„Wenn ich Konigin wäre,“ ſagte Madame De Teſſé,„ſo würde ich gebieten, daß Madame de Staél fortwährend zu mir ſprechen müßte.“
Lady Morgan ſcheint nicht Luſt gehabt zu haben, mit von der Partie zu ſein, denn ſie ſchil⸗ dert die allzuberedte Konverſation der Stasl alſo: „Wenn ſie den Moment gekommen glaubte, ſprach ſie ihre metaphyſiſchen oder politiſchen Orakel aus, indem ſie entweder die Kantiſche Philoſophie oder die Abſichten Neckers mit einer Beredſamkeit ent⸗ wickelte, die mehr geeignet war, Bewunderung zu kommandiren, als eine Quelle des Vergnü⸗ gens zu ſein.“
Beyle⸗Stendhal äußert ſich in demſelben Sinne:„Unter der Zahl der Strapatzen, welche den Tod der Staöl beſchleunigt haben, hörte ich auch die Arbeit der Konverſation während ihres letzten Winters erwähnen.“
Die Revolution ließ eine Pauſe in der Kon⸗ verſation eintreten. Wie ſollte man auch fortfah⸗ ren zu plaudern, wenn die Baſtille zuſammen⸗ brach, und der Thron nach der Baſtille und die alte Welt nach dem Throne? Wenn aber doch einige Salons offen blieben oder ſich öffneten, ſo waren ſie politiſch, und die Eloquenz, nicht die Konverſation herrſchte in ihnen. Beide vertragen ſich nicht mit einander. So war z. B. der Salon der Madame Roland ein Supplement der Aſſemblée.
Die Salons der Reſtauration waren außer⸗ ordentlich glänzend. Die Poeſie machte dort ſo oft die Honneurs, wie die Politik. Man konnte Lamartine vor jungen, geiſtreichen und ſchönen Frauen ſeine erſten Meditations, man konnte Viktor Hugo ſeine Oden und Balladen vorleſen hören. Namentlich war der Salon der Madame Recamier ein literariſcher Herd, an welchem Cha⸗ teaubriand den Vorſitz führte; ſie hatte den Prin⸗ zen Auguſt von Preußen, den berühmten Bild⸗ hauer Snn por, der ihr Bild meißelte, Benjamin Conſtant und eine große Zahl anderer Notabili⸗ täten zu Freunden.
Mit dem Namen der Frau Emile de Girar⸗ din, deren Salon ſich erſt vor wenig Jahren mit ihrem Tode ſchloß, beſchließen wir dieſe Skizze, um ſpäter einmal auf dieſen hiſtoriſchen Abriß einige theoretiſche Bemerkungen über die Kunſt der Konverſation folgen zu laſſen.
Was iſt der Menſch? Ernſt und Scherz, von J. N. Klarenberg.
Wir ſaßen an einem Winterabende im ver⸗ trauten Freundeskreiſe; das ſeichte Thema über Witterung und Stadtneuigkeiten war bald er⸗ ſchöpft, und um nicht das eſpräch auf politiſche Gegenſtände gerathen zu laſſen, oder gar zu dem Nothbehelfe des leidigen Kartenſpieles greifen zu müſſen, wurde der etwas ſeltſame Vorſchlag ge⸗ macht, die oben genannte Frage und deren Be⸗ antwortung zum Gegenſtande unſerer Unterhal⸗ tung zu wählen.
Geſagt, gethan! Der Erſte, an den die Reihe kam, war ein Botaniker.
„Meine Freunde!“ begann er ſeine An⸗ ſprache,„glaubet mir, der Menſch iſt nichts als ein Gärtner.“
„Ein Gärtner?“ lachten die Andern.
„Ein Gärtner,“ erwiederte er ruhig,„und ich will meinen Ausſpruch ſogleich zu beweiſen ſuchen.— Der Herr ſchuf die Erde als einen großen Garten, und zuletzt den Menſchen als ſei⸗ nen Gärtner. Die Gärtnerei iſt unſer wichtigſter Beruf, alles Andere iſt nur Nebengewerbe, deſſen Zweck am Ende doch nur Laran losgeht, daß wir die Früchte unſeres großen Erdengartens in Ruhe genießen.“
Da bin ich einer ganz anderen Meinung,“ ſagte nun ſein bejahrter, grämlicher Nachbar. „Wie Ihr ſeht, meine Freunde, bin ich ein alter Mann, der viel gelebt und erfahren hat, und mich ſchmerzt es, die Erkenntniß mit in's Grab neh⸗ men zu müſſen, daß der Menſch nichts anderes ſei, als— ein Taugenichts.“
Die Freunde unterdrückten ein Lächeln und ließen den Redner fortfahren.
