Heft 
(1858) 10 10
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Dieſer Unterricht erſtreckt ſich auch weit über die Familie hinaus. Nachtigallen, Finken, die noch jung oder wenig geübt ſind, hören mit Erfolg demjenigen Vogel zu, welchen man ihnen zum Lehrmeiſter gibt. In den Paläſten Ruß⸗ lands, wo man die noble Paſſion für den Nach⸗ tigallengeſang faſt in demſelben Maße, wie bei den Orientalen hegt, trifft man zuweilen ſolche Schulen. Da hängt der Herr Profeſſor in der Regel in der Mitte eines großen Saales, um ihn herum ſind in ihren betreffenden Käfigen die aufmerkſamen Schüler vertheilt. Dieſe zah⸗ len per Stunde eine beſtimmte Summe Gel des. Bevor der Meiſter ſeinen Geſang beginnt, iſt die Schuljugend, wie bei uns, etwas unru⸗ hig, ſchwatzt, trillert und begrüßt ſich, macht Bekanntſchaften u. ſ. w. Sobald aber der ſtrenge Lehrer das Zeichen zum Beginn der Stunde gegeben, ſo ſchweigt alles ehrerbietig ſtill und ſingt mit Andacht nach. Erſterer kommt nun mit Gefälligkeit ſtets auf die wichtigſten Stellen des Geſanges zurück, verbeſſert und unterweiſt ſeine Eleven mit außerordentlicher Nachſicht. Dieſes ermuntert letztere ungemein und mit lau⸗ ter Freude ſchmettern ſie ihre Lektion her.

Eine ſo feine Erziehung, ſo vielſeitig, ſo komplicirt, iſt ſie wohl die einer Maſchine, das Reſultat bloßen Inſtinktes?

Man vergleiche nur einerſeits das Weib bei dem erſten Schritte ihres Kindes und an⸗ dererſeits die Schwalbe bei dem erſten Ausflug ihrer Jungen.

Dieſer Unterricht iſt äußerſt intereſſant. Die Mutter flattert auf; das Kleine guckt ihr nach und erhebt ſich auch etwas, ſchon beginnt es ganz anſtändig herum zu fliegen; alles das geſchieht aber noch im Bereiche des ſicheren Neſtes; bald gilt's jedoch, dasſelbe zu verlaſſen. Die Alte ruft nun vernehmlich ihr Kind, er⸗ muntert es durch Vorzeigen eines Leckerbiſſens, mit dem ſie es belohnen will.

Noch zögert es. Dieſes Zögern iſt aber wohl zu rechtfertigen. Man denke ſich nur an die Stelle des Jungen: es handelt ſich hier nicht nur, einen Schritt im Zimmer, zwiſchen Mutter und Amme zu machen, und im ärgſten Falle in die bereitliegenden weichen Kiſſen zu ſinken; hier, auf hoher Thurmſpitze vielleicht, muß die Mutter ſelbſt allen Muth für dieſen kritiſchen Augenblick beiſammen haben. Beide meſſen gewiß mehr als einmal die ungeheure Tiefe des Abgrunds, blicken mit Grauſen herab auf das gefahrdrohende Pflaſter. Hier müſſen beiderſeits Glaube und Muth helfen.

Es iſt ein erhebender Augenblick dieſer erſte Ausflug! Das Kleine hat allen Glauben an die Tüchtigkeit ſeiner Mutter, dieſe ihr ganzes Vertrauen in die Tauglichkeit der kleinen, noch ſo unerfahrenen Flügel geſetzt. Doch nun ſchwebt es ja, zitternd zwar, aber ſicher in den väter⸗ lichen Hauch des Himmels, unter den trium⸗ phirenden Ausrufen der Alten es kann nun nicht mehr ſinken, das wichtige Werk iſt vollzogen. Von nun an wird der junge Segler unbeſorgt durch Wind und Wetter

ſchweifen, geſtärkt durch dieſen erſten Flug im Glauben.

II. Der Geſang.

Es wird kaum Jemand geben, der nicht ſchon die Erfahrung gemacht hätte, daß Stu⸗ benvögel, ſobald ſich ein belebtes Geſpräch in einem Zimmer anſpinnt, in ihrer Weiſe daran theilnehmen, entweder ſchwätzend oder ſingend.

Das liegt in ihrer Natur, ſelbſt in der Freiheit. Sie ſind das Echo Gottes und der Menſchen. Sie geſellen ſich zu jedwedem Ge räuſch, zu allen Stimmen, und fügen dieſen ihre Poeſie, ihre naiven und wilden Weiſen hinzu. Den dumpfen Schlägen der Wogen antwortet der Seevogel mit ſeinen ſcharfen, ſchrillen Tönen; das monotone Rauſchen der bewegten Bäume begleiten die Turteltaube und hundert andere Vögel mit einer ſanften und ruhigen Melodie. Das Erwachen der Fel⸗ der, die Freuden des Landlebens begrüßt die Lerche mit ihrem Geſange, ſie trägt die Luſt der Erde hinauf zum Himmel. So ertönen allenthalben in dem großartigen Konzert der Natur jene feinen Stimmchen, die dem Ackers⸗ mann unten an ſeiner Furche hehre Gedanken einflößen und ihn träumen laſſen den Traum der goldenen Freiheit.

So wie ſich die Pflanzenwelt im Frühling durch die Wiederkehr der Blätter erneuert, ſo erneuert, verjüngt ſich die Thierwelt durch das Erſcheinen der Vögel, ihrer Liebe und ihres Geſanges.

