8s8 el
Es war ein kleines, gebücktes Männchen, der Doktor, mit kurz geſtutztem grauen Schnurr⸗ bart, der ihm wie ein Dach über dem Munde ſtand. Er mochte ungefähr in den Siebzigen ſein, und trug eine graue, rothpaſſepoilirte Uniformhoſe, einen kurzen Paletot und eine Militärkappe. Das Geſicht war mumienartig eingetrocknet, ohne eingefallen zu ſein; die bor⸗ ſtigen Haare trug er kurz verſchnitten.
Ich ſah ihm noch immer ſprachlos nach, als ſich aus dem ſchallenden Gelächter, das ſich endlich Luft gemacht hatte, eine Stimme ver⸗ nehmen ließ:
„Kennen Sie die neueſte Rarität unſeres Doktors, meine Herren?“
Das Gelächter endete wie ein abgebrann⸗ tes Feuerwerk oder eine ſchlecht ausgefallene Gewehrſalve, indem noch immer ein einzelner Lachſchuß nachkam; endlich war es ſtill, und Alles drang in den Sprecher, zu erzählen.
„Alſo denken Sie ſich— unſer Doktor hat ein Pferdkalb entdeckt!“
„Ein Pferdkalb!— ein Pferdkalb?“ rief es von allen Seiten, und ich kam nicht zu mir vor Staunen über dieſe neue Unge⸗ reimtheit.
„Dieſen Streich haben wir wieder dem Herrn Lieutenant von Forſter zu verdanken,“ fuhr der Erzähler fort.„Er erzählte vorgeſtern dem Doktor, in ſeiner Station habe die Stute ſeines Quartierträgers gekalbt. Der Doktor höchſt neugierig darauf, ſagt dem Lieutenant zu, ihn zu beſuchen. Geſtern fährt er richtig, mit dem Erzſchelm von einem Apotheker, ohne dem unſer Doktor einmal keine Unterſuchung vornehmen kann, nach K. Lieutenant For⸗ ſter läßt einſtweilen ein neugebornes Kalb in einen Pferdeſtand binden, wo noch der Miſt der Pferde liegt.— Der Doktor kommt an, wird in den Stall geführt, und bewundert das Pferdekalb! Er ſtaunt über die Schönheit des Kopfes, entdeckt Aehnlichkeit zwiſchen dem Schweife des Kalbes und dem eines Pferdes, findet Spuren von keimenden Mähnen, ſtrei⸗ chelt dem Kalbe über dem Rücken, und ruft ein über das andere Mal:„Ahl ſehen Sie nur das herrliche Kreuz, dieſe ausgezeichnet ſchöne Croupe!“— ja ſeine Einbildung iſt ſo frucht⸗ bar, ihm die Klauen des Kalbes als den zier⸗ lichſten Pferdehuf erkennen zu laſſen. Kurz un⸗ ſer Doktor kehrte entzückt von ſeinen Ausfluge zurück, und wird von nun an gegen eine Welt von Zweiflern ſein Pferdkalb vertheidigen!“
Jetzt ging der Sturm wieder los— ein Gelächter— das uns armen Gegenwärti⸗ gen den Begriff eines einſtigen Homeriſchen geben, oder eine zukunftmuſikaliſche Kraftſcene verſinnlichen konnte.
Wortlos bezahlte ich meine Zeche und drängte Theodor aus dem Gaſthauſe.
Ich konnte es kaum erwarten, bis ich Aufſchluß über jene ſonderbare Erſcheinung, (nicht das Pferdkalb, oder die Klapper⸗ ſchlange— ſondern den Doktor) erhalten würde.
„Freund! was iſt das für ein Exemplar?“ rief ich, ſobald wir aus der Stube waren.
„Ein penſionirter Oberarzt, der Schrann heißt, fünfunddreißig Jahre bei den Drago⸗ nern diente, die franzöſiſchen Feldzüge mit⸗ machte, und bei dem geringen Betrage ſeiner Penſion nicht nur keine Schulden macht, ſon⸗ dern ſogar ſeine Verwandten unterſtützt und Raritäten ſammelt. Willſt Du ſein Muſeum ſehen?— Aber kein Lachen, ja nicht einmal ein Schmunzeln oder eine ungläubige Miene, es mögen Dir ſeine Anſichten über ſeine Merk⸗ würdigkeiten noch ſo ſonderbar erſcheinen, ſonſt wird er entſetzlich grob,— ja er hat ſchon ſolche Lacher zur Thüre hinausgeworfen.“
„Ich bin ungemein neugierig! Laß uns gehen.
2.
Wir waren in eine ſchmale Gaſſe gekom⸗ men(eigentlich ſind ſie in B. alle ſchmal, aber dieſe war noch etwas ſchmäler, als die übri⸗ gen) und traten in ein niedriges Haus, wo wir in einem finſtern Gange vor einer niedrigen Thüre Halt machten.— Theodor klopfte, der Doktor rief:„Herein!“ und wir traten ein. — Während mich Theodor vorſtellte, und mich für einen großen Freund von Raritäten ausgab, der deßhalb auch gekommen ſei, das „berühmte“ Muſeum des Herrn Doktors zu bewundern, genügte mir ein flüchtiger Blick, das lange, ſchmale Zimmer zu erfaſſen.— Zwei Fenſter mit kurzen, weißen Vorhängen— in der gegenüber liegenden Ecke ein altes Bett, mit weiland roſafarbigen Kotzen bedeckt,— da⸗ neben ein kleiner Ofen mitten im Zimmer, mit einem Topfe darauf, gegenüber der Thüre, an der einen langen Wand zwiſchen Bett und Fenſter ein Schreibtiſch aus wurmſtichigem, gelb angeſtrichenem Holze; ein Paar verſtüm- melte Federn, ein Stümpfchen Röthel, ein Bleiſtift ohne Spitze, zwei Köpfe aus Papier⸗ Machée als Zündhölzchenbehälter ohne Inhalt, und eine Uhr— nämlich ein rothbejackter Gaukler mit rother perſiſcher Mütze, der an der Bruſt das Zifferblatt trägt,— machten die Beſatzung des Schreibtiſches aus.
