Heft 
(1858) 10 10
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gauerinen deuten möchte, wenn uns nicht zu⸗ gleich der ſilberne Pfeil, relcher die meiſt blon⸗ den dicken Haarflechten in anmuthiger Achter⸗ windung am Hinterhaupte zuſammenhält, an den drohenden und oft ſo ſhmerzlich verwun⸗ denden Amorspfeil des klaſiſchen Hellenenbo⸗ dens erinnern, und ſo die Proſa mit der Poe⸗ ſie auf das lieblichſte verſchmalzen würde.

Und wirklich iſt es ein Enuß, wenn man früh Morgens ſo einem alen, weißköpfigen Weiblein, das eben vom Kirhengange kömmt, begegnet. Der Hut ſitzt ſo keck, wie bei der Jun⸗ gen; die friſchen Blumen fehln nie; ja, auch hinter dem Ohre ſteckt da(wie zei uns manch⸗ mal die Schreibfeder) eine Räe, eine Nelke oder ein zartes Nebelblümchen.

Wenn man dann auf den freundlichen Morgengruß und ziemlich männliden Hände⸗ druck, der ohne Beleidigung nicht ausgeſchlagen werden darf, irgend eine muntere Wemerkung ſich erlaubt, erfolgt gewiß ein:Pfit eng Gott, ſchlimmer Harr! und die Alte humpelt noch lange freundlich kichernd auf ihrem Stoke des Steinweges fort.

Doch brechen wir ab, denn dieß würde, wenn auch ein ſehr intereſſantes und pikantes, doch überaus langes Kapitel geben, da über die Frauenwelt nie genug geſchrieben werden, und ſelbſt die beſte Feder und der durchdringendſte Verſtand dieſen Gegenſtand am Ende nicht be⸗ wältigen und erſchöpfen kann.

würzigen Nachtluft verklungen, da ertönte neues Glockengeläute vom Kirchthurme, nicht lange darauf ein anderes vom Thurme des nächſten Ortes, des dritten, vierten, kurz in kaum einer halben Viertelſtunde erſchallten alle Glocken der im Bereiche des Auges und Ohres liegenden Thäler. Feuer! war mein er⸗ ſter Gedanke und entſetzt warf ich mich vom Fenſterbrett zurück, denn wirklich erſchien unter mir plötzlich eine Flamme, weiter davon wieder eine, dann noch eine und ſo fort, bis in allen ſichtbaren Thälern, ſo weit nur das Auge zu dringen vermochte, immer neue, immer friſch aufflackernde, dann matt glimmende und lang⸗ ſam verlöſchende Feuerhaufen ſichtbar wurden, vergleichbar den blinkenden Johanneswürm⸗ chen, die in dunkler und warmer Sommernacht die ſchattigen Baumlauben durchſchwirren, wie der poetiſche Gedanke die Alltagswelt, der Blitzſtrahl die ſchwarzgraue Gewitterwolke durchleuchtet. Die Glocken tönten fort, bis end⸗ lich ein undurchdringlicher Rauch die ganze Thalgegend verhüllte und ſo dieſem erhabenen und ungewöhnlichen Schauſpiele ein Ende machte. Nur hie und da noch zuckte aus dem unermeßlichen Rauchmeere ein Flammenſtrahl empor, der jedoch gleich wieder verſchwand, und den ängſtlichen Zuſchauer zu äffen ſchien. Erſchreckt, beſorgt und meiner Pflicht ein⸗ gedenk, rief ich ſchnell meinen Leuten, um ſo bald als thunlich den Hilfebedürftigen beizu⸗

Unter den vielen, nur dieſem Ländchen mehr oder weniger eigenen Gebräuchen, die ſich vom Vater auf den Sohn ſeit urdenklichen Zei⸗ ten mit⸗der gleichen Pietät fortpflanzen, wollen wir vor der Hand nur drei derſelben, das ſo⸗ genannte Reifbrennen, die Leichenbretter und Votivtafeln dann den Reisbuſchen be⸗ ſprechen.

Mein Stand und die Verhältniſſe hatten mir Saalfelden, den Hauptort im Mitterpinz⸗ gau für einige Zeit zum Wohnſitz angewieſen. Doch nicht in der Stadt ſelbſt war meine Woh⸗ nung, ſondern in der einen Büchſenſchuß höher am Berge gelegenen ſogenannten Ritzenburg, einem alterthümlichen, von einem ehemaligen Ritterſitze herſtammenden Gebäude, das nun

ls Oekonomiegebäude betrachtet, einem nicht unvermögenden Landmanne gehört, welcher darnach nur unter dem Namen der Ritzenbauer zu erfragen iſt. Aus den Fenſtern dieſes hoch über Saalfelden gelegenen, ziemlich luftigen Hauſes genoß ich eine der ſchönſten Ausſichten der Welt.

