—
——— 4f,ͤ—
1
286
der verſprochenen Erlöſung und eröffnet ihr, er habe ſoeben von Gabriel vernommen, der Herr werde ſie morgen beſuchen, um zu ſchauen, wie ſie ihre Kinder erzögen.
Darum ſo thu' die Kinder baden,
Strähl' ſie und ſchmück' ſie alleſammt,
Und leg' ihnen an ihr Feſtgewand,
Wenn der Herr kommt morgen rein
Mit den lieben Engelen ſein.
Freudigen Herzens verſpricht es Eva ihrem herzlieben Manne. Adam fragt darauf nach ſei⸗ nen Kindern. Abel iſt draußen und füttert die Schafe mit mehreren andern Kindern, Kain aber,„der Wüſtling und bös Galgenſtrick, loff hinaus,“ als ſie ihn Holz tragen hieß.
Und thät mir lang herwider murren,
Thut etwan auf der Gaß umſchnurren,
Und ſchlägt ſich vielleicht mit den Buben,
Kann ihn nicht halten in der Stuben.
Indem ſie alſo über ihre Kinder reden, kommt Abel herein und erhält von den Eltern den Auftrag, den Bruder zu ſuchen.
Im zweiten Akte kommen beide Brüder zu⸗ ſammen. Kain ſchilt den Abel ein Mutter⸗ kind, welchem er Luſt hätte, die Fauſt an den Kopf zu ſchlagen und entgegnet ihm auf die Aufforderung, ſich von der Mutter waſchen zu laſſen:
Ich hab jetzunder Einen gewaſchen,
Hätten mich die Buben thun erhaſchen,
Sie hätten wieder gewaſchen mich.
Er will nichts wiſſen von des Herrn Kom⸗ men und meint,„der Herr bliebe ihm viel lieber draußen.“— Abel kommt allein zurück; Kain gibt dem Vater, der ihn ruft, keine Antwort und mit der Mutter, die ihn waſchen möchte, ſtreitet er ſich herum. So will er denn„ein Unflat bleiben,“ indeß Abel mit den Worten:
Ja, Mutter, ich will Dir und Gott Gar willig und geborſam ſein, Dieweil ich hab' das Leben mein Sammt andern frommen Kinderlein
folgſam in's Haus geht.— Nun beginnt der dritte Akt. Adam und Eva treten auf, Abel mit fünf anderen Kinder und mit eben ſo vielen auch Kain, denn Eva hat in dieſem Stücke 12 Kinder, 6 gute, 6 böſe. Das Haus iſt geziert, Eva ſtellt ihre wohlgerathenen Kinder in Ord⸗ nung auf, der Herr kommt mit zwei Engeln und auf Adams Geheiß geben ihm die Kinder eins nach dem andern die Hand, Kain mit ſeiner Rotte, ohne das Hütlein abzuziehen, die Linke. Der Herr wendet ſich zuerſt an die from⸗ men und examinirt ſie aus dem Katechismus über die Bitten des Vaterunſers und die zehn Gebote, worauf er ihnen, da ſie gut beſtehen, verſpricht, daß große Leute aus ihnen werden ſollen,
Als König, Fürſten und Potentaten,
Gelehrte, Prediger und Prälaten.
Im nächſten Akte tritt Kain mit ſeiner Rotte ein ſammt dem Teufel. Sie reden erſt un⸗ ter ſich von ihren Neigungen, als Würfeln, Karten und Brettſpiel, Trinken bis an den hel⸗ len Morgen und von dergleichen argen Dingen mehr. Satan läßt es nicht an Ermunterungen fehlen, obwol er ſich verbirgt, als der Herr erſcheint. Dieſer fordert zuerſt den Kain auf, ſein Gebet herzuſagen.
Es iſt ergötzlich, was er aufſagt:
O Vater Himmel unſer
Laß uns allhie Dein Reich geſchehen,
In Himmel und in Erden ſehen,
Gib uns Schuld und täglich viel Brot
Und alles Uibel, Angſt und Noth. Amen.
Eva entiſchuldigt ſich bei dem Herrn, ſtets habe ſie ihn unterrichtet, aber es helfe nicht Zucht nicht Strafe. Nun geht es an den Glauben. Dieſen ſagt Dathan folgendermaßen:
Ich glaub' an Gott, Himmel und Erden Und des heilgen Geiſtes Namen, Die Sünde, Fleiſch und Leben. Amen.
