Heft 
(1858) 10 10
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Winter zum Sommer machen können, weß⸗ halb würde man ſie denn fangen, ſorgſam

1, pflegen und einen ſo ausgebreiteten Handel mit

ihnen treiben?

Einer der großartigſten Vogelmärkte findet allſonntäglich auf dem berühmten Marché Saint Germain in Paris ſtatt. Dieſer iſt an ſolchen Tagen in eine große Menagerie verwandelt, iſt ein lebendes und intereſſantes Muſeum der Ornithologie Frankreichs. Dieſer Markt erin nert ferner auch lebhaft an Sklavenauktionen des Orients. Dieſe geflügelten Sklaven ſühlen aber nicht minder die Gefangenſchaft, als die Menſchen. Jene, die bereits im Käfig zur Welt kamen, ſind reſignirt, denn ſie ahnen nur die Freiheit, die hingegen, welche erſt friſch gefangen wurden, träumen von letzterer ununterbrochen; in ihrer düſtern, ſtummen Verſchloſſenheit ſin⸗ nen fie nur auf Mittel zur Befreiung. Einige ſcheinen uns anhalten, ſprechen zu wollen, einen guten Herrn zu verlangen. Wie oft kann man einen intelligenten Stieglitz, ein liebenswürdi⸗ ges Rothkehlchen bemerken, die uns traurig anſehend, mit einem freundlichen Blicke zu ſagen ſcheinen:Kaufe mich!

Eines Sonntags machten wir daſelbſt einen Beſuch. Der Markt war zwar nicht reich noch weniger harmoniſch, denn es war ſchon ſehr ſpä im Jahre. Nichts deſto weniger wurde unſer Intereſſe lebhaft durch die naive Stellung eini⸗ ger Exemplare in Anſpruch genommen. Der Geſang und das Gefieder, jene zwei hohen Ga ben des Vogels, verhindern den Beobachter in der Regel ihre lebhaften und originellen Ge⸗ berden gehörig zu würdigen. Denn die Vögel wiſſen durch äußerſt bezeichnende Bewegungen genau das auszudrücken, was in ihrem Innern vorgeht.

An jenem Tage war eine Grasmücke mit allerliebſtem ſchwarzem Köpſchen die Königin des Marktes. Man hatte ſie in einem beſonde⸗ ren Käfige von den übrigen getrennt ausgeſtellt, wie ein Kleinod ohne Gleichen. Sie flatterte mit reizender Gelenkigkeit umher; an ihr war alles Grazie. Durch eine lange Erziehung war ſie an die Gefangenſchaft gewöhnt, vermißte, wie es ſchien, gar nichts und verfehlte daher auch nicht, auf die Anweſenden einen ange⸗ nehmen, beruhigenden Eindruck zu machen. Sie war in der That ein liebliches Weſen und ihr Geſang und ihre Bewegungen harmonirten ſo, daß ich ſie bei ihren munteren Geberden ſelbſt wenn ſie ſchwieg ſingen zu hören ver⸗ meinte.

Etwas tiefer, bedeutend tiefer, machte ein um einiges größerer Vogel, in einem engen Käfig unmenſchlich zuſammen gedrückt, einen ganz entgegengeſetzten, bizarren Eindruck. Es war ein armer Finke, den das Unglück getroffen hatte, blind zu ſein. Es kann kein traurigeres Schau⸗ ſpiel geben. Es gehört wirklich eine barbariſche Natur dazu, um des Geſanges halber ein ſo überaus elendes Geſchöpf zu kaufen. Seine ge⸗

Schlimmſte war, daß dieſe Stellung lebhaft an die halsverdrehenden Attituden der Kurz⸗ ſichtigen oder Blindgewordenen erinnerte. So iſt nie der Blindgeborene.

Unter fortwährender krampfhaſter Anſtren⸗ gung ſuchte das arme Thier mit ſeinen leeren Augenhöhlen nach Licht. Dieſer Unglückliche ſang aber trotz all ſeinem Elend, denn, hatte er auch keinen Strahl mehr von außen zu hoffen, im Innern hatte er doch ſeinen Sonnenſchein bewahrt.

Intereſſant iſt es, daß der Finke dem Ge⸗ ſange ſeiner Heimat bis in den Tod treu bleibt; ſoviel Finkendialekte, ſoviel verſchiedene Land⸗ ſtriche. Stellt man ihm einen Rivalen entge⸗ gen, ſo wird er lieber tauſendmal ſeinen vater⸗ ländiſchen Ton anſchlagen, als nachgeben; oft geſchieht das mit her Leidenſchaft, daß er daran ſtirbt. Kein Wunder, wenn die Belgier mit dieſen echten Nationalſängern große Wett⸗ kämpfe veranſtalten und dem Sieger ſogar Triumphbogen erbauen, denn er bezahlt ihn ja oft genug heldenmüthig mit ſeinem Leben.

Noch tiefer befand ſich in einem elenden Bauer wohl ein halb Dutzend Vögel aller Gat tung, die wild durcheinander tobten. In dieſer munteren Geſellſchaft ſaß, kaum bemerkbar, eine junge, eben erſt gefangene Nachtigall.

