ſeinem Eigen⸗ thume machte.

fand, wie

Wie ich mich in dieſe neue Welt

337

ſchwierig mir das neue drückende Verhältniß wurde, kann ich nicht erzählen. Der Schmerz, den mir die Erweckung all der traurigen Erin⸗ nerungen bereiten würde, wird Ihnen verſtänd⸗ lich ſein. Genug, ich ging nach Frankreich, und von dort nach Schweden, wo ich ſchon fünfzehn Erdenjahre um mein verlorenes Glück weine. Und nur Eines vermag mich in der Wehmuth um mein entſchwundenes Monden⸗ daſein zu tröſten, das iſt, daß mir die Möglich⸗ keit einer Verbindung mit meinem theuren Va⸗ terlande geblieben iſt. Ich korreſpondire mit dem Monde.

Jetzt können Sie ſich auch die lucide Sehnſucht Ihrer Geliebten, die letzte Aeuße rung erſetnen erklären, und wenn Sie es wün⸗ dben ſo kann ich Ihnen Nachricht von ihr

erſchaffen?

Von Johanna? flüſterte leiſe, wie träut mend der Alte.

Ja! verſetzte G.

Sie könnten? früher der Doktor.

Sie zweifeln? So ſehen Sie ſelbſt!

G. ſtreckte beide Arme wie magnetiſirend gegen den Mond und flüſterte:Legen Sie Ihre linke Hand auf meine Schulter und den⸗ ken Sie dabei feſt an Ihre Freundin, denn ich vermag ſie nicht allein zu finden, da ich ſie nicht kenne!

Nachdem der Doktor der Andeutung gefolgt war, blieb G. noch einige Zeit ſo ſtehen, plötz⸗ lich zuckte er zuſammen, ſo daß der Doktor mit ihm zuckte, und während G.'s linke Hand am Leibe langſam niedenſank, blitzte es auf, als wenn eine Sternſchnuppe vom Monde gefallen wäre, und ſich gerade in die noch ausgeſtreckte rechte Hand geſenkt hätte.

Der Doktor folgte auf's höchſte geſpannt, der Hand mit den Blicken, und als ihm jetzt G. ein Stückchen braunes Papier über⸗ reichte, auf dem ſilberne wieroalphen gezeich⸗ net waren, ſtirrte er eine lange, lange Zeit darauf hin, und keine Muskel regte ſich an ihm. Langſam nahm ihm G. das Papier wie der aus der Hand und las:

Mein theurer Freund! Ja theuer biſt Du mir, magſt Du auch noch im Erdendüſter wandeln. Freu' ſinnig deſſen Dich, was Dir die Erde beut, damit auf ihr ſchon Deines Körpers Laſt ſich mindre, und rein und leicht Du auf zum Monde ſteigſt. Dann wollen wir recht lange froh genießen, was uns auf jenem Stern nicht ward gegönnt: des Geiſtes Eini⸗ gung, der Seelen wonnige Liebe, die körperlos zur höchſten Höhe reift!

Mir! mir! geben Sie! ſtieß der Alte hervor, indem er haſtig nach dem Papiere griff, es dann anſtarrte, ſich mit der Hand über die Stirne fuhr und dann lächelnd nickte.Ja! ja! ja! ja! Zur höchſten Höhe reift!

G. legte ihm langſam die Hand auf die Achſel und ſprach feierlich:

Schwören Ei mir, daß von all dem, was ich Ihnen geſagt, nie ein Wort über Ihre

43

fragte von neuem, wie