Heft 
(1858) 10 10
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ſchulden, ohne den geiſtlichen Beiſtand vor den Richterſtuhl des Höchſten treten mußte.

Mitunter fehlt es wohl auch nicht an einer heitern Bemerkung über dergleichen Denktafeln, die jedoch nie dem gläubigen Herzen zu Scha⸗ den kommt, oder gar in muthwilligen Spott ausartet. So ſtand ich eines Tages, meine kleine Promenade unterbrechend, vor einer Mar⸗ terſäule, auf welcher das Fegefeuer vorgeſtellt war, aus deſſen Flammen mehrere Pinzgauer mit Hemde, Hoſenträger, Leibgurt und ſchwar⸗ zen Lederhoſen flehentlich und erbarmenswür⸗ dig die Augen und Hände gegen Himmel erho⸗ ben. Da trat ein Alter aus dem Städtchen zu mir heran, und nachdem er andächtig den Hut vor dem Bilde abgenommen, ſein pflichtſchul⸗ digesVaterunſer gebetet und mich ſodann begrüßt hatte, ſagte er pfiffig lächelnd:Das Feuer da muß aber doch nicht gerade ſehr heiß ſein!Wie ſo? fragte ich geſpannt.Nu! erwiederte er,ich denk halt', die armen Seelen ſtehen ſchon ſeit langen Jahren in dieſen Flam⸗ men, aber ihre Hemter und Hoſen ſind halter noch immer net verbrennt!

Außer dieſen Gedenktafeln, Statuen und Säulen werden dem Reiſenden gewiß auch die Bretter, die demſelben allerwegen, bald einzeln, hald in größerer Zahl aufſtoßen, ſonderbar vorkommen, und deſſen Nachfrage um deren Zweck und Urſprung veranlaſſen...

Es ſind dieß ſchmale Bretter von meiſtens einer Klafter Länge, ſelten darüber hinaus, ent⸗ weder ganz neu, oder von dem Einfluß der Witterung bereits grau gefärbt, oder vermorſcht und nur noch bloße Rudera derſelben. Bei ge⸗ nauerer Beſichtigung erblickt man darauf drei kleine Kreuze nebeneinander und darunter einen einfachen Tauf⸗ und Zunamen eingeſchnitten, oder auch eingebrannt. Dieſe Bretter ſind an den gangbarſten Orten, am meiſten auf den Wegen längs der Zäune aufgeſtellt, oder auf der Frontſeite der unweit der Straßen aus Baumſtämmen zuſammengefügten Heuſtadeln und Scheuern in wagerechter Lage angenagelt, und ſelbſt vor den Wohnhäuſern am Ausgange der Städtchen fand ich ſolche prangen. Nicht minder ſieht man dieſe ominöſen Bretter auf feuchten Plätzen über Pfützen hingelegt, um ſo trockenen Fußes die kothigen Stellen paſſiren zu können. Wenn dann der Fremde neugierig frägt, was dieſer Brauch zu bedeuten hätte, oder was für ein Zeichen dieß ſein ſollte: ſo wird ihm bereitwilligſt erklärt, dieß ſeien jene Bret⸗ ter, auf denen die Verſtorbenen bis zu ihrer Einſargung lagen. Und da die Pietät gegen die Verblichenen nicht geſtatte, ſolche Bretter im Hausgebrauch zu verwenden, wobei auch der Aberglaube ein Bischen nachhelfen mag ſo werde der Name des Verſtorbenen darauf ver⸗ zeichnet und dieſes ſelbſt dem Auge des Vor⸗ übergehenden ausgeſtellt, damit man öfter an ihn erinnert und durch die drei Kreuze gemahnt werde, für ſeine Seele und fröhliche Urſtänd ein frommes Gebet zu verrichten.

daß das Herzchen ſo mancher muthigen und kouragirten Dame bei uns ſchneller ſchlagen würde, wenn ſie gezwungen wäre, allein in der Dämmerungsſtunde, geſchweige denn bei Nacht, in einem dunklen geheimnißvoll rauſchenden Walde einen ſolchen unheimlichen, ja ſchaurigen Fußpfad von Leichenbretern zu beſchreiten, wo überdieß von Zeit zu Zeit die im Mondſtrahle geſpenſterhaft erſcheinenden, den Weg bezeich⸗ nenden Säulen, Kapellen und Votivtafeln dem furchtſamen Auge unerwartet auftauchen.

Was mich ſelbſt anbelangt, ſo iſt mir über die neuen, zur Nachtzeit blendend von dem dunklen Hintergrunde abſtechenden, bei Wen⸗ dungen oft unerwartet hervortretenden Leichen⸗ bretter gar oft ein halblauter Fluch entſchlüpft, den beſonders mein Kutſcher, ein alter, gedien⸗ ter Soldat, redlich und vom Herzen, nur etwas

wenn man junge, etwas furchtſame Racepferde führt und dieſe nicht feſt in den Zügeln hält; denn da kömmt der Fahrende oft in die Gefahr, mit dem Straßengraben Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, oder gar noch eine unliebſamere Tiefe mit Roß und Wagen und ſeiner theuern Perſon ſelbſt kennen zu lernen.

