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(1858) 11 11
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gibt er ſechzigtauſendfachen Ertrag. Aber weil ich ſchon meine Schachteln geöffnet habe, ſo will ich Ihnen noch ein halbes Stündchen opfern und Ihnen das Uebrige auch noch zeigen.

Ich fühlte mich zwar geſchmeichelt durch die Aufopferung des kleinen Alten, doch wäre es min faſt lieber geweſen, wenn wir losge⸗ komneen wären, denn in meinem Gehirne brummte es ſchon gewaltig. Aber es hieß gute Miene zum böſen Spiel machen, da wir uns ſchon einmal in den Strudel geſtürzt hatten.

Von dem, was wir weiter ſahen, erwähne ich nur die Kinnlade eines Porzellanfiſches, in welcher der erſte Blick den Henkel eines Ge⸗ fäſſes erkennen mußte, das gewöhnlich in brü⸗ derlicher Eintracht zum Stiefelknechte ſich ge⸗ ſellt. Als nun der Doktor ſein Muſeum gezeigt, gab er uns einen ſohlenlederharten Händedruck, und lud uns ein, bald wieder zu kommen.

Als ich endlich nach dankendem Abſchiede in die freie Luft hinaustrat, ſchaute ich erſt ganz neugierig den Himmel an, dann griff ich mir an die Stirne, dann hatte ich einen kurzen krankhaften Lachanfall, der wieder damit en⸗ dete, daß ich abermals die Sonne und die Wolken betrachtete, vielleicht in der Erwartung, den greiſen Merlin oderAfraja's Juvenal auf einem lindwurmartigen, frühgebornen Maikäfer herniedergeritten kommen zu ſehen.

Und Du weißt nicht, wie dieſes Original wahnſinnig geworden iſt? fragte ich Theo⸗ dor, meine Gedanken in das richtige Geleiſe bringend.

Keine Idee!

Der arme Alte!

Warum arm? Er iſt ja glücklich in ſeinen Einbildungen! Hält er ſich denn nicht ſogar für reich mit den Geheimniſſen ſeines Mu⸗ ſeums? Mir gefällt der Mann gerade mit ſeiner Genügſamkeit, die es ja verſchmäht, auch nur einen Gegenſtand, z. B. ſeinen Koh⸗ lenſamen auszubeuten.

Bei dem Unternehmen möchte ich Aktionär werden. Sechzigtauſendfacher Ertrag! Aber Du haſt Recht! der Mann iſt auch glücklich er kennt keinen Wunſch nach Verbeſſerung ſeiner materiellen Lage, und ſelbſt, daß ſein Glück immer neuen Reiz behalte, ſorgten die Götter für eine kleine Quelle des Mißbehagens und ſchenkten ihm als nothwendiges Uebel des Beſitzes den Kampf, um es zu ſchützen vor den Angriffen des Unglaubens!

Unter ſolchem Geſpräche, das ich in ſeiner Fortſetzung dem werthen Leſer erlaſſen will, gelangten wir bis zu unſerm Dorfhötel, wo wir bei Gelegenheit des WortesHötel einen Moment unſern guten Doktor vergaßen, um uns an eine ziemlich lange her datirende Ge⸗ ſchichte zu erinnern. Ich hatte einſt meinem Freunde Theodor ein franzöſiſches billet doux an eine ſüdlich klimatiſirte Dame aufge⸗ ſetzt, da er damals noch auf ziemlich ſchlechtem Fuße mit der galliſchen Feder ſtand. Als er ſich

in dem Satze(hört ſchöne Leſerinen!):Et je Vous créerai un autel de vénération dans mon coeur*), das Wort autel nicht recht entziffern konnte, ſo ſchrieb er, über die Orthographie ſeines Freundes triumphirend, ſtatt des verdächtigenaute! kühn ein zierlich gekritzelteshotel¹.

Eine gute Laune macht einen guten Ap⸗ petit, und ſo thaten wir denn dem im oben beſchriebenen Staatszimmer ſervirten diploma⸗ tiſchen Diner alle mögliche Ehre an.

Nach Digeſtionskaffee und Cigarre beſtieg ich mein Schlachtroß, drückte noch einmal alle kameradlichen Hände, und raſch ging es mei⸗ nem Reſidenzdorfe zu.

3.

Zwei Jahre ſpäter war Deutſchlands Nor⸗ den das Ziel meiner Reiſe.

Da ich genug Zeit hatte, ſo wählte ich das Dampfſchiff, um Elbe abwärts die herrlichen Partien, die ſich dem Auge boten, beſſer genie⸗ ßen zu können.

Neben mir, am Hinterdeck, ſtand eine ganz friſche Bekanntſchaft, die ich dem Dampſſchiffe ſelbſt zu verdanken hatte der liebenswürdige Kapitän S. im Dragonerkorps des en Leib⸗ regiments. Er hatte nach einer kleinen tour- née in England, Frankreich, den Niederlan⸗ den, Deutſchland, ſeiner geſchwächten Geſund⸗ heit wegen die Kur in Karlsbad gebraucht, und kehrte jetzt in ſein Vaterland zurück, wohin ihn die Sommer⸗Exerxcitien riefen.

