Heft 
(1858) 10 10
Seite
300
Einzelbild herunterladen

300

Keller, und ſo gab es mehr zu klagen als zu nagen. Ich ließ mir aber deſſen kein grau Haar wachſen, ſondern verglich mich dem Vögelein im Evangelio, hoffend, allüberall mein Körn⸗ lein zu finden. Mein Hündlein, ſo übrigens ein tüchtiger Kerl und ſchier wie ein Reitpferd war, ließ mich, wie angedeutet, nicht verhun⸗ gern; denn da es ein unvernünftig Thier war, ſo ſtahl es ohne Gewiſſen, was an allerhand Nahrung ihm vor die Naſe kam, und da es zugleich treuen Sinn und ſchier menſchliche Tugenden hatte, ſo trug es mir, wie einſt die Raben dem Elias, von ſeinem Ueberfluſſe zu. Das ging nun ſo eine gute Strecke ohne ſon derliche Fährlichkeit zu unſerem beiderſeitigen Wohlſein; allein, wie die Noth immer mehr ſtieg, ſo kamen auch wir vom Fleiſche auf's Brod, vom Brod auf die Rüben. Nur eine Wurſt hatte ich mir als ein Andenken an beſſere Zeiten in meinem Querſacke aufbewahrt, be⸗ denkend, daß eben die Wurſt am beſten vor⸗ ſtelle die Hülle und die Fülle.

Da zogen wir, mein Hündlein und ich, eines Abends auch in der guten und getreuen Stadt Knapphauſen ein. Wer vor Zeiten be⸗ meldeten Ort alſo benamſet, ahnete wohl nicht, welches Omen in dem Nomen läge, denn es hauſete anjetzo die knappeſte Noth daſelbſt. Das einzige volle Geſicht, das man erblicken konnte, war der Vollmond, der eben über Knapphauſen hing, und denke auch er war bläſſer denn gewöhnlich. Im Grunde genom⸗ men ſah ich eigentlich keine lebende Seele mehr auf der Gaſſe; ſie hatten ſich alle eben nieder⸗ gelegt, ohne zu wiſſen, woher am Morgen Brod zu nehmen. Mein Tritt hätte ſchauerlich durch die öden Gaſſen hallen müſſen, wären an meinen Schuhen noch die weiland Sohlen geweſen. Es rührte ſich kein Laut, und wo ich auch an ein Thor pochen mochte, da antwortete nicht einmal die Stimme eines Hündleins, woraus ich unſchwer ſchloß, daß auch dieſe treuen Thiere bereits nach Abgang von Rin⸗ dern und Schafen dem unbarmherzigen Meſſer müßten verfallen ſein. Da zog ich mein theures Thier näher an mich, doch nicht an die Seite, allwo ich die Wurſt verborgen, und ſchritt trau⸗ rig mit ihm fürbaß, bis ich vor ein hohes Haus gelangte, an deſſen einem Fenſter noch der Schein eines Lämpleins glitzerte. Leichtlich erachtete ich, daß hier der Herr Burgemeiſter wohne und annoch in ſpäter Stunde über das Heil und die Ruhe Knapphauſens wache. In dieſem Gedanken ſtörete mich plötzlich mein Hündlein, das heftiglich anſchlug, weil etzliche Mäuſe im Mondſchein über die Gaſſe gelaufen waren. Auf dieſen wohl ungewohnten Laut des Gebelles öffnete ſich unverzüglich das beleuchtete Fenſter und wie eine dunkle Wolke am lichten Himmel erſchien eine mächtige Perücke in dem hellen Raume. Aus dem Gewölke aber ließ ſich eine ſchnarrende Stimme vernehmen, wel⸗ che ſprach:

Heda, guter Freund, komme er herauf mit ſeinem Hündlein.

Da gab ich denn ohne Arg der Mahnung Gehör und trat durch das geöffnete Thor mit meinem armen Vieh in das Haus und in die Halle, wo der Burgemeiſter auf einem großen Armſtuhl ruhete und wachte.

Nicht weit von ihm ſaß ſein zwanzigjährig Töchterlein an einem Tiſche und kauete mit ih⸗ ren Perlenzähnen an einer harten Brodrinde. Da wußte ich faſt nicht, wie mir wurde; ich hatte nur Auge für das Töchterlein, wie ver Burgemeiſter nur Auge für mein Hündlein. Er lockte es zu ſich, ſtreichelte es und ſagte: Ei, biſt du fett und wohlgenährt! Ach, ich war es auch einmal!

Ich aber langte, im Innerſten bewegt, die Wurſt aus dem Querſacke hervor und präſen⸗ tirte ſie zierlich dem holden Fräulein mit den Worten:Mademoiſelle, darf ich es wagen, zu Ihrem Imbiß etwas beizutragen? Es iſt zwar nur ein Würſtlein, aber ſetzte ich leiſer hinzu,das Herz aus meiner Bruſt gäbe ich gern, wenn Sie es nicht verſchmähten!

Sie lächelte verſchämt, griff nach der Wurſt und ſagte:Ich danke Ihnen, guter Fremdling; vorderhand ziehe ich das Würſtlein vor, denn mich hungert recht ſehr!

