2 82
der lächelnden Miene;„dieſer Herr da mag nicht ſpielen,“ fügte er hinzu, und deutete auf mich. „Beim Kartenſpiel vergeht die Zeit noch einmal ſo ſchnell, das Schneegeſtöber läßt noch nicht nach, und es iſt in den Stürmen des Windes unmöglich, eine Werſt weit zu fahren. Iſt Ihnen gefällig, mit mir zu ſpielen?“
„Meinetwegen! aber wie hoch wollen Sie ſpielen?“ fragte der Mann mit der lächelnden Miene, und mir ſchien, daß der Zuſtand ſeiner Caſſe das Spielen weniger geſtatte, als ſeine Gefälligkeit, den Wunſch des jungen Menſchen zu erfüllen.„O, mir iſt es gar nicht um's Ge⸗ winnen zu thun!“ antwortete jener zu meinem größten Erſtaunen;„ich möchte nur zum bloßen Zeitvertrieb ſpielen, im Fall ſolches einiges Intereſſe für Sie hat: auf Scheremetjews Rechnung!“—
„Meinetwegen auch auf Scheremetjews Rechnung!“ antwortete der freundliche Mann.
Der Stanzionüſmotritel, der das Geſpräch mit anhörte, hatte ſchon die Karten bei der Hand. Das Spiel begann, und ungeachtet meines Widerwillens dagegen, konnte ich nicht unterlaſſen, mich neben den Mann mit der lächelnden Miene zu ſetzen und ſeine Karten anzuſchauen. Schweigend ſah ich dem Gang des Spiels zu.
Ich ſah ſchon manchen Spieler am Karten⸗ tiſche, allein einen ſo gewandten und ruhigen, als dieſer Mann war, nimmer. Er verlor Schlag für Schlag, aber nichts war im Stande, auch nur einen Augenblick ſein Lächeln zu ver⸗ ſcheuchen. Es iſt wahr, es ging nur auf Sche⸗ remetjews Rechnung; aber um deſto mehr war die Geduld an dieſem Manne, der doch ein ausgezeichneter Spieler zu ſein ſchien, zu be⸗ wundern.
Die Herren mochten vielleicht eine Stunde geſpielt haben, als der junge Mann mit Selbſt⸗ genügſamkeit ausrief:„Wie viel hätten Sie, mein Herr, ſchon verloren, wenn wir, wie ich neulich ſpielte, den Point zu 25 Rubel machen würden!“ Dabei ſchrieb er die Points mit ſol⸗ cher Sorgfalt an, als ob es wirklich um Geld ginge.„Haben Sie auch ſchon zu 25 Rubel den Point geſpielt?“ fragte er eine Weile dar⸗ auf.„Ich ſpiele nie anders als zu 25 Rubel den Point!“ verſetzte der Mann mit ſeinem unverwüſtlichen Lächeln, jedoch mache ich dann eine Ausnahme von der Regel, wenn Jemand durchaus zu 50 Rubel den Point ſpielen will. „Zu 50 Rubel den Point?“ ſtaunte der glück⸗ liche Spieler und ſah ſeinen Mann mit etwas großen Augen an.„Ei, warum denn nicht?“ entgegnete dieſer.—„Nun, ſo wollen wir doch des Spaßes wegen ſo ſpielen, als ob es zu 50 Rubel den Point ginge; denn ich möchte nur ſehen, wie viel ich heute gewinnen würde, wenn wir zu einem ſolchen enormen Preiſe ſpielten, indem die Glücksgöttin mir dann am holdeſten iſt, wenn es das wenigſte Intereſſe für mich hat. Alſo zu 50 Rubel den Point! freilich nur auf Scheremetjews Rech⸗ nung.“—„Wohlan, zu 50 Rubel den
Point auf Scheremetjews Rechnung,“ ſtimmte der freundliche Mann ein. Aus die⸗ ſem Betragen des jungen Menſchen ging deutlich hervor, daß er gar kein Spieler im eigentlichen Sinne des Wortes war,wie ich Anfangs glaubte, und er kam mir jetzt vor, wie ein dummer Knabe, der ein Glück da⸗ rin findet, viel Nullen zu gewinnen. Was mich aber bei der Sache wunderte, war, daß der an⸗ dere Herr, der doch ein ausgezeichneter Spieler zu ſein ſchien, die Geduld nicht verlor. Endlich trat der Poſtknecht ein und ſagte:„Das Schnee⸗ geſtöber hat nachgelaſſen, meine Herren, man kann jetzt recht gut fahren. Befehlen Sie, vor⸗ zuſpannen?“—„Ja, ſpann' an!“ riefen wir alle Drei wie mit Einer Stimme,„wir fahren mit ſogleich!“ Ehe jedoch der glückliche Spieler vom Tiſche aufſtand, rechnete er ſorgfältig ſeine ge⸗ wonnenen Points zuſammen und ſagte:„Mein Herr, ich habe nicht weniger als 12.000 Rubel gewonnen; man ſollte meinen, es ſei unmöglich, und doch in der That, es macht 12.000 Rubel aus! die muß nun Scheremetjewauszahlen!“ fügte er lächelnd hinzu. Der freundliche Mann ergriff ſogleich ſeine Brieftaſche, ſuchte eine Weile darin, darauf nahm er 2 Bankbillete her⸗ aus, eines zu 7000, das andere zu 5000, legte ſie ſeinem Sieger auf den Tiſch und ſagte: „Empfangen Sie Ihr Geld.