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(1858) 10 10
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Herr Marbach hatte die Elaſticität ſeines Geiſtes wieder gewonnen und ging neben den Damen im wechſelnden Geſpräche. Mathilde ſtrengte ſich an, in die Unterhaltung mit ein⸗ zuſtimmen, aber es gelang ihr nicht recht. Sie ſchwieg zuletzt und horchte nur darauf, was ihre Begleiter ſprachen. Herr von Winter kam, er ſchloß ſich an Mathilden und das Mädchen beantwortete ſeine theilnehmenden Fragen. Sie ſchien froh, den forſchenden Bli⸗ cken Marbachs durch eine ausſchließliche Un⸗ terhaltung mit dem Gelehrten zu entgehen, aber ſie empfand es, wenn Marbachs Auge ſich nach ihr wandte, und in ihrem innerſten Weſen erbebte ſie.

Mehrere Tage vergingen. Marbach ſchien wieder in ſeinem alten Geleiſe; nicht ſo Mathilde. Sie war nicht krank, aber ihr Antlitz trug dennoch die Spuren der Angegrif⸗ fenheit. Ein aufmerkſamer Beobachter konnte ein tiefes Seelenleiden nicht verkennen.

Eines Abends, Marbach ſaß in ſeinem Zimmer und ſchrieb, öffnete ſich die Thüre und Herr von Winter erſchien. War dieß der ſtumme Gelehrte? Nein, das war er nicht. Jeder ſeiner Züge war ein wilder Auſſchrei. Eine Ahnung des Vorgefallenen überkam Herrn Marbach.

Was fehlt Ihnen? fragte er, die kalte Hand des Gelehrten erfaſſend.

Zu ſpät! rief dieſer,zu ſpät! ſagten es einſt ſelbſt.

Sie haben alſo Mathilden Ihre Liebe geſtanden? fragte Herr Marbach.

Wie wiſſen Sie das? Wer hat es Ih⸗ nen geſagt? Wie kamen Sie zur Kenntniß meiner Liebe?

Sie ſelbſt geſtanden es mir, mein Freund! antwortete Herr Marbach, indem er den Gelehrten neben ſich auf das Sopha zog;Sie ſelbſt. Zwar nicht mit deutlichen Worten; aber dieſe ſind es ja faſt nie, aus denen wir im Leben die Wahrheit erkennen. Ihre Mienen, Ihre Blicke, Ihr ganzes Weſen verrieth mir Ihre Liebe zu Mathilden.

Sie haben mir mein Schickſal vorausge⸗ ſagt, klagte Herr von Winter,o, ich war ein Thor, daß ich die Wahrheit Ihrer Worte nicht gleich erkannte und eine Leidenſchaft nie⸗ derzukämpfen ſuchte, als ſie noch im Keime lag. Es iſt zu ſpät für mich, ich bin zu alt, trotz meinem jungen Herzen. O, hätt ich Ihre Jahre, wie glücklich, wie ſelig könnt' ich ſein. Wie be⸗ neidenswerth ſind Sie in Ihrer Jugend!

Sie

Ich ſagte Ihnen damals, bemerkte Herr Marbach,daß es zu ſpät ſei für uns Beide. Ich habe nichts voraus vor Ihnen.

denkt. O Mathilde! Mathildel daß ich Dich und eben Dich lieben mußte!

Troſt iſt in ſolchen Momenten die aller⸗ ſchlechteſte Arznei. Die Patienten nehmen ſie nicht, dazu gehört ein gewiſſes Stadium der Ruhe. Dieß wußte Herr Marbach wohl und ließ dem Schmerze ſeines Freundes freien Lauf. Aus ſeinen unzuſammenhängenden Worten er⸗ kannte er, daß Herr von Winter Mathil⸗ den ſeine Liebe geſtanden, und daß er von ihr zurückgewieſen worden. Dieß brachte den welt⸗ erfahrnen Mann zum Nachdenken.Wie, ſprach er zu ſich ſelbſt;ich habe Mathilde gekränkt, ja mehr als gekränkt; ich habe ihr Gefühl für mich mit der Geißel des Spottes verwundet, und ſie ergreift nicht die erſte Gele⸗ genheit, um mir ihre Kälte, ihre Verachtung zu beweiſen? Dieſer Gelehrte iſt wohl um einige Jahre älter'als ich, aber er hat ein Herz voll Liebe, er iſt reich und kann ihr, der armen, verwaiſten, eine ſichere Zufluchtsſtätte bieten für künftige Tage. Was vermag ich dagegen? Mein Talent nährt mich wohl, aber für Weib und Kind zu ſorgen, vermag ich nicht, wir müß⸗ ten darben, ich beſitze nichts weiter; und ſie hat ihn zurückgewieſen, warum? Weil ſie mich liebt trotz meiner Gefühlloſigkeit. Und was wären die Reſultate meiner jahrelangen Erfah⸗ rungen? Hätte ich ein Gebäude ohne Grund aufgeführt? Sollte es wirklich wahre Liebe geben?

Solche und ähnliche Gedanken drängten ſich in ſeiner Seele und er fand, daß ihn Ma⸗ thilde mehr beſchäftige und ſeit jemem Abend auf der Wieſe beſchäftigt hatte, als er ſich ſelber zugeſtehen mochte. Er machte ſich darüber Vor⸗ würfe.Was ſpukt mir denn dieſes Mädchen ſtets im Kopfe herum? Was ſoll mir der Ge⸗ danke ihrer Liebe? Liebt ſie mich, ſo mag ſie zuſehen, wie ſie mit ſich zurecht kömmt, ich hab' ihr dazu keine Veranlaſſung gegeben. Ich kann nicht lieben. Ich müßte mir lächerlich erſchei⸗ nen. Genug davon. Ich will abſchließen mit dieſen Gedanken, fogleich und für immer.