Es war in einer Nacht des Monats Mai, als ich nach meiner Gewohnheit in dem Fenſter lag und auf die gegenüber, auf einer wunder⸗ hübſchen grünen Alpenwand wie angellebt er⸗ ſcheinende Burgruine Lichtenberg blickte, die,

vom hellen Mondſcheine beſtrahlt, mich mitten

unter die ſchon lange vermoderten, einſt lebens⸗ muthigen, mannhaften und ritterlichen Beſitzer verzauberte. 4 Eilf Uhr ſchlug's unter mir in dem Städt⸗ chen, doch kaum war der letzte Schlag in der

ſpringen und dieſelben zur Eile aufmunternd, ſtaunte ich nicht wenig, als mir ganz ruhig ge⸗ antwortet wurde:Ah! Herr, dieß iſt kein Stürmen, kein Feuerlärm, dieß iſt ganz einfach das hier gewöhnliche Reifbrennen. Das Läuten der Glocken iſt das Zeichen für die Burſchen und Dirndln, welche nur darauf warten, die ſchon bei Tage vorbereiteten halbtrockenen Rei⸗ ſighaufen die Thäler entlang in Brand zu ſetzen und ſo den böſen im Anzug begriffenen Reif unſchädlich zu machen.

Wieder war ich um etwas geſcheiter, oder beſſer, um eine Anſchauung reicher, obwohl ich den eigentlichen Zuſammenhang noch nicht recht begriff, und mir das ganze nächtliche Vorgehen, ſo wie das WortReifbrennen, den Schlaf noch lange verſcheuchte, ſo daß ich noch eine ge⸗ raume Zeit in den Nebel, den Rauch und in die nunmehr ziemlich unliebſam duftende Nacht hinausblickte. Den Morgen kaum erwartend, war das erſte, meine ſchon länger im Pinzgau eingeheimelten Bekannten und freundlichen Landsleute in dem Poſthauſe des Herrn A., wo wir täglich beim Frühſtücke zuſammen⸗ kamen, aufzuſuchen und ſie um die Erklärung dieſes nächtlichen Abenteuers und dieſer Stö⸗ rung des gewohnten Stilllebens zu erſuchen.

Bereitwillig, aber doch lachend über meinen ausgeſtandenen Schreck, ſagten ſie mir nun Folgendes:

Da, wie bekannt, in den Bergländern der Witterungs⸗ und Temperaturwechſel ein ſehr ſchroffer iſt, Regen mit Sonnenſchein, uner⸗ trägliche Hitze mit der ſchneidenden Kälte ſo

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plötzlich, ja unglaublich ſchnell wechſelt, ſo ſind die in den Thälern ausgebreiteten zarten Saat⸗ felder am meiſten dem Verderben durch den in der Nacht fallenden eiskalten Reif ausgeſetzt, und dieß um ſo mehr, als den Tag hindurch die warme, nur durch geringen Zug bewegte Luft die ſchwachen Saatenkeime verweich⸗ licht hat.

Um nun einem ſolchen froſtdurchſchauerten Feinde den Zugang zu den zarten Cereskindern zu verwehren, werden angefeuchtete Reiſighau⸗ fen in gewiſſer Entfernung von einander zwi⸗ ſchen den Feldern aufgeſtellt, welche angezündet mehr glimmen als brennen, und alſo einen ſehr ſtarken, dicken Rauch hervorbringen, welcher ſeiner Schwere wegen ſich zu Boden ſenkt, die⸗ ſen, wie ein warmer Mantel, das Thal ent⸗ lang bedeckt, und auf ſolche Weiſe das Eindrin⸗ gen des rauhen eiſigen Reifes verhindert und deſſen Schädlichkeit paraliſirt.

Dieß alſo iſt der Schlüſſel des Räthſels, das mir ſo viel Unruhe und Nachdenken verur⸗ ſacht und die Nachtruhe geſtört hatte.

Ob es auch richtig, erfolgreich, der Wiſſen⸗ ſchaft entſprechend oder was immer ſei, dieß zu entſcheiden wäre Sache der Herren Oekonomen und Landwirthe. Ich erzähle nur das Erlebte; die Pinzgauer aber ſind ſteif und feſt von den ſegensreichen Folgen dieſes Vorgehens über⸗ zeugt, um ſo mehr, als ſchon vom Vater und Vaters Vater der Reif im Pinskerlande ge⸗ brannt worden iſt.

Und jetzt ſage ich:Pfit eng Gott, lieber Leſer! Für dießmal ende ich, indem ich recht ſehr bitte, Euch für die nächſte Reiſe in den Pinzgau in die gehörige Stimmung zu ver⸗ ſetzen, denn da werden ſchaurige Leichenbretter, Votivtafeln und Unglücksfälle vorkommen.

II.

Der Speisgang. Votivtafeln. Leichenbretter, Marterſäaulen und Weggatter.

Wie wir bereits zu bemerken Gelegenheit hatten, ſo iſt fromme Einfalt, Gottesfurcht und feſtes Halten an den ihm von der zarteſten Kindheit auf eingeprägten, durch das lebende Beiſpiel befeſtigten Andachtsübungen und Re⸗ ligionsgebräuchen der hervorragendſte Charak⸗ terzug im Leben des echten Pinzgauers. Aus

dem Geſagten ergibt ſich von ſelbſt das gegen⸗ ſeitige, vertrauensvolle, ja zärtliche Verhältniß wiſchen dem Seelenhirten und ſeinen Kirchkin⸗ dern. Dieſes freundſchaftliche Band mag auch icht wenig durch die örtlichen Verhältniſſe feſter geknüpft werden, da die Ausübung der geiſtlichen Obliegenheiten hierlands nicht nur mit den erſchöpfendſten Strapatzen, ſondern auch mit mannigfacher und oft gräßlicher Todesge⸗ fahr verbunden ſind. Iſt doch gemeinſchaftlich überſtandene Gefahr und Noth das feſteſte Bindungsmittel der Menſchen!