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Durch die Anmuth und Lebendigkeit ihres Geiſtes wußte ſie ſelbſt, als ihre äußeren Reize — die ihr übrigens bis über 60 Jahre treu blie⸗ ben— Alles zu feſſeln und die beſte und höchſte Geſellſchaft an ſich zu ziehn.„Der Frohſinn des Geiſtes,“ ſchrieb ſie an Saint⸗Evremond,„iſt ein Zeichen ſeiner Kraft.“ An der Tafel zeigte ſie ſich ſo lebhafter und munterer Stimmung, daß man von ihr ſagte, ſie ſei trunken von der Suppe, denn ſie trank nichts als Waſſer. Sie behauptete, im Leben dürfe man ſich mit nichts vorſehn, als mit Lebensmitteln, niemals mit Vergnügungen, denn dieſe müſſe man immer vom Zaune bre⸗ chen. Sie war mit der Welt ganz zufrieden, nur meinte ſie, die Falten wären unten an der Fußſohle weit beſſer placirt, als auf dem Geſichte.
Als Ninon endlich ihre Jugend bis zum neun⸗ zigſten Jahre gebracht hatte, fühlte ſie, daß ſie doch eines Tages auch dem Geſchicke aller Uebrigen verfallen könnte, und ſo hatte ſie keinen andern Wunſch, uls Madame de C. möchte Recht haben, welche meinte, nach dem Tode mit den Freunden in der andern Welt weiter plaudern zu können.
Auffallend iſt es, daß gerade jene Perſonen, bei denen man die Gabe des Wortes vorauszu⸗ ſetzen pflegt, die Dichter, in der Konverſation mneiſt eine klägliche Rolle ſpielten. So heißt es von La Fontaine:„Er erſcheint plump, ſchwerfällig und ſtupid; er kann nicht einmal er⸗ zählen, was er eben geſehn hat; doch ſobald er ſich zum Schreiben ſetzt, iſt er das Muſter guter Erzähler. Er läßt Thiere, Bäume, Steine, kurz alles reden, was nicht redet, nur er ſelbſt verſteht nicht zu reden.“
Von Corneille iſt es bekannt, daß er im⸗ mer ungeſchickt in der Unterhaltung war. Mar⸗ ville ſagt von ihm:„Seine Konverſation war ſo ſchwerfällig, daß ſie zur Laſt wurde, ſobald ſie eine Zeit dauerte. Er hat nie das Franzöſiſche korrekt geſprochen.(1)
Moliére verſtand zwar das Plaudern, aber er war zu bequem dazu.
Noch geſchickter und gewandter war Racine darin— war er doch nahezu ein Höfling!— und doch verurſachte ein Verſehen in der Konverſation mit der Maintenon und dem König die aller⸗ höchſte Ungnade, über welche ſich der Dichter zu Tode kränkte.
Die Unterhaltung der Maintenon ſelbſt war gewählt und von unendlichem Reiz. Als ſie noch Madame Scarron war, flüſterte ihr eines Tages bei der Tafel der Bediente in's Ohr:„Madame, ſchnell noch eine Geſchichte, wir haben heute keinen Braten.“
Ludwig XIV. drückte der Konverſation, wie allem übrigen, das Siegel einer ſouveränen Ele⸗ ganz auf.
Im achtzehnten Jahrhunderte erhielt die Konverſation einen noch höheren Glanz. Sie wurde eine Macht, und zwar eine der größten. Das achtzehnte Jahrhundert war die Herrſchaft des Salons, das heißt der vereinigten Konver⸗ ſation und Philoſophie. Die eine wie die andere war die beſtändige Beſchäftigung dieſer geſammten Geſellſchaft. Kein Tag feierte. Man dinirte am Sonntag und Donnerſtag bei dem Baron von Holbach, am Montag und Mittwoch bei Madame Geoffrin, Dienſtag bei Helvetius, Freitag bei Ma⸗ dame Necker.
Der erſte Salon von Bedeutung war jener der Frau De Lambert. Mitten unter den Aus⸗ ſchweifungen der Regentſchaft öffnete ſie durch mehr als zwanzig Jahre ein Aſyl dex Konver⸗ ſation, dem geiſtreichen Geplauder, wienben ern⸗ ſten Unterſuchungen. Sie hatte ein ſolches An⸗ ſehen bei Gelehrten und Künſtlern, daß man nicht leicht früher in die Akademie aufgenommen wurde, wenn man nicht bei ihr und von ihr vorgeſtellt worden war.„Es iſt ſicher,“ ſagt D'Argenſon, „daß ſie gewiß die Hälfte der akademiſchen Plätze
beſetzt hat.“ Man nannte ihr Haus auch nur das Bureau des Geiſtes.
