Heft 
(1858) 9 09
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erſt in ein Theater zu kriechen, um vor Hitze in dem Gedräng zu erſticken; er macht ſich die Komödie ſelbſt, ſie läuft ihm in die Hände: er zupft ei⸗ nem alten Herrn an der Perücke, hängt einem Hund etwas an den Schwanz, wirft einer Magd einen Kohlſtrunk zu, und dergleichen mehr. Will er eine Erfriſchung, ſo verlangt er nur von ei⸗ nem Acque⸗Verkäufer die leeren Citronenſchalen, die ihm von Rechtswegen gehören. Nachts ſchläft er im poetiſchen Mondſchein in einer deliziöſen Kühle und kein Schatten einer Sorge beunruhigt ſeinen Traum.

Aber der Lazzarone hat nicht nur alle wah⸗ ren Bedürfniſſe des Lebens im Ueberfluß, ſon⸗ dern er läßt es ſich auch mit den Gaben des Luxus wohl ſein. Er raucht Tabak, denn die Reſte von ächten Havanna⸗ Cigarren liegen ihm auf der Straße vor den Füßen; zum Spielen braucht er nicht erſt Karten, er macht es einfacher und ſpielt alla Mora. Fällt es ihm ein, ſo fährt er ſpazieren; denn er hat die Equipage bei der Hand; ja, ja der Lazzarone hat Equipage, und nicht etwa nur eine, ſondern ſo viele er will; er hat die Wahl unter den ſchönſten. In welcher Straße er eben iſt, als Spaziergänger oder in Geſchäften ein Sprung, und er ſitzt hinten auf dem Wagen. Und ſchreit auch etwa ein anderer Kerl aus Neid(denn an Neidern fehlt es nir⸗ gends) dem Kutſcher zu, daß hinten einer ſitzt, nun wohl, ſo ſteigt er ab und ſetzt ſich wo anders auf. Und das Alles iſt noch nicht der hundertſte Theil der Genüße eines Lazzarone. Um alle Pri⸗ vilegien, Freuden und Wonnen aufzuzählen, die ſo ein Sterblicher genießt, müßte man ſelbſt zu die⸗ ſer bevorzugten Klaſſe gehören.

II Raccoglitore.

Die großen Wettrennen zu Epſom in England. Gleich nach ſeinem Vaterlande und ſeiner Familie dürfte dem Engländer das Pferd kommen, wenn es vielleicht nicht zuweilen ſogar die beiden erſtgenannten Gegenſtände ſeiner Neigung hinter ſich läßt. Denn es iſt Thatſache, daß der Ideenkreis manches echtenEngliſhman ſich weſentlich, wenn nicht ausſchließlich, um ſeine Roſſe dreht. Es iſt aber auch ebenſo allgemein bekannt, daß die engliſchen Pferde nächſt den arabiſchen die geſchätzteſten auf der Erde ſind. Kein Wunder daher, wenn der Britte ſeine pracht⸗ vollen Zöglinge mit Eifer pflegt und mit Stolz auf ſie hinblickend, ſie auch gerne den Augen Anderer vorführt. Nun gibt es wohl kaum eine beſſere Gelegenheit, die leichtfüßigen Thiere in vollſter Glorie zu zeigen, als bei einem Wett⸗ rennen. Man muß aber wiſſen, welche Bedeu⸗ tung ein ſolches in England hat; es iſt dort nicht, wie bei uns, eine vorübergehende Unter⸗ haltung der höheren Stände, zu welcher ſich bloße Zuſchauer aller Art einfinden, ſondern ein wahres Volksfeſt, an welchem ſich Alt und Jung, Arm und Reich, nicht nur als Publikum, ſon⸗ dern größtentheils auch unmittelbar, d. h. mit Einſätzen je nach den betreffenden Vermögens⸗ umſtänden betheiligt. England hat keinen Kar⸗ neval und außer der großenGreenwich⸗fair, dem bedeutendſten Jahrmarkte des Landes, über⸗ haupt keine Volksfeſte. Wir wiſſen ferner, wie traurig London, und mit ihm das ganze Reich, die Sonn⸗ und Feiertage feiert. Es gibt zwar auch da Leute, die behaupten, Langeweile ſei keine Erholung, dieſe fallen aber in der Regel mit ihren Vorſchlägen durch. Wer dieß alles erwägt, wird leicht begreifen, daß das großartigſte Pferde⸗ rennen Englands, das zu Epſom nämlich, an welchem ſich auch alljährig der ganze Hof in vollſter Pracht betheiligt, das ganze Volk in fie⸗ berhafte Aufregung bringen muß.

