Heft 
(1858) 10 10
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Badeort verlaſſen, aber es ließ ihn dennoch nicht. Er mußte Mathilden noch einmal ſehen, er mußte ihr ein freundliches Wort zum Ab⸗ ſchied ſagen. Er ging wieder in den Park. Er kannte das Plätzchen, wo ſie gerne einſam weilte, er ſuchte es auf, er fand ſie dort. Sie ſaß in Gedanken verſunken, ein aufgeſchlagenes Buch lag auf ihren Knieen, doch ſie blickte un verwandt in das Grün der Zweige. Das Ge⸗ räuſch ſeiner Tritte weckte ſie, ſie ſah ſich um und erkannte den Nahenden, auf ihrem Antlitz malte ſich eine heftige Bewegung.

Verzeihen Sie, mein Fräulein, redete er ſie an;ich muß ſie für einen Augenblick Ih rem Sinnen entreißen. Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen.

Dieſe Worte berührten Mathilde mit der Hand des Schreckens Sie ſah ihn einige Augenblicke an ohne Bewegung, dann belebte ſich das Weh in ihrem Inneren. Sie vermochte es nicht, die hervorquellenden Thränen zurück zuhalten.

Er ſetzte ſich neben ſie auf die Raſenbank, er faßte ihre zitternde Hand.

Mathilde, ſprach er,ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig. Hören Sie mich.

Das Miädchen heftete den Blick auf ihn, ihm wars, als ob die untergehende Sonne ſei nes Lebens aus ihren Augen ihm einen war men Scheideblick zuſandte.

*,Jch war hart gegen Sie, ich habe Sie in Ihren ſchönſten Gefühlen gekränkt; Sie ge⸗ horchten dem Drang Ihres reinen Ferzens und ich dem Zug des Stolzes und der Weltverach tung, die niein Auge geblendet hielten. Sie ſind gerächt worden, Mathilde.

Ach, wüßten Sie, wie ſehr ich litt und leide, ſagte das Mädchen mit einem Tene. in welchem eine Welt von Schmerz un ligkeit derborßen lag,Sie müßten Akeinen, daß das Gefühl der Rache keinen Balſam⸗ für mich hat. Doch wer ſpricht von Rache? Wie verſteh' ich Sie?

Sie haben mir Shre Gefühle geoffen bart, fuhr er fort,Sie haben mir das In nerſte Ihres Herzens gezeigt in einem Augen blicke, wo ich allen Schwächen des Herzens Le bewohl geſagt zu haben wähnte; doch ſeit jenem Abend begann ſichs wieder zu regen in mei ner Bruſt. Ich geißelte mich ſelbſt mit mei nem Spotte, ich ſprach Trotz und Hohn mei nen wachſenden Gefühlen, doch vergebens. Immer deutlicher trat das Bewußt ſein vor mich hin, immer klarer ſtand es in meiner Secle, daß ich Sie liebe.

dugor⸗ tönte es von den Lippen Ma thildens, und faſt hätte dieſes eine Wort Jahre aus ſeinem Leben geſtrichen.

Ja, ich liebe Sie, Mathilde, wie derholte er, und bezwang mit der Kraft ſeines mächtigen Willens das aufwallende Gefühl; und darum komme ich, um Abſchied von Ihnen zu nehmen.

Sie lieben mich, ſprach Mathilde; o gönnen Sie mir en Glauben an die Wahr

heit dieſer Worte; Sie lieben mich und wol len ſcheiden?

3 Ich muß, antwortete Marbach, und ſeine Worte tönten wie Grabgeſang an der Bahre ſeiner Freuden.

Sie müſſen, da Sie mich lieben? fragte Mathilde;ich kanns nicht glauben, nicht verſtehen.

Es iſt zu ſpät, ſprach er darauf mit dumpfer Entſchloſſenheit;es iſt zu ſpät! Ma thilde, Ihre Liebe verlangt eine Gegenliebe, wie Sie Ihrer ſchönen Seele würdig iſt; Ihre Liebe verdient ein ganzes, volles Herz, das Kraft genug beſitzt, ſie in gleichem Maße und mit derſelben Nachhaltigkeit zu erwie dern. Mein Herz iſt aufgezehrt von den wil den Flammen des Lebens und Liebens, es beſitzt nicht die Spannkraft der Jugend. Ich kann Sie nicht glücklich machen.

Sie lieben mich und zweifeln an der Liebe Macht? entgegnete Mathilde.O, die Liebe iſt ſtark, ich fühle es, ſie reicht hin für ein ganzes Leben.

