nicht jenes innige und keuſche Gefühl, welches aus dem tiefſten Innern unſers Weſens hervor⸗ gehend, zwiſchen zwei Seelen eine ſanfte, ruhige uneigennützige Sympathie erzeugt, die allen Wi⸗ derwärtigkeiten widerſteht und ſelbſt den Tod überlebt. Solche Liebe kennt das Alterthum nicht. Was man Liebe nannte, war nur die Leidenſchaft, von der ſie behaupten, daß ſie von einem in Wahnſinn gerathenen Gott entzündet ſei,„der ſeine Macht über die Götter und über die Men⸗ ſchen ausübt und ſelbſt über die Thiere, welche die Erde und das Meer bevölkern.“ Vielleicht möchte man uns die platoniſche Liebe entge⸗ gen halten, welche von dem Mittelalter an bis auf unſere Zeiten als das Ideal der reinſten Seelenverbindung ſo ſehr gerühmt wurde. Un⸗ glücklicherweiſe kennt Plato ſelbſt nichts von allen dem, denn obwohl er eine doppelte Liebe unterſcheidet, ſo bezieht ſich bei ihm die höhere und reinere nicht auf ein zweites Herz, ſondern auf die rein allgemeinen Ideen des Guten und Schönen.
Gedankenſpäne. Von Klarenberg.
Frei, heißt es, iſt der Menſch, ob er auch Feſ⸗ ſeln trage.
Ganz richtig, doch nur bis— zu ſeinem Hoch⸗ zeitstage.
Es iſt viel leichter Gutes zu thun, als gut zu ſein, und weit ſchlimmer, böſe zu ſein, als Böſes zu thun.
Gleichwie der Wurm, von bitt'rem Blatt
genährt,
Sich mühevoll den ſeid'nen Sarg bereitet,
So ſpinnt der Menſch, der ſich im Schmerz bewährt,
Von ſeines Herzens regem Trieb geleitet,
Sich einen ſeid'nen Sarg, ſich eine Gruft
Zur ſanften Ruhe, bis die Stunde ruft.
Einer Spielbank gleichet die Menſchenwelt,
Wo bald ſo, bald anders die Karte fällt. Wir ſitzen Alle munter und friſch Ohne Rückſicht auf Rang am grünen Tiſch. Das reiche Schickſal iſt Banquier; Fern bleibt uns anfangs der Croupier;
s rollt der Gewinn in jedem Nu Der überglücklichen Jugend zu; Dann fängt man ſpäterhin als Mann Unmerklich zu verlieren an; Man ſpielet fort, verliert ſtets mehr, Es mindern ſich Kraft und Gut gar ſehr, Bis endlich Alles, was man gewonnen, Im Alter wiederum iſt zerronnen, Und bis es ſchließlich arrivirt. Daß man am Ende ſich ſelbſt verliert.
Buchſchau.
Venus im Exil. Ein Gedicht in fünf Geſän⸗
gen von Robert Hamerling. Mit lyriſchem
Anhang. Prag und Leipzig. Verlag von J. L. Kober 1858.
Verfolgen wir in Kurzem den Gang des Gedichtes. Der erſte Geſang hebt mit der Klage über das„qualenvolle, ruheloſe Sein“ alles Ge⸗ ſchaffenen an.„Von allen Kreaturen, die da leben, iſt die unſeligſte das Menſchenherz,“ denn ihm iſt„unendliches Gefühl gegeben und doch die unendliche Befriedigung verſagt.“„Der Durſt
iſt endlos, endlich iſt der Becher.“ Der Ver⸗
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zweifelte will in der Vernichtung die Ruhe ſuchen, ſie holdes Maß“— und jetzt ſteht er am„irdi⸗
doch da„dämmert ihm“ am Abgrunde aus dem Schatten ein hohes, bleiches Weib, deſſen Anblick ihn mit„Ahnung höchſten Lebens“ und mit der Sehnſucht, es zu erreichen, erfüllt. Die„Wal⸗ desfee“ verſchwindet, um ihm bald darauf als Loreley zu erſcheinen,„das Götterweib auf Fel⸗ ſenzinnen,“ deſſen wallendes Gelock im Winde ſchwebt und deſſen„Zaubertöne“ verlockend er⸗ klingen. Ihr Zaubernetz umfängt ihn.„Hold ein⸗ geſungen iſt er hingeſunken— in wonnig tiefen Schlummer, und ihm blüht in gold'nem Traum ein wunderbares Leben.