Der Herr. Iſt ſo kurz Deines Glaubens Grund?
Dathan. So viel ich kaum behalten kunnt.
Im Zorn über dieſe glaubensloſe Rotte ver⸗ urtheilt ſie der Herr zu armſeligem Leben und gibt dem Abel den Auftrag, ſeine Brüder beſſer zu unterrichten.— Im fünften Akte tritt Kain ein, voll Neid auf ſeinen Bruder, der ihr Biſchof ſei, und läßt ſich vom Satan zum Morde verleiten. Die Geſchichte ſpinnt ſich zu Ende ganz nach der bibliſchen Erzählung, worauf am Schluße der Ehrenhold wieder vortritt und die Moral des Stückes anſagt.
Kurioſa.
Ein ſonderbares Kirchenamt. In einer Kirchenrechnung des Dorfes Ulenbach in Thüringen vom Jahre 1825 findet man die ſelt⸗ ſame Ausgabe:„15 Groſchen jährliche Beſol⸗ dung für Hanſen Gärten, die Schlafenden in der Kirche zu wecken.
Allerhand Titel. Um die Mitte des ſech⸗ zehnten Jahrhunderts erwarb ſich Rektor Trotzen⸗ dorf ſo großen Ruf, daß er oft über tauſend Studenten hatte. Er hatte beim Viehhüten leſen und ſchreiben gelernt und dabei Birkenrinde als Papier gebraucht. Es war ein origineller Mann. Wenn er in den Schulſaal trat, redete er gemei⸗ niglich ſeine Schüler alſo an: Guten Tag, Ihr kai⸗ ſerlichen und fürſtlichen geheimen Räthe, Ihr Bürgermeiſter und Rathsherrn, Ihr Kaufleute und Krämer, Ihr Künſtler und Handwerker, Ihr Büttel, Henker und Lumpenvolk! Das alles könnt ihr werden, je nachdem Ihr Euch aufführt.
Andere Zeiten, andere Sitten. Un⸗ ter der Regierung Karls IX. von Frankreich ſpielte man zu den Tänzen bei Hof Melodien von den Pſalmen Davids. Der König ſelbſt tanzte am liebſten nach der Weiſe des 129. Pſalmes: Saepe expugnaverunt me a juventute mea.
Milde Strafe. Artaxerxes milderte die Strenge der alten perſiſchen Geſetze. Unter an⸗ dern verordnete er, daß man die Herren, welche in den Staatsämtern gefehlt hätten, anſtatt, daß man ſie wie ſonſt geißelte, in Zukunft bloß aus⸗ ziehen und ihre Kleider peitſchen, und anſtatt, wie man ſonſt pflegte, ihnen die Haare auszuraufen, nur den hohen Hut abnehmen ſollte.
Einzelnes aus der Naturgeſchichte der Alten. Der Walkffiſch fährt niemals, ohne einen kleinen Fiſch vor ſich zu haben, der von der Größe eines Gründlings iſt und den mau den Lootſen nennt. Der Wallfiſch folgt ihm wie ein Blinder ſeinem Hündchen und wenn er ihn je einmal aus den Augen verloren hat, ſo wankt er hin und her und ſtößt ſich oft an Klippen wie ein Schiff, welches das Steuerruder verloren hat. Dieſer kleine Fiſch begibt ſich mit aller Sicherheit in den Rachen des Ungethüms, worin doch alle übrigen Dinge, ſeien es Thiere oder Boote, verloren ſind, ja er ſchläft darin und ſo lange er ſchläft, geht der Wallfiſch nicht von der Stelle.
Ein ähnliches Verhältniß findet auch zwiſchen dem kleinen Zaunkönig und dem Krokodil ſtatt.