“ Er ſprach das mit einem ſo würdigen Ernſte, daß alle Ge⸗ danken an Spaßmacherei in den Hintergrund traten und da ich ſah, daß die Bankbillete echt und eben ſo gut wie klingende Münze waren, konnte ich gar nicht begreifen, was das Ding denn eigentlich zu bedeuten hätte. Dem jungen Manne ging es eben ſo. Er betrachtete das Geld wie ein Geizhals, und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen, ob er es einſtecken oder liegen laſſen ſollte. Wenigſtens bot er in dieſem Momente einen höchſt intereſſanten Gegenſtand für den Pſychologen dar. Vor Staunen faſt außer ſich, ſagte er endlich mit bebender Stimme:„Mein Herr, was ſoll... Sie treiben Scherz mit mir! wir haben ja nur auf Schermetjews Rechnung... wie kann ich das Geld an⸗ nehmen, da Sie es an meiner Stelle auch nicht annehmen würden, wenn ich...“— „Ganz recht!“ fiel ihm der Mann mit der lächelnden Miene in die Rede,„wir ſpiel⸗ ten auf Scheremetjews Rechnung; wenn ich aber dieſe Rechnung auszahlen will, ſo kommt Ihnen zu, Ihr Geld in Empfang zu nehmen, alſo bitte ich, es einzuſtecken!“— „Aber Sie treiben ja einen ſeltſamen Scherz mit mir!“—, Nein, ich rede in vollem Ernſte: wir haben auf Scheremetjews Rechnung geſpielt und ſo wiſſen Sie denn: daß ich Sche⸗ remetjew bin! Es wäre beleidigend für mich, wenn Sie verhindern wollten, daß ich meine Rechnung auszahle. Scheremetjew iſt nicht gewohnt, Rechnungen, die er auszuzahlen hat, auf die lange Bank zu ſchieben.“—
Groß war jetzt mein Erſtaunen, aber das des glücklichen Spielers war viel größer noch. Wir beide kannten den reichen Scheremetjew
dem bloßen Namen nach, und er hatte ſich uns auch nicht bis auf dieſen Augenblick zu erkennen gegeben. Der junge Mann ſteckte vergnügt das Geld ein.
— —=—
Ff. Bodenſtedt.
Wir bringen in dieſem Hefte das Bild ei⸗ nes Dichters, der gewiß allen unſern Leſern durch ſeinen unvergleichlichen„Mirza Schaffy“ bekannt und lieb geworden iſt. Friedrich Martin Bodenſtedt, geb. 22. April 1819 zu Peine im Königreiche Hannover, war in ſei⸗ ner Jugend zum Kaufmannſtande beſtimmt und in dieſer Richtung erzogen worden, allein ſeine dichteriſche Natur, die ſich frühzeitig regte, flößte ihm einen ſteigenden Widerwillen ge⸗ gen die ihm obliegende trockene Beſchäftigung in demſelben Grade ein, in welchem ſeine Liebe zu den Wiſſenſchaften ſtieg, die er in ſei⸗ nen Freiſtunden mit raſtloſem Fleiße pflegte. Nachdem es ihm gelungen war, ſich von den verhaßten Feſſeln frei zu machen, beſuchte er mehrere Univerſitäten und kam ſodann als Er⸗ zieher in das Haus des Fürſten Galizin, in welcher Eigenſchaft er ſowohl in Moskau als auf den Gütern des Fürſten im Inneren Ruß⸗ lands Gelegenheit fand, ſlaviſche Studien zu betreiben. Als eine Frucht derſelben beſitzen wir von ihm eine Sammlung ruſſiſcher Ge⸗ dichte des Kaslow, Puſchkin und Ler⸗ montow und die„Poetiſche Ukraine“. We⸗ ſentlich bereicherten ſich ſeine Anſchauungen durch ſeine Ueberſiedelung nach Tiflis, wo er als Gymnaſiallehrer in der lateiniſchen und fran⸗ zöſiſchen Sprache unterrichtete und mit einem faſt aufreibenden Eifer die orientaliſchen ſtudirte. Nach manchen Kreuz⸗ und Querzügen in den Kaukaſusländern, welche ihm den Stoff zu ſeinem Werke„Die Völker des Kaukaſus“ gaben, kehrte er wieder nach Deutſchland zurück, wo er durch Liſt angeregt, nationalökonomiſche Studien trieb, im Jahre 1848 die Redaktion des„Oeſter⸗ reichiſchen Lloyd“ und 1850 die Leitung der „Weſerzeitung“ übernahm. „Tauſend und ein Tag im Orient“ und„Die Einführung des Chriſtenthums in Armenien“ (beide 1850) ließ er(Berlin 1851) ſeine deutſche Bearbeitung der Gedichte des Perſers„Mirza Schaffy“ folgen, welche jetzt in den Händen aller Freunde echter Poeſie und heiterer Lebens⸗ weisheit ſich befinden. Später folgte noch: „Ada die Lesghierin“, ein Gedicht(1853) und „Demetrius“, hiſtoriſche Tragödie(1856).
——.—
Auf die Werke:


