Heft 
(1858) 11 11
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zu legen, und nachdem er die Kammer, in der die beſten Habſeligkeiten der Familie aufbe⸗ wahrt wurden, ſorgfältig verſchloſſen und den Schlüſſel ſeinem Weibe übergeben hatte, be⸗ gab er ſich wohlgemuth zur Kegelbahn, wo er bald Alle im Beſtſchieben übertraf.

Sei es, daß eben dieſes Glück oder ſonſt ſeine heutige Aufgeregtheit ihn dort länger als gewöhnlich zurückhielt, genug als Sig⸗ mund Abends durch die Obſtgärten nach Hauſe ging, ſchimmerte durch das dunkle Laub der Bäume aus den Fenſtern ſeines Hauſes, und zwar aus der Kammer, die ſonſt um dieſe Zeit nie beſucht wurde, ein heller Licht⸗ ſchein entgegen, der ihm die Beſorgniß eines ge⸗ ſchehenen Unfalls einflößte.

Was nur Thereſe heute treiben mag 945 murmelte er halb unwillig vor ſich hin, als er durch die Hecke des letzten Nachbargartens drang,daß ſie die Mägde und Kinder allein in der untern Stube läßt, und mit Licht oben in der Truhe herumſtöbert, mir kömmt es wirklich bedenklich vor!

Seine Schritte beſchleunigend ſtand Sig⸗ mund bald am Stubenfenſter neben der ſchon verſchloſſenen Hausthüre um anzupochen da ſaß Thereſe emſig mit den um ſie gereih⸗ ten Mägden in der Stube, während die zwei kleinen Kinder mit dem Haushunde ſpielten, und ein neuer Argwohn, bedenklicher als der frühere, wurde in Sigmund wach.

Deutlich blinkte ein heller Lichtſchein durch die mit Epheu umrankten Fenſter; aber zur Beruhigung des Heimkehrenden war oben alles ſtille, und Sigmund verſcheuchte den Gedanken an einen diebiſchen Einbruch, obwohl ihn die Beſorgniß einer Feuersgefahr noch ſehr beängſtigte. Da überwand die Sorge des Hausvaters ſeine Furcht, und als er der öff⸗ nenden Gattin ſeine Beſorgniß mitgetheilt und die Zuſicherung erhalten hatte: Niemand wäre des Tages über oben in der Stube geweſen, entſchloß er ſich, einigermaßen beruhigt, die Sache genauer zu unterſuchen.

Nachdem er den Kindern und dem weib⸗ lichen Geſinde die ſtrengſte Ruhe geboten, und ſie dem Knechte, als einem handfeſten, furchtloſen Burſchen zur Beaufſichtigung und Schutze über⸗ geben hatte, tappte er im Dunklen die Holz⸗ treppe hinauf, um ſich von der ungewöhnlichen Helle zu überzeugen, ſchaute vorſichtig durch das Schlüſſelloch und die Spalten des Stuben⸗ getäfels und fand alles erleuchtet, aber nirgend eine Urſache der Helle.

Wie geblendet blieb er nach behutſam ge⸗ öffneter Thüre in dem Lichtmeere ſtehen, wel⸗ ches das Gemach erfüllte, und fuhr ganz be⸗ ſtürzt zurück, als er ſich überzeugte, daß die Strahlen oben vom Tellergeſimſe ausgingen.

Lange ſah Sigmund dem wunderherr⸗ lichen Schauſpiele zu, ohne es ſich enträthſeln zu können, bis es ihm einfiel, daß er an dieſer Stelle Nachmittags den halbzerſplitterten Stein aufgehoben habe.

Als er dann einen Stuhl herbeizog und

beſtieg, um nach dem Stein zu langen, über⸗ zeugte er ſich bald, daß er ſich nicht getäuſcht habe, denn der Stein in ſeiner Hand erglühte von innen heraus in ſo wunderlichem Farben⸗ ſpiele, daß Sigmund ſeinen eigenen Augen nicht allein trauen wollte, ſondern mit lauter Stimme die geſammte Hausgenoſſenſchaft her⸗ beirief, und ihnen das wunderbare Ereigniß mittheilte.

Schnell verbreitete ſich am andern Morgen das Gerücht von dem werthvollen Funde des Hubenbauers in dem ganzen Dorfe, und vergrößert bis in's Fabelhafte trugen wan⸗ dernde Hauſirer und Krämer die Sage durch das ganze Land, ſo daß dieſe ſelbſt in der fer⸗ nen Hauptſtadt Prag Eingang fand, und freilich mit mancherlei Zuſätzen, vielſeitig Stoff zur Unterhaltung bot.

So ſaß auch eines Abends Melchers, der reiche Goldſchmied in der Altſtadt, an dem runden Eichentiſch unter den Gäſten desgrü⸗ nen Froſches beim ſchäumenden Bierkrug, als eben wieder ein anweſender Steinhändler, der das Land in allen Richtungen durchzogen, des Fundes in Schönhof erwähnte.

Das wäre ſo ein Stück für Euch, Mel⸗ chers, ſagte er zu dieſem ſich wendend,mit dieſem könntet Ihr Ehre einlegen und Geld er⸗ werben, und wenn Ihr meinen Worten nicht glauben wollt, ſattelt Euer Saumroß und ziehet ſelbſt hin; ich bin des Weges kundig und werde Euch begleiten.