Madame De Tencin— die Mutter D'Alem⸗ bert's— war eine Frau von wenig Herz, aber von viel Geiſt und außerordentlich praktiſchem Verſtande. Eine ihrer Maximen war:„Leute von Geiſt begehen dadurch viele Fehler, daß ſie die Menſchen niemals für ſo dumm halten, als ſie wirklich ſind.“
Ihre Gäſte, worunter Männer wie Montes⸗ quieu und Fontenelle ſich befanden, war ſie ge⸗ wohnt„ihre Hausthiere“ zu nennen.
Als ſie gegen ihr Ende bemerkte, daß Ma⸗ dame Geoffrin ſehr eifrig mit ihren Beſuchen war, ſagte ſie:„Wiſſen Sie, was die Geoffrin hier will? Sie kommt um zu ſehen, was ſie dereinſt von meinem Inventar wird brauchen können.“
Und in ver That traf es ſich, daß der Salon der Madame Geoffrin die Erbſchaft übernahm. Er war der vollſtändigſte, beſt organiſirte, man kann ſagen, beſt adminiſtrirte ſeiner Zeit, eine der Inſtitutionen des achtzehnten Jahrhunderts durch dreißig Jahre.
Sie, die Tochter eines Kammerdieners, hatte einen Mann geheiratet, der in Betreff des Geiſtes nur ſo viel gehabt hatte, ſeiner Frau ein anſehn⸗ liches Vermögen zu ſichern, übrigens aber noch weniger, als gewöhnlich war. Man gab ihm, er⸗ zählt man, immer den erſten Band desſelben Werkes zu leſen, ohne daß er es merkte, er fand, daß das Buch intereſſant ſei, nur wiederhole ſich der Verfaſſer ein wenig.
Madame Geoffrin verſammelte um ſich nicht blos Schriftſteller, ſondern alle ausgezeichneten Künſtler jeder Art, und brachte ſie mit einander und mit der Welt in Beziehung, mit einem Worte: ſie hatte die Encyklopädie des Jahrhun⸗ derts in Wirklichkeit um ſich. Kein Fremder von Auszeichnung, kein Geſandter, keine fürſtliche Perſon kam nach Paris, ohne um den Eintritt in ihren Salon ſich zu bewerben.
Es ſei hier nebenbei ein Zug ihrer reizen⸗ den Delikateſſe erwähnt. Man machte ihr eines Tages bemerklich, daß Alles in ihrem Hauſe voll⸗ kommen ſei, nur nicht die Sahne.„Was wollen Sie,“ ſagte ſie,„ich kann keine andere Milchfrau nehmen.“—„Ei, und was hat denn dieſe Milch⸗ frau gethan, daß Sie nicht von ihr laſſen?“— „Ich habe ihr zwei Kühe gegeben.“
Von ihren Lebensregeln ſeien erwähnt:
„Sparſamkeit iſt die Quelle der Unabhän⸗ gigkeit und Freiheit.“
„Man darf nicht Gras wachſen laſſen auf dem Wege der Freundſchaft.“
Vielleicht nicht ſo vollſtändig, wie der Salon der Geoffrin, aber jedenfalls ausgezeichnet, war jener der Madame Du Deffand, des„weiblichen Voltaires,“ wie Villemain dieſe Frau nennt. Da ſie in ihrem Alter erblindete, nannte man ſie „die hellſehende Blinde“, weil ihr trotz des feh⸗ lenden Augenlichtes auch nicht das geringſte ent⸗ ging. Sie blieb auch bis an ihr Lebensende die⸗ ſelbe, lebhaft, unermüdlich, von einer„herkuli⸗ ſchen Schwäche,“ wie Walpole ſagte. Sie ſchlief nicht; es war ihr zum Bedürfniſſe geworden, die Nacht in der Geſellſchaft zuzubringen. Als ſich Walpole in Paris befand, ſieht er eines Morgens, ehe er ſich noch angekleidet hatte, den Wagen der Frau Du Deffand vorfahren. Sie leiſtet ihm, wäh⸗ rend er ſich ankleidet Geſellſchaft, was, wie ſie be⸗ merkt, nichts unanſtändiges habe, da ſie nichts ſieht; Walpole geht mit ihr ſpazieren und ver⸗ läßt ſie erſt um halb drei Uhr in der Nacht, und am Morgen, ehe er noch die Augen aufſchlug, hatte er ſchon einen Brief von ihr.„Kurz,“ ſagt er,„ihre Seele iſt unſterblich, und nöthigt ihren Körper, ihr Geſellſchaft zu leiſten.“
Nach ihr wurde De Leſpinaſſe, die Freundin D'Alemberts, eine der anerkannten Mächte des
nur zwei
achtzehnten Jahrhunderts. Die Jugend und die Literatur, die Encyklopädiſten in Maſſe waren für ſie. Ihre große Kunſt in der Geſellſchaft, eines der Geheimniſſe ihres Erfolges, war die Feinheit, mit welcher ſie den Geiſt der andern herausfühlte, ihn zur Geltung brachte und dabei ihren eigenen zu vergeſſen ſchien.
