Heft 
(1858) 10 10
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begrüßt hatte, zu ſeinem Begleiter,daß ich meine Pflicht als Arzt auch in dieſer Hinſicht erfülle. Das Waſſer allein wird Ihnen ebenſo wenig nützen, wie alle anderen Medikamente, wenn Sie nicht noch eine andere Kur, und zwar die des geſelligen Verkehrs brauchen. Ich empfehle Ihnen, meine verehrten Herren und Damen, hier Herrn von Winter, zu deſſen Geneſung ich es für unvermeidlich erachte, daß er ſich ſeinem einſamen Sinnen entreiße und in der erheiternden Atmoſphäre angenehmer Geſell⸗ ſchaft Zerſtreuung finde. Beſonders Ihnen, meine Damen, rekommandire ich meinen Pa⸗ tienten auf's angelegentlichſte, da ich von Ihrer natürlichen Anziehungskraft eben ſo wie von der Macht Ihrer Unterhaltung das beſte hoffen darf.

Der Doktor ſchob einen Stuhl an's Fen⸗ ſter und nöthigte ſeinen Begleiter, denſelben einzunehmen; er ſetzte ſich neben ihn.

Ich glaube, Herr von Winter, ſagte die Baronin,unſer vorſorglicher Herr Doktor muthet unſeren Kräften mehr zu, als wir im Stande ſind. Unſere Unterhaltung iſt ſo eine Art Schaumzuckerwerk; es iſt leicht auf der Zunge, zerfließt ſchnell, und nach einigen Se kunden iſt der Geſchmack verloren.

Ich glaube mich zu erinnern, antwortete Herr von Winter,obſchon ich dieſes Zucker⸗ werk ſeit lange nicht mehr genoſſen habe, daß es demſelben nicht an der nöthigen Würze fehlt, um den wiederholten Genuß wünſchenswerth zu machen. Der Eindruck wirkt durch den wie⸗ derholten Reiz auf die Geſchmacksnerven und befeſtigt ſich durch öfteren Genuß.

Herr Doktor, ſagte die Baronin, durch die Worte des Gelehrten geſchmeichelt,Sie müſſen Ihrem Patienten eine andere Kur vor⸗ ſchreiben. Dieſe hat er, wie mir ſcheint, ſchon durchgemacht.

Und wenn auch, entgegnete der Doktor, ſo kann ich doch nicht anders, als mir von einer Wiederholung derſelben die beſte Wirkung zu verſprechen. Doch à propos, ich hätte faſt vergeſſen, Ihnen anzuzeigen, daß ein neuer und zwar ſehr intereſſanter Gaſt eben angekommen iſt. Sie kennen ihn wahrſcheinlich wenigſtens dem Namen nach. Herr Marbach.

Ah, Herr Marbach! wiederholte die Ba⸗ ronin und freudige Ueberraſchung malte ſich in ihren Mienen.Das iſt ſchön!

Sie ſind ein Freudenbote, ſagte der Aſ⸗ ſeſſor,ich kenne ihn, ich habe mich in Prag öfter mit ihm unterhalten. Der wird ein neues Leben in unſeren Kreis bringen.

Wer iſt denn dieſer Herr Marbach, deſſen Name Alle ſo in Entzücken ſetzt? fragte der Banquier Brand, nachdem ſich der Doktor mit einigen entſchuldigenden Worten von der Geſellſchaft beurlaubt hatte.

Und den kennen Sie nicht? fragte der Aſſeſſor.

In der That, der Name iſt mir unbe⸗ kannt, antwortete der Banquier;ich habe ihn

weder auf der Börſe gehört, noch ſonſt wo.

Auch in den Zeitungen nicht von ihm ge⸗ leſen? fragte der Aſſeſſor.

Auch das nicht, verſicherte der Banquier.

Leſen Sie denn kein Feuilleton? inqui⸗ rirte der Aſſeſſor weiter.

Feuilleton wiederholte der Banquier, nein, das leſe ich nicht. Man hat ſo viel an politiſchen Nachrichten, Leitartikeln und Ge⸗ ſchäftsberichten zu leſen, um ſich im Laufenden zu erhalten, daß an Feuilletons gar nicht ge⸗ dacht werden kann. Alſo ein Feuilletoniſt, ein Zeitungsſchreiber?

Er iſt ein Schriftſteller, ſagte der Aſſeſ⸗ ſor,und zwar einer von denen, auf die unſere Nation ſtolz ſein darf. Voll Geiſt, voll Witz, voll Humor.

Schreibt er vielleicht in den Kladdera⸗ datſch oder in die Fliegenden? fragte der Banquier weiter.

Vielleicht wird er ſich dazu bewogen fin⸗ den, wenn er die Ehre haben wird, Ihre geiſt⸗ reiche Bekanntſchaft zu machen, antwortete der Aſſeſſor mit einem ironiſchen Lächeln, in⸗ dem er ſich mit einer Verbeugung gegen die Geſellſchaft entfernte.

Herr Brand ſah dem Davoneilenden eine Weile nach, während er überlegte, ob er belei⸗ digt ſein, oder das Ganze in ſcherzhafter Weiſe hinnehmen ſolle, dann wandte er ſich an die Geſellſchaft, welche bedeutſame Blicke wechſelte und auf das Folgende geſpannt ſchien.