Kaum graut der Morgen, kaum beginnt das trauliche Geläute des weidenden Viehes, ſo iſt ſchon die Bachſtelze da, um letzteres in munteren Sprüngen zu begleiten. Sie miſcht ſich furchtlos unter die Herde und ſcheut auch den Hirten nicht. Sie weiß ja, daß ſie von Menſchen und Thieren geliebt wird, weil ſie dieſelben vor den Inſekten ſchützt. Sie ſettt ſich kühn auf den Kopf der Kühe und auf den Rü⸗ cken der Schafe. Sie verläßt ſie den ganzen Tag nicht und führt ſie Abends treulich heim.

Der echte Feldbewohner aber iſt die Lerche. Bei dem erſten Sonnenſtrahle ſchießt ſie wie, ein Pfeil aus ihrer Furche, die ſie mit dem Haſen theilt, hervor und trägt zum Himmel die Hymne der Freude. Eine heilige Poeſie, friſch wie die Morgenröthe, die ſie umgibt, rein und heiter wie ein kindliches Herz!

Dieſe ſonore, mächtige Stimme gibt den Schnittern das Signal.Wir müſſen aufbre⸗ chen, ſagt der Vater,hört Ihr nicht die Lerche? Sie folgt ihnen, ermuthigt ſie; in den heißen Stunden ladet ſie dieſelben zum ſüßen Schlum⸗ mer ein und verjagt die böſen Inſekten. Auf die Schlafenden ſendet ſie eine Fluth der herr⸗ lichſten Harmonien.Keine Kehle, ſagt ein bedeutender Naturkenner,kann ſich mit jener der Lerche meſſen, was den Reichthum und die Mannigfaltigkeit des Geſanges, die Ausdauer

und Weichheit des Timbres, die Kraft und

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Tragweite des Tones, die Geſchmeidigkeit und Stärke der Stimme anbetrifft. Die Lerche ſingt eine Stunde lang, ohne nur eine halbe Se⸗ kunde auszuſetzen, indem ſie ſich in gerader Linie oft bis zur Höhe von 1000 Fuß empor⸗ ſchwingt, ohne auf dieſer großen Luftreiſe eine einzige Note zu verlieren. Welche Nachtigall könnte das erreichen?

Kommt aber der rauhe Herbſt, ſo verſtum⸗ men nach und nach die freundlichen Melodien, und was von den Vögeln nicht den Süden aufgeſucht hat, ähert ſich nun auffallend dem Menſchen, als wollten die Sänger jetzt denſel⸗ ben um den wohlverdienten Lohn anſprechen. Da ſieht man den ernſten Gimpel flehend an der Schwelle einer Hütte ſitzen, dort anmuthige Grasmücken um Einlaß bitten, indem ſie ein melancholiſches, gedehntes Lied erſchallen laſſen.

Wenn im Oktober die erſten Nebel auf die Erde herabſinken, und kurz vor Beginn des Winters die armen Leute mühſam Holz ſam⸗ meln gehen, geſellt ſich zu ihnen in den Wäl⸗ dern ein kleiner Vogel, herbeigelockt durch die Schläge der Axt; er umflattert ſie und bemüht ſich, ihnen ſeine ſchönſten Weiſen vorzuträllern. Es iſt das Rothkehlchen, das die Natur auser⸗ koren hat, um dem einſamen Arbeiter zu zei⸗ gen, daß noch Jemand auf der Welt ſei, der ſich für ihn intereſſire.

Wenn der Köhler ſinnend am Feuer ſitzt, hüpft unbemerkt das Rothkehlchen zu ihm, es will ja auch erwärmt ſein, denn draußen im Wald und Feld iſt's ſchon empfindlich kalt ge⸗ worden. Dieſer unſcheinbare Vogel iſt der hartnäckigſte Widerſacher des Winters, er iſt es, der bis zuletzt ausharrt, der noch munter ſingt, wenn die ganze Schöpfung ringsum be⸗ reits in tiefſtem Schlafe liegt.

Wenn das niedliche Thierchen vor Kälte erſtarrt, ſchlotternd dann an Eure Fenſter klopft: o, ſo öffnet ihm, gönnt ihm ein paar Hanfkörner oder wenn Ihr die nicht habt, ſo theilt Euer Brod mit ihm es hat es redlich verdient. Wenn alles Leben erſtarb, wenn ſeine leichtgeflügelten Kollegen lange über Berg und Thal verſchwanden, um im fernen Süden die verlorene Sonne wieder zu finden, iſt es nicht ein dankenswerthes Unternehmen, eine liebens⸗ würdige Aufopferung dieſes kleinen Sängers, wenn er trotz Wind und Wetter, trotz Schnee und Eis ſeine feine Kehle anſtrengt, um unſere Ohren zu erfreuen?

Noch hat kein Dichter das Rothkehlchen beſungen: es bedarf auch deſſen nicht, es iſt ſein eigener Dichter; wäre es möglich ſein Liedchen niederzuſchreiben, gewiß würde ſich darin die ganze Poeſie ſeines beſcheidenen Le⸗ bens abſpiegeln.

Wie ſehr der Menſch an dem Geſange der Vögel hängt, davon geben die Vogelmärkte den beſten Beweis. Wenn man dieſe muntern Ge⸗ ſchöpfe nicht liebte, warum möchte man ſie ihrer Freiheit, die ſie mehr oder minder gar hart ver⸗ miſſen, berauben, wenn man nicht ergötzt würde durch ihre lieblichen Weiſen, die uns faſt den