Viertelſtunde Geduld bat, wurden ſeine Züge plötzlich wieder freundlich, ja er ließ es ſich nicht nehmen, bei der Bereitung des Salates zum Eierkuchen dem rothwangigen Mädchen auf's munterſte zur Hand zu ſein. Bald hörten die beiden Freunde trotz ihrer Vertiefung in ihre beiderſeitige Beſchäftigung ſein lautes Schäckern vom Garten her, wo der Salat geſtochen wurde.
Nach einer Viertelſtunde dampfte richtig eine würzige Bierſuppe auf dem mit einem roth⸗ durchwirkten Tuche bedeckten Tiſche und die lä⸗ chelnde Wirthin hatte ihre Freude, wie das be⸗ ſcheidene Werk ihrer Kochkunſt den hungrigen Wanderern ſchmeckte. Dem wundervoll gelben Eierkuchen wurde nicht minder Ehre angethan und da ſchließlich die Rechnung zur Zufrieden⸗ heit des Seckelmeiſters ausfiel, ſo herrſchte wie⸗ der allſeitiges Behagen und aller Groll war vergeſſen. Als endlich Falke zum Aufbruche mahnte und Kunze nach Hut und Stock griff, ſuchte der Poet mit einiger Verlegenheit nach Gründen, den Aufenthalt zu verlängern.„Soll man denn immer ſo eilen,“ meinte er,„man kommt ja auf dieſe Weiſe nie zum vollen, rei⸗ nen Genuſſe des Reiſens!“
Allein da der Seckelmeiſter ohne ein Wort zu verlieren fürbaß ſchritt, mußte er nothge⸗ drungen folgen, aber nicht ohne ſich noch zehn⸗ mal umzuwenden und dem Wirthstöchterlein, das den drei Geſellen nachſah, freundlichen Ab⸗ ſchied zu winken.
Der Weg ſchlängelte ſich in ſanfter He⸗ bung rings um den Berg hinan. Die Sonne war eben im Sinken, als ſie gemäßigten Schrittes wohlgemuth und aufgeräumt des Pfades zogen, der, zu beiden Seiten von Wal⸗ dung eingefaßt, von den zwiſchen den Stäm⸗ men durchſchimmernden letzten Sonnenſtrahlen abwechſelnd mit roſigen und ſchwarzen Par⸗ ketten belegt ſchien. Aber es währte nicht lange, ſo brach in dem ſchmalen Laubengange völlige Dunkelheit ein. Der Weg war glücklicher Weiſe nicht zu verfehlen. Um ſich wechſelſeitig nicht aus dem Auge zu verlieren, zündeten ſie ihre Cigarren an, deren glimmende Enden nun wie Leuchtkäferlein durch das Dunkel zogen. Leiſe rauſchte der Wald, vom Dorfe herauf drangen die verhallenden Töne des mälig erſterbenden Lebens durch die laue, linde Luft.
„O ſüßer, weicher Schoß der Nacht!“ rief der Poet entzückt und ſtieß mit der Naſe an einen Baum.
3.
Auf dem Gipfel des Adlerberges befindet ſich eine nette Reſtauration mit einem hölzer⸗ nen Thurme, von welchem aus man über die Häwter der nahen Fichten Fernſchau und Runſchau zu halten pflegt. Um dieſes Ge⸗ bäud zieht ſich im Halbkreiſe kaſemattenartig eine keihe von zuſammenhängenden Mooshüt⸗ ten, de für die nächtliche Unterkunft der Wan⸗ derer ingerichtet ſind. Der Beſuch iſt manch⸗
mal ſo zahlreich, daß der ohnehin enge Raum nicht zureicht, wenn die Reiſenden nach des Tages Laſt und Hitze die perpendikuläre Kör⸗ perrichtung mit der horizontalen vertauſchen wollen.
Als unſere drei Wanderer nach faſt zwei⸗ ſtündigem Steigen hier oben aulangten, war die Nacht ſchon vollkommen hereingebrochen. Die Luft wehte in der Höhe ſcharf und heftig, und die Kälte war empfindlich genug, um ein warmes, geſchütztes Lager recht erwünſcht zu machen. Darum hatten ſich auch frühzeitig alle Berggäſte in ihr Moos verkrochen, nur der Alte vom Berge, wie ſich der Wirth gern nennen ließ, war mit einigen Dienern noch geſchäftig auf den Beinen.
„Hollah, Beherrſcher der Berge,“ rief Emil mit all' der kecken Zuverſicht, die gewöhnlich eine volle Börſe weit mehr als ein ruhiges Gewiſſen verleihen ſoll, als er den Wirth im Scheine einer einſamen Laterne bemerkte.„Hol⸗ lah, verſchaffen Sie uns ſogleich ein Nacht⸗ lager. Nachtmahlen werden wir nicht, weil wir — weil wir vor allem der Ruhe bedürfen.“
Der Wirth trat mit der Laterne und vie⸗ len Komplimenten näher, doch die erſtere that bald den letzteren Eintrag, als ihr Schein blos drei einfache Muſenſöhne in's Licht ſtellte.
