Heft 
(1858) 11 11
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Männchen auf ihn losfuhr, und ihm in derſel⸗ ben Sprache auf's heftigſte entgegnete. G., der nicht ſo leicht einzuſchüchtern war, nahm eine pathetiſche Haltung an, maß das Männ⸗ lein mit eiſigkalten Blicken und ſprach nach einer Pauſe mit Grabesſtimme:

Strick, der an Bord Dich bringt, Sich um den Nacken ſchlingt, Kühl iſt's da unten.

Noch eine Zeit lang hielt G. die Hand ausge⸗ ſtreckt, ſein unheimlicher Blick ruhte auf dem ganz erſtaunten, neuen Paſſagier, der, als G. ſich ſchon gewendet hatte, ihm ſprachlos ver⸗ wirrt nachſtarrte.

Von dieſem Momente an ließ das Männ⸗ chen G. nicht mehr aus den Augen, ja es folgte ihm treu, wie ſein Schatten und lauſchte auf jedes Wort, das G. ſprach.

Wir gaben auf unſern Verfolger wenig Acht, und unterhielten uns in unſerer Mutter⸗ ſprache, als uns plötzlich ein lauter Streit, der von der Kajüte her erſcholl, aus unſerer trägen Ruhe aufjagte. Ein Gemengſel von Goddam! und Parbleu! verrieth uns bald das geſtörte Einvernehmen zwiſchen Repräſentanten Gal⸗

liens und Britanniens, die ſich, heftig geſtikuli⸗

rend und jeder in ſeiner Sprache debattirend, auf's Hinterdeck zogen. Wir konnten bald ſo viel entnehmen, daß John Bull behauptete, er habe für dieſen Seſſel bezahlt, und daher das Recht gehabt, ihn in dem Momente wegzutra⸗ gen, als ihn der Franzoſe gerade einer Dame anbieten wollte. Da keiner der beiden Antago⸗ niſten die Sprache des andern verſtand, ſo war ein Ende des Streites nicht abzuſehen, und G. beging wirklich dadurch ein verdienſtliches Werk, daß er durch ſeine in engliſcher und franzöſiſcher Sprache geführte Vermittlung eine Verſtändi⸗ gung zwiſchen den beiden erbitterten Parteien zu Wege brachte. Er ſchied als intimer Freund von den verſöhnten Weſtmächten, von denen eer beiderſeits als ein Landsmann betrachtet wurde.

Während dieſes ganzen Vorganges hatte unſer beinahe vergeſſenes Männlein höchſt auf⸗ merkſam gelauſcht, und als G. und ich uns wieder in der Nähe des Steuerrades niederge⸗ ſetzt hatten, kam es ſchüchtern heran und fragte, auf G. einen zaudernden Blick heftend:

Verzeihen Sie, mein Herr, meine unbe⸗ ſcheidene Frage, was wollten früher Ihre Worte zu mir ſagen?

Viel und nichts! erwiederte kurz G.

Wie ſo?

Ohne auf die Frage zu hören, fragte G. ſelbſt wieder:

Was ſind Sie für ein Landsmann?

Ein Böhme.

Ein Böhme? dann trifft Sie's nicht, ſprach ſeheriſch G.

Ich verſtehe nicht! Was ſind denn aber Sie für ein Landsmann! forſchte neu⸗ gierig der Alte.

Ein Schwede, warum?

Weil weil ich weiß ſelbſt nicht warum, aber Ihre Worte von früher haben auf mich ſo einen eigenen Eindruck gemacht

Sovo! dehnte G.

Alſo ein Schwede ſind Sie? Aber Sie ſagten ja gerade früher dem Franzoſen, daß Sie ſein Landsmann wären, ſo viel Franzöſiſch ver⸗ ſtehe ich auch.

G., dem ſchon wieder der Schalk im Auge ſaß, antwortete kurz:

Das bin ich auch!

Ja, aber das iſt doch nicht recht möglich!

Warum nicht? alles iſt möglich! erwie⸗ derte G. barſch.

So ſind Sie vielleicht gar auch ein Eng⸗ länder?

Das bin ich anch!

Und ein Böhme, denn Sie haben früher ganz gut böhmiſch geſprochen?

Das bin ich auch!

Auch vielleicht ein Deutſcher, deutſch iſt Ihnen ſehr geläufig?

Das bin ich auch! war die ſtereotype Antwort G's.

Na, ſehen Sie, das iſt ja nicht möglich, Sie können doch nicht da überall geboren ſein? Sie ſcherzen eben nur.

Ich ſcherze nie!

Aber Sie ſind doch nur entweder Schwede, Franzoſe, Engländer, Deutſcher oder Böhme, und nicht alles zuſammen?

Ich bin auch nicht alles zuſammen, ſon⸗ dern jedes einzeln, und dabei erhob G. ſeine Stimmeich werde Ungar mit dem Ungarn, Türke mit dem Türken, und Indier mit dem Indier ſein, und bin doch keines von allen!

