die Gurgel ſchütten, daber dann aus Wiedertrieb des Athems kleine Bläschen auffahren, welch die Unſern Flores, zu teutſch Blümlein oder Röslein zu nennen pflegen.“
Geht der Trunk nach der Reihe herum, ſo heiße er Rundtrunk. Ein ſolcher Rundtrunk iſt die Geſundheit, welcher um Eines Geſundheit willen mit entblößtem Haupte ſtehend von der ganzen Geſellſchaft verrichtet und getrunken wird.
Ein wichtiger Trunk iſt die Brüderſchaft oder der Duztrunk.
Mit einem Pix⸗Krämer ſollte der Student nicht auf Duzbrüderſchaft trinken, doch mochte er es thun, wenn er von einem ſolchen zum öftern angeſprochen wurde,„inmaßen dann dieſes ſehr viel thut in dem Wechſel, Geld ſchießen und be⸗ vorab zu einem guten Kredit, wann die Seckel ausgeweidet und die Motten in die Taſchen kommen ſeind“.
Andere Trünke ſind: Curl, Murl, Puff, welcher mit vielen ſeltſamen Poſſen verbunden war; Der Lateiniſche Trunk, welcher vier mal muß getrunken werden; Das Rößlein verkaufen; Den Unbekannten bringen; Sine Tuck, ſinne Schmuck, ſinne Bartwiſch.
Auch gab es Trünke, wo Zwei oder mehr aus einem Glas trinken, z. B. das römiſche Reich. In Niederſachſen pflegten Vier aus einer Kanne zu trinken, wobei der Letzte den Reſt voll⸗ ſtändig austrinken mußte, dieſe Art hieß„Den Fuchs ſchlepfen“.
Gegen das Trinken war ſchon im 16. Jahr⸗ hundert geeifert worden; Luther äußerte ſich an kurfürſterlicher Tafel dagegen:„Da ſolltet ihr Fürſten zuerſt dazuthun.“—„Ja, wir thun ge⸗ nug dazu,“ ſagte Herzog Ernſt,„ſonſt wäre es wohl ſchon abgekommen.“
Noch mehr eiferte man im 17. Jahrhunderte. Die Pfalzgrafen beim Rhein, die Herzöge von Baiern, der Erzbiſchof von Trier ꝛc. errichteten 1624 einen Fürſtenbund zu Abſtellung des Voll⸗ trinkens, und die Kurfürſten von Sachſen erließen manches Mandat gegen das übermäßige Trin⸗ ken— aber Alles das half wenig oder gar nichts. Man trank und ſang dazu:
Es muß hinein
Und ſoll hinein,
Was nutzen tauſend Thaler, Wenn wir geſtorben ſein.
Gar wild mag es in dieſer Beziehung auf den Univerſitäten hergegangen ſein.
Meyfart erzählt hierüber:„Andere Profeſſo⸗ res auf manchen Univerſitäten haben große Urſache darzu gegeben, wenn ſie mit akademiſcher Jugend gefreſſen, geſoffen, geblöckt, geſchwermet; Wenn ſie unter dem Freſſen und Sauffen die Geiger und Trommeter hohlen, und die Feld⸗Stücke zum Fenſter hinaus blaſſen; Wenn ſie neben der Aka⸗ demiſchen Jugend theils auf offenen Plätzen, theils in Stuben, auf Sälen, in Gärten, in Höfen, in Forwercken, in Wieſen gehüpfet, getantzet. Dieſes hat inbeſonderheit jene gezieret, ſo ent⸗ weder in langen Röcken oder langen Mänteln, oder geſtutzten Hartzkappen daher gehüpfet, wie die Elſtern; oder wie die Iſraeliten um das aro⸗ niſche Kalb.“
Moſcheroſch entwirft uns in ſeinem:„Phi⸗ lander von Sittewald“ auch ein Bild des Kneip⸗ lebens, das zu abſtoßend iſt, um ganz hier auf⸗ genommen zu werden. Unter andern heißt es: „Als ich auff anmahnen beſſer hien zu trate, ſahe ich, es ſaſſen die vornembſte an einer Tafel, und ſoffen ainander zu, daß ſie die Augen ver⸗ kehreten als geſtochene Kälber. Einer brachte dem andern eins zu, auß einer Schüſſel, auß einem Schuh. Einer reichte dem andern die Hand, fragten ſich unter einander nach ihren Namen, und verſprachen ſich ewige Freund und Brüder zu ſein, mit angehencktem dieſem gewöhnlichen Burſch⸗ ſpruch: Ich thue was dir lieb iſt, ich meyde
was dir zuwider iſt.“ Die aber, ſo ein ander nicht Beſcheyd thun wollten, ſtelleten ſich theils als Unſinnige und als Teufel, ſprangen für Zorn in alle höhe, raufften auß begier ſolchen ſchimpff zu rechen ſich ſelbſten die Haare auß, ſtießen einander die Gläſer in das Geſicht, mit den Dägen herauß, und auf die Haut, biß hie und da einer nider fiele und ligen bliebe; und dieſen Streit ſahe ich auch under den beſten⸗ und Bluts⸗ freunden ſelbſt, mit Teuffeliſchem wüten und toben geſchehen.“
Die Rohheit ſolcher Gelage hat doch, Dank der fortſchreitenden Verfeinerung der Sitten und der Genüſſe, zum großen Theile einer anſtändi⸗ geren und freundlicheren Geſelligkeit weichen müſ⸗ ſen, wenn auch für die Mäßigkeitsvereine immer⸗ hin noch einiges zu thun bleibt.
