Heft 
(1858) 10 10
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ſchwert? fragte ein ſchmächtiger Ahe

a Erinnerungen. ws

ie Sonne ſinkt, und rings im Wald

Iſt Schweigen ausgebreitet;

Nur eine ferne Art erſchallt,

Und eine Glocke läutet.

Fern von des Lebens Und ſeinen Truggeſtalten, Da fühl' ich, o Waldeinſam

So recht dein ſtilles Walten.

Zu ſpät! Novelle.

Von Lindau.

Walter

Ein heller, geräumiger Gartenſalon war der Sammelplatz der auserleſenen Kurgäſte im Badeorte G g. Hier pflegten ſie Milch und andere Erfriſchungen zu nehmen, hier überlie⸗ ßen ſie ſich harmlos dem Vergnügen des geſel⸗ ligen Zuſammenſeins.

Eben war daſelbſt eine kleine Geſellſchaft verſammelt, und das Geſpräch fiel von einem Gegenſtande auf den anderen.

Wiſſen Sie, wen ich hier vermiſſe? fragte die Baronin von Randen einen Offizier an ihrer Seite.

Ich gebe mir zwar oft genug Mühe, Ihre Gedanken zu errathen, gnädige Frau, antwor⸗ tete der Angeredete,aber ich habe es trotzdem nicht weit genug gebracht, um denſelben auch nur mit halber Beſtimmtheit entgegen zu kommen..

Etwa die Frau Landräthin? meinte der Banquier Brand.

Sie bringen es noch weniger heraus, als der Herr Hauptmann, der in ſeinen Studien ſo unglücklich iſt, entgegnete die Baronin im ſcherzhaften Tone.Sie ſollten doch wiſſen, daß wir Frauen gewöhnlich die Schwachheit haben, nicht an unſer Geſchlecht zu denken. Ich vermiſſe einen Herrn.

Vielleicht den

Grafen von Drei⸗

Fehlgeſchoſſen, mein Herr, e die

Ruhe.

Es iſt, als ob die Axt mir ſollt'

Zum Sarg den Baum bereiten,

Es iſt, als ob die Glocke wollt'

Mir ſelbſt zu Grabe läuten.

Luſt und Leid

Die Glocke ſprach ihr letztes Wort,

Es ruht die Axt der Halde.

keit, Im Sarge und

Alſo den Doktor Fritz, meinte Herr Hammer, ein reicher Gutsbeſitzer.

Den ſehe ich eben, ſtolz im Bewußtſein ſeiner oberherrlichen Gewalt über uns, heran⸗ ſchreiten, antwortete die Baronin.Er iſt zwar ein liebenswürdiger Mann, ein angeneh⸗ mer Geſellſchafter, aber ich vermiſſe ihn nur, wenn ich Migräne oder dergleichen habe.

Rathen Sie, gnädiges Fräulein, wandte ſich der Offizier an die Gräfin Mathilde von Eſpen,wir Männer, ſehe ich, werden ſchwer⸗ lich hinter die Gedanken der Frau Baronin kommen.

Der ſtumme Gelehrte? warf die Ange⸗ redete hin.

Errathen! rief die Baronin.Sagen Sie mir einmal, liebes Kind, wie konnten Sie doch gleich wiſſen, wen ich meine?

Das wußte ich auch nicht, antwortete die Gräfin,dachte auch nicht daran, es in der That zu treffen, und deßhalb nannte ich den Namen, von welchem ich glaubte, daß er ſich am allerwenigſten der allgemeinen Beachtung erfreue.

Wie konnten Sie nur in aller Welt an den Menſchen denken, dem eine Blume und ein Kä⸗ fer lieber ſind, als die ſchönſten Frauenaugen? fragte der Offizier.

Eben, weil er an allem anderen mehr In⸗ tereſſe zu haben ſcheint, als an unſerer Geſell⸗ ſchaft; entgegnete die Baronin.Wiſſen Sie nicht, daß Gleichgiltigkeit den Frauen das Un⸗ erträglichſte iſt, das ihnen in der Geſellſchaft begegnen kann?

Das will ich gerne zugeben, ſagte der Hauptmann,aber was wollen Sie mit dem

Baronin. 4 Erinnerungen. Oktober 1858.

ſtummen Gelehrten, deſſen Namen wir nicht

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Geſegnet Ruhe hier und dort,

im Walde! W. Ernſt.

einmal wiſſen, der höchſtens durch ein leiſes Hüſteln oder durch unanſtändiges Trommeln an den Fenſterſcheiben ſeine Anweſenheit ver⸗ räth, was wollen Sie mit ihm anfangen? Da könnten Sie eher die marmorne Hygiea dort beleben, als ihn zu einer ſelbſtändigen Aeuße⸗ rung bewegen.

Er mag ein Sonderling ſein, verſetzte die Baronin,aber aus ſeinem Antlitz ſpricht et⸗ was, das mir mehr auszudrücken ſcheint, als manche deutliche Verſicherung beredter Lippen. Er iſt ein wandelndes Räthſel, das ich gerne löſen möchte.

Der Eintritt des Doktors unterbrach das Geſpräch. Mit ihm kam ein Mann, bei deſſen Anblick ein leiſes Flüſtern durch die Gruppe ging. Es war dieß eben der Gelehrte, welcher den Stoff zu dem unmittelbar Angeführten ge⸗ geben hatte. Er zählte etwa vierzig Jahre, ſeine Geſtalt war hoch und ſchmächtig, ſeine Haltung gebeugt, ſeine Kleidung ſtand nicht ganz im Einklang mit der herrſchenden Mode, ſondern war mehr als um ein Jahrzehnt zurückgeblie⸗ ben. Dieß Alles, verbunden mit dem leidenden Ausdruck ſeines Geſichtes, welches noch dazu von anhaltender geiſtiger Arbeit ſtark gezeichnet war, trug dazu bei, ihn um ein gutes älter er⸗ ſcheinen zu laſſen.

Bei ſeinem Eintritte nahm er den niederen, mit breiten Krämpen verſehenen Hut ab, und machte eine Verbeugung, die jedoch nicht ſo lin⸗

kiſch war, als man nach dem Geſagten hätte

vermuthen können und wie man ſie von ſolchen, denen die geſellſchaftlichen Formen unbekannt

zu ſein ſcheinen, zu erwarten pflegt. Sie erlauben mir, Herr von Winter, ſprach der Doktor, nachdem er die Geſellſchaft 37