Heft 
(1858) 10 10
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Ich bin kurz und gut beauftragt, Sie zu erſuchen, daß Sie am heutigen Nachmittage irgend eine Unterhaltung arrangiren, woran wir Alle entweder aktiv oder paſſiv theilnehmen könnten. Sie, Herr Marbach, ſind es, der Leben und Bewegung in unſeren kleinen Kreis gebracht hat; ſeit geſtern, wo Sie die Schwelle dieſes Saales betreten haben, weht hier ein neuer, friſcher Hauch, und wenn wir Herrn Doktor Fritz die Kräftigung unſerer körper⸗ lichen Geſundheit danken, ſo ſind Sie der Arzt, welcher unſer pſychiſches Leben erhöhen und kräftigen kann.

Schön geſprochen, Herr Aſſeſſor, entgeg⸗ nete Herr Marbach;wenn ich je in einen Preßprozeß oder dergleichen verwickelt werde, ſo ſollen Sie mein Anwalt ſein. Das mir freundlichſt angebotene Amt will ich mit Ver⸗ gnügen übernehmen; doch muß ich offen geſte⸗ hen, daß Sie mich dadurch in eine Verlegen⸗ heit bringen, aus welcher ich mich nur mit Ih⸗ rer und der geehrten Anweſenden Hilfe be⸗ freien kann.

Sie in einer Verlegenheit, lächelte der Aſſeſſor,das klingt in der That ſeltſam..

Die Verlegenheit iſt einfach dieſe, fuhr Herr Marbach fort,daß ich nicht weiß, von welcher Art die Unterhaltung ſein ſoll, die Sie wünſchen und an der Alle theilnehmen könnten, und darum muß ich Sie bitten, mir hierüber Ihre Vorſchläge zu machen, ich will mich blos als den Bevollmächtigten der Ver⸗ ſammlung betrachten, der mit beſtem Eifer be⸗ fliſſen ſein wird, den Inſtruktionen derſelben nachzukommen.

Nun gut, verſetzte der Aſſeſſor,ich habe noch vom verfloſſenen Winter her die ange⸗ nehme Erinnerung an jene Abende erhalten, wo Sie einen Kreis Ihrer Bekannten um ſich zu verſammeln pflegten, um ſie durch Vorleſung eines oder des andern Dichters zu erfreuen. Sie finden hier ein vorbereitetes Publikum, der Aufenthalt auf dem Lande hat uns Alle in eine Stimmung gebracht, welche den Sinn für das Schöne erhöht. Sie erwerben ſich unſere unge⸗ theilte Dankbarkeit, wenn Sie uns dieſen Ge⸗ nuß hier bereiten wollen.

Ich kann Ihren Vorſchlag nur bedin⸗ gungsweiſe eingehen, antwortete Herr Mar⸗ bach;die Unterhaltung ſoll eine allgemeine ſein und da iſt es nöthig, daß alles, oder we⸗ nigſtens ein guter Theil aus unſerer Mitte ſich daran bethätige. Ich werde leſen, doch nicht ich allein, ich muß mir Ihre Unterſtützung er⸗ bitten.

Ich will Ihnen ein Glas friſchen Waſſers bereit halten, wenn Ihre Kehle etwas trocken werden ſollte, ſcherzte die Baronin.

Da muß ich bitten, Ihrer Güte eine wei⸗ tere Ausdehnung zu geben, gnädige Frau, entgegnete Herr Marbach in derſelben Weiſe. Wahrſcheinlich werden auch Sie in den Fall kommen, von dieſem erfriſchenden Medium Ge⸗ brauch zu machen.

Gedenken Sie mir etwa durch Ihre Vor⸗ leſung ſo warm zu machen? fragte die Ba⸗ ronin.

O, ich bin überzeugt, Sie behalten ſtets Ihre natürliche Kälte, entgegnete Herr Mar⸗ bach;doch ich meine es ſo. Nicht ich, ſon⸗ dern wir, wir wollen ein Stück leſen. Ein jeder bekömmt darin ſeine Rolle, ſo weit die handelnden Perſonen des Stückes ausreichen, wer unbetheilt bleibt, ſtellt das Publikum vor. Wir leſen aus dem Buche unſere Rollen gerade ſo, wie der Dialog in den aufeinander folgen⸗ den Scenen ſich fortſpinnt und führen ein Stück auf, welches der Darſtellung auf der Bühne ſo nahe kömmt, als der Mangel an allen äußeren Hilfsmitteln es immer erlaubt.

Dieſer Vorſchlag wurde nach mancherlei weiteren Erörterungen angenommen. Die mei⸗ ſten erklärten ſich bereit, ihr beſtes zur Ausfüh⸗ rung dieſes Planes beizutragen. Man kam überein, die Reihe der Vorleſungen mitWal⸗ lenſtein's Tod zu beginnen.

Die Verhandlungen, an welchen die ganze Tiſchgeſellſchaft mit lebhaftem Intereſſe theil⸗ nahm, waren glücklich zu Ende gediehen, die Rollen waren vertheilt, man wollte ſich erhe⸗ ben um den Saal zu verlaſſen, als die Baro⸗ nin eine neue Schwierigkeit entdeckte.

