Heft 
(1858) 9 09
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die gevingſte Gelegenheit gibt Anlaß zu einer Wette. So ſieht man Leute, die miteinander ausmachen, nicht nach den Scheiben, ſondern mitten in's Volk hinein zu ſchießen, wo dann derjenige gewinnt, der das feſtgeſetzte Ziel, oft einen unglücklichen Spießbürger ſammt Familie, trifft.

Beim Stockſpiel iſt es dasſelbe, nur daß man anſtatt der Pfeile Stöcke in gleicher Anzahl und auch für 6 Pence bekommt, die nach Pup⸗ pen, Schachteln mit unterſchiedlichem Inhalt, geworfen werden, die man dann als Preis erhält.

Daß auch hierbei die Stöcke, die eine Länge von ungefähr 2 Schuh haben, über das vorge⸗ ſchriebene Ziel hinaus fliegen, kann man ſich vorſtellen.

Am Ende kommt es noch ſo weit, daß man mitten in der Menge ein Piſtolenſchießen eröffnet; Niemand würde es verbieten, ſogar die Polizei nicht, die unſichtbar iſt, ſich um nichts kümmert, ja faſt den Gedanken rege machen könnte, an ihrer Exiſtenz zu zweifeln.

Durch dieſen Knäuel hindurch langten wir bei der Hauptwagenreihe an und wählten den beſtmöglichſten Standpunkt, gegenüber der Tri⸗ büneStand genannt.

Dieſe war ſchon ganz beſetzt, ſogar das Dach, auf welchem ſich 2000 Sperrſitze befinden, war geſteckt voll. Mit all ihren Nebenflügeln und Balkonen kann dieſelbe 30.000 Perſonen faſſen(1!).

Faſt jeder der Eiſenbahnzüge, von denen einer nach dem andern ſeit 8 Uhr Morgens un⸗ unterbrochen ankam, brachte ein neues Tauſend. Als wir nun den höchſten Punkt unſeres Wa⸗ gens erſtiegen hatten, rüſteten ſich eben die Jokeys zum Abgang. An 25 Pferde nahmen Theil.

Das war ein buntes Durcheinander von Mü⸗ tzen und Jacken in allen Farben. Man ritt ſich

egenſeitig die acht Pferde vor, worunter Blink⸗ nn, von denen der Preis erkämpft werden ſollte.

Nun machten die aufgeſtellten Policemen, 40 an der Zahl, Spalier und die Pferde wur⸗ den unter dem tiefſten Stillſchweigen in einer Reihe aufgeſtellt.

öndlich fielen die Signalflaggen und man ritt ab.

Das ſchien den 300.000 Zuſchauern den Athem wiederzugeben, die nun in einen einzigen Hurrahruf ausbrachen. Dieſer machte den Boden erzittern, wie bei einem Erdbeben.

Von unſerem Standpunkte aus ſahen wir nur eine in dichten Staub gehüllte verſchwom⸗ mene Maſſe, die ſich an Schnelligkeit zu über⸗ bieten ſuchte.

Endlich kam die Gruppe an uns vorüber, jedoch wie ein Blitz. Nur flüchtig konnte man die ermunternden Rufe der Jokeys vernehmen, die ſich nun dem Ziele näherten. Blink⸗Bonny war der Sieger.

Ein fürchterlicher Schrei, Aleich einem Don⸗ nerſchlag empfing die Reiter. Der Name Blink⸗ Bonnys ward von 10.000 Stimmen geheult.

Eine Flagge wurde aufgehißt, welche die Nummer 21 trug: es war die Inſkriptionsnum⸗ mer des Siegers. Man führte das gefeierte Pferd dem applaudirenden Volke vor. Der An⸗ drang zu demſelben war ſo groß, daß die Poli⸗ zeileute gezwungen waren, einen Kreis um den Sieger zu bilden, ſonſt wären Pferd und Jokey erdrückt worden.

Der Beſitzer des erſteren hatte dieſem 40009, Pers⸗ verſprochen, wenn er der erſte am

iele ſei.

Endlich ließ man die Gekrönten durch, um ſie der nothwendigen Ruhe zu überlaſſen.

Alsbald rief man:Zu den Wagen!

Alle ſuchten nun ſo ſchnell als möglich ihre Wagen zu erreichen, von denen man die Pferde abgeſpannt hatte.

