30²2
Burgemeiſters ſtattliche Behauſung. Hierſelbſt hob es allſo erbärmiglich zu klagen und ſo mörderlich zu dräuen an, daß der Burgemei⸗ ſter, bleich wie ein Pergament und zitternd wie ein Federlein am Fenſter ſich zeigete. Ach, es hatte ein bös und trügeriſch Gerücht ſeinen Umlauf durch die Stadt genommen, lautend: Der Burgemeiſter erlabe ſich weidlich an Wür⸗ ſten, ſo ihm nächtlicher Weil in's Haus ge⸗ bracht würden. Derowegen zeterte jetzt die Menge und ſchrie über Verrath. Schon beſor⸗ gete ich, es werde der Aufruhr, den ſonder Zweifel mein unglückſelig Würſtlein entzündet, anjetzo als lichterlohe Brunſt emporſchlagen; aber da winkete der Burgemeiſter mit ſeiner Hand durch das geöffnete Fenſter, um Stille zu heiſchen; und ſiehe, ſie verſtummeten Alle, um ſeinen Worten zu horchen.
Ich habe viel Rühmens und Preiſens von den lakoniſchen Reden alter Feldherren vernom⸗ men, aber die Rede, ſo itzt der Burgemeiſter hielt, übertrifft meines Erachtens an Bündig⸗ keit und Kraft der Ueberzeugung alles, was in ſolcher Art bisher dageweſen und inskünf⸗ tige ſein wird. Denn erachte, aufmerkſamer Leſer, der Burgemeiſter öffnete nicht einmal ſeinen Mund, ſondern man vernahm nur, als allgemeine Stille entſtund, das laute Knur⸗ ren ſeines Magens, was männiglich allſo⸗ gleich überführete, wie grundfalſch das Gerücht geweſen.
Da erfaßte mich ein tiefes Mitleid und die Stille benützend, erhob ich meine Stimme, um die baldige Rettung aus Hunger und Drangſal zu verkünden.
Man wollte mir ſchier nicht glauben, aber das Stück Rauchfleiſch, das ich als Morgen⸗ imbiß dem Burgemeiſtertöchterlein mitgenoni⸗ men, ſprach gar kräftiglich für meine Behaup⸗ tung. Und als dann die geſammte Bürger⸗ ſchaft, von mir angeführet, mit Schaufeln und Hacken hinaus zur Berglehne zog, da währete es nicht lange, bis das wunderbarſte aller Bergwerke eröffnet war. Und nun vermag kein Menſch würdiglich den Jubel zu beſchreiben, ſo losbrach, als das erſte mächtige Hinter⸗ viertel eines gewaltigen Gethiers zu Tage ge⸗ fördert wurde. Da fielen ſich Alle in die Arme und weineten und lacheten vor ſchier übergroßer Luſt und Freude. Und that es der Wonne nicht ſonderlich Eintrag, daß die Mäuslein, ſo die erſten Entdecker geweſen, bereits ein wenig daran genaget, denn es gab des ungeſchädigten Vorrathes noch eine unberechenbare Menge. Und denke, woraus dieſer Vorrath beſtund! Das war lauter fremdes Gethier, ſchier größer denn Elephanten und Nashörner, und alle waren mit Haut und Haaren geräuchert.
So wunderſeltſam und faſt unbegreiflich uns auch dieß Alles dünkete, ſo wußten doch die Gelehrten, die auch der Hunger mit her⸗ ausgetrieben, allſogleich den Schlüſſel zu fin⸗ den.„Das ſeien vorſündfluthliche Thiere,“ ſageten ſie,„und ihre Namen(verſtehe die der Thiere) wären: Mastodon maximus, Bos
primogenius, Megatherium, Cervus eury- cerus etc. Mit einer Erdſchicht überſchüttet, ſeien ſie zweifelsohne durch den Rauch und Dampf irgend einer vulkaniſchen Seiteneſſe— und Vulkane habe es hierorts gegeben,— durch undenkliche Zeiten vor Fäulniß geſchützt worden, wie ſich denn auch geräuchert Fleiſch in feſtverſchloſſenen Büchſen durch eine Ewig⸗ keit erhalte.“
Sei dem, wie ihm ſei,— die Nahrung mundete Allen gar fürtrefflich, zumeiſt aber dem Burgemeiſter, der aber die Freude nicht lange überlebte, dieweil er bald in Folge einer Indigeſtion das Zeitliche ſegnete.
Die dankbaren Knapphauſener ſetzten mich an ſeine Stelle, und da ich das holdſelige Töchterlein des Verblichenen als meine treue Ehegeſponſin heimführete, verherrlichten ſie meinen Hochzeitszug durch eine Wurſt von hundert Klaftern Länge, die mit urweltlichemn Fleiſche gefüllt und mit Schleifen und Kränzen ſchön gezieret war.
Als es mit dem Fleiſchbergwerke zu Ende ging, war allbereits auch die Hungersnoth vorüber. Die Knochen, ſo uns übrig geblieben, verſandten wir an allerhand Muſeen und Ka⸗ binete, allwo ſie ein ungläubiger Leſer als Zeichen, daß ich unr pure Wahrheit geſprochen, betrachten möge.