Ich hätte früher ſchon den kleinen Hof der kleinen Herzogin von Maine im kleinen Schloſſe zu Sceaux erwähnen können. Sie war faſt zwerg⸗ haft und hatte das Ausſehen eines Kindes von zehn Jahren, als ſie in ihrem ſechzehnten Jahre heiratete. Man machte eine Deviſe für ſis:„Die Honigfliege,“ mit den Worten aus Taſſo:„Sie iſt klein, aber ſie macht grauſame Wunden.“ Das gab Veranlaſſung, daß man ſpäter eine Ge⸗ ſellſchaft unter dem Titel:„Orden der Honig⸗ fliege“ mit Regeln, Statuten und Medaillen bil⸗ dete. Man ſchwur bei dem Berge Hymettus.
Voltaire fand auf dieſem Schloſſe, als er verfolgt wurde, ein freundliches Aſyl. In einem abgelegenen Zimmer, deſſen Fenſtervorhänge den Parden Tag herabgelaſſen waren, arbeitete er bei Kerzenlicht viele ſeiner Erzählungen, darunter „Zadig“. Abends las er ſie der Herzogin vor. Dieſe Prinzeſſin war durch ihr ganzes Leben ein verdorbenes Kind. Die Idee, welche ſie von ſich ſelbſt hatte, war eben ſo gut ein Vorurtheil, wie alle ihre übrigen Meinungen. Sie wußte alles und nichts.
Die Konverſation, welche Sonntags und Donnerſtags beim Baron von Holbach ſtatt⸗ hatte charakteriſirt ſich durch ihre antireligiöſe Freiheit. Es war dort das Stelldichein der kühn⸗ ſten Geiſter, Diderot, Grimm, Naigeon, Lagrange ec.
Jean Jacques war anfangs auch in dem Zirkel, ſpäter hatte er ſich zurückgezogen, und zwar aus folgendem Grunde. Holbach fand, ſagt man, daß Rouſſeau'’s gewöhnliche Konverſation gemein und niedrig ſei, aber daß ſie erhaben oder närriſch wurde, ſobald man ihm widerſprach. Er ſetzte ihm alſo mit Widerſprüchen zu, um je nach Gelegen⸗ heit Gelächter oder Begeiſterung hervorzurufen. Rouſſeau, verletzt, mied nun das Haus des Barons.
Einer der letzten Salons des achtzehnten Jahrhunderts war der Zeit nach jener der Frau Necker. Buffon nahm bei ihr denſelben Rang ein, wie Fontenelle bei der De Lambert. Aus der Schweiz nach Fraukreich überſiedelt, fand ſie ſich anfangs ein wenig fremd in Paris und konnte ſich nur mit Mühe akklimatiſiren. Sie hatte ſich ihre Idee von den Autoren in Paris blos durch Bücher gebildet, und ſie merkte bald, wie die Wirklichkeit ganz anders ſei.
Sie ſchreibt in einem Briefe an eine Schweizer Freundin:„Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich ſeit meiner Ankunft in Paris auch nicht einen Augen⸗ blick auf Grundlage der Ideen gelebt habe, die ich mir angeeignet hatte; ſondern ich ſah mich ge⸗ nöthigt, meinen Geiſt ganz von neuem umzu⸗ geſtalten, für die Charaktere, die Umſtände, die Konverſation.“
In dem Verhältniſſe, wie der Einfluß Neckers ſtieg, vergrößerte ſich der Zirkel ſeines Hauſes. Um Alle aufzuzählen, die ſich damals in dem Salon der Frau Necker vereinigten, müßte man die Elite von ganz Frankreich herrechnen.
Eine treffliche Bemerkung, welche der Frau Necker zugeſchrieben wird, mag hier eine Stelle finden.
„Die Frauen,“ ſagt ſie,„füllen die Zwi⸗ ſchenräume der Konverſation und des Lebens aus, wie der Flaum in den Kiſtchen mit Por⸗ zellan. Man zählt den Flaum für nichts, und doch würde alles ohne ihn zerbrechen.“
Der Salon ihrer Tochter, der Frau von Staöël, bildet den natürlichen Uebergang vom acht⸗ zehnten zum neunzehnten Jahrhundert; er hat noch den Geiſt des erſteren und bereits die Be⸗ redſamkeit des andern.