Der Vogelhändler hatte dieſe mit wohlbe⸗ rechneter Politik in jenen Käfig geſperrt, denn er wußte, daß die unſchuldigen Spiele oft im Stande ſeien, ein ſchmerzerfülltes Herz zu be⸗ trügen. Aber die unglückliche Gefangene achtete gar nicht auf die indiskreten Tollheiten ihrer unerfahrenen Genoſſen, ſondern ſaß, förmlich in ſich hineingedrückt, in der dunkelſten Ecke des Bauers, verſchmähte alle Nahrung, kaum daß ſie aus den Augen hevvorguckte. Sie wollte Finſterniß um ſich haben, unverkennbar wollte ſie mit aller Gewalt nicht ſein, mit vollem Bewußtſein einen konſequent durchge⸗ führten Selbſtmord begehen. Aber ſie konnte nicht ſterben, nein, in ihr wogte trotz allem Unglück jene allmächtige Erhalterin alles Lebens: die Kunſt! Ihr inneres Licht, der Geſang. Ungeachtet dieſes Vorgeſchmacks des Todes ließ ſie nicht ab, zu ſingen. Ihr Herz ſang ein ſtummes Lied, das ich aber laut zu vernehmen glaubte:

. Lascia ch' io pianga.. La Libertà..

. Oh, laßt mich, daß ich weine!.. Die Freiheit!...

Eine freigeborne Nachtigall hat ſtets einen höheren Werth, als wenn ſie in der Gefangen⸗ ſchaft zur Welt gekommen: ſie ſingt ganz an⸗ ders, da ſie Freiheit und Natur kennen gelernt und beides vermißt. Iſt ja doch leider oft der beſte Theil eines großen Künſtlergenies der Schmerz!......

Die Nachtigall iſt der einzige Vogel, wel⸗

quälte, mühſame Haltung correſpondirte genau mit ſeinem wehmüthigen Geſange. Das

Ihr Geſang allein iſt ſchöpferiſch, originell, alles andere iſt bloße Kopie desſelben.

Liebe und Licht ſind allerdings die zwei Grundlagen ihres Geſanges, aber die Kunſt ſelbſt, der Schönheitsſinn, ſind eine zweite wichtige Nahrung für ihr Herz und geben ihr neue Begeiſterung.

Wahre Künſtlergröße übertrifft ihre Werke, bringt mehr hervor, als ſie ſich vorgenommen, ſteigt über das Mögliche hinaus und ſchwingt ſich dann noch höher und immer höher.

Daher jene tiefe Trauer, jene uner⸗ ſchöpfliche Quelle von Melancholie; daher der faſt komiſche Drang, nie gehabtes Unglück zu beweinen. Die übrigen Vögel wundern ſich darüber und fragen ſie oft, was ſie denneigent⸗ lich habe, worüber ſie klage. Glücklich und frei in ihrem Walde antwortet ſie ihnen nichts an⸗ deres, als jene ſtumme Gefangene:

Lascia ch' io pianga!

1 III. Die Baukunſt.

Betrachten wir ein Neſt, jenes unglaublich zarte Kunſtwerk des Vogels, ſo müſſen wir uns unwillkürlich die Frage aufwerfen:Sind jene feingebauten Wohnungen über oder unter die menſchlichen Werke zu ſtellen? Weder das eine noch das andere; überhaupt ſind ja die Beziehungen zwiſchen beiden nur äußerlich und ſteht die Baukunſt der Vögel einzig in ihrer Art da.

Das Haus des geflügelten Baumeiſters iſt eigentlich eine Fortſetzung ſeiner ſelbſt, die Form ſeines Werkes iſt der Ausdruck ſeines Ichs, oder beſſer, iſt ſein verkörpertes Leiden. Denn die bequeme, abgerundete Geſtalt des Neſtes iſt das Reſultat fortwährenden Drü⸗ ckens mit der Bruſt. Kein Grashalm, der nicht vorerſt durch tauſendfache Anſtrengungen des Erbauers ſeine runde Lage angenommen hätte.

Wie ſo ganz anders iſt die Wohnung des Vierfüßlers. Er wird vollſtändig gekleidet zur Welt gebracht; wozu brauchte er da noch ein Neſt? Ueberhaupt arbeiten die Maurer und

ſich ſelbſt, weniger für ihre Jungen. Das Murmelthier, das ECichhörnchen, der Biber, alles das ſind äußerſtgeſchickte Künſtler, aber nur für ſich ſelbſt.

Der Vogel hingegen baut für die Familie. Unabhängig und frei würde er ſonſt gewiß ſein luſtiges Leben im Vollgenuß der grünen, weiten Natur zu bringen, ungeachtet aller Feinde. Sobald er aber nicht mehr allein iſt, wenn er ſich paart, ſo macht ihn das zu hoffende, vor⸗ auszuſehende elterliche Verhältniß zum Künſt⸗ ler. Das Neſt iſt eine Schöpfung der Liebe.

Man muß ſtaunen, wie dieſer Bau, ohne Gerüſt und Balken, frei in der Luft ſchwebend,

chem der Name: Künſtler im vollſten Sinne des Wortes gebührt.

nur hie und an einen ſchwanken Aſt gelehnt,

eentſtehen kann; wie ſich ein Stück nach dd

Gräber der Säugethiere größtentheils nur füur 1

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