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ein Krieg, in welchem blos mit Worten mehr geſpielt als gekämpft wurde; im Grunde theilte die Baronin die Meinung, welche alle anderen von ihm hatten.
Herr von Winter ſchloß ſich ihm immer enger und enger an, und Marbach kam ihm mit derſelben Neigung entgegen. Die beiden Männer hatten, trotz der äußeren Verſchieden⸗ heit ihrer Charaktere, doch manchen gemeinſa⸗ men Zug in ihrer Gemüthsbeſchaffenheit. Herr von Winter hatte ſich während dieſer Zeit auch ganz verändert. Die Geſundheit war ihm zurückgekehrt und verlieh ihm ein faſt jugend⸗ liches Aeußere, die veralteten Kleider hatte er mit anderen, der Zeit angemeſſenen vertauſcht und ſein Benehmen glich dem eines jeden an⸗ deren in der Geſellſchaft. Mathilde war es, der er vor allen ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Mit ihr und der Baronin pflegte er ſich oft ſtundenlang zu unterhalten; gewöhnlich war auch Marbach zugegen und dieſer, welcher bald erkannte, daß der Gelehrte nur Mathil⸗ den ſuchte, übernahm es gerne, die Baronin zu beſchäftigen, um ſeinem Freunde einen wei⸗ teren Spielraum bei Mathilden zu verſchaf⸗ fen. Dabei unterließ er es nicht, den Gelehr⸗ ten ſtets im Auge zu behalten. Ehe ſich der⸗ ſelbe noch Rechenſchaft über ſeine Neigungen und Abſichten zu geben wußte, hatte Herr Marbach erkannt, daß dieſer wirklich eine Neigung zu Mathilden gefaßt hatte und daß dieſe Neigung mit jedem Tage immer ſtärker heranwachſe. Aber weit entfernt, ihn über ſein Inneres aufzuklären, ließ er ihm in der Entwicklung ſeiner Gefühle freien Lauf und war nur darauf aufmerkſam, wie ſich Ma⸗ thilde in dieſer Beziehung verhielt. Er fand aber in dem Benehmen des Mädchens nichts, was ihn auf eine Erwiederung hätte ſchließen laſſen. Sie war freundlich und zuvorkommend gegen Herrn von Winter, wie gegen jeden anderen aus der Geſellſchaft, nur daß ſie mehr Gelegenheit hatte, ihm ihre Freundlichkeit zu beweiſen, weil ſie mit ihm mehr zuſammen war, als mit anderen Kurgäſten. Sie empfand auch eine große Achtung vor ſeinem tiefen Wiſſen und nahm gerne die Aufklärungen an, welche ihr der Gelehrte über manches gab, worauf ſie eben zufällig im Geſpräche kamen. Nur gegen Herrn Marbach ſchien Ma thilde zurückhaltend. Sie mied ahn nicht, aber ſelten richtete ſie ihre Worte an ihn. Berührte er ihre Hand, ſo wars, als ob ſie einen elektriſchen Schlag empfände. Sprach er, ſo waren ihre Blicke unverwandt auf ihn ge⸗ richtet und begegneten ſeine Blicke unvermu⸗ thet den ihrigen, ſo übergoß ſich ihr Geſicht mit einer auffallenden Röthe. Der erfahrene Mann wußte bald, was dieß zu bedeuten habe, aber er war an Siege gewöhnt, und einen mehr errungen zu haben, ſchmeichelte ihm nicht mehr, er hatte dieſe Art von Eitel⸗ keit abgelegt. Er fand es nicht einmal der Mühe werth, über Mathildens Liebe zu ihm nachzudenken. Er zog ſich nicht zurück, er
drängte ſich nicht zu ihr. Zwar hatte er er⸗ kannt, daß ihr Bildungskreis weit über den Horizont gewöhnlicher Frauengelehrſamkeit reiche, daß ſie auch mehr Gemüth zu haben ſchien als andere, aber im Allgemeinen waren ſeine Anſichten zu feſt begründet, als daß er ſich zu bedeutenden Konzeſſionen, einzelnen gegenüber herbeigelaſſen hätte; ihm war Ma⸗ thilde doch ein Frauenzimmer, wie jedes andere.
Es war ein ſchöner Morgen und Herr Marbach beſchloß, eine Fußreiſe nach einer etwa eine Meile entfernten Stadt zu machen, er hatte dort einiges mit dem Buchhändler und noch an anderen Orten in Ordnung zu bringen. Der Tag verſprach ihm anhaltendes Wetter. Er ging. Der Fußpfad, den er ein⸗ ſchlug, war einſam, auf den Feldern waren hie und da einzelne Arbeiter beſchäftigt, aber ſtill wars um ihn, bis auf den Vogelſang in den Zweigen, der ſein Sinnen nicht ſtörte. Seit ſeinem Aufenthalte in der Heilanſtalt war er faſt nie allein mit ſeinen Gedanken geweſen. Immer waren es einzelne oder die ganze Geſellſchaft geweſen, die ihre Zeit mit ihm theilten, und befand er ſich ſpät Abends auf ſeinem Zimmer, ſo war es ein Buch, womit er ſich beſchäftigte, wenn nicht der Schlaf an ſeine Sinne pochte, um ſie zur Ruhe zu rufen. Alles, was er ſeit einigen Wochen durchlebt, drängte ſich chaotiſch in ſei⸗ ner Erinnerung. Er ſuchte ſich und fand ſich kaum. Er däuchte ſich ein anderer und wußte nicht warum. Er ließ die einzelnen Glieder der Badegeſellſchaft die Revue paſſiren, er be⸗ trachtete ſie genauer.„Lauter Staffage,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„kein Einziger unter ihnen, der eine Hauptfigur abgeben könnte. Kleine Seelen mit kleinlicher Eitelkeit und großen Anſprüchen. Der einzige Winter ausgenom⸗ men. Schade um ihn, daß er auch ein Narr geworden iſt. Das kleine Ding hat ihm den Kopf verdreht. Es wäre vergebliche Mühe ihn zurecht ſetzen zu wollen, das muß von ſelbſt geſchehen, wenn er ſich von ſeiner Narrheit überzeugt hat.“
Unter ſolchen Gedanken kam er auf die Straße, die nach der Stadt führte. Einige Schritte vor ihm ging eine kleine Truppe rei⸗ ſender Muſikanten, ihre Inſtrumente auf dem Rücken.
