Heft 
(1858) 10 10
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Wenn ſo zum Beiſpiel ein G'ſelenprieſter (Kaplan) der Schulgehilfe wird Schulknecht genannt den Speisgang(letzte Oelung) zu einem Sterbenden im Gebirge zu unternehmen hat, wird für's erſte ganz ſorgſam und zwar gleich auf etliche Tage der Büchſenſack mit haltbarem Proviant, Käſe, Brod, Rauchfleiſch, dann mit Wein, Enziangeiſt und ſonſtigen Stärkungs⸗ und Erwärmungsmitteln angefüllt, hierauf kommen dann noch einige jederzeit vor⸗ räthige Hausmittelchen zum vielleicht nöthig werdenden Gebrauche.

Das ſo angefüllte Ränzchen mit dem Glöck⸗ chen und andern Kirchengeräthen kommt in die Obſorge des Küſters, der aber kein Knabe oder ein gebrechlicher Greis ſein darf. So nun für den unliebſamen Zufall gedeckt und beſtens ge⸗ gen die rauhe und ſchnell wechſelnde Witterung verwahrt, mit den langen, ſcharf beſchlagenen Bergſtöcken verſehen, beginnen beide, der Prie⸗ ſter das Hochwürdigſte an ſeiner Bruſt bergend, gewöhnlich noch von einem oder zwei des We⸗ ges ganz kundigen Führern begleitet, die mühe⸗ volle Wanderung.

Nach mehrſtündigem Aufwärtsklimmen über die ſchmalſten und ſteilſten Pfade, über die als Stege dienenden überworfenen Bäume, an ſchwindelerregenden Abgründen vorüber, gelangt man erſchöpft und todesmüde an das Krankenlager des Hilferufenden. Selbſt der Erholung und Stärkung im hohen Grade be⸗ dürftig, muß nun der Diener des Herrn, ſein Ich vergeſſend, den zur letzten Pilgerfahrt ſich Anſchickenden tröſten, aufrichten und ſtärken, die dürſtende Seele des Scheidenden mit dem himmliſchen Labſale erquicken. Und wie oft wird nicht auch der mitgebrachte Vorrath den Geſunden, die dieſe kräftige, irdiſche Speiſe manchmal ebenſo dringend benöthigen, wie ihr kranker Mitbruder die himmliſche erſehnt hat, mit der edelſten Selbſtaufopferung und Bereit⸗ willigkeit überlaſſen!

Dieß geht wohl Alles gut, wenn der Weg während der ſchönen Jahreszeit, die hier nicht viel über ein Vierteljahr andauert, und bei günſtiger Witterung zurückgelegt wird; aber anders iſt es zur Herbſt⸗ und Winterszeit, wenn Stürme raſen, welche die thurmhohen Tannen und Fichten wie Glas zerbrechen; wenn ſich die ſchwarzen und ſchwefligen Wolken bis über die Bergesmitte herabſenken und den Wanderer, ſo wie die kluge und in dieſer Angelegenheit ge wiß ganz praktiſche Gemſe nöthigen, auf einer Stelle oft ſtundenlang zu hocken, bis ſich das dem Auge undurchdringliche Elementenunge⸗ thüm entladen hat oder gnädig ſeitwärts oder in die Höhe zurückzieht. Ganz anders iſt es dann, wenn klafterhoher Schnee die Pfade deckt und unkennbar macht, und ein von ſeiner Baſis verrücktes erbſengroßes Steinchen in einigen Minuten als rieſenhafte Schneelavine Men⸗ ſchen, Vieh und Hütten unerſättlich in ſich ver⸗ ſchlingend, mit Donnergebraus und Windes⸗ ſchnelle in die Tiefe ſtürzt; oder wenn wie

wand, den auf ihrem Rücken ſeit Jahrhunder⸗ ten geſtandenen Wald mit ſich nehmend, oft auch eine große Strecke der unter ihr vorbei⸗ laufenden gemauerten Straßen abreißend, in den tief unter ihr liegenden Thalgrund ſtürzt, den daſelbſt nicht weniger wild brauſenden Bergſtrom mit den Trümmern ihrer Wuth ſperrt, und ſo mit allen Schrecken noch die Ge⸗ fahr einer Ueberſchwemmung vereint.

In ſolch' mannigfaltigen, ſchaurig hehren Momenten ſieht der Menſch erſt recht ein, wie verſchwindend klein ſeine Kraft ſolcher Gewalt gegenüber iſt.

Ich fand auch unter den Prieſtern meiſt junge, kräftige, geſundheitſtrotzende Geſtalten; wie nicht minder fein-und durchgebildete Män⸗ ner, die nach glücklich überſtandenen Mühen gerne in einen harmloſen Scherz eingingen. Für mich waren ſie ſtets die liebenswürdigſten, noch jetzt unvergeßlichen Geſellſchafter.

Was Wunder alſo, wenn ſolchen Männern der einfache, unverdorbene Pinzgauer mit blin⸗ der Anhänglichkeit ergeben iſt; da er ſieht, wie ſie in den Stunden der Noth und Gefahr gerne bei ihm ausharren und ebenſo bereitwillig, wenn dieſe abgewendet in ſeine harmloſe Fröh⸗ lichkeit einſtimmen.

