Heft 
(1858) 9 09
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matiker.

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oft an hundert Menſchen, Mädchen mit einge⸗ ſchloſſen, vorbeigehen, ohne einen einzigen anzu⸗ blicken. So geſchah es denn Kch daſ er jetzt, eben mit Rébekka, die den Kameelen das Waſſer reichte, mit der alten Amme, die dem Odyſ⸗

ſeus das Fußbad beſorgte, und mit der Se zogin von Marlborough, die der Königin Anna das Glas Waſſer präſentiren ſollte, in ſeinen Gedanken beſchäftigt, faſt unter einen Reiſewagen gerathen wäre, der, ſo ſchnell es der Weg geſtattete, mit ſeinen zwei ſtattlichen Roſſen vorbeibrauſte. Zum Glück hatte der Mathematiker noch rechtzeitig das Geſetz des Stoßes an dem Philol ogen experimentirt und ſeinen Gedanken wie der Gefahr ent⸗

Habt Ihr ſie geſehen? rief plötzlich der Poet mit Emphaſe. Auf ſeinem Geſichte malte ſich die lebhafteſte Verwunderung und mit ab⸗ gezogenem Hute zeigte er nach der Richtung, in welcher der Wagen bei einer ſchnellen Krüm⸗ mung des Weges verſchwunden war.

*i freilich, ſagte Kunze, der Mathe⸗ Es war ein ältlicher Herr mit einer dicken Dame, plus einem Backfiſchchen nebſt einer zwiſchen den bauſchi higen Nle dern ver⸗ ſchwindenden Größe, die ich für einen Knaben hielt.

Der Poet gerieth über dieſe Antwort in einige Entrüſtung.Was frage ich nach den andern! rief er.Ich ſah nur ſie, ſie, die Du ſchnöde einen Backfiſch nannteſt und die den Namen einer Fee, eines Engels verdient. Das war eine Blasphemie, Kunze! Da lobe ich mir eher unſern Philologen, der ſich unter die Räder ihres Wagens werfen wollte, um gleich dem Indier eine Göttin zu ehren.

Es gab alſo ein Mädchen auf dem dum⸗ men Wagen? fragte der Philolog, indem er ſich die Stelle rieb, wo der Stoß ſeinen An⸗ griffspunkt gefunden hatte.Der ungeſchickte Kutſcher! von dem wird auch kein Horaz ſin⸗ gen: wein fervidis evitata rolis.*)

Nach dieſem glücklich angebrachten Citate hatte Falke bereits wieder allen Groll und alle Schmerzen vergeſſen. Nicht ſo raſch ver⸗ gaß Emil den Eindruck, den die vorüberflie⸗ gende Erſcheinung des Mädchens auf ihn ge⸗ macht zu haben ſchien. Er trieb ſeine Geſäh r⸗ ten zur Eile an.Kommt, kommt, deünſe er,ſetzt Flügel an Eure Füße, vielleicht holen wir auf einem Seitenpfade den Wagen noch ein und ich ſehe die Himmliſche wieder.

Aber, Emil, bemerkte Kunze parodi⸗ rend.Bleibe Dir konſequent! Sieh' doch lie⸗ ber dieſem Felſen mit ſeiner umbuſchten Naſe in das ſchöne Antlitz und Du wirſt bekennen, daß kein Mädchengeſicht ihm das Waſſer zu reichen würdig iſt.

Allein Emil hörte nicht mehr auf die ſpottenden Worte des Freundes, ſondern eilte bereits mit haſtigen Schritten voran. Etwas

*) Horaz I. 1.Die Eckſäule, mit glühen⸗ den Rädern umbogen.

gemäßigter folgten ihm die Genoſſen; Kunze brummte, Falke ſchüttelte einigemale den Kopf.

2.

Unterhalb des Adlerberges breitet ein Dörfchen ſeine wenigen Hütten aus. Die ſtatt⸗ lichſte derſelben iſt das Wirths⸗ und Einkehr⸗ haus zum Adler. Der Wirth thut ſich auf die⸗ ſes Schild nicht wenig zu gut, da er meint, es möge wohl vor Zeiten ſelbſt dem Berge den Namen gegeben haben; und um dieſen Berg iſt es eine große Sache, denn das ganze Dörfchen zehrt von ihm, zumeiſt aber der Wirth; kom⸗ men doch in der ſchönen Jahreszeit aus Nah und Fern Spaziergänger und Reiſende, die dort oben auf dem Gipfel eine Umſchau halten und den Sonnenaufgang, der anderorts gewöhnlich ſchon vor dem Aufſtehen ſtattfindet, einmal gleichſam auf eigene Beſtellung haben wollen. Die Leute im Dörfchen, die theils ſelbſt Trä⸗ gerdienſte leiſten, theils wohlgeſchirrte Eſel den Reiſenden vermiethen, ſind drum auch auf dieſe ihre Sonne nicht weniger ſtolz als der Wirth auf ſeinen Adler und ſetzen die Bewunderung der Fremden mit nicht geringem Selbſtgefühl auf ihre eigene Rechnung.

