Heft 
(1858) 11 11
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und nachdem er eine ziemliche Anzahl der⸗ ſelben aufgezählt, den koſtbaren Stein in der Bruſttaſche ſorgſam verwahrte.

Längſt ſchon hatten ſich die beiden Fremd⸗ linge aus dem Gehöfte entfernt, und noch ſtand Sigmund im Anblick des Goldes verloren mitſammt ſeinen ganzen Hausgenoſſen, die er ſein Glück zu theilen herbeigerufen da tönte vom Stifte Seelau das Mittagsgeläute herüber und andächtig die Hände zum Gebete gefaltet, fiel Herr und Diener, Weib und Kinder auf die Knie. Und, als wäre mit die⸗ ſen Klängen ein Mahnruf des Herrn in Sigmunds Bruſt gedrungen, ſo war er, ſchnell entſchloſſen, mit dem leicht erworbenen Gelde ein Gotteshaus der Gemeinde zu erbauen.

Als ein Jahr verronnen, und der Tag wieder erſchienen war, an dem die fremden Steinhändler in Schönhof eingekehrt, war der Bau des einfachen Kirchleins vollendet, das am Feſte des h. Wolfgang am 31. Oktober eingeweiht wurde.

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Der Karitätenſammler. Von Robert Byr.

1.

Ich war an einem ſchönen Samſtag⸗Nach⸗ mittag nach K. geritten, um dort einige Ka⸗ meraden heimzuſuchen. Wir lagen ſchon unge⸗ fähr ein halbes Jahr in der Gegend in Can⸗ tonirung, ohne daß ich dazu gekommen wäre, die für eine Eskadron eingerichtete, ſchön ge⸗ baute Kaſerne im Dorfe K. zu ſehen. Zeitrau⸗ bender Dienſt, garſtige Wege, ſchlechtes Wetter und Eis, ſowie einige paſſagére Soldatenliai⸗ ſons, da ich endlich nach mannigfachen Er⸗ fahrungen und reiflicher Ueberlegung auch, ſo wie viele Andere:

Ein anderes Städtchen, Ein anderes Mädchen!

waren die Hinderniſſe, die mich ab⸗

ſinge hielten.

So kam es denn, daß ich erſt an einem freundlichen Aprilſamſtag⸗Abend nach einem tüchtigen ſcharfen Ritt, meinen ſchweißtriefen⸗ den hunter in den Kaſernenhof lenkte, wo mich Freund Theodor und die andern Kameraden mit großem Gejubel und einer Fluth ſchlechter und guter Witze empfingen.

Nach den erſten Begrüßungen ging es an ein Erzählen, Fragen und Lachen inmitten des Kaſernenhofes, doch,da öffnet ſich die Thür und herein defilirt eine Reihe ſchlanker Schlachtröſſer. Es waren die Pferde der Offi⸗

Honneurs zu machen. Eines nach dem andern wurde von den ärariſchen Jokeys vorgeführt, getrabt, und dann vor meiner gaſtlichen We⸗ nigkeit zum Stehen gebracht. Da fand manch' rührende Wieder⸗Erkennungsſcene ſtatt. Hier ein alter Faké, dort ein im Dienſte erſpateter Fuchs, die mir ſchon von früheren Feldzügen her wohl befreundet waren. Beſonders aber galt dieſe Revue den neu angekauften Pferden und Remonten, die nach Angabe der Beſitzer, wie ſich das ſchon von ſelbſt verſteht, alle vom edelſten Blute waren.

Da wollte das Prüfen, Bewundern, die Lobſprüche und dieaber meiner lechzenden Kehle und meinem beredt gewordenen Magen ſehr zum Verdruße gar kein Ende nehmen; aber die Entſagung ſollte nach poetiſchem Rechte auch ihren Lohn finden, denn in dem armſeligen Zimmer des armſeligen Wirths⸗ hauſes des armſeligen Dorfes fand ſich außer einem ſchlechten Sopha zwiſchen den ſiliſtria⸗ und malakoff⸗beklebten Wänden, auch noch ein reinlicher Tiſch, auf dem ſich ein verſchanztes Lager von dampfenden Schüſſeln, einladenden Biergläſern und vielverſprechend etiquetten⸗ver⸗ zierten, langhalſigen Flaſchen erhob, um die wir denn als wackere Söhne des Mars auch baldigſt indigeſtionsmuthig die 1. 2. 3. Parallele zogen, Rieſenbreſche aßen und tapfer Sturm tranken. Den würdigen Beſchluß machte ein duftender, ſteifgerumter Thee, deſſen Bereitung jedem Komteßchen Ehre ge⸗ macht hätte, und bei dem uns die gute in⸗ ländiſche Cigarre ſo wohlbehagte, daß wir die Mitternacht verſchwätzten. Der ſentimentale Nachtwächter tutete ſchauerlich Ein Uhr, als wir über die Straße in die Kaſerne zurückkehrten, wo ich bei meinem guten Theodor einen hart⸗ herzigen Strohſack bezog, auf dem mir bald der gemüthliche Pintſch meines Freundes unab⸗ weisliche Geſellſchaft leiſtete.