Sie iſt ſtark, wenn ſie in einem Herzen einkehrt, das voll und ſriſch dem neuen Mor genroth der Liebe entgegenſchlägt, ſprach Marbach;ich habe geliebt und wenn ich das Buch meiner Vergangenheit auf ſchlage, ich ſinde darin manchen Frauenna⸗ men, der mir werther war als Glück und Leben. Ich habe den beſten Theil meiner in neren Gluth dahingegeben, und was mir die Liebe übrig ließ, hat der Schmerz verzehrt. Mein Herz gleicht nun einem ausgebrannten Bulkan, der noch einmal in heftiger Erſchüt terung erbebt, ehe er in Schutt zuſammen bricht.

Mathildens Thränen ſloßen reichlich. Sie hielt die Hand ihres Geliebten krampf haft umfaßt und preßte ſie an ihr hochwogen des Herz. Ein ſchwerer Kampf war darin ent ſtanden, er währte kurz, und die Liebe hatte geſiegt.

Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen, ſprach ſie,vergeſſen Sie, was Sie geliebt und gelitten; meine Liebe iſt groß genug, um Sie für alles zu entſchädigen, was Ihnen das Schickſal Liebes genommen. Wenden Sie ſich ab von den trüben Erinnerungen, faſſen Sie Vertrauen zu Ihrem Herzen und zu Ihrer Manneskraft und leben Sie von heute an ein neues Leben.

Mathilvde, ſagte Marbach ge rührt und drückte ihre Hand feſter und inni ger;wäre ich im Stande mich wieder aufzu raffen, nur Sie könnten es ſein, die mir den Muth und das Selbſtvertrauen wieder zu ge⸗ ben vermöchte. Ja, in dieſem Augenblicke ſcheint es mir, als kehrte der alte Geiſt wieder ein bei mir; aber ich darf dieſer Schwäche nicht nachgeben, ich liebe Sie zu ſehr, ich das O Opfer Ihrer Liebe annehmen könnte. Wenn ich mir die Zukunft vorſtelle und Sie in der Fülle Ihrer? Jugend und Schönheit, in der vollen Kraft Ihres ungeſchwächten Gefühls

fürtreffl liche als daß D

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und mich an Ihrer Seite, nicht vermögend Ihnen mit der gleichen Gluth entgegen zu kommen, gemartert von dem Bewußtſein frü her Verirrungen, das Ihre reine Gegenwart nur ſtärker belebt, Mathilde, ich müßte noch unglücklicher werden, als ich es in dieſem Augenblicke bin, und Sie o Gott! Nein, ich habe oft mit dem Heiligſten im Leben ge⸗ ſpielt, aber Sie zu betrügen wäre eine Sünde, die ich mir durch mein ganzes Leben nicht ver⸗ zeihen könnte.

Mathilde verſuchte es nicht mehr, ihn zu bereden, ſie ſah ſeine Standhaftigkeit und⸗ nur ihre Thränen ſprachen. Ach, ſie verſtande ja kaum, was er ihr geſagt, ihre reine Seele wußte ja nichts von den Verirrungen, denen⸗ der Menſch im Leben unterliegen kann.

Leben Sie wohl, meine theure, meine ge liebte Mathilde, ſprach er nach einer Pauſe;ich kann Ihre Gegenwart durch meine Anweſenheit nicht länger beunruhigen. Ich will Ihnen nicht ſagen: Reißen Sie Ihr Gefühl. gewaltſam aus Ihrem Herzen; die Liebe kann das nicht. Es müſſen Jahre vorübergehen, ehe eine ſolche Wunde vernarbt, aber ſie ver narbt gewiß. Denken Sie mein als eines Freundes, ich ziehe fort, hinaus ins weite Le⸗ ben und nehme als einzigen Lichtpunkt Ihr lie bes Angedenken in meine dunkle Zukunft mit. Leben Sie wohl, auf ewig!

Er drückte einen Kuß auf Stirne und ſtürmte fort.

Am folgenden Tage war es öde und trau⸗ rig in der Heilanſtalt. Herr von Winter war fort, Herr Marbach mit ihm, und die heitere Baronin rüſtete ſich mit Mathilden ebenfalls zur Abreiſe.

ihre bleiche

e

Wie der Bergknappe Hans Huber ein Schinkenlager entdechte Vürgermeiſter wurde.

Aus einer Jamitienchronift ans Licht gezogen

von W. Ernſt.

Ich war meines Zeichens ein Bergluappe; allein da es mich ſehr gelüſtete, verſchiedener Herren Länder zu ſehen, als unter der Erde mein nächtlich Tagwerk zu treiben: ſo nahm ich mein Bündel und meinen Wanderſtab, ließ vie Silberſtufen getroſt liegen und zog dafür den kupfernen Hellerlein nach. Hatte mir auch ein Hündlein beigeſellt, vas mir purch ſeine Spürkraft über die Maßen gute Dienſte diſtte dieweil es ſchon von der Ferne witert in welchem Hauſe annoch ein redlicher

Topf am Feuer ſtund. Ach, es war eine be drängte und harte Zeit, da man ſchrieb 17n. Meiſter Sc hmalhans regierte in Küche und

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und dafür