Aus dem Pinzgau. Skizzen aus dem dortigen Lolksleben.
Von F. Brentovansky.
1. Das Reifbrennen.
„Die Pinzgauer“ ſind ſtadt⸗ und landkun⸗ dig; ſchon als Studiosi in nequam haben wir uns mit Anekdoten über die Pinzgauer unter⸗ halten und die fröhlichen Handwerksburſchen ſtimmen ſtereotyp, wenn die Fechtſchule gut und ergiebig abgelaufen, das wohlbekannte: „Die Pinzgauer wollen wallfahrten gehn!“ mit biergeſtärkter Stimme an, um ſich den ſtaubi⸗ gen und ermüdenden Marſch zu neuen, hoff⸗ nungsreichen Fechtübungen kurzweiliger und an⸗ genehmer zu machen.
So wollen denn auch wir, lieber Leſer! wenn es gefällig iſt, eine Wallfahrt zu den viel⸗ verſchrieenen, guten und doch noch zu wenig ge⸗ kannten Pinzgauern thun!
Der Pinzgau iſt ein ſchönes, ein wunder⸗ ſchönes Alpenländchen,— daß derſelbe in den Ober-, Mittel⸗ und Unterpinzgau eingetheilt wird, daß man im Allgemeinen dahin auch den Pongau und Lungau zählt, dann, unter wel⸗ chem Länge⸗ und Breitegrad dieſer Edelſtein des Herzogthumes Salzburg fällt— das kann
man in jeder Geographie finden, wie anderer⸗ ſeits über die romantiſchen Schönheiten, die geognoſtiſchen, archäologiſchen, botaniſchen, bal⸗ neologiſchen und ökonomiſchen Merkwürdigkei⸗ ten dieſes kleinen, nur aus waldigem Gebirge und fruchtbaren Thälern beſtehenden Erdwin⸗ kels die tauſend und aber tauſend Touriſten beſſere Auskunft geben können, als ich, der ich mich blos mit dem Menſchen dort und ſeinen ſeit Urzeiten beibehaltenen Volksbräuchen befaſ⸗ ſen will.
Der Pinzgauer iſt ein kräftiger, geſunder, heiterer und biderber Menſch von altem deut⸗ ſchem Schrot und Korn, dem Nichts über ſeine von den Vorſahren ererbten Gewohnheiten,
Gottesfurcht, Anhänglichkeit an ſeine Religion,
Achtung vor ſeinem Seelenhirten, dem Nichts über patriarchaliſche Sitte, ſein Familienleben und ſeine grünen und zugleich eiskandirten Berge geht.
Schlauheit findet man wohl auch bei ihm, aber iſt dieß nicht die angeborne Waffe, welche Mutter Natur ſelbſt ihren geliebten, von der Civiliſation noch nicht berührten, viel weniger zernagten Kindern gegeben hat, wie uns die ſo⸗ genannten Naturvölker zur Genüge es bewei⸗ ſen? Auch über Gewinnſucht hört man den Ausländer hie und da klagen; ſollte dieſe jedoch nicht von den Klägern ſelbſt hervorgerufen wor⸗ den ſein, da ſie dieſes einfache Bergvolk mit ihrem Gold und Silber im wahren Sinne des Wortes überſchütten?
Wie oft fand ich dort in ganz unſcheinba⸗ ren Bergſchänken, wo man hier zu Lande kaum ein trinkbares Glas Bier, Käſe oder höchſtens eine Eierſpeiſe anſprechen würde, engliſche Gentlemen bei einem ganz komfortablen Früh⸗ ſtücke, bei Rum, Thee, Roſtbeef, Forellen, Butterſchnitten und hartgeſottenen Eiern ſich für das beabſichtete Bergſteigen ſtärken! Wo die feinern Genüſſe des großſtädtiſchen, raffi⸗ nirten Lebens Platz greifen, dort erſcheinen ge⸗ wiß auch als nothwendige Folge Gewinnſucht und herzloſe Spekulation!
Die Tracht des Pinzgauers iſt ein ganz paſſendes Gemiſch der maleriſchen Tiroler⸗ und der baieriſchen Hochländerkleidung. Dieß läßt ſich auch von der Sprache ſagen, je nachdem dieſe oder jene Grenze näher liegt.
Die Pinzgauerinen ſind, wie alle Frauen der Welt, mit ihren Fehlern und Vorzügen ausgeſtattet, doch überwiegen die Vorzüge bei weitem ihre Schwachheiten, wie dieß bei dem ſchönen Geſchlechte überhaupt und überall ſtatt⸗ findet.
Die Tracht iſt, wie die bei den Mannsbil⸗ dern erwähnte, national; nur zieren ſtets friſche Blumen den nie, außer vor dem Schlafengehen, abgelegten, ſchelmiſch auf das Ohr gedrückten Tirolerhut mit den Goldquaſten; ein Blumen⸗ ſtrauß ſchmückt die Bruſt und aus dem Mie⸗ der, das mit einer ſilbernen Kette zuſammen⸗ geſchnürt iſt, guckt neugierig— der Eßlöffel hervor, was wohl etwas materialiſtiſch auf den guten, allbereiten Appetit der drallen Pinz⸗
——4—4———yü4—