„Ja, meine Herren, von A bis Z nichts als ein Taugenichts.— In dem erſten Quartal ſei⸗ nes Lebens als Kind und Knabe ein zwar un⸗ ſchuldiger aber wirklicher; denn da taugt er noch zu gar nichts. In den zwei folgenden Vierteln als Jüngling und Mann iſt er ein thätiger Tau⸗ genichts, denn die untauglichen Werke übertreffen bei weitem die gelungenen, und im letzten end⸗ lich, als Greis, ſehen wir ihn abermals, zu allem untauglich, als müßigen Taugenichts.“
„Ihre Altersbrille ſieht zu ſchwarz,“ unter⸗ brach ein Anderer den grämlichen Alten,„ſo ſchlimm ſteht es mit den Menſchen noch nicht; wenn ich leider zwar ſelbſt nicht in Abrede ſtellen kann, daß wir Menſchen in der That nichts an⸗ deres ſind, als— Spieler. Was iſt unſere grüne Erde anderes, als ein xieſiger Spieltiſch, an wel⸗ chem wir alleſammt tage⸗ und nächtelang ſitzen, um mit kleinem Einſatze möglichſt viel zu ge⸗ winnen? Sind alle unſere Unternehmungen nicht eben ſo viele gewagte Spiele? Der Landmann ſetzt ſeine Saat gegen den Gewinn einer reichen Ernte, der Fabrikant den Rohſtoff, der Kaufmann Schiff und Ladung auf treuloſer See, der Soldat im Kriege ſein Leben ein, und Jeder hofft, ſo hoch auch ſein Einſatz, dabei zu gewinnen. Schon Kinder ſpielen um Nüſſe, Erwachſene mit ſoli⸗ derem Einſatze in der Lotterie;— doch was iſt dieß alles erſt gegen das größte Hazardſpiel am grünen Tiſche des Lebens, gegen die Ehe?“
„Halt!“ unterbrach eine Dame den Spre⸗ cher,„bei dieſem Hazardſpiele haben nur wir Frauen zun verlieren, den unſern Einſatz, die Mitgift, ſtreicht der Croupier gleich vorwegs ein, bevor das Schickſal des Spieles noch entſchieden iſt, und ſelbſt im günſtigen Falle erhalten wir von dieſem nur einen kleinen Theil als ſoge⸗ nanntes Nadelgeld zurück.“.
Glücklicher Weiſe unterbrach dieſe kitzliche Verhandlung der Eintritt des Sohnes vom Hauſe und deſſen Freund, die eben aus dem Theater kamen.
Kaum von dem Gegenſtande unſerer Unter⸗ haltung in Kenntniß geſetzt, ſo rief er.„Meine Herren! Glauben Sie mir, der Menſch iſt nichts als Schauſpieler. Die Bretter bedeuten die Welt, und die Welt nichts als eine Bühne, wo jeder Menſch ſeine Rolle, mehr oder minder geſchickt abſpielt. In ſeiner Behauſung, der Garderobe, legt er, ehe er auf die Weltbühne tritt, Koſtüm und Maske an, wie ſie zu ſeiner Rolle am beſten paſſen, was deßhalb auch kein Betrug genannt werden kann, weil ein Jeder dasſelbe thut, weil Jeder täuſcht und Jeder getäuſcht wird. Jeder Akteur hat ſeinen eigenen Souffleur, das Ge⸗ wiſſen— der unſichtbar im engen Häuschen, dem Herzen— ſitzt, und ihn erinnert, wenn er aus der Rolle zu fallen droht, und wohl jener Schau⸗ ſpieler, dem es weniger um den Beifall des Pa⸗ radieſes(letzte Galerie) als um den Beifall im Paradiefe zu thun iſt. 4
Der Freund des Sprechers, ein ausgezeich⸗ neter Fabrikant, nahm jetzt das Wort.„Es heißt mit Recht,“ ſagte er,„Schuſter bleib bei Deinem Leiſten,— daher iſt meine Ueberzeugung, daß der Menſch von Haus aus ein Induſtrieller iſt. Jeder Menſch arbeitet mit fremden Kräften, mit lebendigen und todten Maſchinen, und liebt es, den Löwenantheil des Gewinnſtes für ſich allein zu behalten. Jeder Meiſter arbeitet mit den Kräften ſeiner Geſellen; jeder Vorſtand mit den
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Kräften ſeiner Untergebenen, und ſelbſt der Ge⸗