Die Heroen unſerer Literatur waren eben keine Mäßigkeitsapoſtel; das„Lied an die Freude“ ſoll die Muſe zur Mutter und Bacchus zum Va⸗ ter haben; Goethe nannte das Trinken„ein löb⸗ liches Thun“ und Jean Paul unternahm nie eine poetiſche Exkurſion ohne ein und die andere Flaſche Wein in den Taſchen ſeiner langen Rock⸗ ſchöße.
Sagt doch ſchon Moſes:„Der Wein erfreut des Menſchen Herz“ und Sirach ruft aus:„Was iſt das Leben, wo kein Wein iſt!“
Dem Guten iſt's zu gonnen
Beim Untergang der Sonnen, Daß er in ſich geht und denkt, Wo man einen guten ſchänkt.
Wird nur immer die Mahnung des Liedes beherziget:
Ich ſag' halt allweil: modice! Ich ſteh' noch allweil g'rad', Doch liegt man auf dem p— Iſt's um den Wein nur ſchad,— ſo darf man getroſt mit Hebel fragen: Ne Trunk in Ehre, Wer will's verwehre?
Ein Kapitel über Konverſation.
Wir Deutſchen beſitzen keinen entſprechenden Ausdruck für„Konverſation“; warum? weil wir die Sache ſelbſt nicht haben.„Unterhaltung“ iſt zu allgemein und„Geſpräch“ zu ſchwerfällig.
Der Franzoſe beſitzt unter allen Völkern am meiſten die Gabe der Konverſation, denn er hat alle Eigenſchaften, die hierzu befähigen: Lebhaf⸗ tigkeit, Klarheit, Munterkeit, Witz und natürlichen Verſtand in ſcharf ausgeſprochener Weiſe.
„Die franzöſiſche Pointe,“— ſagt de Maiſtre —„ſticht wie die Nadel, um dem Faden der Unterhaltung Durchgang zu verſchaffen.“
Griechen und Römer hielten mehr Diſſerta⸗ tionen, als ſie konverſirten. Kein Wunder, fehlten doch die Frauen, die in ihren Frauengemächern abgeſondert einer ſtumpfen Langweile lebten.
Im Mittelalter iſt an den galanten Liebes⸗ höfen der erſte Keim der Konverſation zu ſuchen, welche endlich im fünfzehnten Jahrhundert, dem Beginne des modernen Lebens, in Italien ihren Boden fand. Herren und Damen vereinigen ſich, um ſich„Novellen“ zu erzählen und über den Inhalt derſelben ſich in heiter ſtreitender Weiſe zu ergehn. Was anfangs nur ein Mittel war, die Zeit zu vertreiben, wird Vergnügen, und was nur Vergnügen war, wird bald Bedürfniß.
Nach den grauſamen Vorgängen des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts verwendete ein Franzoſe, Namens Honoré d'Urſe die Muße ſeines Exils zur Verfaſſung eines Romans, in welchem er das Ideal eines ruhigen, verliebten Hirtenlebens zu
malen verſuchte:— Die Aſtrea.
———
315
Der Erfolg desſelben war allgemein und grenzenlos. Unter andern Beweiſen von Enthu⸗ ſiasmus erhielt d'Urſe einen Brief von 50 fürſt⸗ lichen Perſonen Deutſchlands, die ihm anzeigten, daß ſie nach Art der Hirtengeſellſchaften in der Aſtrea eine Akademie wahrer Liebenden errichtet hätten.