Dieſes Schauſpiel glich einem Einfall von Tartaren, Mongolen, Caraiben oder Cannibalen! Es handelte ſich um das Mittagseſſen.

In einer Sekunde waren alle Proviantkörbe ausgeleert. In einer zweiten waren die Paſteten geöffnet, die Hühner tranchirt, die Schinken zer⸗ ſchnitten und die Seekrebſe ausgeſchält.

Ein Champagnerſtöpſel flog in die Luft und alsbald folgte einer dem andern. Man kann ſich leicht denken, daß der durch wenigſtens 60.00)0 ſolcher Korke verurſachte Lärm einem Peloton⸗ feuer glich.

Es begann nun eine unbeſchreibliche Ongie, als ſollte in 24 Stunden die Welt untergeben. Inzwiſchen flogen Pfeile und Stöcke der Kreuz und der Quere, man verſuchte hie und da ſcherz⸗ hafte Rennen mit Eſeln, woran ſich auch Damen betheiligten, die aber nicht zu der feinſten Claſſe gehörten.

Um 6 Uhr hieß es:Die Pferde! Die Pferde! Aus den improviſirten Ställen kam eine Armee von Poſtillons, Pferden, Grooms und Stallknechten zum Vorſchein, ein péle-méle, das ſchreiend, fluchend, wiehernd ſeinen Wagen ſuchte. In einer Viertelſtunde war alles fertig.

Das iſt die goldene Stunde der Armen, der Bettler und Zigeuner. Da werden unter ſie die Ueberreſte der Mahlzeit vertheilt, denn nichts kehrt hiervon, einmal angegänzt, heim.

Hierauf ertönte abermals ein allgemeines: Forward und die große Wagenmaſſe begann nun, wie vorhin die Pferde, auch ein Wettrennen. Die Schifffahrt in allen Meeren der Welt iſt ein unſchuldiger Gondelausflug gegen die Ge⸗ fahren, welche die Heimkehr vom großen Ren⸗ nen zu Epſom bietet.

Wie wir vorwärts kamen, iſt ſchwer zu ſagen kurz, wir hatten das Schlachtfeld hinter uns. Gott möge mich niemals für die Peit⸗ ſchenhiebe verantwortlich machen, welche dabei an Thiere und Menſchen ausgetheilt wurden.

Auf der Chauſſee, auf welcher wir im größ⸗ ten Galop einherſauſten, war noch der Staub vom verfloſſenen Morgen in der Luft ſchweben geblieben. Jeder Wagen ſchleppte ſeinen beſon⸗ deren Wirbel mit ſich, jeder hatte ſeinen eigenen Samum.

beſäet war, und an den herumliegenden Leichen der gefallenen Pferde und Eſel konnten wir ſehen, was der Tag gekoſtet hatte.

Unter dem Hurrah von mehr als einer Mil⸗ lion Zuſchauer langten wir in London an, wo wir um 10 Uhr wie zerſchlagen, zermahlen und gerädert an demſelben Punkte hielten, von dem wir ausgefahren.

Unſere Geſichter, Haare, Kleider, Hände und Handſchuhe waren alle von derſelben Farbe. Einen halben Zoll Staub hatten wir auf dem Geſicht, einen ganzen auf unſeren Kleidern.

Wir waren faſt in der Lage geweſen, zehn⸗ mal umzuwerfen, zwanzigmal erdrückt zu wer⸗ den; wir hatten Andere umgeworfen und er⸗ drückt; aber wir hatten das Wettrennen zu Ep⸗ ſom geſehen; wir hatten dem Derby⸗Tage bei⸗ gewohnt!

Carl Czermak.

Türkiſches. Haß bis auf die Knochen. Geblendet und betäubt von dem großartigen un⸗ ſterblichen Anblicke der türkiſchen Hauptſtadt, er⸗ zählt Frankel in ſeinem Buche, Nach Jeruſalem, verließ ich das Dampſſchiff und fuhr mit dem Ge⸗ päcke nach Galata. Hier ſollte die Durchſuchung

meiner Reiſekoffer, die übrigeng nichts Zollbares enthielten, mir nahezu gefährlich werden. Zwiſchen meiner Wäſche, ſorgfältig eingepackt, lag ein für die kaiſerliche Akademie der Wiſſenſchaften in Wien beſtimmter antiker Griechenſchädel, den ich aus Athen, wo er bei Gelegenheit einer Grundgra⸗ bung gefunden worden war, mitgenommen hatte.