Dieſer denkwürdige Tag,Derby⸗day nach ſeinem Gründer, Lord Derby, alſo benannt, wird uns von einem Augenzeugen überaus

anziehend beſchrieben. Wir heben aus ſeiner Schilderung das Intereſſanteſte heraus.

Um 10 Uhr ſrüh holte uns eine Kaleſche, die wohl zehn Perſonen zu faſſen im Stande war, ab; man hatte ſie mit einer Unzahl Körbe beladen, deren Inhalt aus Kuchen, kalten Hüh⸗ nerbraten, Seekrebſen, Bordeauxwein, Champag⸗ ner und Gefrorenem beſtand. Sie war mit vier Pferden beſpannt, die von zwei Poſtillons mit aufgeſtülpten Stiefeln, weißen Beinkleidern und Weſten, rothen Jäckchen und Mützen geführt wurden.

Wir nahmen Platz und der Wagen wurde ſofort in geſtrecktem Galop hinweggeführt.

Der Galop gehört amDerby⸗day zur agesordnung; da galopirt Alles, ſogar auch die

Das Wetter war herrlich und verſprach einen ſchönen, wenn auch ſtaubigen Tag. Der Staub iſt bei dieſem Feſte ſo unvermeidlich, daß die Frauen ſich dazu beſondere Kleider machen laſſen, die ſie ſonſt nie wieder anziehen. Die Männer hingegen hatten auch ihre Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen und trugen blaue, braune oder grüne Schleier, die manchem ein komiſches Aus⸗ ſehen gaben.

Das Volk machte auf allen Straßen Spa⸗ lier und anſtatt daß dieſes vor der Stadt abge⸗ nommen hätte, wurde es nur um ſo dichter; die Wagen, weit entfernt ihre Zahl zu verringern, wurden immer zahlreicher und namentlich ver⸗ ſchiedenartiger.

Es war eine wahre Ausſtellung von Fuhr⸗ werk aller Arten, nicht nur der engliſchen Wa⸗ genbaukunſt, ſondern auch der Karrenfabri⸗ kation.

Da gab es Vierſpänner der größten Fagon, Poſtkutſchen, Cabriolets, Phaetons, Tilburys, niedliche Ponywagen, Omnibuſe, auch mit Eſeln beſpanntes Fahrzeug u. ſ. w. bunt durch⸗ einander.

Nun denke man ſich all' dieſe Wagen von verſchiedener Form, von den verſchiedenſten Thie⸗ ren gezogen, von jungen, geſunden ſowohl, wie alten, kranken, von feurigen und halbtodten: das Alles rollt, trabt und galopirt nach Kräften auf der Straße nach Epſom, ſtößt ſich, bleibt an ein⸗ ander hängen, ſtürzt zuweilen, die erbärmlichſten Trümmer liegen herum ohne berückſichtigt zu werden, mancher Wagen bleibt hilflos als elen⸗ des Wrack zurück, die Schiffbrüchigen nimmt Niemand auf. Wie überall, dominirt auch hier die Kraft; die Großen erdrücken die Kleinen, denn jeder iſt von der Wuth erfaßt, ſeinen Nach⸗ bar zu überholen und quält den ihm zur Voll⸗ führung dieſes eitlen Werkes behilflichen Vier⸗ füßler nach Kräften.

Dieſes Schauſpiel kann man nicht nur an einigen Stellen bewundern, nein, man kann es vom Vauxhall⸗Palaſte an bis nach Epſom, alſo 7(engliſche) Meilen weit, ununterbrochen be⸗ obachten. Da heißt's nicht nur guter Kutſcher ſein, da muß man ſich auch auf das Lootſenge⸗ werbe verſtehen, denn dieſer wirre Knäuel gleicht ſehr dem aufgeregten Meere. Jede Welle kreeiſcht, heult, murmelt, flucht, ſingt, droht, zankt; denn ſie beſteht immer aus vier bis zwanzig Köpfen.

Wir mit unſerer Rieſenkaleſche, unſern vier Pferden und zwei Poſtillons, gehörten natürlich auch unter die Bedrücker und unſer Führer kom⸗ mandirte unbeachtet aller Verwünſchungen und Drohungen, trotz dem Geſange, Geheule und allem Geſchrei von der Höhe des Kutſchbockes fortwährend ſein:Forward! Forward!(Vor⸗ wärts! Vorwärts!) und der Wagen flog wie der Wind, umge⸗ ben von einer ſo dichten Staubwolke, daß es unmöglich war, zwanzig Schritte weit zu ſehen, immer weiter.

