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(1858) 10 10
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bleiben, ſowohl um ſie in ihrer Krankheit zu pflegen, als um ſich ſelbſt vor ſittenloſer Geſell⸗ ſchaft zu bewahren. Die Eine ging trotz der Mutter Thränen zum Tanze. Die Andre blieb bei ihr zurück. Um Mitternacht ſagte die Mut⸗ ter zur Guten:Stell' ein Licht auf's Dach, 's jung Madli ſtirbt ſonſt im Wald. Die Tochter that es und hielt Wache bei dem Licht, die Schweſter erwartend und für ſie betend, da drang ein Grunzen und Rauſchen und Stöh⸗ nen immer näher zu ihr heran. Endlich ſtürzte todtenbleich die Tänzerin Punkt zwölf Uhr, von einer rieſigen Sau und einer Schaar Ferkeln verfolgt, auf die Hütte zu. Die Schweſter trat ihr mit dem Licht entgegen und die geſpenſti⸗ ſchen Schweine flohen. Die Zurückgekehrte er⸗ zählte, wie ſie auf dem Wege vom Tanz von dieſen Thieren verfolgt worden ſei. Nur das Licht auf der Hütte habe ſie zu retten vermocht.

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Der Vogel.

Ffrei nach Michelet.

Von Karl Czermak.

Flügel! Flügel! um zu fliegen Ueber Berg und Thal. Flügel, um mein Herz zu wiegen Auf des Morgens Strahl.

Flügel, übers Meer zu ſchweben Mit dem Morgenroth, Flügel, Flügel über's Leben, Ueber Grab und Tod.

Rückert.

I. Das Ei und die erſte Erziehung.

Die Alten behaupteten:Alles kommt vom Ei; es iſt die Wiege der Welt.

Alles hat denſelben Urſprung, aber nicht Alles dieſelbe Entwicklung. Dieſe hängt vorzugs⸗ weiſe von der Mutter ab. Sie handelt und baut vor, ſie liebt wenigſtens; ſie iſt zum we⸗ nigſten Mutter. Je mehr ſie es iſt, deſto höher iſt das Weſen; jeglicher Grad im Daſein hängt von dem Grade der Liebe ab.

Was kann die Mutter in dem bewegten Reiche der Fiſche thun? Nichts als ihr Ei dem Ocean anvertrauen. Was kann ſie bei den Inſekten, wo ſie meiſtentheils mit dem Erſchei⸗ nen der Eier ſtirbt? Sie kann ihnen nur noch vor ihrem Verenden einen ſicheren Ort auf⸗ ſuchen, wo ſie dann aufbrechen und leben kön⸗ nen. Selbſt bei den höheren Thieren, wo doch eigentlich die Wärme des Blutes die Liebe ver⸗ doppeln ſollte, iſt ſie oft nicht die hingebendſte. Das Junge wird wohlgeformt, ſeiner Mutter ganz ähnlich geboren; die nährende Milch harrt ſchon ſeiner.

Ganz anders iſt's beim Vogel. Dieſer müßte ſterben, wenn er nicht geliebt würde.

Geliebt? Jede Mutter liebt, vom Ocean bis zu den Sternen. Aber hier bedenke man die Pflege, die unendliche Hingebung, die wohlthätige Wärme, den Magnetismus der Mutter, welche dem Ei des Vogels zu Theil werden.

Aber ſelbſt in dieſem gutverwahrten Kalk⸗ bau fühlt das werdende Junge ſo bedeutend die Berührung der äußeren Luft, daß jeder erkältete Punkt des Eies ein Glied des zu⸗ künftigen Vogels koſtet. Daher die lange, ſor⸗ genvolle Arbeit vor der Brutzeit, jene frei⸗ willige Gefangenſchaft, die Unbeweglichkeit des lebhafteſten aller Weſen. Und das alles noch mit ſehr viel Schmerzen verbunden! Denn es iſt gewiß keine kleine Aufgabe, ununterbrochen einen Stein unter ſich zu haben, der ſich lange Zeit hindurch eng an den zarten Körper an⸗ ſchmiegend, das Herz und oft auch das nackte Fleiſch zu erdrücken droht.

So kommt das Kleine zur Welt, aber es iſt noch ganz entblößt. Während der junge Vierfüßler ſchon am erſten Tage ſeines Da⸗ ſeins wohlgekleidet einhermarſchirt, liegt der junge Vogel vorzugsweiſe bei den höheren Arten auf dem Rücken, ohne Flaum und unbeweglich; da hat die Mutter, kaum der furchtbaren Brutarbeit ledig, vollauf zu thun, um in ihrem Kinde durch raſtloſes Reiben Wärme zu erregen und ihm dieſe zu erhalten. Das Füllen verſteht es bald, ſich ſelbſt zu ernähren, der kleine Vogel muß erſt warten, bis ihm die Mutter die Nahrung aufſucht, aus⸗ wählt und zubereitet. Aber das könnte ſie allein unmöglich beſtreiten: ihr Gatte ſteht ihr red⸗ lich zur Seite.

Das iſt wahres Familienleben, Treue in der Liebe und der erſte Schein von Moral.

Nun aber die Erziehung!

