Heft 
(1858) 10 10
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Herr Marbach, ſagte der Gelehrte und warf dabei einen forſchenden Blick auf ſei⸗ nen Begleiter.

Laſſen wir das, unterbrach jener und ſeine Miene war wieder ausgeglättet;der Morgen iſt ſchön und freudig winkt uns der Tag. Faſſen wir den Augenblick, das Vergan⸗ gene möge ruhen bei den Todten, die Zukunft wollen wir nicht ſehen. Doch wie, kömmt uns nicht da die Gräfin Mathilde ent⸗ gegen?

Sie iſt es, Winter.

Nun, wenn uns dieſe Hebe den Nektar kredenzt, meinte Herr Marbach,ſo halte ich mein Gelübde mit Freuden.

Mathilde hatte die beiden Herren eben⸗ falls erkannt, und war's eine raſchere Wallung des Blutes, war's die Wirkung eines geſunden Schlafs, ihre Wangen waren mit zarter Röthe übergoſſen, als ſie ihnen nahe kam.

Die üblichen Begrüßungen wurden gewech⸗ ſelt und die Männer ſchloſſen ſich dem Mäd⸗ chen an.

Ich bin ſonſt gewöhnlich die erſte am Baſſin, ſagte Mathilde,die Baronin wird lachen, wenn ſie hört, daß ich heute nicht den erſten Trunk mit meinem Becher aufgefangen habe.

Ich gönne der Frau Baronin dieſen Triumph nicht, ſo ſehr ich Sie auch hoch⸗ ſchätze; verſetzte Herr Marbach;ich habe es nicht gewagt, die Nymphen dieſes Quells zu beunruhigen, bevor Sie mit Ihrer Prie⸗ ſterhand den Weihetrunk aus demſelben ge⸗ ſchöpft haben.

O, ich verſtehe Sie, ſprach Mathilde, Sie ſind, wie Sie geſtern ſelbſt geſtanden haben, kein Freund des Waſſers und haben es darum nicht der Mühe werth gefunden, die erfriſchende Kraft desſelben zu erproben. Doch Sie, Herr von Winter, haben es ge⸗ wiß nicht unterlaſſen, der Göttin dieſes Hains eine Libation zu bringen?

Ich that es nicht, antwortete der Ge⸗ fragte.

Kommen Sie denn nicht eben vom Baſ⸗ ſin? fragte Mathilde.

Wir waren dort, entgegnete Herr von Winter.

Und tranken nicht? Wirklich nicht? fragte Mathilde abermals.Das iſt mir ein Räthſel. Haben Sie denn auch, gleich Herrn Marbach, dem Waſſer abgeſchworen?

Das nicht, verſicherte der Gelehrte, aber ich hatte meinen Becher vergeſſen.

Mathilde hatte Mühe ihr Lachen zu unterdrücken. Herr von Winter ſprach dieſe Worte mit einer ſo klagenden Stimme, als hätte er ein Verbrechen begangen.

So bin ich in der That die erſte, der es heute gegönnt iſt, hier den Becher zu fül⸗ len, ſprach ſie heiter.Ich will es ſogleich

beſtätigee Herr von

zu ſehen, als ſelbſt zu trinken.

mich Ihr Beiſpiel, mein Fräulein, dazu ver⸗ anlaſſen, in Zukunft nichts als lauter Waſſer zu trinken, verſicherte Herr Marbach, vorausgeſetzt, daß es mir immer von Ihren Händen kredenzt würde.

Ich will Ihre Verſicherung in dem Sinne hinnehmen, wie ſie gegeben iſt, ent⸗ gegnete Mathilde.

Sie waren bei dieſen Worten an das Baſſin gekommen. Mathilde nahm aus ihrer Handtaſche einen ſchön gearbeiteten Be⸗ cher und ließ den klaren Waſſerſtrahl in den⸗ ſelben fließen. Sie hob den gefüllten Becher in die Höhe und ſchien zweifelhaft, welchem von den beiden Männern ſie ihn zuerſt rei⸗ chen ſollte. Es zog ſie wohl zu Herrn Mar⸗ bach, aber ſie beſaß Takt genug, das Schick⸗ lichere zu erkennen.

Herr von Winter, ſprach ſie,Sie haben ein Recht darauf, den erſten Becher zu leeren.

Trinken Sie, mein Fräulein, entgegnete dieſer,wo Sie ſind, darf ich nicht der erſte ſein.

Das iſt nicht freundlich von Ihnen, mein Herr, zürnte Mathilde,doch ich mag nicht in Sie dringen. Ihnen, Herr Mar⸗ bach, darf ich wohl auch nicht mit demſel⸗ ben Anerbieten nahen, ich hätte mich zuerſt an Sie wenden ſollen. Dafür aber ſollen Sie jetzt der nächſte ſein.

Sie ſetzte den Becher an die Lippen und leerte ihn.

O, das erfriſcht, ſprach ſie.Herr Mar⸗ bach, nur einen ſolchen Zug, und Sie wer⸗ den dann den zweiten ſicherlich wünſchens⸗ werth finden.