Sehen Sie! Sie geſtehen jetzt ſelbſt

Was geſtehe ich? und nach einer Pauſe, während welcher G. das Männlein ſcharf fixirte, ſetzte er hinzu:Und wer gibt Ihnen überhaupt das Recht, mich ſo auszufragen?

Sie haben mich ſo ſonderbar angeſprochen und ſind überhaupt ſo räthſelhaft wollte der Alte erwiedern.

Bin ich das? Sind Sie's nicht ſelber auch? Wer ſind Sie eigentlich, mein Herr? brauſte G. heraus.

Wer ich bin, ah! das ſollen Sie gleich erfahren, ſagte das Männlein.Ich bin Oberarzt, und ſeit zwei Monaten penſionirt. Ich unternehme gegenwärtig eine kleine Luſt⸗ reiſe, und zwar wohl meine letzte; denn ich ge⸗ denke, ſobald ich heimgekehrt bin, ruhig meine alten Tage zu verleben.

Und ich ich kehre nie mehr heim! Ich bin ein Ausgeſtoßener aus meinem Vaterland vom Monde! ſprach G. langſam, faſt tonlos.

Vom Mon de? ſtammelte der Oberarzt entſetzt zurückweichend, und ſetzte dann offenbar von einer Erinnerung gemahnt, rüh⸗ rend weich noch einmalvom Monde! hinzu, und nachdem er einige Zeit lang nach⸗

denklich und in ſich verſunken dageſtanden hatte,

ſeufzte er leiſe:Sonderbar! auch ſie ſagte mir vom Monde! Verzeihen Sie, mein Herr, aber mir wird ſo wunderlich zu Muthe, als müßte ich weinen. Ich hatte eine Braut in Klauſenburg vor mehr als zwanzig Jahren. Es iſt freilich ſchon lange, aber mir bleibt's immer friſch. Sie wurde plötzllich kränklich und zehrte ab, bis ſie ſich vor Schwäche nicht mehr auf den Füßen halten konnte, und wir ſie in's Bett bringen mußten, von wo ſie auch nicht mehr aufſtand. Kein Menſch wußte, was ihr fehle. Ich ſelbſt wußte es auch nicht, und ſo ſiechte ſie denn ſtill und in ſich ver⸗ ſunken hin. Nur, wenn der Vollmond recht hell ſchien, da konnte ſie ſich nicht ſattſehen an ihm, es wurde ihr ſo wohl in ſeinem Lichte. In einer ſchönen Mai⸗Vollmondsnacht die Fenſter waren geöffnet, wurde ſie plötzlich wie verzückt, flüſterte mir ein Lebewohl zu, deutete noch einmal nach dem Monde und ſtarb mit einem leiſen:Dort!

Dieſem Erguſſe folgte eine kleine Pauſe, die G. dazu benützen mochte, eine Art zu fin⸗ den, auf welche ſich aus dieſer Geſchichte etwas paſſendes ziehen laſſe. Ich ſelbſt bedauerte den alten Oberarzt und dachte, daß auch in dem vertrockneten Herzen noch ein Reſt eines wei⸗ chen Gefühls ſchlummere, und fing ſchon an, ihn theilnehmend zu betrachten, als er wieder das Schweigen brach.

Alſo Sie wären aus dem Monde? fragte er halb neugierig, halb mißtrauiſch.

Ja wohl! antwortete G.

Aber wie kämen Sie denn dann hieher? verſetzte der Oberarzt, und die Art eines leich⸗ ten Lächelns, das ſich über ſeine verrunzelten Wangen zog, verrieth, daß er, nur durch den erſten Eindruck einen Augenblick gefeſſelt, die Unglaublichkeit dieſer Behauptung vollkommen zu würdigen wiſſe.

G. ſchien aber den Spott, der in dieſer Frage lag, nicht zu bemerken und erwiederte ſchnell und geheimnißvoll:Da Sie ſelbſt ſo viel Intereſſe an meinem Vaterlande nehmen, ſo habe ich keinen Grund zurückhaltend gegen Sie zu ſein. Ja, Ihre enge Verknüpfung mit jenem Sterne macht es mir ſogar zur heiligen Pflicht, Ihnen Erklärungen zu geben, ohne die es Ihnen nie möglich ſein würde, das damalige und jetzige Verhältniß Ihrer zu der Zeit ihres Erdenwallens im Seherzuſtande befindlichen Braut zu erkennen, und Sie in der Hoffnung auf ein einſtiges Wiederſehen im Monde zu beſtärken.

Aber jetzt iſt nicht die Zeit dazu, eben hat unſer Schiff Anker geworfen, um zu über⸗ nachten. In zwei Stunden ſchläft Alles, dann wenn hier ſich nichts mehr regt, und der Mond ſein Silber auf uns herunter haucht, dann fin⸗ den Sie ſich hier an derſelben Stelle wieder ein. Auf Wiederſehen!

Das Geſicht des Oberarztes war während dieſer ernſt geflüſterten Rede nach und nach in ſeine ſtereotypen Falten zurückerſtarrt und man ſah in ſeinen grauen Augen, daß eine unbe⸗

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