“— Im zweiten Geſange redet nun die„Bethörerin“ den Träumer an: „Du ſtarbſt der Welt, ich will zurück Dich geben — dem lichten Sein, zu neuem, ſel'gen Leben,“ und antwortet ihm auf die Frage, wer ſie ſei:„Bin Nixe, bin Sirene, Waldesfee,— bin Göttin, bin die Liebe, bin das Leben.“ Sie ſchildert in prächtigen Farben, wie ſie als Aphrodite dem Meere entſtieg und wie mit ihrem Erſcheinen auf Erden das Leben ſeine ſchönen Blüthen zu treiben begann; die griechiſche Götterwelt, das Heroenalter, die klaſſiſche Kunſt— alles feierte ſie, bis uraltheil'ge Stimmen des Orients lehrten, das Irdiſche hinzuwerfen, und Plato ein neues Heil ſuchte„im heil'gen Himmelsglanze der Idee.“
Neues Sehnſuchtsweh durchdringt die Welt, der Menſchengeiſt flucht dem Leibe, hoch aufge⸗ richtet ſteht des Schmerzes Kreuz. Venus ſteigt vom Throne, um verbannt und ewig einſam zu wohnen. Die Sage ſtempelt ſie„zur Bethö⸗ rerin, zur Teufelin, mit buhleriſchem Werben— den Luſtberauſchten führend ins Verderben.“ Wenn in der Urzeit Venus noch mit dem Ster⸗ nenkranz gekrönt war, ſo iſt jetzt die„irdiſche von der himmliſchen getrennt.“ Den„Fluch dieſer Trennung“ vermag erſt ſpäte Zukunft zu heben. Nur im Stufengange und in ſtetem Stre⸗ ben bringt den Menſchen der Liebesdrang zum höchſten Ziele ſeligen Geſchickes.“ Dies die Worte der Göttin.
Im dritten Geſauge, der nicht wie die vier übrigen in Oktaven, ſondern in frei abwechſelnden Versmaßen geſchrieben iſt, beginnt der Jüngling ſeine Wanderung in das„Reich der Schönheit.“ Zuerſt fängt er bei den Elfen an; jedoch die zarten Naturgeiſter vermögen ihm nur die träumende Ruhe im Waldesgrün zu bieten, und ſo drängt es bald den Wanderer weiter, ſtatt„des Schau⸗ mes“ die„ſchaumentſtiegene Frau“ ſelbſt zu erlangen.
Nun trifft er den„Chor der Bachen“ die „luſtentflammten Angeſichtes, angeglüht vom Widerſchein— wildgeſchlung'nen Fackellichtes“ — den Reigen ſchlingen, um im Wonnetaumel vom„Druck des Ich“ und von der„Schranke des Verſtandes“ loszukommen. Allein bald merkt der Wanderer, daß„der Becher der Luſt ſich keere und der ſüße Rauſch entſchwinde,“ und voll„Liebesdrang nach höchſter Wonne Kuſſe“ zieht er weiter, bis ihn ein Tempel der Kunſt aufnimmt, der eben vor ſeinen Augen„aus dem Hormonienſchalle— hochgewölbt zu Stein ge⸗ ronnen.“ Hier, wo„Jeglicher Geſtaltung Fülle — Steht in lichter Herrlichkeit, wie gelöſt von ird'ſcher Hülle— und zu ew'gem Sein befreit,“ glaubt er ſchon„Selbſt erlöſt zu ew'gem Leben — in dem ſel'gen Reich der Götter“ zu ſchwe⸗ ben, doch die„Muſen“ verkünden ihm, daß die hehre Frau, die er ſuche, nur im Bilde bei ihnen zu finden ſei, und nachdem ſie ihm in dem Ge⸗ ſchicke Ganymeds die Ausſicht eröffnet haben, daß dem Menſchen auch„des Himmels gold'ne Pfor⸗ ten offen ſteh'n,“ naht er ſich beſchwingten Schrit⸗ tes einer nenen Stufe, wo ihn Nymphen, Eroten und Amoretten mit ſüßer Lockung zur Liebes⸗ und Lebensluſt ermuntern. Die„Formenmelodien des Frauenleibes wird ihm hier im Schauen klar,—„der Creaturen Schranke— hier ward