Während dieſer Worte füllte ſie den Be⸗ cher auf's neue, und reichte ihn Herrn Mar⸗ bach.

Ich ſchwöre zu Ihrem Orden, rief die⸗ ſer, nachdem er getrunken hatte,kömmt es daher, weil Sie aus dem Becher zuerſt ge⸗ trunken haben, oder iſt dieſes Waſſer wirklich ſo gut?

Mathilde blieb ihm die Antwort auf dieſe Frage ſchuldig. Sie war geſchäftig, den Durſt des Herrn von Winter zu ſtillen, den ſie für ſein längeres Warten mit einem Lächeln belohnte, das dem gelehrten Herrn an's Herz drang und ihm faſt die Purpur⸗ röthe in's Angeſicht getrieben hätte.

Jetzt ſah man mehrere Perſonen den Kies⸗ weg heraufkommen, unter denen wir einige erkennen, deren Bekanntſchaft wir bereits ge⸗ ſtern im Gartenſalon gemacht haben. Die Ba⸗ ronin von Randen winkte aus der Ent⸗ fernung ihrer Schutzbefohlenen drohend mit dem Finger.

verſuchen und Sie, meine Herren, mögen meine Gäſte ſein, vorausgeſetzt, daß Herr

Ich dachte ſie älllein, ſprach ſie nahe

Marbach es nicht vorzieht, lieber trinken hat Ihnen zwar nicht Gold, aber doch Herrn

Marbach und Herrn von Winter zuge⸗

Und würde ich in meinem Leben keinen führt, welche in gewiſſen Kreiſen mehr als Tropfen Waſſer getrunken haben, ſo könnte Gold und Silber gelten mögen.

Mathilde wurde verlegen, Herr Mar⸗ bach bemerkte dieß, drum fing er mit Ge⸗ wandtheit ſelbſt den hingeworfenen Faden auf und es enſpann ſich alsbald zwiſchen ihm und der Baronin ein reizendes Wortgefecht.

Je ſtärker der Gegner, bemerkte Mar⸗ bach unter anderem,deſto lieber iſt mir der Kampf, und ſo glücklich ich mich auch ſchätzen würde, Sie als meine Freundin zu kennen, eben ſo ſtolz könnte ich auf Ihre Feindſchaft

ein.

Wollen Sie alſo Krieg, mein Herr? fragte die Baronin in demſelben Tone.

Wenn Sie mir Fehde bieten, gnädige Frau, antwortete Herr Marbach,darf ich mich zurückziehen? Um Verzeihung bitten kann ich nicht. Doch bin ich bereit, zu jeder Friſt Waffenſtillſtand zu ſchließen.

Gut, entgegnete die Baronin,ich werfe Ihnen zwar keinen Handſchuh, aber ich will trotzdem gerüſtet ſein.

Jetzt kam auch der Aſſeſſor und der Dok⸗ tor. Die Becher wurden nach und nach gefüllt und geleert, dann zerſtreute man ſich nach allen Seiten, um die übliche Morgenpromenade, welche aber mehr einem kleinen Wettrennen glich, zu unternehmen. Marbach ſchloß ſich an Herrn von Winter an. Sie unterhielten ſich während ihres raſchen Ganges über Dieß und Das. Endlich kam die Frühſtückszeit. Da verſammelten ſich die Kurgäſte in dem bekann⸗ ten Gartenſalon. Das Frühſtück beſtand aus kalter Milch und Brod, aber Alle waren daran gewöhnt, es mundete ihnen, nur Marbach ſchnitt ein ſaueres Geſicht und fragte Herrn von Winter leiſe:

Geht es hier beim Frühmal immer ſo ſpartaniſch zu?

Herr von Winter nickte bejahend.

Auf der entgegengeſetzten Seite des Tiſches entſtand ein leiſes Flüſtern. Dort ſaß der Hauptmann neben der Baronin, zwiſchen ihr und Mathilden der Aſſeſſor, und neben Mathilden zur Rechten der Banquier. Alle wandten ihre Blicke von Zeit zu Zeit nach Herrn Marbach. 7

Ich fürchte, mir an Ihnen eine mächti⸗ gere Feindin erworben zu haben, als ich er⸗ wartete, gnädige Frau, bemerkte Marbach; wie es den Anſchein hat, konſpiriren Sie ge⸗ gen mich.

Eine Konſpiration vor den Augen Desje⸗ nigen, wider den ſie gerichtet iſt, wäre in der That etwas ſehr Originelles, entgegnete lä⸗ chelnd die Baronin;aber ich ſchlage meinen Feind höher an, als er es denken mag. Vor der Hand habe ich ganz freundſchaftliche und friedliche Gedanken, eben ſo meine Umgebung. Der Herr Aſſeſſor wird ſo freundlich ſein, Ih⸗ nen unſern Wunſch, der jedenfalls auch Sie un⸗

kommend,und ſiehe da, die Morgenſtunde

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mittelbar betrifft, zu nennen.

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