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Ein Kapitel über das Trinken.
Da der große Baco von Verulam in ſeinem Werke de augmentis scientiarum behaup⸗ tet, daß in einer Wiſſenſchaft nicht mehr viel ge⸗ leiſtet werde, ſobald man ſie ſyſtematiſch zu be⸗ handeln anfange: ſo ſoll denn in unſerer Abhand⸗ lung über das Trinken alles gefundeu werden, nur keine Ordnung.
Daß ſich der Gegenſtand übrigens ſyſtema⸗ tiſch behandeln laſſe, beweiſen alte und neue Ge⸗
lehrte. Was ZJunder auch,— beim Trinken kommt man unserſehens zum Zopfe. Lehren
und leeren hat dieſelbe Wirkung.
Von den ſyſtematiſchen Schriften über das Trinken ſeien hier nur folgende erwähnt: Das lateiniſche Büchlein de arte bibendi— die Kunſt zu trinken— ein Gegenſtück zu Ovids:„Die Kunſt zu lieben“, ferner des Joh. von Schwarzen⸗ berg:„Der Zutrinker und Praſſer Geſatz, Or⸗ denung und Inſtruktion“ vom Jahre 1512 und endlich des witzigen Lichtenberg geſammelte Re⸗ densarten über Trunkenheit, welches Schriftchen er allen rothen Naſen dedieirte.
Aus der letztgenannten Sammlung iſt zu erſehen, wie reich der Deutſche an Ausdrücken
and iſt, der ſchon ſeit Tacitus her
für einen Zuſtand
für eine nationale Eigenthümlichkeit der Germa⸗ nen angeſehen wird.
Faſt jeder Sta a
eine Bezeichnung da einen Schuß, der lehrte etwas im K
i 1 l Stand und jedes Gewerbe hat u geliefert. Der Jäger hat ldat einen Hieb, der Ge⸗ pfe, der Friſeur einen Haarbeutel; der Kerzenfabrikant iſt illumi⸗ nirt, der Lieferant geliefert, der Muſikant ſieht den Himmel voll Geigen, dem Redner iſt die Zunge ſchwer, der Tänzer kann auf keinem Beine mehr ſtehn, de etwas unter dem Dache oder auch im Ober⸗ ſtübchen, der Kravatenmacher hat einen hin⸗ ter die rde gegoſſen, der Fuhrmann ſchief geladen, der Schiffer lavirt oder ſegelt mit vollen Segeln, oder er hat einen Sturm; der Sterngucker hat zu tief in's Glas geguckt oder er ſieht zwei Sonnen, der Wohlthäter hat des Guten zu viel ge⸗ than, der Fromme iſt ſelig, der Glaſer hat gläſerne Augen, der Dachdecker iſt gedeckt, der Vorſichtige hat ſich gut vorgeſehn, der Gemüthliche etwas zu viel zu Gemüthe ge⸗ zogen, der Todtengräber endlich iſt begraben u. ſ. w. u. ſ. w.
Auch aus der lateiniſchen Sprache haben wir trotz des eigenen Vorrathes einige Bezeichnungen geholt, wie z. B.„ſich ein bene thun“,„er hat einen habemus“,„es ſtieg ihm in's Capito- lium“ etc., und das mit Recht, denn die Römer verſtanden ſich außer den Eroberungszügen auch auf andere gewaltige Züge im naſſen Felde. Schreibt doch Seneka, der Stoiker! in ſeiner köſt⸗
Bin
lichen Schrift über die Gemüthsruhe:„Zuweilen
darf's wohl auch zu einem Räuſchchen kommen, nicht daß es uns erſäufe, aber doch, daß es uns untertauche. Das vertreibt die Grillen und rüt⸗ telt das Gemüth in ſeinen Tiefen auf.“ Horaz ſingt:„Es iſt gar ſüß, zu Zeiten den Verſtand fahren zu laſſen,“ und Plato, der genialſte Grie⸗ che, behauptet:„Vergebens klopft, wer bei ſich ſelbſt iſt, an die Muſenpforte an“.