Ein eigenthümlicher Kauz, dieſer Aſſeſ⸗ ſor, ſprach er,man ſollte ihm zu Liebe auf ſeine alten Tage ſich noch mit Verſen und Poe⸗ ten beſchäftigen. Schaut mir darnach aus, als ob er in Literatur machte. Nun, meinetwegen mag er an den Mond Gedichte ſchreiben, mir i*ſt ein guter Kurszettel lieber und beleidigen kann er mich durch ſeine ſchlechten Witze auch nicht.

Jetzt öffnete ſich die Thüre des Salons und herein trat ein Mann, dem ſich alle Blicke zu⸗ wandten. Er war ein Fremder, Niemand aus der Geſellſchaft kannte ihn, und wäre ſein Aeu⸗ ßeres minder intereſſant, ſein Auftreten nicht ſo frei und ungenirt geweſen, er würde ſicher von oben herab, wenigſtens von dem größten Theil der Anweſenden angeſehen worden ſein, weil er es gewagt, ohne Begleitung des Doktors, wel⸗ chem es zukam zu ermeſſen, ob ein Fremder in den Kreis der Auserleſenen treten dürfe oder nicht, ſo auf eigene Fauſt einzudringen.

Der Fremde war ein Mann von etwa drei⸗ ßig Jahren, mittlerer Größe und muskulöſem Gliederbau. Sein Haar war blond, von jener gelblichen Färbung, wie man ſie nicht ſo häufig findet und hing lang auf die Schultern herab. Er trug einen ſtarken Schnurr⸗ und Knebelbart. Dieſes ſo wie ſeine hohe Stirne und die klaren blauen Augen, aus denen ein reicher Genius leuchtete, verliehen ihm ein echtes Künſtler⸗ ausſehen.

Bei ſeinem Eintritte warf er den Kopf

den Kreis und machte dann einige Schritte vorwärts.

Wenn ich mich hier unberufen eindränge, ſo verzeihen Sie es meinem guten Stern, der mir gleich bei meiner Ankunft zeigt, wo eigent⸗ lich hier der Himmel iſt, ſprach er mit einer vollen, kräftigen Männerſtimme, der man es anhörte, daß ſie der mannigfaltigſten Modula⸗ tionen fähig ſei.

Sie ſind gleich uns ein Gaſt hier, ſagte der Offizier,und wir freuen uns in Ihnen einen angenehmen Freudens⸗ und Leidensge⸗ fährten zu begrüßen.

Kennt man denn auch Leiden in dieſem glücklichen Thale? fragte der Fremde mit einem Blick auf den weiblichen Theil der Ge⸗ ſellſchaft.Ich bin zwar erſt ſeit einigen Mi⸗ nuten in dem Städtchen und ſeit einigen Se⸗ kunden hier, doch mir deucht, es gibt kein an⸗ genehmeres Plätzchen auf der lieben Gottes⸗ erde!

Sie haben das kalte Waſſer noch nicht kennen gelernt, mein Herr. Wenn Sie erſt ein⸗ mal in einem naſſen Leintuch geſchwitzt haben, einige Douchen, einige Bäder genommen haben, ſo werden Sie eine Leidensgeſchichte kennen, wie ſie keinem der Märtyrer bekannt iſt.

Ich denke nicht, mich den von Ihnen ge⸗ nannten Torturen zu unterziehen, antwortete der Fremde;ich komme hieher, wie die Schwalbe im Sommer zu uns kömmt, ich will hier mein Neſt für einige Zeit aufſchlagen, will mich freuen in Geſellſchaft von Fröhlichen und mei⸗ nethalben einige Becher des erfriſchenden Waſ⸗ ſers trinken und einige Berge erklettern. Für das weitere ſage ich meinen herzlichſten Dank.

Da wurde die Thür ſchnell aufgeriſſen und der Aſſeſſor ſtürzte in den Saal. Ohne ſich um Jemand zu kümmern, ohne gar den Hut abzu⸗ legen, eilte er auf den Fremden zu, hielt ihm ſeine dürren Arme entgegen und rief:

Ah, Herr Marbach! Ich heiße Sie herz⸗ lich willkommen!

Auch Du, mein Brutus! entgegnete der Umklamnierte, indem er ſich mit einiger Mühe der inbrünſtigen Umarmung entwand.Ums Himmelswillen, zermalmen Sie mich nur nicht gleich in den erſten Augenblicken unſeres Wie⸗ derſehens. Das Leben iſt ſo ſchön!

Die Baronin ziſchelte während dieſer Scene

der Gräfin Mathilde in's Ohr:

Ich hab's gleich bei ſeinem Eintritte ge⸗ ahnt, daß dieſer Fremde der von dem Doktor angekündigte Gaſt ſein müſſe. Ein ſchöner Mann, nicht wahr, meine Liebe?

Mathilde antwortete nichts, aber eine zarte Röthe überflog ihre Wangen.

Das iſt ſchön! das iſt herrlich, daß Sie auch da ſind! fuhr der Aſſeſſor fort.Doch ſehen Sie, wie mich die Freude über Ihre An⸗ kunft ganz konfus gemacht hat. Ich habe ver⸗ geſſen, Sie den geehrten Anweſenden vorzuſtel⸗ len. Meine Herren und Damen, wandte er

etwas zurück, daß die Haare vom Nacken leicht ſich h Geſellſchaft,Herr Hugo Mar⸗

aufwallten, überflog mit einem raſchen Blick bach,

er berühmte vaterländiſche Dichter, def⸗