So dachte er; aber was half's? Er mochte denken ſo viel und ſo kategoriſch er wollte, im⸗ mer kehrte er zu Mathilden zurück und ſie war Anfang und Ende ſeiner Gedanken. Sein Schlaf war unruhig und ſeine Träume führten ihn zu ihr. Als er ſie am folgenden Morgen neben der Baronin ſah, wußte er kaum wie ihm war, als ſie erröthend ſeinen Gruß erwiederte. Er betrachtete ſie zum erſten Male genauer, und wunderte ſich, daß er ſie nie ſo ſchön ge⸗ funden hatte, wie dießmal. Ein dunkles, bren⸗ nendes Auge, deſſen Glanz durch den Schleier der Schwermuth, der darüber hing, kaum ge⸗

trübt werden konnte; eine Stirne ſo ſchön, wie 7

Das iſt kein Troſt für mich, ſprach der er ſie nie geſehen, und Lippen ſo friſch, wie die

Gelehrte dumpf;ich bin in meinem Inner⸗ Erdb 1 3 chaft, die alle ſtreift wird. Das ganze Geſicht ein prachtvolles

ſten verzehrt von einer Leidenſ Schranken meiner Begriffe überſteigt; ich bin

meiner nicht mächtig, mein Kopf ſchwindelt,

Erdbeere, von der eben der Morgenthau abge⸗

Oval mit den edelſten Zügen. Er fühlte ſich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen, es war ihm

meine Pulſe pochen fieberhaft, ich bedarf einer als müßte er ihre Hand ergreifen, um ſie an's

Freundeshand,

die mich hält und für mich Herz zu drücken.

Das Geſpräch drehte ſich um gleichgiltige Dinge und die Baronin führte das Wort. Als man ſich zum Frühſtück verſammelte, empfahl ſich Marbach. Er fühlte das Bedürfniß des Alleinſeins. Er ging tief in den Park hinein und weiter in den dichten Wald. Die Bäume rauſchten, die Vögel ſangen ihm zu, aber ſein Herz ſchnürte ſich zuſammen.

Und liebſt Du denn wirklich, Du alter Knabe? fragte er ſich;trotz Deiner Ueber⸗ zeugung, trotz Deinem zerſtörten Herzen? Nein, nein! Die Phantaſie ſpielt mir einen Jugend⸗ ſtreich; ich kann ja nicht mehr lieben! Und den⸗ noch, was iſt dieß anders, als Liebe, was da drinnen ſpricht? So war's damals, vor zehn Jahren, als mich zum erſten Mal die Liebe faßte; ſo empfand ich, wie ich jetzt empfinde. Ja, das iſt Liebe! Und was nun? Soll ich ſie in die Oede meines Lebens einſchließen? Soll ich ſie einer Leidenſchaft zum Opfer brin⸗ gen, die nichts iſt, als das letzte Zucken eines mit dem Tode ringenden Gefühlslebens? O hätt' ich meine erſte Jugendkraft, flöße noch jenes feurige Jünglingsblut in meinen Adern, das an Entwürfen ſo reich, ſo kühn in Thaten i*ſt, ich wollte mir ein Glück gründen für Ge⸗ genwart und Zukunft. Doch jetzt es iſt zu ſpät!

Lange währte ſein einſames Herumirren, aber zu einem Schluß kam er nicht. Die Ge⸗ danken brannten in ſeinem Gehirne und verge⸗ bens mühte er ſich einen Moment ruhiger Be⸗ ſinnung zu erhaſchen. Das Bewußtſein ſeiner Liebe war ihm kein Gefühl, das ſein Herz mit jugendlicher Freude füllte, er empfand nichts von jenem Glücke der Liebe, das die Bruſt wei⸗ tet und die Seele erhebt, das den Menſchen herausreißt aus der engen Sphäre des irdiſchen Daſeins und ihm einen Platz anweiſt an der himmliſchen Tafelrunde; er empfand nur die Qualen des Tautalus, der, geſtürzt von den lichten Höhen in Nacht und Oede ſein einſames Leben zu vertrauern verurtheilt iſt.

Er kehrte zurück, er wollte ſich und ſein unglückliches Gefühl in den Fluthen der Ge⸗ ſellſchaft begraben. Im Salon fand er mehrere Kurgäſte, aber wie ſchal, wie kalt erſchien ihm da Alles! Er ſuchte die Einſamkeit wieder, da begegnete er ſeinem Leidensgefährten, dem un⸗ glücklichen Winter.

Ich ſuchte Sie ſchon ſeit mehr denn einer Stunde, redete ihn dieſer an;ich will Ab⸗ ſchied von Ihnen nehmen.

Abſchied? fragte Marbach, aus ſei⸗ nem traumartigen Zuſtande herausgeriſſen; Sie wollen reiſen?

Ja, antwortete der Gelehrte;in ihrer Nähe müßte ich mich aufreiben, ich will fort.

Fort fort wiederholte Marbach; ja, das iſt ein Gedanke, den Ihnen ein Gott auch für mich eingegeben hat. Fort denn! Wir reiſen!

Jetzt war er zu einem Entſchluß gekommen. Er eilte auf ſein Zimmer, um ſeine Sachen in

Ordnung zu bringen, er woltte ſogleich den