Als das Studium der Klaſſiker in Deutſch⸗ land wieder in Aufſchwung kam, ſuchten die gro⸗ ßen Humaniſten obigen Regeln getreulich nach⸗ zukommen. Mit Freude erinnert ſich Johann Vigilius der ſchönen Zeiten, als Reuchlin bei ihm in Heidelberg war, wo ſie ſich die Nächte bei einem Glaſe Wein verkürzten;— wenn ſie dann
r Architekt hat
Die Bürger blieben hinter ſo würdigen Mu⸗ ſtern nicht zurück. Als M. Stöffler zu Tübingen auf das Jahr 1524 eine allgemeine Sündfluth verkündete, flüchtete ſich der Bürgermeiſter Hen⸗ dorf zu Wittenberg auf den oberſten Boden ſei⸗ nes Hauſes, ließ ſich aber ein Viertel Gebräude Bier heraufholen, vermuthlich, wie die Chronik ganz naiv hinzuſetzt,„um ſich an das Trinken zu gewöhnen.“
Der Durſt im heiligen römiſchen Reiche mußte damals eine ſchreckliche Höhe erreicht haben, denn Kaiſer und Reichstage eiferten fruchtlos mit Edikten gegen die Trinkluſt und namentlich das Zutrinken. So erließ Maximilian im Jahre 1512 „in Anbetracht des unausſprechlich großen Nach⸗ theils und Schadens, ſo im heiligen Reich oft und viel aus dem Zutrinken erwachſen iſt, und künftiglich entſtehen möchte,“ einen„ſonderlichen Artikel“ dagegen, woraus wir Folgendes her⸗ vorheben:
„WJewol das Zutrincken auff vorgehaltenen Reichßtagen mehr denn ein mal höchlich verbot⸗ ten, So iſt es doch bißher wenig gehalten, volln⸗ zogen oder gehandhabt worden. Darumb ſoll in allen Landen ein jede Oberkeyt, Hohe und Nid⸗ rige bei ihr ſelbs und bei jhren Underthanen ſolchs abſtellen und das bei merklich hohen Pee⸗ nen verbieten.
Und ob die vom Adel ſolchs nicht meiden wolten, daß denn Keyſerliche Maieſtat, Churfür⸗ ſſten und Fürſten dieſelben ſcheuen und an ihren Höfen oder Dienſten nicht halten.
Die aber, ſo geringern Stands weren, ſollen ſie an ihren Leiben hertiglich darumb ſtraffen.“
Wie wenig auch dieß Edikt gefruchtet, be⸗ weiſet Mathias Friderich's„Saufteufel“(1552)
in welchem mit den ſtärkſten Zügen die Unſitte jener Zeit gezeichnet iſt. Zuvörderſt kommt darin
„Des hölliſchen Satans und der Stände ſeines Reichs Sendbrief an die Zutrinker“, welcher in ironiſcher Weiſe die Regeln entwickelt, wie es trotz weltlicher und kirchlicher Satzung beim Zu⸗ trinken zu verbleiben habe und ſolches zu üben ſei. So heißt es unter anderem:
„Item, wo Frauen und Jungfrauen darbei ſind, ſo laſſet ſie den Geſellen helfen. Laßt euch nicht irren, daß ſie ſich erſtlich gehebe(anhal⸗ tend) bedunken, und mit geringem Trinken an⸗ fangen, denn es kommt wohl weiter. Das haben wir wohl durch viel Erfahrung befunden.“
Den Schluß bildet die Aufzählung der —.= 8. 14 6 8— „Hölliſchen Wunderwerke im Zutrinken.“„S
ſollt ihr zu Zeiten die Trunkenen ohn Schaden ſehen fährlicher Weis rennen, laufen und fallen, welches keinem Nüchtern anging. Ferner ſo macht die Trunkenheit die Geraden lahm, die Lahmen ſpringen und tanzen, die Wohlhörenden taub, die Redenden ſtumm, wahre Feindſchaft gewinnt Geſtalt großer Freundſchaft, der Freund aber wird geſcholten, die Alten werden zu Kindern,
die Subtilen grob, die Friedſamen rumoriſch, des Schadens wird gelacht, die Nacht wird zum
Tag, die ſtillſtehenden Häuſer laufen und eins wird geacht für zwei“ und dergleichen Wun⸗ derwerke mehr, wie ſie ſich wohl auch noch in unſerm ſkeptiſchen Jahrhundert wiederholen mögen.
Noch intereſſanter iſt der„Sendbrief an die vollen Brüder“ von demſelben Mathias Friderich. Er ließ denſelben auf ſeinen„Saufteufel“ folgen, als er ſah„wie das Saufen bei uns Deutſchen ſo gar überhand genommen hat, alſo daß es ſchwerlich, ja gleich unmöglich ſcheint, daß es ſollte bei uns ganz ausgereutet können werden.“
des Morgens aufſtanden, konnten ſie die Kleider! noch nicht unterſcheiden, und verwechſelten ſie. Der gelehrte Eobanus Heſſus war der König würmlichen Trinkreiches, er trank alle, die weite Welt, ſeſſen wollten, unter den Tiſch.
