Heft 
(1858) 10 10
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weiblichen Idealen eingebüßt. Alles, was Ih⸗ nen zart und lieblich erſcheint, gilt mir, wenn nicht für Verſtellung, doch aber für eine glück⸗ liche Naturanlage, wie ſie etwa einer Schau⸗ ſpielerin eigen ſein mag, die ſich zu geben weiß, wie es eben der Geiſt ihrer Rolle ver⸗ langt. Wer da Tiefe und Wahrheit ſuchen wollte, geräth auf einen Irrweg, der ihn im⸗ mer weiter und weiter, oft zum eigenen Ver⸗ derben führt.

Ich kann es nicht begreifen, warf Herr

er in,wie Sie, deſſen Urtheil ſo ſcharf, deſſen Blick ſo ungetrübt von den An⸗ ſichten gewöhnlicher Menſchen, doch in dieſem Punkte ſo eingenommen denken können. Wenn da nicht Wahrheit zu finden iſt, bei einem Weſen wie Mathilde, ſo möchte ich lieber gleich wieder in meine Einſamkeit zurückkehren, dann gibt es auf der Welt nichts ſchönes und edles mehr. 4

Glauben Sie nicht, entgegnete Herr Marbach,daß ich mir dieſe meine Anſich⸗ ten aus trockenen Abſtraktionen geſammelt habe. Ich habe die Welt und die Menſchen nie aus Büchern ſtudirt und nie aus oberflächlichen Bekanntſchaften. Ich habe geblättert im offe⸗ nen Buche des Lebens, ich habe ſelbſt mit meinem Herzblute auf manche Seite geſchrie⸗ ben. Ich war noch ſehr jung, als ich gezwun⸗ gen war, mit dem Schickſal zu ringen und zu kämpfen, und ſeit jener Zeit bis heute hab' ich manchen Sturm erlebt. Ich trat in die Welt, die Bruſt voll Muth und Hoffnung, die Seele reich an Idealen. Nach und nach ſah ich die Hoffnungen ſcheitern, und je tiefer ich in das Leben eindrang, deſto ferner zogen ſich die Ideale, deſto bleicher und geſtaltloſer wurden ſie. Nun ſind ſie völlig verwiſcht; ich habe nichts auf Erden gefunden, was der Anbetung, der Liebe würdig wäre.

Sie ſind ja noch faſt ein Jüngling an Jahren, warf Herr von Winter ein;un⸗ möglich konnten Sie in einer ſo kurzen Zeit den ganzen Kreis von Beobachtungen durch⸗ ſchreiten. Wenn Sie das Menſchenherz im All⸗ gemeinen ſtudirt haben, ſo läßt ſich daraus kein Schluß auf jedes einzelne mit größter Beſtimmtheit ziehen. Vielleicht war es eben der weibliche Theil der Geſellſchaft, den Sie in Ihrem Verkehre mit der Welt am wenigſten berückſichtiget haben, und daher mag es dann kommen, daß Sie einem Weſen, wie Ma⸗ thilde iſt, umrecht zu thun im Stande ſind, das ſicherlich zu den Ausnahmen gehört, wenn das weibliche Geſchlecht im Allgemeinen auch Ihr Urtheil rechtfertigen ſollte.

O ein junger Mann, wenn er von der Natur Uicht ſo ſehr vernachläſſigt iſt, daß ſein Anblick ſchon im vorhinein das weibliche Auge abſtößt, macht ſeine Erfahrungen gewöhnlich zuerſt in dieſem Kreiſe, antwortete Herr Marbach.Wenn ich mir im Leben über⸗ haupt Menſchenkenntniß erworben habe, ſo habe ich mir die Kenntniß der weiblichen Na⸗ tur ſicherlich vor allem erworben. Ich habe

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geliebt. Anfangs heiß und innig, mit der voll⸗ ſten Hingebung einer energiſchen Natur; ich wurde aus meiner Begeiſterung herausgeriſ⸗ ſen, ich wurde enttäuſcht. Schwer litt mein Herz unter dem Eindruck des erſten großen Schmerzes, doch ich überwand mich; ich über⸗ redete mich, eine jener Ausnahmen gefunden zu haben, denen es leicht iſt ein Männerherz zu brechen, weil ſie ſiegen und wieder ſiegen wollen. Ich liebte wieder, und wieder fand ich mich enttäuſcht. Auch eine dritte Enttäuſchung folgte. Dann wurde ich aufmerkſam. Ich fing an zu unterſuchen und zu prüfen. Da die Gluth meines Herzens ausgebrannt war, konnte ich kalt an meine Aufgabe gehen. Die Ruhe ſchärfte meinen Blick. Ich bediente mich der ſchlechteſten Künſte, der gröbſten Waffen, und traf. Ich war es dann, der geliebt wurde mit aller Gluth, deren ein weibliches Herz nur im⸗ mer fähig iſt. Ich wollte die Intenſität dieſer Gluth unterſuchen. Mit feſter Hand führte ich die Sonde bis an den Boden des weiblichen Herzens; ja, ich geſtehe es offen, ich wollte ein Frauenherz brechen. Denken Sie, daß ich es brach, brechen konnte? In Romanen mag wohl manches traurige Stückchen von gebro⸗ chenen Herzen vorkommen; im Leben iſt es anders. Das Menſchenherz iſt zähe, das Herz des Weibes gleicht dem Federball. So lange man ihn drückt, gibt er nach, wenn der Druck aufhört, rundet er ſich wieder. Ich wurde ge⸗ liebt, ſo lange ich zu lieben ſchien und wandte ich mich ab, ſo war ich bald vergeſſen. Und auch dieß Experiment wiederholte ich mehrere Male, um mich von der Wahrheit zu über⸗ zeugen. Ich fand meine erſte Wahrnehmung beſtätigt. Ich bin von der Nichtigkeit des weib⸗ lichen Weſens, von dem Wahn der Liebe feſt überzeugt. Zwar hat mir dieſe Ueberzeugung die Friſche meines Herzens gekoſtet und die letzte Gluth meines flammenden Gemüthes. Doch wozu braucht man dieſe im Leben? Der Mann ſei kalt, wenn er herrſchen will, und iſt ſein Herz ein öder Trümmerhaufen, ſo kann er doch ſiegend daſtehen, wenn er ſtark genug iſt, ſich aus den erſten bewältigenden Eindrücken emporzuarbeiten.