Wenn das große Thier ſchläft und ſein Feind,
der Ichneumon, ſich ihm nähert, ſo ſucht das Vögelein ſeinen Herrn durch ſein Singen und Schnabelpicken aufzuwecken und vor der Gefahr zu warnen. Dafür nimmt ihn auch das Unge⸗ beuer zuweilen in den Rachen auf und vergönnt ihm, zwiſchen ſeinen Zähnen die ſteckengebliebe⸗ nen Fleiſchfaſern zu picken. Will es den Ra⸗ chen ſchließen, ſo gibt es zuvor ſeinem Gaſte ein Zeichen, daß die Höhle ſich ſchließen werde. Was aber Seereiſende von der Natur der Eisvögel erfahren, das überſteigt alles menſch⸗ liche Denken! Die Götter haben es gewollt, daß das ganze Meer während der Zeit, wann der Eisvogel brütet, ohne Wellen, Wind und Regen glatt und unbeweglich ſtehe. Wegen die⸗ ſes Vorzuges haben wir alſo mitten im Winter ſie⸗ ben Tage und ſieben Nächte, während welchen wir ohne Gefahr das Meer beſegeln können. Noch aber hat kein menſchlicher Verſtand an die unbegreifliche Kunſt reichen können, womit der Eisvogel ſein Neſt baut, ja nicht einmal die Ma⸗ terie herausbringen können, wovon es gebaut iſt. Plutarch, der viele davon geſehen, meint, es wä⸗ ren Gräten von allerlei Fiſchen, die der Eisvo⸗ gel ſo zuſammenſetzt und flicht, daß er zuletzt ein rundes Fahrzeug daraus bildet, das auf dem Waſſer ſchwimmen kann. Wenn er das Neſt fertig hat, ſo trägt er dasſelbe an einen Ort, wo es von Wellen geſchlagen wird, damit er in Er⸗ fahrung bringe, wo es noch kalfatert und befeſtigt werden müſſe. Durch das Schlagen der Wellen wird es überdieß ſo feſt und dicht, daß es we⸗ der durch Stein oder Eiſen, außer mittelſt ſehr großer Gewalt, beſchädigt oder zerſtört werden kann. Insbeſondere bewunderswerth iſt der in⸗ nere Bau, der ſo beſchaffen iſt, daß nichts hin⸗ ein kann, als der Vogel ſelbſt; für alles Uebrige, ja für das Seewaſſer ſelbſt iſt er unzugänglich.
Anregendes.
Der Anſtand.„Wir haben heutzutage viel Anſtand, aber wenig Sittlichkeit.“ Dies iſt ein hartes Wort, aber ein Wort, das nahezu au die Wahrheit ſtreift, denn der Anſtand ſcheint leider ein Surrogat der Moral geworden zu ſein. Er nur iſt oft der einzige Zügel der Leidenſchaft und hat darum als ſolcher einen begründeten Anſpruch auf Unverletzlichkeit. Be⸗ herzigenswerth ſind folgende Worte Schillers: „Die Geſetze des Anſtandes ſind der unſchuldigen Natur fremd; nur die Erfahrung der Verderb⸗ niß hat ihnen den Urſprung gegeben. Sobald aber jene Erfahrung einmal gemacht worden und aus den Sitten die natürliche Unſchuld ver⸗ ſchwunden iſt, ſo ſind es beilige Geſetze, die ein ſittliches Gefühl nie verletzen darf. Sie gelten in einer künſtlichen Welt mit demſelben Rechte, als die Geſetze der Natur in der Unſchuldwelt regieren.“
Irrthümer und Leidenſchaften der Jugend. Die Jugendzeit aller genialen Männer wird von dem Gewirr der Irrthümer und Lei⸗ denſchaften getrübt, aber wenn ſie dieſe Irrthü⸗ mer überwinden, ſo werden ſie ihnen zu Gewinn. Wie die Abhänge großer Bergesrücken von Spal⸗ ten zerklüftet ſind, die geſchmolzene Felsmaſſen füllen, und wie dieſe Spalten, nachdem dieſe Lava ſich abgekühlt hat, den Dienſt koloſſaler Pfeiler leiſten, welche die Gebirgsmaſſe ſtützen, ſo wirken bei genialen Männern die Leidenſchaften: erſt zerklüften, dann feſtigen ſie das Leben:
Lewes in„Göthe's Leben“.
Plato kennt nicht die platoniſche Liebe. Die Alten haben oft von der Liebe ge⸗ ſprochen, die Dichter haben ſie beſungen und die Philoſophen darüber geſtritten; allein es war
ͤ1“