Wie eingehend und gefährlich iſt der lang⸗ wierige Unterricht im Fliegen. Wie fein und ſinnig die Unterweiſung im Geſang bei den Sängern. Das vierfüßige Thier kann bald, was es können ſoll; es galopirt kaum geboren, und wenn es ſtürzte, ſagt an, iſt's dann gleich gefahrlos in das Gras zu fallen oder ſich in den weiten Aether zu ſchwingen?

Nehmen wir ein Ei zur Hand. Dieſe ſchöne elliptiſche Formation übt auf uns den Eindruck

der vollſtändigſten Harmonie, von der nichts

hinwegzunehmen und nichts hinzuzufügen bleibt in dieſer unſcheinbaren Hülle iſt ein tiefes Geheimniß des Lebens verborgen!

Was iſt ſie eigentlich? Was ſoll daraus werden? Wer weiß es?

Jene, die mit herabhängenden Flügeln zitternd dasſelbe umfaßt und es vermöge ihrer Wärme reifen macht. Sie, ſonſt Königin der Lüfte, jetzt eine freiwillige Gefangene.

O, ſprecht nicht von blindem Inſtinkt! Man wird durch Thatſachen begründet finden, daß dieſer hellſehende Trieb ſich genau nach den Umſtänden richtet, oder wie dieſe begonnene Vernunft ihrer Natur nach ſich wenig von der des Menſchen unterſcheidet. Eine Vogelmutter

würde eher den Tod erleiden, ehe ſie ihre Brut verlaſſen würde. So ſitzt ſie und hofft, ſieht freudig und unverdroſſen dem Erſcheinen der Kleinen entgegen.

Da horch! Unter ihr fängt ſich's an zu regen, ja, die Glückliche kann ſogar ſchon das erſte Gepipe des jungen Sprößlings verneh⸗ men. Dieſer hat ſich ermannt; es iſt nicht mehr nöthig, daß er länger in ſeinem engen Gewahr⸗ ſam verbleibe. Er hat einen Schnabel und deſ⸗ ſen bedient er ſich. Mit dieſem klopft er zuerſt an, und bald iſt die Wand ſeines Gefängniſſes zerſprengt. Ferner hat er auch Füße, auch dieſe müſſen ihm behilflich ſein. Das iſt ſeine erſte Arbeit. Sein Lohn iſt die Befreiung: der Ein⸗ tritt in die Freiheit.

Nun aber die Seligkeit, die Aufregung, die wunderbare Sorgſamkeit all' die müt⸗ terlichen Freuden und Leiden mit Worten zu ſchildern, iſt unmöglich. Kaum ſind die ärgſten Zeiten der früheſten Kindheit überſtanden, ſo gehen die Eltern ernſt an das Erziehungswerk, das ſich nach den Be⸗ rufspflichten der betreffenden Art richtet. Bei den Fiſchern, z. B. dem Pinguin, iſt letzteres ſehr leicht; die Mutter, allerdings ſelbſt etwas ſchlecht zu Fuße, führt das Junge an das Meer; dieſe große Amme erwartet es und hält ihm ſchon die Nahrung bereit; es hat weiter nichts zu thun, als den Schnabel zu öffnen. Bei der Ente iſt es ſchon anders, komplicirter. Ich beobachtete einſt an einem Teich eine ſolche, die ihrer kleinen Schaar die erſte Lektion gab. Dieſe, eng aneinander gedrängt, verlangte gierig weiter nichts, als nur Leben. Die Mut⸗ ter, ihrem Geſchrei gehorchend, tauchte unter das Waſſer, und indem ſie einen Wurm oder einen kleinen Fiſch hervorholte, vertheilte ſie alles mit größter Genauigkeit, denn kein Ent⸗ chen durfte zweimal hintereinander einen Biſſen bekommen, ſondern es wurde ſtets die pünkt⸗ lichſte Reihenfolge eingehalten.

Es war ein rührendes Bid. Die Mutter, deren Magen jedenfalls auch ſeine Rechte gel⸗ tend machte, behielt für ſich nichts übrig und es ſchien ſie dieſes Opfer glücklich zu machen. Sie beſchäftigte ſich augenſchenlich lebhaft mit dem Gedanken, ihrer Familie beizubringen, wie man es zu machen habe, um merſchrocken unter das Waſſer zu tauchen und Beite herauszubrin⸗ gen. Mit den zärtlichſten Ermunterungen brachte ſie es endlich ſo weit. Ich war ſo glück⸗ lich, ein Kleines nach dem adern, vielleicht nicht ohne Zittern, in den dunklen Abgrund verſchwinden zu ſehen. Die Erziehung war vollbracht.

Das iſt nun noch ein ſeh einfacher Unter⸗ richt, wenn man an die unſtändliche Unter⸗ weiſung in den Künſten delkt, an die Flug⸗ und Singlektionen, ſowie nick minder die Ar⸗ chitektur in Anbetracht zieht. Es gibt nichts komplicirteres, als die Erziehnig gewiſſer Sing⸗ vögel. Die Ausdauer des Biers und die Ge⸗ lehrigkeit der Jungen ſind aer Bewunderung würdig.