Da hört wohl mancher Ueberländiſche auf⸗ merkſam und verwundert zu, wenn ihm der Führer, um den anſtrengenden Weg durch Ge⸗ ſpräch in etwas vergeſſen zu machen, ſo gern und ſo viel Schönes von ſeinen Prieſtern er⸗ zählt; wenn er mit Enthuſiasmus von ſeinem ehemaligen fürſtlichen Erzbiſchof berichtet, wie er noch in den Herzen aller guten Pinzgauer lebe und immer leben werde. Mit ſelbſtgefälli⸗ gem Stolz und glänzenden Augen ſetzt er dann hinzu:Ja! das iſt aber auch ein Bergſteiger geweſen, den man weit und breit ſuchen muß, und dgp es mit dem gewandteſten Gamsſchützen aufnehmen kann. Ja, ſagt er,der hat Spitzen und Hörner erſtiegen, wo vor ihm wohl Keiner oder doch nur Wenige waren, und dabei zeigt er vielleicht auf den Großvenediger, von dem aus man die Stadt Venedig ſehen ſoll, oder auf das, wie ein zuckerkandirtes Kryſtallprisma ausſehende Kitzhorn und andere hervorragende Gletſcher und Spitzen.

Ich habe weiter oben die Benennung Schulknecht gebraucht, was dort jedoch durch⸗ aus nicht auffällt oder gar unehrerbietig klin⸗ gen ſoll. Hierbei fällt mir gerade ein, daß ich in einem Städtchen des Pongaues eine eben ſo ſonderbare Titulatur profitirte. Ich ſaß näm⸗ lich in dem ganz großſtädtiſch hergerichteten Speiſezimmer des Poſthauſes am Fenſter, als ein junger, hübſcher, reſidenzmäßig gekleideter Mann mit Reitpeitſche und Sporn, dann mit einer durch goldene Schnur und Roſe gezierten Kappe vorüberging. Wo außer dem leicht kenn⸗ baren, fremden Reiſenden in der Regel Alles, Reich und Arm, Jung und Alt, ſich der her⸗ kömmlichen Landestracht bedient, fällt ſo ein eleganter Mann natürlich auf. Ich fragte alſo

ich ſelber Augenzeuge war eine ganze Berg⸗

dieſer hübſche junge ferr wäre, worauf ſie mir

flug von gutmüthzer Ironie zur Antwort gab:Ah! Das ſt unſern Herrn Expediter ſei Lehrbub! P der junge Herr Poſteleve dieſen Titel ſo ruſigen Geiſtes aufgenommen hätte, wie er mir ls Erklärung gegeben wurde, möchte ich ſeinem Auftreten nach doch ein klein wenig bezweifeln.

Der wißbegicige Reiſende, der nicht allein die Schönheiten und Eigenthümlichkeiten eines Landes bewunden und kennen lernen will; ſon⸗ dern auch den Nenſchen, welcher dasſelbe be⸗ wohnt, ſtudiren ſoll; wird ſich gewiß nicht ohne Intereſſe mit zen ihm aufſtoßenden Denkzeichen des Volkes hſchäftigen; ob es nun kunſtvolle Baudenkmak, ſtolze Kathedralen, ſchmuckloſe Kreuze oder himmelanſtrebeude Pyramiden ſind Ales wird ſeiner Beachtung würdig erſcheiner.

Daum gibt es nun im Pinzgau hinlängliche Gelegetheit; denn beinahe jede halbe Viertel⸗ ſtunde ſtößt man hier auf ein Kreuz, oder eine ſogeminnte Marterſäule, oder eine auf einem Pfloke befeſtigte, bunt bemalte, mit Regendach verſehene breterne oder blecherne Tafel. Dieß ſind denn die im Volke ſehr beliebten und ge⸗ achteten Votivtafeln. Dex Gegenſtand derſelben iſt jedesmal die bildliche Darſtellung irgend eines an dem Orte der Aufſtellung oder unweit davon vorgefallenen Unglückes. So ſieht man

die im Zimmer beſchäftigte Kellnerin, wer denn

auf der einen Tafel einen großen eisbedeckten Teich, in deſſen Mitte aus einem Loche der Oberleib eines Mannes hervorſieht, der hilfe⸗ rufend die Arme nach dem Ufer ausſtreckt, wo man ſich zu ſeiner Hilfe anſchickt. Auf einem zweiten erblickt man einen bis in's Detail wahr⸗ heitgetreu gezeichneten, mit vier kräftigen Pinz⸗ gauer[Schecken und Tigerpferden beſpannten ſtattlichen Fuhrmannswagen, deſſen Räder ſo⸗ eben über den Hals des unglücklich herabge⸗ ſtürzten, vermuthlich ſchlaftrunkenen Eigenthü⸗ mers, dieſen guillotinirend, hinweggehen. Ein drittes läßt uns einen Wald ſehen, auf deſſen offener Fläche ein eben gefällter Baum im Herabſtürzen das Haupt des unvorſichtigen Holzarbeiters zerſchmettert hat. Ein Anderes zeigt uns ein Mädchen vom Kahne geſtürzt mit den Wellen ringend, oder den Tod eines Men⸗ ſchen durch Mörderhand, oder durch das Gebiß irgend eines reißenden Thieres in ſehr grellen, mitunter dem Auge widerlichen Situationen, nicht ohne große Verſchwendung der auf dem Bilde dahinſtrömenden Blutlache.. Selbſtmörder bekommen keine Votivtafeln dieß wäre gegen den religiöſen Sinn des Volkes. Wie geſagt, habe ich öfters recht gerne die ziemlich gut angelegte und komponirte, aber immer grell ausgeführte Darſtellung, wo Roth, Grün und Weiß ſtets vorherrſchen, betrachtet. Der fromme Sinn der Aufſteller verlangt von jedem Vorübergehenden ein Vaterunſer und ein Ave Maria zum Heile der Seele des Verun⸗ glückten, der unvorbereitet und ohne ſein Ver⸗

ganz ruhig, doch nick ohne einen kleinen An⸗