ſchen Throne“ der Venus, um die Göttin aber ſelbſt zu freien, gilt es ſelbſt ein Gott zu ſein.„Natur, Kunſt, Leben“ haben ihre Beſeli⸗ gung über den Jüngling ausgegoſſen, im vierten Geſang erreicht er„den Gipfelpunkt von Allem, die Liebe,“ deren Zauber ſeinem unendlichen Sehnen ein Unendliches vorſpiegelt. Er „ſchaut in einem Bild mit ſüßem Triebe— das All des Glücks, der Schönheit und der Liebe.“ Eine Schilderung voll Reiz und Anmuth malt uns in einer Scene raſchen Glückes das Ent⸗ zücken der Liebe, das— raſch wieder entflieht, ſobald die Frucht gebrochen. Venus erſcheint, und vor dem Ideale erblaßt und welkt„die ſüße Wunderblume ſeiner Liebe.“
„Nun iſt der Stufengang des irdiſchen Glückes vollendet, doch der unendliche Geiſt iſt noch zu Höherem berufen. Des Schwankens nach aufwärts und abwärts müde ſehnt ſich Geiſt und Herz nach„Selbſtvergeſſenheit;“— war doch der ſel'ge Rauſch der Lebensluſt“ nichts an⸗ deres, als„Momente ſüßen Tod's, ein Letha⸗ bronnen.“ Doch auch dem Meere, in deſſen Tie⸗ fen der Verzweifelnde„traumloſen Schlaf“ ſuchen will, entſteigt ihm„nicht Aphrodite mehr im Roſenkranze“— nein„im Sternendiadem Ura⸗ nia,“ um ihm ihr höheres Reich, die Schön⸗ heit des Kosmos, zu öffnen.„Dem Lied der Sphären“ muß die Muſe weichen— dem Wel⸗ lenreigen der Bachanten⸗Tanz— hier ſchäumt, wie Du gewünſcht, dem„ſel'gen Zecher— Un⸗ endlichkeit im grenzenloſem Becher.“ Es fallen die Schranken der Zeit und des Raumes,„zum Allſein wird ſein endlich Sein erweitert.“ Im künftigen Reiche der Schönheit—„ruh'n geſtillt uralter Sehnſucht Triebe,— und ſegnend herrſcht die Schönheit und die Liebe.“—
Wenn man bei der Beurtheilnng von Dich⸗ tungen dieſer Art gewöhnlich den alten Spruch wiederholt:„Für Poeſie zu philoſophiſch, für Philoſophie zu poetiſch,“ ſo müſſen wir doch bei dieſem Werkchen zugeſtehen, daß der behandelte philoſophiſche Stoff eine Menge poetiſcher Seiten bietet, die in gewandter, anmuthiger Weiſe zur Geltung gebracht ſind. Der lyriſche Anhang ent⸗ hält manche ſchöne Blüthe.
Von Lud. Aug. Frankl. Baumgärtners Buchhand⸗ 1858.
Nach Jeruſalem! 2 Theile. Leipzig, lung.
Frau Eliſe Herz, welcher das obenge⸗ nannte Buch gewidmet iſt, hatte im J. 1855 für eine in Jeruſalem zu begründende Kinderbewahr⸗ anſtalt 50000 fl. beſtimmt und zu dieſem Zwecke Dr. Frankl bevollmächtigt, an Ort und Stelle das Nöthige einzuleiten. Dieſer Veranlaſſung verdanken wir eine Etereſante Reiſebeſchreibung, die uns, reich an mannigfachem Detail, den klaſ⸗ ſiſchen wie den heiligen Boden ſchildert. Nach etwas umſtändlicher Darlegung des Zweckes ſei⸗ ner Reiſe erzählt uns der Verfaſſer von ſeiner Seefahrt, der es auch an einem Sturme nicht gebricht, und ergeht ſich dann in achtzehn Ab⸗ ſchnitten über die lokalen und nationalen Ver⸗ hältniſſe Athens, wobei mit gewiſſenhafter Ge⸗ nauigkeit alle Einzelheiten der Audienz bei dem Könige berichtet werden. Die nächſtfolgenden 33 Kapikel umfaſſen die Weiterreiſe nach Konſtanti⸗ nopel und den Aufenthalt in dieſer Stadt, deren ſeltſam bunte Bilder uns kaleidoſkopiſch vorge⸗ führt werden. Wie wir hier Gelegenheit finden, mit dem Verfaſſer einen Beſuch dem Renegaten Omer Paſcha abzuſtatten, um dem letzteren mehr aufrichtig als rückſichtsvoll die bevorſtehende Auflöſung der Türkei vorherzuſagen, ſo können wir in einem der folgenden 33 Abſchnitte, welche die Reiſe nach und durch Syrien enthalten, auch in die Häuslichkeit Abd⸗el⸗kadr's blicken und
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