Dieſer Roman, der unſere Altvordern wei⸗ nen machte und uns nur noch ein Lächeln abnö⸗ thigt,— es ſind darin mehr als hundert Perſonen, alle verliebt und faſt alle tugendhaft— wirkte damals maßgebend auf die ganze Literatur, das Theater und die Geſellſchaft ein, und war die Veranlaſſung zu den geſelligen Zirkeln des Hötel de Rambouillet.
Drei Frauen führten hier nach einander— man ſtoße ſich nicht an die alte, doch gute Meta⸗ pher— den Szepter geiſtreicher Unterbaltung: die Mutter, die Tochter, die Enkelin; Julie Sa⸗ velli, Katharine de Vivonne, Julie d'Angennes.
In ihrer Blüthezeit waren dieſe Zirkel aus allem zuſammengeſetzt, was durch Geburt oder Geiſt ausgezeichnet war. Condé, Conti, La Roche⸗ faucauld, Scarron, Corneille, Boſſuet,— wer kennt dieſe Namen nicht?
In dieſen glänzenden Zirkeln reinigte ſich, wenigſtens verhältnißmäßig, der Geſchmack. Die Männer gewannen von den Frauen Höflichkeit, Eleganz und Takt, und die Frauen von den Männern ihrerſeits einen größeren Geſichtskreis durch Kenntniſſe und fertiges Wiſſen. Die ge⸗ lehrt Gebildeten wurden Weltleute, und die Weltleute gebildet; es entſtand eine Fuſion zwi⸗ ſchen den Ideen und den Formen, der Wiſſen⸗ ſchaft und dem Leben. Bemerkenswerthe Sache! ein einfacher Bürgerlicher— Voiture— der Sohn eines Weinhändlers, wird durch den Freibrief ſeines Geiſtes zur höchſten Geſellſchaft zugelaſſen und lebt auf dem Fuße der Gleichheit mit den größten Namen Frankreichs.
Von nun an ging Literatur und Konver⸗ ſation Hand in Hand; den Anregungen der ge⸗ ſelligen Zirkel, welche ſich bald an mehreren Orten bildeten, verdanken wir die beſten Werke jener Zeit.
Mademoiſelle de Scudery ſuchte nach Auf⸗
löſung der Zirkel im Hôtel Rambouillet der Mit⸗
telpunkt eines neuen zu werden. Allein die Ele⸗ mente waren bereits nicht mehr dieſelben; die Bürgerlichen gewannen allmälig das Uebergewicht über den hohen Adel, der Ton der Konverſation verlor an Leichtigkeit und bald fanden die Luſt⸗ ſpieldichter Gelegenheit, die„lächerlichen Preciö⸗ ſen“ und die„gelehrten Frauen“ mit treffendem Spotte anzugreifen.
Die Preciöſen redeten nur mit den Spitzen der Lippen und aßen nur mit den Spitzen der Zähne. Sie konnten es nicht ertragen, daß man z. B. ſagte, ich liebe die Melonen, das hieß das Wort„Liebe“ proſtituiren, man mußte ſagen: ich achte die Melonen.
Weniger geſchraubt ging es in dem Salon der Ninon de l'Enclos zu. Trotz ihrer mora⸗ liſchen Zügelloſigkeit muß man ihr doch ein tref⸗ fendes Ürtheil und einen treuen Sinn für Freund⸗ ſchaft zugeſtehn. Ihr oft ausgelaſſener Witz birgt meiſt einen tiefen Zug. Die hohen Perſonen, die bei ihr aus⸗ und eingingen, ſicherten ſie vor der Strenge der Regentin⸗Mutter.
Der Prinz von Condèé gab ihr öffentliche Beweiſe ſeiner Achtung. Da er ſie einmal in ihrem Wagen traf, ließ er den ſeinen anhalten, ſtieg ab und ging, den Hut unter dem Arm, um ſie im Angeſichte der erſtaunten Menge zu
grüßen.
Unter Ludwig XIV. ordnete ſie ihr Leben nach und nach auf einen mehr anſtändigen Fuß und ihr Salon wurde muſtergiltig; alles war dortdelikat, leicht und doch gemeſſen; Spiel, lautes Lachen, Dispute, religiöſe und politiſche Geſpräche waren verbannt, ja ſelbſt die— Mediſance.
4
—— ,,..
— —