Es verlohnt ſich wirklich der Mühe, die ſchnellere Eiſenbahn mit dem Dampſcchiffe zu vertauſchen, wenn der Verluſt der Zeit durch einen derartigen Augengenuß erſetzt wird, äußerte ich durch den Anblick entzückt.

Mein Geſellſchafter antwortete aber nicht, und als ich aufblickte, bemerkte ich, daß ſeine Cigarre ausgegangen, und ſein Auge ſtarr auf das Waſſer gerichtet war. Ich wollte ihn nicht ſtören und trat ein Paar Schritte gegen die Brüſtung vor, als der Kapitän plötzlich, wie aus einem Traume erwachend, ein:Sie ha⸗ ben geſagt? hervorſtammelte, ſogteich aber, ſich wieder faſſend, höflich hinzuſetzte:Verzei⸗ hen Sie, ich war ganz verſunken in die Erin⸗ nerung an eine Geſchichte, in die ich mich durch die Umgegend zurückverſetzt fühlte.

Ach, Sie kennen alſo ſchon die Gegend?

Ja! Es ſind jetzt zwölf Jahre, daß ich die Elbe benützte, um nach Dresden zu kommen. Ich war damals Lieutenant, hatte, wie dieß mit zwanzig Jahren gewöhnlich der Fall iſt, bittere Herzenserfahrungen gemacht, die man in dieſem Alter immer für unverwindlich hält, und ſpäter vielleicht belächelt, die aber doch unſer friſcheſtes Fühlen, unſere ſchönſten Träume aufſaugen, kurz, ich reiſte damals, um mich zu zerſtreuen. Und gerade hier war es, wo ein im Grunde unſchuldiger Scherz

*) Ich werde Ihnen einen Altar der Vereh⸗

rung in meinem Herzen errichten.

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einen Menſchen um das Bischen Verſtand brachte, das er noch übrig hatte. Ich nahm zwar keinen thätigen Antheil an dem Vorfalle, aber doch habe ich ihn, ſeiner traurigen Folgen wegen, nie vergeſſen können.

Meine Neugierde war erregt, und ich er⸗ ſuchte daher meinen freundlichen Wikinger, mir nach angezündeter Cigarre ſein Geſchicht⸗ chen zum Beſten zu geben.Aber nur recht ſchauerlich, bat ich,denn die Sonne ſenkt ſich, und wir werden bald einen Mondſchein haben, wie ſich ihn nur irgend ein Nachfolger Bürger's zu einer Eleonorendichtung wünſchen könnte.

Und mein nordiſcher Freund begann:

Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich vor zwölf Jahren hier reiſte. In Prag traf ich mit einem meiner Freunde zuſammen. Er hieß G., war damals Lieutenant und diente bei dem Grenadierkorps, in demſelben Leibregimente, in welchem ich ſtand. Es war dieß ein Mann, der ſeine guten ſechs Schuhe maß, und in Folge einer Krankheit entſetzlich mager und bleich ge⸗ worden war. Dazu nehmen Sie noch, daß er von Mutter Natur zu ſeinen waſſerblauen Au⸗ gen mit einem ſo hellblonden Bart und Haar beſchenkt war, daß man ſie beinahe weiß nen⸗ nen konnte, und Sie werden begreiflich finden, daß er leicht in einer etwas ſonderbaren Umge⸗ bung einen geſpenſterhaften Eindruck machen konnte. Im Grunde war eigentlich G. nichts weniger, als geſpenſterdüſter, denn er hatte den luſtigſten Charakter und war immer glück⸗ lich, wenn er einen Schelmenſtreich ausführen konnte. Dabei war G. ein ganz gebildeter Mann, der eine Menge gelernt und geleſen hatte, die angenehme Gabe einer hübſchen Rede, eine ungezügelte Phantaſie und ein merk⸗ würdiges Sprachtalent beſaß, er redete neun Sprachen geläufig. Wir hatten einen ziemlich heißen Abend, und obwohl G. vom Kopf bis zu den Füßen in ſchneeweißes, leichtes Som⸗ merzeug gekleidet war, ſo beklagte er ſich doch ſehr über die Hitze, die durch die ſchreckliche Langeweile noch fühlbarer wurde. Freund G. hatte kaum dieſe Bemerkung gemacht, als wir einen kleinen Kahn an der Seite vom Ufer ab⸗ ſtoßen ſahen, der gerade auf unſer Schiff zu⸗ ſteuerte und bald von den Wellen der Schau⸗ felräder ſo hin⸗ und hergeworfen wurde, daß wir alle ſein Umſchlagen fürchteten. Außer zwei Bootführern war noch ein kleines zuſam⸗ mengeſchrumpftes Männchen im Kahne, das ſich mit beiden Händen auf dem Brette, auf dem es ſaß, furchtſam feſtklammerte, und nur zeitweiſe, auf Augenblicke, eine der beiden Hände frei machte, um uns mit einem Sacktuche ein Zeichen zu geben, daß man ihn doch auf⸗ nehmen möchte. Der Kapitän des Vapore ließ auch endlich ein Tau hinüber werfen, und das Männlein wurde ſammt ſeinem Reiſeſack glück⸗ lich an Bord gehißt. G., der die Gelegenheit zu einem Scherze nicht vorbeigehen laſſen wollte, ſchrie den beiden Schiffern etwas in ſlaviſcher Sprache zu. Kaum hatte G. geſprochen, als das