Wohlgefällig ſchmunzelnd ſchob Melchers das grüne Sammet⸗Baret mit goldenen Troddeln, das im Laufe des Geſpräches ſich weit über ſeine breite Stirne hereingezogen hatte, zurück, indem er blinzelnd das linke Auge zuſammenkniff, als ſähe er ſchon den werthvol⸗ len Karfunkel vor ſich. Seiner innern Bewegung Worte gebend, war er ganz mit dem Vorſchlage des reiſenden Steinhändlers ein⸗ verſtanden und es trennten ſich die beiden Kunſtverwandten ziemlich ſpät nach getroffener Verabredung, beim nächſten Morgengrauen die beabſichtigte Reiſe anzutreten.

Es war im Spätherbſte; ſchon lag auf den höher gelegenen Bergesſpitzen der nahen meißniſchen Gränze ein weit in's Land hinein ſchimmernder Reif, rauher ſtrichen die Winde durch das ſonſt ſo freundliche Egerthal, und die Blätter der Bäume am Wege nach Schönhof erglänzten im bunten Farbenſchmucke der vorgerückten Jahreszeit. Da trabten zwei Reiter den ſteinigen Pfad einher bis vor das Gehöfte Sigmunds, des jetzigen Huben⸗ bauers.

Es war nahe an der Mittagszeit. Von allen Feldrainen heimwärts kamen die Geſpanne, die in's Joch geſchirrten Zugthiere begrüßten mit freudigem Gebrülle die nahen Ställe und ſogen mit weit geöffneten Nüſtern den entgegenwehenden Duft des Mittagsfut⸗ ters ein, während die geſchäftigen Mägde und

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Dirnen hochgeſchürzt in blank gebohnten Ei⸗ mern die ſchaumbedeckte Milch zur Milchgrube trugen, und ſchäkernd die heimkehrenden Bur⸗ ſchen mit Waſſer aus dem Brunnen, wohin ſie ihre Gefäße zum Reinigen trugen, beſpritzten, aber erſchrocken zurückfuhren, als ſie die beiden Fremdlinge um die Wegesecke biegend in die Thorflur einreiten ſahen.

Da trat eben der Hubenbauer aus der im Hintergrunde gelegenen Scheuer, wo er die Weizengarben zum Nachmittagsabdruſch dem Geſinde angewieſen, und in dem jüngern Fremdling den oft bei ihm einkehrenden Stein⸗ händler erkemiend, reichte er ihm die ſchwielige Hand zum herzlichen Willkommen.

Auf den Wink des Hausherrn entſattelten die Stalljungen die Roſſe der Gäſte, und führ⸗ ten die abgemüdeten Thiere in die geräumigen Ställe, wo die heimiſchen Pferde bei ihrem Mittagsfutter den neu Angekommenen verwun⸗ dert entgegenwieherten, indeß der Huben⸗ bauer die beiden Fremdlinge in die große Geſindſtube geleitete, wo um den runden Ei⸗ chentiſch bereits alle zum Hauſe gehörigen Knechte und Mägde verſammelt waren, und die wirthliche Hausfrau eben das Mittagsbrod aufgetragen hatte.

Abſeits des Geſindetiſches in der Ecke der geräumigen Stube ſtand das kleine Tiſchchen für den Hauswirth bereit; denn es war Sitte bei unſern Altvordern, daß, wenngleich der Hausvater die nemliche Koſt mit ſeinen Angehörigen theilte, er dieſelbe doch allein ver⸗ zehrte, während die Hausfrau im Kreiſe der Uebrigen ſaß.

Leicht war es dem Steinhändler, der wäh⸗ rend der kurzen Mahlzeit das Wort führte, das Geſpräch auf den Karſunkel, wie das Landvolk in ſeiner Sprache den werthvollen Stein nannte, zu bringen; bis der Hubenbauer willig ſeine beiden Gäſte in die obere Prunk⸗ ſtube führte und mit einer gewiſſen Selbſtge⸗ fälligkeit vom Tellergeſimſe den noch in halb⸗ zerſplitterter Hülſe geſchloſſenen Karfunkel her⸗ ablangte.

Mit Kennermiene prüfte Melchers das ihm dargebotene Kleinod, häkelte das am Leib⸗ gurt an einem feingegliederten Meſſingkettchen hängende Stahlhämmerchen los, und löſte mit leichter Mühe die äußere Schale von dem glän⸗ zenden Kern, einem herrlichen Topas in deſſen noch ſcharfkantiger Form ſich die Licht⸗ ſtrahlen vielfältig brachen und einen Glanz verbreiteten, der im gelbrothen Lichte wunder⸗ ſam von der Tageshelle abſtach.

Melchers bot dafür eine ſo bedeutende Summe, daß der Hubenbauer verlegen erſchrocken zurückprallte, ungewiß, ob er das Anbieten des Fremdlings für Scherz oder Ernſt

halten ſollte; doch dieſe Ungewißheit löſte ſich

bald, als Melchers, aus dem abgeſchnallten Leibgurt einen vollwichtigen Beutel ziehend, eilfertig, faſt als wollte er durch den Glanz des Goldes den Zögernden beſtimmen, den Tiſch mit blanken Dukaten zu belegen begann,

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