Mein Freund, erſt unlängſt aus der Haupt⸗ ſtadt zurückgekehrt, konnte nicht ſatt werden, von Soireen und Bällen zu erzählen, und mir Einzelnheiten über ſeine hundertfünfundzwan⸗ zigſte Flamme mitzutheilen, was mir in der Erinnerung vergangener ſchöner Tage ein Paar leichte Seufzer abrang, mich aber doch nach und nach in ſüße Träume und endlich in einen herzhaften Schlaf wiegte.

Wir erwachten ſpät. Nach dem Morgen⸗ kaffee machten wir uns durch einen Spazier⸗ gang für ein ſolides Gabelfrühſtück Appetit.

Als wir in die etwas niedrige Gaſtſtube des Löwen eintraten, ſtockte plötzlich das früher ziemlich lebhaft geführte Geſpräch der Gäſte, wie dieß übrigens beim Eintritt von Fremden, vornehmlich Militärs, faſt immer zu geſchehen pflegt. Wir grüßten freundlich das mittagmah⸗ lende junggeſellenhafte Bürger⸗ und Beamten⸗ thum, das ſchon herzhaft im Opfern begriffen war, und ich erkannte darunter auch unſern Regimentspater, der gerade zur öſterlichen Beichte anweſend war und einen jungen Unter⸗

ziers, welche erſchienen, mir auch ihrerſeits die arzt, der zu der in K. liegenden Eskadron gehörte.

Wir beide, Theodor und ich, wählten, da wir ungeſtört ſprechen wollten, ein kleines Tiſchchen in einem dunklen geräucherten Winkel des Zimmers und überließen uns der ſtillen Betrachtung des Speiſezettels und ſpäterhin dem behaglichen Stoffwechſel.

Inzwiſchen war allmälig das Geſpräch wie⸗ der in einen ſo lebhaften Gang gekommen, daß man ihn füglich einen train-de-chasse nen⸗ nen konnte, der steeplechaseartig über alle Hinderniſſe hinwegſetzte, und ſich oft in den kühnſten, gewagteſten Sprüngen zu gefallen ſchien.

lſo, Doktor! hat ſich die Klapperſchlange wieder gezeigt?

Leider nein. Seitdem ſie den Diener des Herrn Lieutenants Forſter ſo arg gequetſcht hat, iſt man ihrer nicht mehr anſichtig gewor⸗ den, ſchade darum, es wäre ein ſchönes Stück in meine Sammlung.

Ich horchte hochauf, es ſchien mir, als hätte ich nicht recht gehört, und ich wollte gerade Theodor um Auſſchluß fragen, als dieſer mir verſtohlen ſchmunzelnd zuwinkte und mir einhöre nur! zuflüſterte.

Er war alſo wirklich ſo arg zugerichtet? fragte der, welcher zuerſt geſprochen hatte.

Ja woh, ich habe ihn ſelbſt unterſucht!

Aber, Herr Doktor, Sie waren ja noch gar nie in K., wo der Herr Lieutenant liegt, und haben ſeinen Diener noch nie geſehen, warf unſer Unterarzt ein.

Das Maul gehalten! verſetzte der Dok⸗ tor,ich habe geſagt, daß ich ihn unterſucht habe, und damit Punktum!

Ich kann noch immer nicht recht daran glauben! ließ ſich Einer der Gäſte vernehmen.

Sie können nicht daran glauben? Glaub's wohl, Ihr Verſtand reicht nicht ſo weit. Aber iſt es nicht genug, daß dieſe Klapperſchlange das Kind des Förſters in K. verſchlang und nur die Schuhe übrig ließ? Habe ich nicht den armen Mann ſchluchzend angetroffen, über den grauſamen Verluſt, den er erlitten? Weinte er nicht bittere Thränen, als ich ihn darüber zart⸗ ſinnig ausholte, um ſein Herz nicht noch mehr zu verletzen? War nicht der Apotheker und der Unterarzt ſelbſt mit?

Ja wohl war ich mit, erwiederte der Unterarzt,aber der Förſter hatte ja gar nie ein Kind, und er weinte nicht, ſondern er lachte, daß ihm die hellen Thränen aus den Augen liefen und dabei lachte der junge Unterarzt ſelbſt vom Herzen, und auch die andern Gäſte ſtimmten mit leiſem Gelicher ein.

Jetzt aber fuhr der alte Doktor wüthend auf und herrſchte dem Unterarzte zu:Wie unterſtehen Sie ſich in meiner Gegenwart zu lachen?

Da aber dadurch das Kichern nur um einen Ton höher geſtimmt wurde, ſo nahm der Alte erboßt Kappe und Stock, brummte noch ein: Das hat man davon, wenn man ſich mit ſolch, unverſtändigem Volke einlaßt! zum Abſchied, und verließ ohne Gruß das Zimmer.

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