Ein altes Alizarin⸗Tintenfläſchchen grämte ſich über ſeine Trockenheit, und eine alters⸗ graue, einſt blau geweſene Unterlage aus dickem Löſchpapier, verbarg dem neugierigen Auge wahrſcheinlich— ſeine Leerheit.
An dieſen Sekretär endlich ſchloß ſich das Meubel, das mich gleich beim Eintritt mit ſei⸗ nen zum Theil zerbrochenen Glasfenſtern viel verſprechend anſah.— Ein alter Kaſten von vier Schuh im Gevierte, der zweckmäßig zwi⸗ ſchen Fenſter und Schreibtiſch eingeklemmt ſtand, um nicht als dreifüßiger Invalide nach einer Ecke das Uebergewicht zu bekommen. Dieſer Kaſten alſo enthielt die wunderbaren Schätze, die man durch die erblindeten, noch ganzen Glasſcheiben nicht erblicken konnte, und von denen nur hie und da eins räthſelhaft zwiſchen den zerbrochenen Scherben hervorblinzelte.
—
333
Drei Stühle vollendeten das Ameublement, auf deren einem noch ein Schuhwichsſchächtel⸗ chen und eine Glanzbürſte ruhten, ganz erſtaunt, mitten in ihrer Arbeit unterbrochen worden zu ſein, denn als wir eintraten, hatten wir den Alten gerade eifrigſt beſchäftigt gefunden, ſeiner chaussure einen jugendlichen lustre zu ver⸗ leihen.
Er hatte Paletot und Weſte abgelegt und empfing uns ohne Umſtände höchſt freundlich, da er Theodor ſchon von früher kannte. Als er hörte, daß wir ſeinem Muſeum zu lieb ge⸗ kommen ſeien, ſo führte er uns ungeſäumt zu ſeinem Heiligthume und begann uns alles ein⸗ zeln und gründlich zu zeigen,— was mir eine ſehr lobenswerthe Handlungsweiſe dünkte, wenn man vergleicht, welche Umſtände die Ei⸗ genthümer wirklicher Muſeen oft machen, wie⸗ viel es koſtet, Zutritt zu erlangen, und wie man dann erſt noch wie bei einer Parforcejagd durch die Säle gehetzt wird, ſo daß endlich vor unſerm langſam tappenden Faſſungsvermögen ein Chaos von Münzen, Steinen, Bildern, Muſcheln, Thieren und andern Dingen einen infernaliſchen Reigen aufführt.
Auf der obern Decke des„Muſeums“ ſtand ein anderthalb Schuh langes Modell eines Al⸗ ligators aus Thon, deſſen geöffnetem Rachen ein Zettelchen zur Obhut anvertraut war.
„Sehen Sie,“ ſagte der Doktor,„das iſt das Krokodil— Sie werden davon ſchon ge⸗ hört haben— es iſt verſteinert, und wurde in der Landenge von Suez ausgegraben, als man dieſelbe durchſtach.“
Ich traute kaum meinen Ohren und muß ein ſehr dummes Geſicht gemacht haben, denn mein Freund gab mir einen wohlmeinenden Rippenſtoß, der mich zu mir ſelber brachte, und ich nahm mir denn ernſtlich vor, wo möglich kein Wort zu ſprechen, es möge kommen was da wolle.
Jetzt öffnete er die Glasſcherbenthüre, bei welcher Gelegenheit einer der Reſte klingend den Boden ſuchte.— Der Kaſten war in vier übereinander liegende Fächer getheilt, in denen allerlei Schachteln, Fläſchchen und wunderdare Dinge neben einander geordnet waren. Der braune, runzelige Finger des Alten deutete auf die linke oberſte Ecke, wo ein ausgeſtopfter Rei⸗ her ſtand.
„Das iſt die Kibikaria aus dem todten Meere, die Eier desſelben haben den Dotter auswendig und inwendig die Schale, gleichen alſo ungefähr den Pflaumen.“
Unmittelbar daneben(der Doktor ging ſtreng nach der Reihe vor) lag ein Stein mit Katzen⸗ gold und ein Stückchen Meſſing, er holte es hervor, ſtaubte es ſorgfältig ab, und erklärte:
„Das iſt Goldſtufe und gediegenes Gold, wie man ſie in Kalifornien grabt.“
Träumeriſch lehnte das abgebrochene obere, braune kolbenförmige Ende eines Schilfrohrs an der Rückenwand des Kaſtens; es wurde aus ſeiner Ruhe geſtört, undals,egyptiſche Pflanze, aus denen die berühmten Thibetſhawls erzeugt
———