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neral gewinnt ſeine Schlachten und ſeinen Ruhm nur durch feine Soldaten. Doch dürfen wir uns deßhalb nicht beklagen, denn es geſchieht dieß alles gegenſeitig und bildet ſogar das unzerreiß⸗ bare Band, welches alle Menſchen durch gegen⸗ ſeitiges Bedürfniß mit einander verbindet.“
„Sie irren, meine Herren!“ begann ein An⸗ derer,„deun der Menſch iſt nichts als fortwäh⸗ rend ein Student, denn er ſtnudiert von der Wiege bis zum Grabe. Auf dem Arme der Wär⸗ terin, wo er die erſten Worte ausſprechen lernt, beginnt ſein Curſus, den ſpäter der Erzieher, der Lehrer, der Meiſter und vor Allem die Natur treulich fortſetzet. So macht der Menſch nach und nach alle Fakultäten durch. Als Kind ſtudirt er Sprachen, Philologie; als Knabe die Elemente aller Weisheit, die Buchſtaben; als Jüngling Aeſthetik, die ſchönen Wiſſenſchaften; als Mann wird er durch Konflikte zur Jurisprudenz, zu Prozeſſen gezwungen; bis ihm endlich die Pan⸗ dekten der Ehe eine harte Nuß bieten. So wird der Menſch älter und kömmt nach und nach zum Selbſtſtudium der Medizin mit erläuternden Ex⸗ perimenten am eigenen Körper, der ſelbſt unter dieſen Studien zuletzt zuſammenbricht, bis dem Menſchen nichts übrig bleibt, als die Hoffnung, in einem beſſeren Jenſeits die hier unterbrochene Laufbahn vollenden, und die hier geſammelte Bildung ſeines Geiſtes verwerthen zu können.“
Jetzt nahm unſer freundlicher Hausherr das Wort.„Laſſen Sie mich, meine Herren, zum Schluße auch meine Anſicht ausſprechen.— Ich glaube nämlich, da die gaaze Welt nichts anderes als ein großes Gaſt⸗ und Einkehrhaus iſt, ſo ſind wir Menſchen auch nichts anderes als Gaſt⸗ geber oder Gaſtnehmer; daß die Zahl der Letz⸗ teren jene der Erſten bei weitem übertreffe, iſt leider eine anerkannte Wahrheit, doch wenn Er⸗ ſterer nur ſtets freundlich und Letztere genügſam ſind, ſo können beide Theile zufrieden ſein. Um dieſe meine Anſicht auch praktiſch zu beweiſen, ſind Sie ſämmtlich auf's herzlichſte zu einem Abendmahl geladen.“
„Angenommen!“ tönte es von allen Seiten, „es lebe die Anſicht, welche Theovie und Praxis ſo ſchön vereinigt, denn: grau iſt alle Theorie, doch grün des Lebens gold'ner Baum!“
Eine Nacht unter den Alligatoren.
„ Vor einigen Jahren,“ erzählt ein Reiſender in Florida,„fuhr ich allein den St. Johnsfluß hin⸗ auf, um das Innere des Landes zu unterſuchen. Dabei hatte ich die Gewohnheit, mein Schiffchen des Abends an's Ufer zu binden und nach einge⸗ nommenem Abendbrod, welches größtentheils aus friſcherlegtem Wild und den während der Reiſe gefangenen Fiſchen beſtand, ſorglos auf demſel⸗ ben zu übernachten. Panther und andere Wald⸗ bewohner beläſtigten mich wenig und bis zu dem dritten Tage meiner Reiſe hatte ich nur in der Ferne das unheimliche Geklapper der Alligatoren vernommen. Bald aber ſollte es anders kommen und meine Kühnheit hätte mir beinahe das Leben gekoſtet.
Es war ein ziemlich kühler Abend, das Ge⸗ heul der Alligatoren ward vernehmlicher und ich konnte eine bedeutende Anzahl dieſer Ungeheuer, in behaglicher Ruhe auf dem Ufer ausgeſtreckt ſehen. Ich wählte mir auf dem Lande ein paſſen⸗ des Plätzchen aus, zündete ein großes Feuer an, das mich vor Raubthieren und Mosquitos ſchützen ſollte. Nachdem ich mich unter einer koloſſalen Eiche niedergelaſſen, bemerkte ich, daß mein Mund⸗ vorrath bedeutend abgenommen hatte und beſchloß, mir noch einige Forellen zu fiſchen. Dicht an die Bucht, in welche ich mein Boot angelegt hatte,
ſchloß ſich ein kleiner See an, welcher ſehr fiſch⸗
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