An den Trümmern, mit denen die Straße⸗

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Als hätte ihn eine Schlange geſtochen, fuhr der Beamte mit der Hand zurück, als er, ein Tuch entrollend, den Schädel berührt hatte. Er ſah mich mit glotzenden Augen erſtaunt und ſprachlos an. Ich blieb äußerlich vollkommen ruhig und ſah dem erſchrockenen Mann gleich⸗ giltig in's Auge. Dergleichen war ihm gewiß noch nicht vorgekommen und in ſeiner Inſtruk⸗ zion mag ſchwerlich für einen ſolchen Fall vor⸗ geſeben ſein. Man ſieht, jede Geſetzgebung hat Lücken.

Der Türke ſah ſich nach ſeinen Amtsgenoſſen um und rief ſie herbei. Dasſelbe Staunen, wie es ihn ergriffen hatte, war auch in ihren Phyſiognomien ausgedrückt. Einer nur zeigte den Ausdruck des Zornes. Alle fingen nun an zu ſprechen und wie es ſchien, zu berathen.

Zu meiner Pein autwortete mir mein Dol⸗ metſch nicht, indem er ſich in aufmerkſamem Zu⸗ hören der Verhandlung nicht ſtören laſſen wollte. Ich konnte aber aus den heftiger werdenden Be⸗ wegungen und lautern Reden bemerken, daß die Situation für mich eine bedenkliche werden könne. Ich ließ den Männern mit beſtimmter Stimme ſagen, daß ich aus dem Lande des Kaiſers von Oeſterreich ſei und verlange, daß ſein Geſandter von dem Falle unterrichtet werde.

Die Männer beriethen wieder und Einer von ihnen, den wir als den zornig tobhafteſten bezeichnet hatten, ließ an mich die Frage richten, ob ich denjenigen erſchlagen habe, deſſen Schä⸗ del ich als Siegesbeute mit mir führe?

Ich ließ ihn auf die tiefbraune Farbe des Schädels aufmerkſam machen, die ihm beweiſen könne, daß der Menſch, dem er eigen war, lange vor uns, die wir hier verſammelt ſind, ge⸗ lebt habe.

Der Süädel iſt braun, weil er einem Mu⸗ latten angehört hat.

So naiv unwiſſend dieſe Bemerkung war und unter anderen Umſtänden mein Lachen erregt hätte, ſo ließ ich doch ganz ernſthaft antworten, das dieſer Schädel in einem zufällig aufgewühl⸗ ten Grabe in Griechenland gefunden wor⸗ den ſei.

Iſt es der Schädel eines Griechen?

Es iſt der Schädel eines Menſchen aus jenem Volke, das den Koran verachtet und das jeder Türke haßt. Du ſiehſt den Schädel Deines ewi⸗ gen Feindes, eines Griechen.

Die Worte waren kaum gedolmetſcht, ſo zog der erzürnte Moslem ſeinen krummen Säbel und hieb mit dem Rufe:Giaur! ſo wuchtig auf den Schädel, das er in hundert Stücke zer⸗ ſplitterte.

Gut! Gut! ſagten die Umſtehenden und ſahen ſich gegenſeitig befriedigt lächelnd an und ich ſagte mir ſtillſchweigend:Allah iſt groß und Mohamed ſein Prophet.

Kulturhiſtoriſches.

Ein bibliſches Schauſpiel. Daß das Drama in Deutſchland, wie in ganz Europa, in neuer Zeit ſo gut als bei den alten Griechen, religiöſen Urſprung hat, iſt allgemein bekannt. Statt langer Reflexion hierüber wollen wir ein ſolch geiſtliches Schauſpiel aus dem 16. Jahrhun⸗ derte in Kürze analyſiren. Es führt den Titel: Die ungleichen Kinder Evä, wie ſie Gott der Herr anredet.

Zuerſt tritt der Ehrenhold, d. i. Herold, auf und hält einen Prolog, in welchem er den In⸗ halt des Stückes den Zuſchauern auseinander ſetzt.

Drauf erſcheint Eva, klagend über ihr ſelbſt verſchuldetes Schickſal, daß ſie aus dem Paradieſe vertrieben ſei und ſich vor ihrem Manne ducken müſſe. Mittlerweile kommt Adam matt und müd von der Feldarbeit, tröſtet ſie mit der Hoffnung