Heft 
(1858) 9 09
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mn Erinnerungen.

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1858.

Ich bin noch jung.

Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten! Verſtoßt mich nicht mit hartem Spruch! Wollt Ihr den jungen Baum vernichten, Weil er noch keine Früchte trug?

Könnt Ihr ſo ſtreng die Lerche richten, Weil ihr gebricht des Adlers Flug?

Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten, Um Luſt und Leid in mir zu ſchlichten.

Ich bin noch jung, drum laßt mich träumen, Ich ſei ein ſtolzverweg'ner Held, Der in des Lebens ſtarren Räumen Erobert eine Zauberwelt. Noch ruh' ich unter Blüthenbäumen, Und drüber hin ein blaues Zelt! Ich bin noch jung, drum laßt mich träumen, Weil voll des Lebens Becher ſchäumen.

Ich bin noch jung, drum laßt mich lieben

Mit meines Herzens erſter Gluth!

Laßt ſeine junge Kraft ſich üben,

Die heilig und verborgen ruht!

Wollt Ihr mit finſt'rer Wahrheit trüben Des holden Wahnes reine Fluth?

Ich bin noch jung, drum laßt mit lieben, Denn Neid und Haß liegt ferne drüben.

Ich bin noch jung, drum laßt mich ſchaffen! Das Wort ſei Werkzeug, That mein Lied! Schlagt nicht in Bande, in die ſtraffen,

Der äußern Sitte mein Gemüth!

Laßt ſchmieden mich der Thaten Waffen, So lang' das Erz im Buſen glüht!

Ich bin noch jung, drum laßt mich ſchaffen, Bevor mir Geiſt und Arm erſchlaffen!

Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten!

Auf, Luſt und Leid, an Bord geſchwind! Die Hoffnung will die Anker lichten, Es weht ein friſcher Morgenwind!

Dorthin laßt unſern Lauf uns richten,

Wo ewig grün die Inſeln ſind! Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten, Um Luſt und Leid in mir zu ſchlichten.

Wahrheit durch Dichtung. Eine Von W. Ernſt.

1.

Die Zeit der großen Ferien war angebro⸗

chen. Die Hörſäle der Univerſität zu X ſtanden leerer als gewöhnlich, das heißt ganz leer, und die Kollegienbänke mit den vielen weiblichen Namen und ſinnigen Sprüchlein auf ihren Oberbrettern trauerten unbeachtet wie ein Ka⸗ lender vom vorigen Jahre. Draußen aber in de lieben freien Gotteswelt gab es ein mun⸗ ters, lautes Wandern auf allen Wegen und Stgen, ſo daß die Schnitter auf den Feldern gar oft in der Arbeit inne hielten, wenn ein friſeer Lufthauch ihnen bald ein ſonores Gadeamus, bald ein vielſtimmigesWohl⸗ auf och getrunken zutrug. Und wo eine lu⸗ ſtige Suite von Muſenſöhnen mit Sang und Klan durch ein Dorf zog, da

Erinnerungen. September 1858.

Erzählung.

Gaffte rings und freute ſich Der Knaben wilder Schwarm; Manch' Mädchen aber härmte ſich, Manch' Herzchen ſchlug Alarm.

Dort, wo ſich der weiße Fahrweg längs des Baches in dem grünen Thale hinzieht, das von zwei mächtigen Felswänden eingeengt in mannigfachen Krümmungen bis zum Fuße des Adlerberges ſich windet, dort auf der von Luſtreiſenden häufig beſuchten Strecke treffen wir heute ein Studentenkleeblatt, das wir uns für dieErinnerungen pflücken wollen. Ohne Zweiſel haben wir einen Mathematikus, einen Poeten und einen Philologen vor uns. Woran man das ſo ſchnell erkennt? ei, jede Muſe zeichnet ihre Schäflein. Man ſehe nur den jun⸗ gen Mann mit dem langen braunen Haare, auf das der runde Hut mit dem Eichenkranze und dem wehenden Halmenbüſchel ſo kühn geſtülpt iſt, man blicke ihm in das Auge, das, dunkel wie die Nacht, doch leuchtet wie der Tag; man be⸗ trachte ſeine ſchlanke, geſchmeidige Geſtalt, an die ſich das leichte Gewand ſo zierlich und un⸗ gezwungen ſchließt, wie ein gutgefeilter Vers an

Roman Baron Budberg.

den Gedanken, man höre endlich die höhere Tollheit ſeiner Redeweiſe: ſollte Herr Emil nicht ein Verehrer der ſchönen Künſte, ein Poet, ein Hörer freier Gegenſtände ſein?Ach, die entzückende Gegend! ruft er aus, indem er, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend, ſtehen bleibt.Wer der Natur ſo recht in das ſchöne Antlitz ſchaut, der muß bekennen, daß kein Men⸗ ſchengeſicht ihr das Waſſer reicht.

Der Mathematiker, ein hageres Männ⸗ chen mit gewöhnlichen Zügen, begnügte ſich, die herabhängende Unterlippe bei dieſer Phraſe ein wenig in die Höhe und in die Breite zu ziehen; Falke, der Philolog, aber grübelte ſtill vor ſich hin, woher der AusdruckJemandem das Waſſer reichen wohl gekommen ſei. Falke iſt ein junger Mann von dreiundzwanzig Jah⸗ ren, durch und durch ſchlicht und bieder in ſeinem Weſen, doch nicht ohne einen kleinen Anflug von Pedanterie. Er gehört zu der ſtillen Sorte Jener, die ſcheu im Umgange und drum gern für ſich ſind. Fortwährend mit irgend einem Gedanken beſchäftigt, pflegt er der Umgebung wenig Aufmerkſamkeit zuzuwenden und er kann

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2.