Heft 
(1858) 10 10
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Tiſch für die Leſer beſonders beſtimmt, vor je⸗ dem Sitze lag ein Exemplar des Trauerſpiels. Für die Zuhörer waren Stühle im Halbkreiſe geſtellt. Raſch waren Alle verſammelt, die am heutigen Leſeabende theils wirkend, theils hor⸗ chend beſchäftigt ſein ſollten. Marbach em⸗ pfing die Ankommenden und wies den Leſern ihre Plätze an, wie ſie zum wechſelſeitigen Zu⸗ ſammenwirken am geeignetſten erſchienen.

Die Vorleſung begann. Marbach las den Wallenſtein, und obſchon ſich die Anweſenden viel von ſeinem Talent verſprochen hatten, ſo übertraf er dennoch ihre geſpannten Erwartun⸗ gen. Sein volles, männliches Organ entfaltete ſich in bewundernswürdiger Weiſe, ein Anflug von myſtiſcher Schwärmerei, welcher die erſte Scene mit Seni charakteriſirt, lag in ſeinem Tone, er zeichnete ſcharf und wahr. Die Rolle des Seni war Herrn von Winter zugefallen, und auch er wußte ſich in dieſelbe ſo gut zu fin⸗ den, wie er es ſelber kaum gedacht hatte. Die Baronin las die Gräfin Terzky, der Hauptmann die Partie des Max, der Aſſeſſor den Illo.

Wir wollen hier die Aufzählung vieler Na⸗ men vermeiden, der geneigte Leſer möge ſich mit der Verſicherung begnügen, daß alle Rollen ſo gut beſetzt waren, als es die anweſenden Kräfte immer zuließen. Es läßt ſich wohl nicht denken, daß ein gerundetes Ganzes unter den Verhältniſſen, wie ſie eben vorlagen, zu Stande kommen konnte, auch war Niemand der Anwe⸗ ſenden ſo anſpruchsvoll, um dieß vorauszuſetzen. Ein Jeder kam mit den beſcheidenſten Erwar⸗ tungen, und da die Leſenden ihr beſtes thaͤten, um der übernommenen Aufgabe zu genügen, ſo war die Befriedigung allgemein.

Das Stück nahm mit entſprechenden Ab⸗ kürzungen, wie ſie Herr Marbach als Regiſ⸗ ſeur anzuordnen für gut fand, ſeinen gemäßen Fortgang. Man war auf die Erſcheinung Theklas geſpannt, deren Rolle in den Händen Mathil⸗ dens lag. Der dritte Akt begann. Anfangs bebte wohl ihre Stimme, ſie war es nicht ge⸗ wöhnt, vor einem Auditorium ihr Talent zu zeigen, doch kam ihr das Fieberhafte ihres er⸗ ſten Auftretens ganz wohl zu ſtatten, da es mit ihrer Rolle im Einklange ſtand. In dem Auf⸗ tritte mit Max war ſie geſammelt. Das Be⸗ wußtſein der Situation hatte ſie ergriffen und durchdrungen. Sie bezauberte die Hörer. Den Höhepunkt erreichte ſie in der Scene mit dem ſchwediſchen Hauptmann, der ihr die Nachricht von dem Heldentode ihres Geliebten brachte. Mathilde in ihrer gezwungenen Ruhe, in der Aufregung ihres Innern, das ſich mit Ge walt nach außen Bahn brechen möchte, war hin reißend und wahr. In dem Monolog entfal⸗ tete ſie eine Tiefe des Gemüthes, die Niemand geahnt hätte, und als ſie den Schlußvers ſprach:

Das iſt das Loos des Schönen dieſer Erde,

war alles ſtill und ſtumm vor Bewunderung.

ſergriffen, daß er kaum zu athmen wagte, um die heilige Begeiſterung der Leſerin nicht zu ſtören.

Das Stück nahte ſeinem Ende, Wallen⸗ ſtein wußte das Intereſſe bis zum letzten Au⸗ genblicke feſtzuhalten. Er war eine jener Hel⸗ dengeſtalten, wie ſie das Alterthum unſerem jugendlichen Geiſte vorgeführt hat, groß und mächtig.

Als die Vorleſung geendet war, machte ſich erſt die laute Bewunderung Raum. Mathilde und Herr Marbach waren Gegenſtand des ungetheilten, begeiſterten Lobes. Selbſt der Banquier Brand, deſſen Sinnen ſonſt blos auf Aktien und Börſe gerichtet war, konnte ſich nicht enthalten, ſeine Gefühle offen auszu⸗ ſprechen.

Sehen Sie, Herr Marbach, ſagte er, mir war es ganz eigenthümlich zu Muthe, als ich Sie und die Gräfin Mathilde leſen hörte, ich kann's Ihnen nicht recht ausdrücken, aber es faßte mich im Gemüthe, im Herzen, in der Seele.

Er drückte aufrichtig die Hand Herrn Mar⸗ bachs und als der Aſſeſſor hinzutrat, ſagte er:Ich bin bekehrt, Sie ſollen mit mir von heute an zufrieden ſein, Herr Aſſeſſor!

Jeder geſtand, daß er noch nie einen ſo ſchönen Abend verlebt habe, wie der heutige war, und man wünſchte, er möchte nicht der letzte ſein, der ein ſolches Vergnügen mit ſich brächte. Aller Glanz fiel auf Herrn Marbach zurück, als die eigentliche Seele des Ganzen und hätte er nicht aus Erfahrung gewußt, daß ein ſolcher Begeiſterungsrauſch der Menge ge⸗ wöhnlich über Nacht ausgeſchlafen iſt, er hätte ſich darauf was zu Gute gethan.