Darauf zerlegete ſie gewiſſenhaft das Würſt⸗ lein in zween Theile, wovon ſie den einen ih⸗ rem Herrn Vater reichte, den anderen für ſich behaltend. Der Burgemeiſter nahm das Stück⸗ lein Wurſt aus ihrer Hand nicht anders, als

lichen Ruheſtörung ſchuldig gemacht, maſſen er durch ſein lautes Gebille, das ich mit mei⸗ nen eigenen, ſage des Burgemeiſters Ohren vernommen, die Ruhe und den Frieden der guten und getreuen Stadt Knapphauſen geſtö⸗ ret. Derohalben..... 7

Mit Euer Geſtrengen Verlaub, fiel ich ihm als ein Vertreter des Unmündigen in die Rede,daran ſind nur die Mäuſe zu Knapp⸗ hauſen ſchuld, ſo in nachtſchlafender Zeit noch aus den Häuſern gelaſſen werden, zum Stau⸗ nen und zum Schrecken friedlicher Wan⸗ dersleut.

Worauf Er:Sintemalen denen Mäuſen die Geſetze unſerer Stadt die Freizügigkeit nicht unterſagen, ſo dürfen ſie ungehindert wandern. Ja, ja, ſetzte er traurig für ſich brummelnd hinzu, ſo ziehet auch das letzte Gethier aus unſerer Stadt noch fort, obwohl ſeine Erzfeinde, die Katzen, insgeſammt vernichtet ſind und keine Falle mehr dräuet aus Mangel eines Stück⸗ leins Speck. Es geht zu Ende mit Knapphau ſen! Schon Strabo berichtet, daß vor dem Einſturze eines Gebäu's die Mäuſe von dan nen ziehen. Jedoch, fuhr er plötzlich mit der Stimme eines Leuen fort,ob auch die Welt in Trümmer geht, Gerechtigkeit ſoll dennoch gehandhabt werden. Hans Huber, Sein Hund hat ſich ferner ſchuldig gemacht eines verwoge⸗ nen Raubes, in Anbetracht er mir aus eigenen Handen meinen Imbiß, ſo in dieſer Zeit mehr

empfinge er das Inſigul der Stadt, und indem er es vor ſein ehrwürdiges Angeſicht hinhielt, V betrachtete er es wie ein Kleinod unverwandt eine ganze Weile. Aber ſiehe, o des Unglücks! ſchwapps ſchnappte es ihm da plötzlich der Hund weg, ſo daß es im Nu verſchwunden und, wie es im Sprichworte heißt, weg war, wie das Würſtlein vom Sauerkraute.

Der Burgemeiſter gedachte vor Ueberra⸗ ſchung und Herzeleid ſchier unmächtig zu wer⸗ den, ich aber in meinem Unverſtande mußte ganz reſpektwidrig lachen, da ich des langen Geſichtes anſichtig wurde, womit der Burge⸗ meiſter ſprachlos das gefräßige Hündlein be⸗ trachtete. Aber nur zu bald ſollte ich in einem anderen Tone blaſen.

Ein dunkeles Ungewitter zog ſich auf der Stirne des würdigen Herrn zuſammen und faſt bedünkte es mich, als thürme ſich ſeine Perücke um eine Etage noch höher. Majeſtätiſch erhob er ſich von ſeinem Stuhle und die eine Hand auf den Tiſch ſtemmend und mit der andern auf mich deutend, frug er, wie ich heiße.

Hans Huber, Euer Geſtrengen, erwie⸗ derte ich kleinlaut.

Und wie heißt Sein Hund? fuhr er ſtreng fort.

Waldmann, Herr Burgemeiſter, entgeg⸗ nete ich, wie früher.

Nachdem ich ihm noch ſagen müſſen, weß Standes und Charakters wir wären, hob er wiederum mit aller Gravität der Amtsmiene an:Hans Huber, vazirender Bergknapp, ſein Hund Waldmann hat ſich einer nächt⸗

denn Goldes werth, geſchnappet. Da bemerkete ich mit Schüchternheit, der

Herr Burgemeiſter möge bedenken, daß das

Würſtlein meine Gabe geweſen und daß ich derohalben, obzwar ich das unvernünftige Thier ob ſeiner Unmanierlichkeit nicht entſchuldigen wolle, doch auch nicht in ſeinem Gebahren und Verfahren eine ſchwere Unthat erblicken könne, anerwogen ich ſelber nicht das Recht hatte, das ganze Würſtlein, wovon die Halbſcheid meinem treuen Begleiter gehörte, zu verſchenken, wel⸗ chergeſtalt ſonach das Hündlein nur genommen, was Rechtens ſein war.

Ob meiner wohlgeſetzten Einrede erzürnete der Burgemeiſter nur um ſo mehr.Mit nich⸗ ten, wirſt Du naſeweiſer Burſche, rief er, einem Burgemeiſter lehren, was Fug und Recht iſt. Haſt Du, wie Du ſagſt, nur die eine Hälfte des Würſtleins rechtsgiltig verſchenken können, ſo war doch dieſe Hälfte unſer vollkom⸗ men Eigenthum geworden. Nun beweiſe aber, ſo Du kannſt, daß nicht eben die geſchnappte Hälfte unſer Eigenthum geweſen.

Wiewohl ich mich nun heute in einem ähnlichen Caſus leichtlicher Weis durchfitzen wollte, ſo war ich dazumalen einerſeits in den Paragraphen des Geſetzes zu wenig verſiret, andrerſeits durch die Autorität des Burgemei⸗ ſters alſo verblüfft, daß ich mir nicht Rathes wußte. Waldmann aber lag nach dem guten Biſſen ruhig, als ob ihn die Sache weiters nicht anginge, auf den Dielen, das Haupt auf die Vorderpfoten ſtreckend. Da mir auch nicht im mindeſten ſchwante, was da komnien würde,