Die beiden Freunde trafen den Poeten un⸗ ter den Fittigen des ſpangrünen Adlers. Ma⸗ leriſch an eine Linde vor der Thüre des Wirths⸗ hauſes gelehnt, richtete der junge Mann unver⸗ wandt ſeine Blicke auf die Gruppe der Reiſen⸗ den, die in dem Wagen kurz vor ihm angekom⸗ men waren und ſich jetzt anſchickten mittelſt an⸗ derer Transportmittel den hohen Adlerberg zu erklimmen. Zwei Führer hielten bereits für die beiden Damen ein Paarj jener grauen Thiere bereit, die im Allgemeinen mehr Geduld als Verſtand haben ſoil llen. Nichtsdeſtoweniger ließ doch das eine die Ohren Pengen als es merkte, daß es die dicke Dame auf ſeinen Rücken j men ſollte, und warf einen wehmüthig ſehn⸗ ſüchtigen Blick nach der leichten Mädchengeſtalt, die behend und ohne alle Schwere ſich auf den Sattel des beneidenswerthen Kollegen ſchwang. Den ungefähr achtjährigen Knaben nahm ein ſtämmiger Führer auf die Arme, der Herr aber, dem trotz ſeines vorgerückten Alters noch Haare in friſcher Fülle unter dem Strohhute hervor⸗ quollen, folgte auf eigenen Füßen der Kara⸗ vane, die ſich langſam den Berg hinan in Be⸗ wegung ſetzte.

In dieſem Momente weckte der Mathema⸗ tiker mit einem leiſen Klopfen auf die Schulter den Poeten, der noch immer in's Anſchauen des lieblichen Mädchens auf dem Eſel verſun⸗ ken war und das Nahen ſeiner Kameraden gar nicht bemerkt zu haben ſchien.

Gut, daß Ihr endlich da ſeid, rief Emil, haſtig emporfahrend.Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir noch vor Einbruch der Nacht den Sonnenuntergang betrachten wollen.

Wir ſehen ihn uns morgen Früh an, be⸗

merkte Kunze lachend.Du weißt, wir haben

gute Gründe, theueren Herbergen auszuweichen und die Rechnungen der Bergreſtaurationen ſtehen bekanntlich in geradem Verhältniſſe mit der Höhe über der Meeresfläche.

Das ewige Rechnen und Knauſern! brummte Emil verdrießlich.Du läßt mich doch nie zu einem vollen, reinen Genuſſe kom⸗ men, ſondern ſtörſt auf kleinliche Weiſe einiger ſchnöden Kreuzer wegen die ganze Romantik des Reiſens.

Freund Kunze hörte geduldig dieſen Aus⸗ bruch übler Laune an und begnügte ſich zu be⸗ merken:Ihr Beide habt mich nun einmal zum Seckelmeiſter der Geſellſchaft beſtimmt und ich verfahre als ſolcher nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen. Uebrigens, fuhr er gelaſſen fort, indem er auf die beiden Eſel deutete, die eben wieder auf einer freien Stelle des Weges ſich zeigten,übrigens habe ich nichts dagegen, wenn Du dem Pärchen folgen willſt.

So ſei denn, gewährt iſt die Bitte, In ihrem Bunde der Dritte.

Auf dieſes wurde der Poet nun vollends Feuer und Flamme. Er replizirte heftig, Kunze blieb die Antwort nicht ſchuldig und faſt hätte das Wortgefecht unter den Inſignien des

Adlers einen feindſeligen Charakter angenom⸗

men, wenn ſich nicht der Philolog beſänftigend in's Mittel gelegt hätte. Um beiden Parteien gerecht zu werden, ſchlug er vor, aus löblichen Sparſamkeitsrückſichten vorerſt im Dorfe das Nachtmahl einzunehmen, und ſodann noch an demſelben Abende den Berg zu beſteigen, allwo eine einfache Streu doch wohl um ein Er⸗ ſchwingliches ſich finden werde Da die beiden Streitenden raſch wieder die harten Worte be⸗ reuten, die ihnen in der Hitze entfahren waren, ſo benützten beide mit einigem unverſtändlichen Brummen dieſen Mittelweg und folgten dem Philologen, der, des hergeſtellten Friedens froh, ſchnell in's Wirthshaus voranſchritt, um weite⸗ ren Debatten der Unſchlüſſigkeit durch ein ra⸗ ſches Ueberſetzen des Rubikon vorzubeugen.

In der braunen Wirthsſtube war es ganz behaglich, und jeder der Gäſte fand, während das Nachtmahl bereitet wurde, ſeine anſprechende Unterhaltung. Kunze ſetzte ſich an den maſſi⸗ ven Tiſch, der in Folge vielen Waſchens ganz weiß geworden war und nur an einigen tieferen Stellen ſeine urſprüngliche rothe Farbe ver⸗ rieth, und berechnete emſig in ſeiner Schreib⸗ tafel die Ausgaben der heutigen Tagesreiſe. Falke hatte ſich's auf der Bank des mächti⸗ gen Kachelofens kommod gemacht und während er mit der einen Hand vertraulich einem großen Haushunde hinter den Ohren krabbelte, hilt er mit der andern ſeine abgegriffene Odyſſee

wußte. 8 mil war einige Aut rolerich Stube auf⸗ und abgegangen, fortwähend ſchmählend, daß das Nachtmahl ewig auſſich warten laſſe; als aber an der Thürx ein üb⸗ ſches Wirtl sischerlein erſchien und nur uneine