Heft 
(1858) 10 10
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ſo hörete ich ruhig zu, als jetzo der Burgemei ſter ein Glöcklein in der Stube zu läuten be gunnte. Auf dieſes Zeichen traten vier ſtarke Geſellen zur Thür herein, mit Hellebarden be waffnet. Wehe, wer ſchildert meinen Schrecken, da nun der Burgemeiſter das Urtel über mich und mein Hündlein formulirete und ausſprach, daß Waldmann ob nächtlicher Ruheſtörung, räuberiſchen Anfalls und beleidigte r Burgemei ſterautorität den Händen des Nachrichters über antwortet, Hans Huber aber als verdächtiger Genoß und Vertheidiger des Räubers noch in laufender Nacht aus den Thoren der guten Stadt Knapphauſen gejagt werden ſolle.

Aber ſiehe, als ich ſo ganz zerſchmettert da ſtund, da warf ſich des Burgemeiſters Töchter lein, ſo bishero in aller Stille ihr halb Würſt lein verzehret, dem ſtrengen Herrn Bater zu Füßen und bat ihn flehentlich für mich und mein Hündlein um Gnade. Der aber ſchüttelte langſam und ernſt ſein erhaben Haupt, doch da ſie nicht nachließ mit Bitten und er beſorgen mochte, als ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt legte, ihre Thränen könnten ihm die ſeidene Weſte verderben, ſo ließ er ſich endlich erweichen und milderte das Urtel dahin, daß Waldmann unter dem Meſſer des burgemeiſterlichen Ko ches ein nicht unrühmliches Ende finden, ich aber frei und ohne Geleit meines Weges gehen ſolle.

Nun hatten auch ſchon im Nu die vier Knechte mein Hündlein gepackt und neben an in ein dunkles Loch, ſo wohl die Folterkammer war, geworfen, allwo mein theurer Reiſekum pan ſo jämmerlich zu heulen anfing, daß es einen Stein in der Erde, geſchweige mein Herz in der Bruſt, hätte erbarmen mögen. Und wahr lich, mein Herz war nicht von Stein, aber mich bedünkte es doch, daß ich ſchier unlieber mich von des Burgemeiſters mitleidigem Töchter⸗ lein, denn von meinem Hündlein trennete. Durfte auch des Viehes nicht ſonderlich Sorge haben, da mir die holde Maid verſtohlen zuflü⸗ ſterte, es ſolle ihm kein Haar gekrümmet wer den; allein war es auch zu glauben? Noth kennt kein Gebot.

Mit ſchwerem Herzen trat ich wieder durch das Thor der Burgemeiſterei auf die Straße und holete daſelbſt einen ſo tiefen Seufzer, als zöge ich ihn aus dem Brunnen der Veſte nigſtein. Da ſtund ich nun, unwiſſend, womit ich meinen Hunger ſtillen und wohin ich mein müdes Haupt legen ſollte. Und indem ich ſo in Gedanken auf den Boden ſtarre, gewahre ich wieder einige Mäuslein, die des Weges zogen. Die Sache däuchte mir ſeltſam, zumal ich bald darauf eine neue Schaar, wie unſchwer zu be⸗ merken, eine ganze Familie, und dann wieder eine andere in derſelben Richtung wandern ſahe. Da es mit dieſen Häuflein, ſo einander ſchier auf dem Fuße folgten, kein Ende neh men wollte, ſo gelüſtete es mich zu erfahren, wohin doch in aller Welt dieſe Mäuſewan verung gerichtet wäre. Folgete ihnen alſo im lieben Mondenſcheine unter allerlei Gedanken,

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wie das ſo der Fall iſt, wann man nicht weiß, was man denken ſoll.

Solchergeſtalt kam ich mit den Mäuſen zur Stadt hinaus und nachdem wir noch eine gute Strecke außerhalb derſelben gewallet, ver ſchwand Zug für Zug in einer Anhöhe, ſo ſtel lenweis wie ein Sieb durchlöchert ſein mußte. Da mir nun begreiflichermaßen nicht weiter zu folgen möglich war, und ich ſonſt keine andere Herberge zu finden verhoffte, ſo legte ich mich müd und traurig auf den Boden.

Das will ich meinem Todfeinde nicht gön nen, wie mir zur ſelben Stunde um Herz, um Kopf und Magen war. Denn betrachte: wie ſehr auch der ingrimmige Hunger in mirzeterte, ſo quälete und torquirete mich doch baß ein ander Gefühl, das mir bishero noch nicht vor gekommen. Ach was ſoll ich es läugnen? es war hoffnungsloſe Liebe.

Das Burgemeiſtertöchterlein hatte mit ihren Blauäugelein mir es angethan, daß ich jetzo ſchier nicht anders ſeufzen mußte, denn der Wind in einem Bergſtollen. Und da ich ſie mir immer fürſtellte, wie ſie mit ihren Perlenzäh⸗ nen ſo appetitlich in's Würſtlein biß, ſo wuchs mit meiner Liebe auch der Hunger, und mit dem Hunger die Liebe. Daneben gedachte ich auch meines getreuen Hündleins und ich hätte gern über ſeine traurige Lage und ungewiſſe Zukunft geweint, wenn mir nicht alles Waſſer im Munde zuſammengelaufen wäre, ſo daß auch nicht ein Tröpflein mehr für eine Zähre übrig blieb. Und war die Urſache davon gar ſeltſam; ſo oft ich nämlich mit der Naſe nahe an ein Mausloch kam, ſo witterte ich einen köſt⸗ lichen Dunſt wie von geräuchertem Fleiſche.