Sie ſprechen ſehr beſtimmt aus, was mir kaum zu faſſen möglich iſt, ſagte der Gelehrte ernſt, dann war es einige Minuten ſtill.

Wenn es nun trotz Ihrer widerſprechen⸗ den Erfahrungen käme, daß Sie im Leben einmal wahre Liebe fänden, bemerkte der Gelehrte;könnten Sie wieder lieben?

Ich, lieben!? rief Herr Marbach. Gäbe es in der Welt nur eine einzige Liebe und würde die ſich mit aller Kraft und Gluth an mein Herz werfen: ſie fände da keine Nahrung mehr. Es iſt zu ſpät!

Das iſt unglaublich, entgegnete Herr von Winter.Zu ſpät für Sie, der Sie noch in der Blüthe Ihrer Jahre ſtehen? Se⸗ hen Sie, ich bin faſt ein Greis Ihnen gegen⸗ über; aber ich erkenne es an dem Aufleben meines Gemüthes, ich fände noch Raum für

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die Liebe in meinem Herzen; und Sie könnten an Ihrer Jugendkraft verzweifeln?

Daß Sie lieben könnten, wer zweifelt daran? verſetzte Marbach;die Natur iſt eine langmüthige Gläubigerin, aber ſie fordert ihre Schulden ein, wenn ſie auch die Verfalls⸗ zeit noch ſo weit hinausſchiebt. Aber ich ſage Ihnen, es iſt für uns Beide zu ſpät für mich, weil ich zu früh alt geworden, und für Sie, weil Sie erſt im Alter jung zu wer⸗ den beginnen. Das Weib wird zunächſt durch das Aeußere des Mannes beſtochen; Schönheit und Jugend ſind die unentbehrlichſten Hilfs⸗ mittel, um Herzen zu gewinnen. Wer das Maß der Jahre überſchritten oder den Vortheil der Erſcheinung nicht empfangen hat, der kann immerhin als Geſellſchafter gelitten, als Freund geachtet ſein, aber Liebe erringt er nie.

Dieſe Worte berührten Herrn von Win⸗ ter unangenehm. Warum? das wußte er nicht; auch konnte er ſich unmöglich entſchlie⸗ ßen, an die Wahrheit derſelben zu glauben. Er ging von jetzt an ſtumm an der Seite ſei⸗ nes Begleiters, bis ſie in dem Flur der Bade⸗ anſtalt ankamen. Hier trennten ſie ſich und Jeder ſuchte mit ſeinen Gedanken auf ſeinem Zimmer allein zu ſein. 4

Die folgenden Tage brachten die Fort⸗ ſetzung der geſelligen Freuden; das Leben in der Heilanſtalt geſtaltete ſich wahrhaft ange⸗ nehm. Herr Marbach hütete ſich, trotz der vielſeitigen freundlichen Aufforderungen und Bitten, vor einer öfteren Wiederholung der Leſeunterhaltungen, er wußte, daß das In⸗ tereſſe an derlei Vergnügen nur durch die Sel⸗ tenheit des Genuſſes erhalten und geſteigert werden könne. Doch fehlte es ihm nicht an Mitteln anderer Art, um ſeiner Aufgabe als maitre de plaisir, wozu er ſich durch ſein Auftreten ſelbſt machte und wofür ihm jeder offen oder ſtillſchweigend Dank wußte, zu ge⸗ nügen. Da wurden Ausflüge in die nahen Ortſchaften oder nach Bergen und Ruinen ge⸗ macht, oder man vergnügte ſich im Parke durch geiſtreiche Spiele und Geſpräche. Wenn dann einige Tage im bunten Treiben verſtri⸗ chen waren, ſo wurde wieder eines Nachmit⸗ tags ein Leſekreis arrangirt, was dann immer von der Geſellſchaft für ein außerordentliches Ereigniß, für die Krone aller Vergnügungen angeſehen wurde.

Ein voller Monat verſtrich ſo in ſeliger Luſt. Jede Stunde wurde ausgebeutet und ihr beſter Inhalt aufgeſogen. Alles unterhielt ſich, und der Bringer dieſer Freuden, wenn er auch

ranfangs ſich zuweilen in ſeiner erheiternden

Rolle gelangweilt fühlte, empfand doch nach und nach eine innere Befriedigung, als er ſah, wie man mit ſo warmer Neigung ihm anhing, wie ihn Jeder ſchätzte und achtete, und wie ſeine bloße Erſcheinung ſchon hinreichte, um den guten Geiſt in der Geſellſchaft heimiſch zu machen. Zwar ſtand er mit der Baronin noch immer auf dem Kriegsfuße, aber es war dieß

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