Und nun, begann die Baronin,nach⸗ dem Sie ſich auch in dieſer Hinſicht als ein außerordentlicher Mann bewährt haben, Herr Marbach, werden Sie es meiner Neugierde verzeihen, wenn ich Sie abermals frage, wie Sie denn in ſo kurzer Friſt ſo viele Exem⸗ plare vonWallenſteins Tod herbeigeſchafft haben? Denn trotz allen Ihren bezaubernden Eigenſchaften kann ich doch nicht annehmen, daß Sie ein Zauberer wären.

Das war ganz einfach, antwortete Herr Marbach.Unſer braver Herr Doktor war ſo freundlich, mir unter die Arme zu greifen. Seine Bekanntſchaften hier im Städtchen und in der Umgebung ſetzten ihn in den Stand, mir mit Hilfe mehrerer Eilboten die gewünſch⸗ ten Bücher zu verſchaffen.

Die Sonne war im Scheiden, als die Ge⸗ ſellſchaft aus dem Gartenſalon wieder in den Park ging. Der Abend war ſchön, wie es der Morgen geweſen. Marbach ging an der Seite des Gelehrten durch einen der verſchlungenen Gänge des Parkes. Das Abendroth blickte durch die friſchen Tannenzweige.

Herr Marbach, ſagterder Gelehrte,ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet. Sie

Kein Laut des Beifalls rieß ſie aus der Tiefe ihres Gefühlslebens, jeder der Zuhörer war ſo

ſind es, der mir das Leben hier werth und an⸗

Liebe der Menſchen zurückführt, die ich nicht verſtand, und die mich nicht verſtanden. Ich lebte ein einſames, von allem Verkehr abge⸗ ſchloſſenes Leben ſeit meinen frühen Tagen. Ich hatte als Jüngling manchen Undank im Leben erfahren, hatte die Selbſtſucht und die Liebloſigkeit kennen gelernt und zog mich zu⸗ rück, um in der Einſamkeit, im Studium Be⸗ friedigung zu finden, welche mir von der Au⸗ ßenwelt verſagt wurde. Durch körperliches Lei⸗ den gezwungen, hier Beſſerung zu ſuchen, lebte ich ſeit Wochen hier inmitten bunten Verkehrs ſo abgeſchloſſen, wie auf meiner einſamen Stu⸗ dierſtube. Ich mied und wurde gemieden. Die Leere in meinem Herzen wurde durch den Auf⸗ enthalt an dieſem Orte noch vergrößert; da kamen Sie, und ſeit geſtern bin ich ein An derer. Mein Denken und Fühlen hat ſich ver⸗ ändert, ich bin plötzlich heimiſch geworden im fremden Kreiſe, ich fühle mich angeregt und finde, daß ich auch noch für Andere leben kann. Dieß Alles danke ich Ihnen, geehrter Freund; geſtatten Sie mir, daß ich Sie ſo nenne. Sie ſind es, der mich mir ſelbſt gege⸗ ben hat. 1

Wenn ich wirklich etwas für Sie gethan habe, antwortete Marbach,ſo bin ich weit entfernt davon, es ſo hoch anzurechnen, wie Sie in Ihrer Freundlichkeit für gut fin⸗ den. Ich habe mir es ſtets in Geſellſchaft zur Aufgabe gemacht, auf diejenigen zu wirken, welche mir am ſchwerſten zugänglich erſchie⸗ nen. Es iſt dieß blos ein Experiment, meine eigene Kraft zu prüfen. Doch laſſen wir das. Welches Urtheil haben Sie über die Damen unſerer Geſellſchaft?

Ich kenne ſie faſt erſt ſeit heute, ent⸗ gegnete Herr von Winter;und es fiele mir in Wahrheit ſchwer, mich mit Beſtimmtheit über den angeregten Punkt auszuſprechen. Die Baronin ſcheint mir eine Frau, welche es vor⸗ züglich darauf angelegt hat, durch die man⸗ nigfachen Vorzüge, welche ihr Schönheit, Geiſt und Bildung verliehen haben, zu glänzen; da⸗ bei mag ſie auch ein recht liebenswürdiges Ge⸗ müth haben; aber der Gräfin Mathilde kömmt ſie nicht gleich. Dieſes Mädchen iſt mir der Inbegriff alles Edlen und Erhabenen, was die Natur in einem weiblichen Weſen vereini⸗ gen konnte. Sie iſt eine Erſcheinung, wie ich mir ſie auf Erden nicht denken konnte, ſo zart, ſo lieblich, ſo geiſtig.

Sie ſind ja völlig begeiſtert von Ma⸗ thilden, lächelte Herr Marbach;doch wohl, das läßt ſich erklären. Ihr Gemüth iſt, trotz den Jahren, welche Sie vor einem Jüng⸗ linge voraus haben, doch jugendlich geblieben, Sie haben es in der Einſamkeit bewahrt, in den Schlummer gewiegt durch Arbeiten, die den Verſtand beſchäftigten. Im Verkehre mit der Natur, die ewig jung bleibt, konnte das Herz nicht alt werden. Offen geſtanden, ich kann Ihre Anſichten über Mathilde nicht theilen. Ich ſehe durch die Brille des Welt⸗

genehm macht, der mein kaltes Herz wieder zur

mannes, der im Weltverkehr die Träume von

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