Ich habe denn auch es verſuchen wollen, die genannte Verwendung der Leichenbretter ab⸗ zuſchaffen oder wenigſtens entſprechend zu mo⸗ difiziren; aber es wurde mir von dießfalls kompetenten und routinirten Männern ver⸗ ſichert, daß ein derartiges Vorgehen nicht ſo leicht zu realiſiren ſein dürfte, da dieſer ſeit Urgedenken herſtammende Gebrauch mit dem innern Leben und Sein des Pinzgauers zu eng und zu innig verflochten wäre.

Nicht minder unangenehm für den Fah⸗ renden ſind dortlands die ſogenannten Wege⸗ gatter, welche des Viehes halber, das die Nacht hinduxch gemeiniglich außen bleibt, alle Augen⸗ blicke den Weg ſperren. Da muß denn der Kutſcher jedesmal abſpringen und das Gatter angelweit aufreißen, wobei dem Reiſenden die angenehme Obliegenheit bleibt wenn ſich der Kutſcher von den Pferden nicht entfernen darf dieſes hinter dem durchpaſſirten Ge⸗ fährſcht(Gefährte) wieder gemüthlich bei Re⸗ gen und Koth zuzuſperren. Bei ſolcher Gele⸗ genheit ſang ich dann gewöhnlich, um mich in meiner guten Laune zu behaupten, das bekannte und beliebteAlpenhorn, betonte aber darin etwas boshaft beſonders das:

And're Blumen, and're Düfte; And'rer Brauch; daß ich mich gifte!

Doch da habe ich angefangen, ein klein wenig borſtig zu werden, was meine lieben Pinzgauer aber gar nicht verdienen; daher will ich lieber innehalten und meinem verehr⸗ ten Reiſegeſellſchafter im Geiſte, der von dem Bergſteigen, den überſtandenen Elementar⸗ ereigniſſen und ganz ſchauderigen Leichenge⸗ ſchichten ohnehin ganz erſchöpft ſein wird, Zeit zur Erholung und Stärkung zu gönnen, um

lauter, wiederholte. Dieß iſt beſonders der Fall, z

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genügend zu kräftigen und mit heiterer Laune zu verproviantiren, da dieſe hoffentlich luſtiger und kurzweiliger ausfallen dürfte, als die ſo eben von uns Gott ſei⸗Dank! zurück⸗ gelegte.(Schluß folgt.)

Volksſagen und Mäürchen aus Graubünden.

Mitgetheilt von Pl. Plattner. 3. Alpenſeeſagen.*)

Der Biſcholer See auf dem Hein⸗ enberge. Eine blühende Weide mit einer ſtattlichen Alphütte war einſt da, wo jetzt der See liegt. Ein Armer kam zum Senn und bat ihn um ein Almoſen. Der ruchloſe Senn gab ihm mit Lab durchſäuerte Milch. Der Genuß dieſes Getränkes verurſachte dem Armen bald die heftigſten Schmerzen. Auf ſein Geſchrei kam ein ſchwarzer Pudel aus dem Boden her⸗ vor, der den Sennen ſo lange im Kreiſe herum⸗ drehte, bis unterirdiſches Waſſer überall her⸗ vorquoll und Weide und Hütte verſchlang.

Liſcher See. In demſelben ſoll ein furchtbares Ungeheuer wohnen, das zuweilen brülle wie ein Ochs und immer ein Vorbote ſchlechten Wetters ſei; einſt ſoll es in einer ſtürmiſchen Nacht herausgetreten und in Ge⸗ ſtalt eines ungeheuren, mit zahlloſen ſtarr und ſchrecklich blicenden Augen verſehenen Kuh⸗ bauchs die Alpe hinabgerollt ſein bis zur Stelle, wo ein kleiner Bach beim Dörflein Purteim vorbeifloß, habe dann das Bächlein zum wei⸗ ten Tobel aufgeriſſen, dem jetzigen Purtei⸗ mer Tobel. Lange nachher noch hieß dasſelbe val della stermentusa notte.(Tobel der Schreckensnacht.) Eine ähnliche Sage tritt auch zu Filiſur auf.

Der todte See im Domlesk. An der Stelle, wo dieſer See jetzt liegt, ſoll einſt ein Hügel ſich erhoben haben, auf welchem ein ſtattliches Ritterſchloß ſtand. Als der Ritter, ein übermüthiger Mann, einſt viele Gäſte zu ſich geladen hatte und ein Gelage hielt und Tanz und Spiel, da habe man während des Jubilirens und Tanzens mehrere Male nach⸗ einander ein lautes Aechzen und Stöhnen ver⸗ nommen, das aus der Tiefe zu kommen ſchien. Die Gäſte waren neugierig, was das ſei und woher es komme.Macht Euch nichts daraus, es iſt blos das Lied meines Gefangenen, das in unſere Luſtbarkeit hereintönt. Das Stöhnen wurde immer lauter und heftiger. Die Gäſte drangen in den Ritter, er möchte ihnen den Mann zeigen, von dem es ausgehe. Sie tha⸗

Uebrigens bin ich auch davon überzeugt, Erinnerungen. 1858.

ſich, wenn es beliebt, jür die dritte Wallfahrt

*) S. d. Auguſtheft. 39