Wiſſen Sie, Herr Marbach, daß wir die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben? ſprach ſie mit bedeutender Miene.Ich wage nicht zu zweifeln, daß Sie Ihren Wallenſtein aus dem Gedächtniſſe vortragen können, doch wir, die wir ihn höchſtens ein⸗ oder einigemal geleſen haben, wo nehmen wir Exemplare her, um unſer ſchwaches Gedächtniß zu unterſtützen?

Herr Marbach machte ein nachdenkendes Geſicht und Alle waren begierig auf die Löſung dieſer Frage.

Ich habe das Arrangement übernommen und ſelbſtverſtändlich kömmt mir auch die Pflicht zu, für die Mittel Sorge zu tragen. Beruhi⸗ gen Sie ſich, gnädige Frau; der Genius, wel⸗ cher unſer ſchönes Vorhaben begünſtigt, ſteht mir hilfreich zur Seite. Heute um fünf Uhr, wenn wir uns wieder hier verſammeln, werden Sie alles vorbereitet finden.

Sie müſſen mit einem Kobold im Bunde ſtehen, oder Sie ſind ſelbſt ein Zauberer, ſagte die Baronin ungläubig.Doch die Zeit wirds lehren.

Herr Marbach kann alles, was er will, verſicherte der Aſſeſſor.

Die Geſellſchaft erhob ſich, um ihren ver⸗ ſchiedenen Badeinſtruktionen nachzukommen. Beim Mittagmale waren wieder alle verſam⸗ melt. Marbach wurde mit Fragen über den zweifelhaften Punkt beſtürmt, er wußte jedoch geſchickt auszuweichen und gab die witzigen Be⸗ merkungen der Baronin ſtets in ſchlagender Weiſe zurück. Mathilde verhielt ſich größ⸗ tentheils ſchweigſam, aber ſie horchte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort, das Marbach ſprach. Nach beendigtem Mittags⸗

male zerſtreute ſich die Geſellſchaft im Park, um

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ſich von den beſchwerlichen Badeanſtrengungen des Vormittags zu erholen. Herr Marbach gedachte des Gelübdes, welches er am Morgen gethan, er nahm Herrn von Winter am Ar⸗ me und folgte der Baronin und Mathilden. Die Stunden verflogen ſehr ſchnell. Die Ba⸗ ronin war heiter und witzig, Mathilde ent⸗ faltete eine reiche Natur voll zarter, edler Weiblichkeit, Marbach ließ den Zügeln ſeines Geiſtes freien Lauf, er war voll Leben und Laune, jedes ſeiner Worte war ein Gedanke, jeder ſeiner Gedanken enthielt eine geiſtreiche Wendung. Auch Herr von Winter wurde in dieſer Geſellſchaft aus ſeiner ernſten Sphäre herausgeriſſen, auch er trug ſeinen Theil zur allgemeinen Unterhaltung bei, und die Andern wunderten ſich im Stillen, wo der ſonſt ſtum⸗ me Gelehrte plötzlich die Sprache hergenommen habe. Er ſchien beſonders von dem Weſen Ma⸗ thildens ungemein angezogen, an ſie richtete er ſeine meiſten Fragen und wenn Herr Mar⸗ bach, wie es zuweilen geſchah, mit der Ba⸗ ronin ein ausſchließliches Geſpräch führte, ſo bemühte er ſich ſeinerſeits die Aufmerkſamkeit Mathildens auf ſich zu lenken, was ihm ſtets, wenn auch mit einiger Mühe gelang, denn das Mädchen hörte gerne die Worte Herrn Marbachs, welche einen eigenen Zau⸗ ber für ſie zu haben ſchienen.

Die Thurmuhr des Städtchens ſchlug halb fünf. Herr Marbach erhob ſich von dem Ra⸗ ſenſitze, den er in der Mitte der Baronin und Mathildens eingenommen hatte.

Ich bitte um meine Entlaſſung, ſprach er, für einen mattre de plaisir, der zugleich Ar⸗ rangeur eines Leſekreiſes iſt, gibt es noch man⸗ ches anzuordnen, ehe die entſcheidungsvolle Stunde ſchlägt, welche den Schleier ſeiner ge⸗ heimnißvollenWirkung in die Ferne hebt.

Sie haben alſo wirklich alles veranlaßt? fragte die Baronin ungläubig.

Wie, noch immer zweifelhaft, gnädige Frau? ſcherzte Herr Marbach,das heißt den guten Genien, die in meinem Solde ſtehen, das bitterſte Unrecht zufügen.

Ich bitte es Ihnen im Vorhinein ab, entgegnete die Baronin,ich beuge mich vor Ihrer geheimnißvollen Macht.

Er entfernte ſich.

Ein ganz eigenthümlicher Charakter, die⸗ ſer Herr Marbach, bemerkte die Baronin, man kann ihn nirgends faſſen, ſo glatt und glänzend iſt er, wie polirter Stahl.

Er iſt ein Mann, wie es wohl wenige ge⸗ ben mag, ſetzte Herr von Winter hinzu;bei ſeiner großen Welterfahrung hat er ein Gemüth bewahrt, das dem eines unerfahrnen Jünglings gleicht, dabei hat er ein Wiſſen, das mich in Verwunderung geſetzt hat..

Mathilde ſagte nichts. Ihr ward ganz eigenthümlich zu Muthe. Sie blickte vor ſich hin und zerpflückte eine Roſenknoſpe.

Die geſetzte Stunde ſchlug. Aus den ver⸗ ſchlungenen Gängen des Parkes wandten ſich die Gäſte nach dem Gartenſaale. Hier war ein