Schmerzlich ſummte ich eben das alte Sprüchlein vor mich hin:

Lieben und nicht haben Iſt härter, als Steinegraben

als mit einemmale mein treuer Waldmann und ter einem ſchrecklichen Freudengebell auf mich zugerannt kam und ſich ganz närriſch bei unſerm Wiederſehn geberdete. Mir ſelber lachte das Herz im Leibe vor heller Freude, den guten Freund und Kameraden wieder zu haben und als ich gar an ſeinem Halsbande ein Zettelchen wahrnahm, auf dem von weiblicher Hand eine flehentliche Entſchuldigung, ein inniger Dank, item ein herzliches Lebewohl verzeichnet ſtund, da war ſchier alle Noth vergeſſen. Während ich ſo im Mondſchein an den wenigen Zeilen buch ſtabirete, hatte ich es kaum acht, daß mein Hündlein allſo lüſtern ſchnuffelte, wie weiland vor Häuſern, die einen Fleiſchtopf auf dem Herde hatten. Erſt, nachdem ich das Brieflein zum zwotenmale durchleſen, lugte ich wieder ge⸗ nauer nach ihm, aber o Wunder, wo war er! Nur noch die Hinterpfoten und die Spitze ſeines Schweifes rageten aus der Erde hervor, in die er ſich vergraben, und ehe ich:Waldmann! rufen konnte, war er gänzlich verſchwunden, denn der Boden mochte von wegen der vielen Maushöhlen leichtlich zu durchbohren ſein.

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Ich lauerte nun eine gute Weile am Aus gange der Höhlung und von neuem dünkete es meiner Naſe, die Düfte einer wohlgefüllten Rauchkammer zu athmen. Es war mir wohl zuweilen in meinem Bergmannsleben vorge kommen, daß wir auf Knochen von allerhand Thieren, nie aber, daß wir auf einen unverzehr ten Braten ſtießen; derowegen kann ſich män niglich mein faſt übergroßes Verwundern für ſtellen, als mein Hündlein wieder aus der Un terwelt herfürkroch und in ſeiner Schnauze ein tugendſam Stück Rauchfleiſches trug. Ach, es war meinem Magen ſchier ſo angenehm, wie vordem das Brieflein meinem Herzen. Ließ auch davon, verſtehe vom Rauchfleiſch, meinem Waldmann ſeinen redlichen Theil zukommen und ſchmauſeten wir allſo zuſammen gar könig lich, unwiſſend jedoch, ob ein Rind, ein Schweinchen oder ein Lämmlein den Biſſen geliefert, denn er ſchmeckete ſo unbeſtimmt als lieblich.

Als ich die Begierde nach Speiſe wo nicht ſattſam, ſo doch hinlänglich geſtillet, fing ich an mit ruhigerem Gemüthe darüber zu ſinnen, ob wohl des Rauchfleiſches noch mehr im Schooße der Erde ſich finden ließe; zog dahero ein Eiſen aus meinem Wanderzeug, ſteckete es an meinen Stab und kroch nun in eigener Perſon in die Höhle, ſo Waldmann gegraben. Und richtig, der Spieß wollte nicht reichen, als ich ihn durch die mürbe Lagerſchicht trieb, die ich nach Ge⸗ fühl und Geruch für allerhand Schinken er kannte.

Wunder, war das ein ſeltſam Bergwerk! Ich konnte es mir nicht anders deuten, als daß einmal zur Zeit des Krieges allhier große Vor räthe müßten verſcharret und vergeſſen worden ſein, machte mir aber übrigens wenig Kopfzer brechen, was nie meine Art war, ſobald es was zu beißen ſetzte.

Mit dem Stücke Fleiſch, das ich aus dem Berge brachte, hatte ich gar hohe Abſicht, ich wollte es dem Burgemeiſtertöchterlein zum Frühſtücke offeriren. Zog demnach mit dem erſten güldenen Sonnenſtrahl wiederum in das Weichbild der guten Stadt Knapphauſen, doch wohlerwogen ohne mein Hündlein, ſo hier bei dem unermeßlichen Fleiſchtopfe baß in Sicher heit und Wohlſein ſich befund.

Und jetzo, geneigter Leſer, wär es für meine Feder ein übermenſchlich Stück Arbeit, wenn ich Dir ein genaues Konterfey des allertrüb ſeligſten Zuſtandes liefern wollte, in welchem ich an dieſem Morgen die armen, vielmögenden Bürger des Städtleins antraf. Denn betrachte: ſie waren allbereits in ihrer weiland wohlan ſehnlichen Leibeskomplexion dermaßen einge ſchwunden, daß ſie, wenn etzliche in einer Reihe ſchritten, einen Schatten warfen, wie ein Gar tenzaun von ſchmalen Latten. Und höre nun, wie der wilde Hunger zu jedweder Ungebühr reizet.

Aufgewiegelt von dem revoltirenden Ma gen rottirete ſich das Volk zuſammen und zog unter läſterlichem Lärm und Tumult vor des