„Es thut mir wirklich leid,“ entgegnete der Wirth mit hoher Vorſtehermiene, daß bereits alle Stellen beſetzt oder vielmehr belegt ſind. Die Geſellſchaft, welche vor Ihnen kam, hat allen noch übrigen Raum in Beſchlag ge⸗ nommen.“
„Ah, die Geſellſchaft mit dem wunderhol⸗ den Engelskinde?“ fragte Emil.„Herr Wirth, wir müſſen Betten haben, um jeden Preis, hö⸗ ren Sie, wir müſſen!“
Der Mathematiker brachte bei dem unbe⸗ ſonnenen Worte:„um jeden Preis“ unbemerkt in der halben Dunkelheit dem Sprecher einen ganzen Rippenſtoß bei und wandte ſich zugleich zum Wirthe:„Wir wollen keine Umſtände ma⸗ chen, wir begnügen uns gern mit einer Streu!“
„Auch hier kommen Sie zu ſpät,“ entgeg⸗ nete der Wirth kurz, denn die iſt ſchon von den vielen Eſeln eingenommen.“
Nun trat der Philolog vor.„Herr Wirth,“ bat er,„haben Sie doch ein Einſehen; wir ſind todtmüde und können doch nicht mehr den Weg zurück machen oder im Walde übernachten. Wenn uns dort die Patrouille....“
Der Wirth ſchlug bei dieſer Vorſtellung, die ſich unwillkürlich dem an die ſtädtiſchen Verhältniſſe gewöhnten jungen Manne aufge⸗ drängt hatte, ein helles Gelächter auf, und ſo war er ſchon halb gewonnen.
„Nun, wollen ſehen, was ſich thun läßt,“ ſchmunzelte er.„Belieben Sie nur hier in's Gaſtzimmer zu ſpazieren und während Sie dort ein Nachtmahl einnehmen(dieſe Worte wurden mit einem gewiſſen Nachdrucke geſprochen), läßt ſich vielleicht noch irgendwo ein Unterkommen ausfindig machen.“
Was war zu thun? Die Geſellſchaft mußte
259
ſich nun entſchließen, um nicht obdachlos zu blei⸗ ben, in den ſauren Apfel eines zweiten Nacht⸗ mahls zu beißen. Dem Seckelmeiſter fingen an die Haare zu Berge zu ſtehen, als er im Reſtaurationslokale die Speiſekarte muſterte. Kunze und Emil fielen nun mit Vorwürfen über den armen Philologen her, auf deſſen Rath man bereits im Dorfe eine Zeche gemacht habe; aber Falke verſchluckte ſie(die Vor⸗ würfe) ebenſo mit ſtiller Reſignation, wie die klappernden Biſſen des dürren Roſtbratens, der ihnen ſervirt wurde.
Nach einiger Zeit erſchien der Wirth wie⸗ der und meldete, er habe Rath geſchafft. Die Geſellſchaft mit dem ſchönen Fräulein habe ſich auf ſein Bitten bereit erklärt, ihnen einen Theil der für dieſe Nacht gemietheten Lokalitäten un⸗ ter der Bedingung abzutreten, daß ſie ſich ganz ruhig verhielten und die Abtheilung, welche durch eine Blende geſondert ſei, nicht beträten.
Bei dieſen Worten flog ein leuchtender Schimmer über das Geſicht des Poeten. Er faßte heftig den neben ihm ſitzenden Philologen am Arme und flüſterte, ihn an ſich ziehend: „O Himmel, ich werde alſo dieſe Nacht in dem⸗ ſelben Dunſtkreiſe athmen, den ihre Lippen wei⸗ hen!— Herr Wirth,“ rief er dann laut, in⸗ dem er aufſprang,„wir bleiben ewig Ihre Schuldner!“
Der Wirth machte zu dieſer Redensart, wel⸗ cher er nicht die poetiſche Seite abzugewinnen wußte, ein ſehr bedenkliches Geſicht, und erſt, als ihn der Seckelmeiſter über dieſen Punkt hin⸗ länglich aufgeklärt und beruhigt hatte, ließ er ſeine ſpäten Gäſte zu ihrer Schlafſtelle geleiten.
Auf dem Wege dahin erſchöpfte ſich Emil in allerlei Ermahnungen, eine lautloſe Stille zu beobachten, um dem Wunſche der gefälligen Geſellſchaft zu entſprechen. Als ſie in die Thür der für ſie beſtimmten Mooshütte traten, be⸗ merkten ſie beim Scheine der ſie begleitenden Laterne vorerſt rechts eine breite und hohe ſpa⸗ niſche Wand aus blauem Papier, welche faſt hermetiſch einen unbeſtimmten Raum abſchloß, und links ein einſames Moosbett mit einem Roßhaarkiſſen und einer wollenen Decke. Bett und Decke hätten im Nothfalle zwei Perſonen genug Platz geboten, für drei waren beide, zu⸗ mal die Decke, offenbar zu ſchmal. Die drei jungen Leute betrachteten eine Zeitlang mit ſtummem Kopfſchütteln die enge Ruheſtätte; der Mathematiker ſchien mit den Augen die weni⸗ gen Quadratſchuhe ihres Flächeninhaltes zu berechnen und ängſtlich die Summe der drei Rückenflächen mit dem Facit zu vergleichen, dann hob er flüſternd an:„Freunde, hier heißt es ſich nach der Decke ſtrecken. Am ſchlimmſten wird es der Mittlere haben, denn der wird von beiden Seiten gedrückt. Ich will mich heute einmal zu Eurem Vortheile opfern und den Mittelplatz occupiren.“ Mit unterdrücktem ſelbſt⸗ gefälligen Lächeln nahm er auch ſogleich, nach⸗ dem er die Oberkleider abgelegt, von der be⸗ treffenden Stelle Beſitz, während die beiden
andern ſich über ſeine außergewöhnliche Opfer⸗ 33*
————————J— ——
— ,·
—