„Auch Zugvögel,“ dachte er,„die ihr Brod in der Fremde ſuchen, das ihnen der heimat⸗ liche Boden verſagt, Söhne Apolls, die um einen Groſchen leiern. Daß doch Alles, im Kleinen wie im Großen, nach außen ſtreben muß, wenn es durchs Leben kommen will. Den Glücklichen wollte ich kennen lernen, der Niemand braucht.“
Er förderte ſeine Schritte und war bald in der Mitte der Muſiker.
„Wohin des Weges?“ fragte er den näch⸗ ſten an ſeiner Seite.
„Nach Oeſterreich,“ Mann.
antwortete der
„Nach Oeſterreich!“ wiederholte der Fra⸗ gende;„gehts dort beſſer als hier zu Lande?“
„Freilich,“ entgegnete der Muſiker,„s kömmt bald die Erntezeit und da gehts dort luſtig zu, dann iſt's bald Kirchweih, da wird auch getanzt.“
Herrn Marbach flog ein Einfall durch den Kopf. Er wollte die Muſikanten mit nach dem Badeorte nehmen und ſo den Gäſten eine Ueberraſchung bereiten. Die Truppe zeigte ſich gerne bereit auf ſeinen Vorſchlag einzu⸗ gehen. In der Stadt ließ er ihnen durch den Wirth, bei dem ſie eingekehrt waren, ſeine Be⸗ reitwilligkeit auf's thatſächlichſte beweiſen und als die kühleren Stunden des Nachmittags kamen, machte er ſich mit ſeinen Gäſten auf den Rückweg. Sie ſpielten ihm zum Danke manche luſtige Weiſe und ehe man ſich's ver⸗ ſah, war die Strecke zurückgelegt. Die Sonne ſtand noch am Himmel, als ſie anlangten. Herr Marbach bedeutete ihnen, ſich im dich⸗ ten Gehölze des Parkes, woran eine große Wieſe ſtieß, verborgen zu halten und auf ein gegebenes Zeichen ihre Inſtrumente ertönen zu laſſen. Er ſelbſt ging in den Salon, wo er die Geſellſchaft zu finden hoffte. Er fand ſie. Bei ſeinem Eintritte empfingen ihn gelinde Vorwürfe von Seite der Baronin, weil er, ohne Jemand ein Wort zu ſagen, ſich entfernt hatte. Er antwortete mit einer heiteren Wen⸗ dung und lud die Geſellſchaft zu einem Spa⸗ ziergange in den Park.„Es iſt ſo ſchön im Freien,“ ſchloß er,„wir wollen draußen auf der Wieſe ein heiteres Spiel arrangiren.“
Alle waren bereit und als man auf der Wieſe beiſammen war, war auch bald ein mun⸗ teres Geſellſchaftsſpiel im Gange. Fragen und Antworten wechſelten in raſcher Folge und man⸗ ches Pfand wurde eingeliefert. Jetzt gings ans Auslöſen. Jeder, der Reihe nach, diktirte eine Strafe und der Stoff zum Lachen ging da ſel⸗ ten aus.
„Was ſoll mit dem letzten Pfand geſche⸗ hen?“ fragte der Aſſeſſor.—
„Mit dem letzten Pfand?“ wiederholte die Baronin.„Das gehört Ihnen, Herr Mar⸗ bach, Ihr Pfand iſt noch nicht gelöſt worden. Gut, Sie müſſen uns etwas improviſiren.“
„Sie ſtellen mir eine ſchwere Aufgabe, gnädige Frau,“ entgegnete Herr Marbach; „Improviſiren.— Es ſei. Ich habe heute eine Reiſe in den Olymp gemacht und Apoll war ſo gnädig, mir einige ſeiner dienſtbaren Geiſter zur Verfügung zu ſtellen. Ich will mich ihrer Hilfe bedienen.“.
Er klatſchte bei dieſen Worten dreimal in die Hände. Da regte ſichs im Dickicht, der Klang von Inſtrumenten drang herüber, anfangs zart und lind, dann immer voller und lauter. Die Geſellſchaft blickte überraſcht nach dem Gehölze und dann wieder auf Herrn Marbach.
„Was iſt das?“ fragte die Baronin.
Er antwortete nicht, um die Auderen in ihrer Aufmerkſamkeit nicht zu ſtören. Nach eini⸗ gen Minuten ſchwieg die Muſik.