Unterwegs trafen wir einen Vierſpänner, oder beſſer einen Dreiſpänner, denn das eine

Pferd war in Folge übermäßiger Anſtrengung von einem heftigen Blutſturz befallen worden und geſtürzt.

Laßt ihm zur Ader! Laßt ihm zur Ader! ſchrie man von allen Seiten.

Ah bah! Die Beſitzer hatten keine Zeit!

Man hatte ſich vorgenommen, eher in Epſom zu ſein, als ein nachfolgender Wagen. Man begnügte ſich daher damit, ſchleunigſt die Stränge zu durchſchneiden und das todte Pferd mitten im Wege liegen laſſend, eilte man mit dem noch übrigen Dreigeſpann weiter.

Als wir endlich durch tauſenderlei Gefahren auf einer Höhe, von wo man die Ebene Epſoms überſehen kann, anlangten, begann der erſte Wettlauf.

Zum Glück war dies aber nur eine Art von Prolog, ein Verſuch; nur der zweite Lauf war von Wichtigkeit.

Alle echten Wetter hatten es auf dieſen zweiten Ritt abgeſehen. Er ſollte auch in der That eine große Frage entſcheiden.

Ein Pferd, das bereits in zwei oder drei Rennen den Sieg davon getragen hatte, war in Newmarket von einem kaum gekannten Pferde überholt worden. Bei dieſer Gelegenheit verlor der Beſitzer des erſteren 1000 Guineen. Ddieſes Thier hieß Blink⸗Bonny, was ſich im Deutſchen am beſten durchSchön⸗Blinzler wiedergeben ließe.

Diesmal hatte deſſen Herr 27.000 Pfund Sterl. alſo nach unſerer Rechnung 270.000 fl. C. M. gewettet(I!).

Der Beſitzer dieſes werthvollen Thieres war Mr. Anſon.

Eine wahre Kunſt war es, auf das Feld des Rennens ſelbſt zu gelangen. Man denke ſich mit welchen Schwierigkeiten dieſer Eintritt ver⸗ bunden war, da die Oeffnung, durch welche ſich dieſe Tauſende von Wagen durchdrängen mußten, nur einige Ellen betrug.

Nun aber die Menſchenmaſſe: Ungefähr 300.000 Perſonen! Hier beginnt erſt das eigent⸗ liche Treiben, wovon der Wettlauf ſelbſt ur einen Theil bildet.

Der Derby⸗Tag bleibt ſelbſt für den Eng⸗ länder ein unerklärliches Phänomen, zumeiſt aber ein unbeſchreibliches.

Man ſtelle ſich ein unerhörtes Gemiſch von Weſen aller Art vor: eine ganze Welt einge⸗ ſchloſſen in einer Quadratmeile; London ſchickt zu dieſem geſellſchaftlichen Chaos von Allem, was es beſitzt, ein Muſter, um ein zweites London ohne Häuſer zu bilden. Inmitten dieſes Gewo⸗ ges erblickt man Buden und Zelte aller Art, von dem eleganteſten Reſtaurationslokale bis zum be⸗ ſcheidenen Schirm, unter welchem man für einen halben Schilling die herrlichſten Sachen erlangen kann.

Leierkaſten, Seiltänzer, wandernde Orcheſter, Affentheater, Bettler, Buben, die ſich kaum noch auf den Beinen erhalten, auf dem Kopfe ſtehend, kaum abgeſtillte Kinder, die an langen Stangen emporklettern, Polichinells, ſchwarze Muſikanten das Alles dreht und windet ſich vor, unter und hinter den Wagen durch, die gefahrbringen⸗ den Räder gar nicht achtend..

Unter den vielen Spielen, die hier öffentlich abgehalten werden, erwähnt unſer Erzähler be⸗ ſonders zwei als überaus charakteriſtiſch. Es ſind diesdas Pfeil⸗ und das Stockſpiel.

Für das Pfeilſchießen ſind mitten unter der Menge drei Ziele aufgepflanzt: eine runde, ein⸗ fache Scheibe, dann ein Neger und eine Dame in vollſtem Staat.

Jeder Theilnehmer erhält für 6 Pence 12 Pfeile und wettet nun mit dem erſten beſten Nachbar; denn am Tage derEpſom⸗races, wie dieſes Feſt daſelbſt genannt wird, wettet ein Jeder, als ſchwebte in Korm des verbreiteten Staubes eine anſteckende Krankheit in der Luft;

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