„Es üben ſolch Laſter jetzund nit allein die Mannsperſonen, ſondern auch die Weiber, nicht allein die Alten, ſondern auch die Kinder; die können allbereit einander eine Halbe zutrinken; die Eltern lehren's wohl auch ihre Kinder: Nu
Du kannſt. Ganzes.“ „ So braucht man auch nicht mehr gebür⸗ liche und gewöhnliche Trinkgefäß, ſondern aus Schüſſeln, Töpfen, Käſenäpfen, Becken, Hand⸗ fäſſern, Fiſchpfannen, Kacheln, item aus Hüten, Schuhen und ſo noch was ärgers iſt, ſäuft man einander zu.“ „Man findet auch immer eine neue Weis lüber die andere. Etliche ſpielen den Wein oder das Bier einander zu, die Andern ſingen's ein⸗ ander zu, Andere tanzen's einander zu, Etliche fluchen’s einander zu, Etliche füllen's einander mit Füllhälslein oder Trichtern ein.“
„ Alſo hat man auch den Willkomm*) erfunden, damit man die Leut empfahen und den lieben Gaſt will fröhlich machen; den darf Kei⸗ ner niederſetzen, er trink ihn denn zuvor gar ans.“
Eine hohenlohiſche Lehensurkunde aus dieſer Zeit fordert von den Vaſallen, den großen, eine Maß haltenden Lehensbecher bis auf die Nagel⸗ probe zu leeren, zum Zeichen,„daß man ein deutſcher Edelmann ſei und dem Vaterlande er⸗ ſprießliche Dienſte zu leiſten vermöge.“— Dem Geſandten W. Temple wurde in Münſter bei Gelegenheit eines Toaſtes auf den König eine vergoldete Glocke von zwei Maß gereicht. Nach⸗ dem man den Klöppel herausgenommen, wurde ſie mit Wein gefüllt und auf einen Zug geleert; hierauf der Klöppel wieder eingehängt und die Glocke geläutet, zum Beweiſe,„daß man ehrliches Spiel geſpielt habe“. Weber berichtet von Be⸗ chern, die ſo groß waren, daß man, während ſie in einem Anſatze geleert wurden, ſechs Mal aus derſelben Piſtole(kein Revolver) ſchießen konnte.
Murner reimt eifernd: as ſi O D
Bringe ihm ein Halbes oder
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nd jetzund die ſieben Künſt', u gute Geſellen find'ſt,
ſetz' Dich nieder, ſpiel mit ihn“
ſchütt' den Wein in Kübeln in.
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Geiler von Kaiſersberg ſagt von den Stu⸗ enten:„Darnach fangen ſie an, trinken einan⸗ 3
er zu, und welcher am beſten ſaufen mag, der
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Magiſter oder Doktor.“ Wenn alſo auch in früherer Zeit, das zum Doctor⸗ oder Magiſtertrinken nicht unbekannt war, ſo iſt doch die eigentliche Ausbildung der Trinkmanieren dem 17. Jahrhundert zu verdan⸗ ken. Unter den Studenten ſowol als bei großen Gaſtmälern an den Höfen ging Alles nach vor⸗ handenen Trinkgeſetzen und Trinkregeln zu. Dabei trank man aus Gläſern verſchiedener Größe und Form. Ein Schriftſteller jener Zeit ſagt daher:„Die Weltkinder und Trinkhelden
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trinken heutiges Tages aus Schiffen, Windmüh⸗ len, Laternen, Sackpfeifen, Schreibzeugen, Büch⸗ ſen, Krummhörnern, Knebelſpießen, Weinwagen, Weintrauben, Aepfeln, Birnen, Kokelhanen, Affen, Pfauen, Mönchen, Nonnen, Bauern, Bergleuten, Bären, Löwen, Hirſchen, Roſſen, Strauſſen, Kaut⸗ zen, Schwanen, Schweinen und andern unge⸗ wöhnlichen Trinkgeſchirren, die der Teufel erdacht hat, mit großem Mißfallen Gottes im Himmel.“
In Scheible's„Schaltjahr“, ſteht eine„Neue artig und kurzweilige Disputation, in welcher das Zech⸗ und Saufrecht, ſammt allen deſſelben Solennitäten, Gebräuchen, auch darinnen vorlau⸗ fenden Controverſien und Steitigkeiten aus dem weltlichen Recht gezegen, kürzlich entworfen und beſchrieben wird He. Von Blaſio Vielſauff, beider Wein und Bier Candidaten. Gedruckt im Jahr; Guter Wein erfreut durſtigen Menſchen ihr Herz.“
Wir heben daraus nur folgende charakteriſtiſche Stelle hervor: Floricos trinken heißt„den Rand des Gefäßes, in welchem das Getränk iſt, mit den Lefzen des Mundes ringsherum umgeben und mit einem Sturm den zugebrachten Getrank in
laß ſehen(ſpricht der Vater zum Söhnlein), was
*)„Willkomm“, ein großer Becher. Angelſ. Fildoumb.
Ital. Bilcomo, Franz. Vidrecome.


