Heft 
(1858) 9 09
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mich aufmerkſam zu machen, vereitelt haben, hätte mich nicht Marami, der Neger des Scheichs, geſehen und von ferne erkannt. Mein zweites Entrinnen verdankte ich dieſem Ge⸗ treuen; er ritt zu mir heran, hob mich hinter ſich auf's Pferd, während die Pfeile uns um⸗ ſchwirrten, und wir ritten dem Nachtrabe zu, ſo raſch ſein verwundetes Pferd uns tragen konnte. Als wir eine halbe⸗Meile weiter gekom⸗ men waren und die zurückgelaſſene Beute die nachſetzenden Feinde etwas aufhielt und ablühlte, kam Bu Khalum zu mir herangeritten und befahl einem der Araber, mir einen Burnus über⸗ zuhängen. Es war die höchſte Zeit, denn ſchon hatten die brennenden Sonnenſtrahlen mir auf Hals und Rücken Blaſen gezogen, welche heftig ſchmerzten. Bald nachher gab unſer trefflicher Freund in Folge der Giftwunde am Fuße den Geiſt auf. Marami rief mich an:Sieh, ſieh, Bu Khalum iſt todt! Ich wandte den Kopf herum, was ich vor Schmerz kaum vermochte, und ſah ihn vom Pferde herab in die Arme eines Arabers ſinken er ſprach kein Wort mehr. Man ſagte, er ſei nur ohnmächtig, aber es war kein Waſſer da, ihn in's Leben zu⸗ rückzurufen, und als wir nach einer Stunde zu Makkarai ankamen, war alle Hilfe vergebens.

Als Bu Khalum vom Pferde fiel, ließ mir Barka Gana durch einen Sklaven das Pferd bringen, von welchem er ſelbſt ſoeben abgeſtie⸗ gen war, das dritte, welches im Laufe des Ta⸗ ges unter ihm verwundet worden war; es hatte eine Wunde in der Bruſt. Marami rief: Sidi Rais, ſteig' nicht auf! Es wird ſter⸗ ben! Raſch entſchloß ich mich, denn auf augen⸗ blicklichen Entſchluß kam es an, bei Marami zu bleiben. Zwei Araber, athemlos vor Anſtren⸗ gung, ergriffen die Zügel des verwundeten Thie⸗ res und ſetzten ſich darauf, um raſcher zu flie⸗ hen; aber keine halbe Stunde, ſo ſtürzte es nie⸗ der und beide Araber waren hingemetzelt, ehe ſie ſich aufraffen konnten. Wären wir jett nicht an ein Waſſer gelangt, ſo hätte ich den Durſt nicht länger auszuhalten vermocht, der mich verzehrte.

Als wir an den Strom kamen, ſtürzten ſich die Pferde, denen das Blut aus den Nü⸗ ſtern hervorbrach, in das ſeichte Waſſer hinein, ich glitt von Marami's Pferde herab, kniete nieder und trank neues Leben durchdrang mich, als ich in langen Zügen das ſchlammige Waſſer ſchlürfte. Was nun folgte, konnte ich nicht mehr wahrnehmen, meine Sinne ſchwanden.

Maxrvamii ſah den unglücklichen Denham bewußtlos durch den Fluß taumeln und am anderen Ufer unter einem Baume niederſinken. Beſorgt trat er zu Barka Gana hin, der hier den Flüchtigen eine kurze Ruhe gönnte, und bat um ein anderes Pferd, da das ſeine nicht länger zwei Reiter zu tragen vermöge.Dann laß ihn liegen! ſagte der Kaſchella ärger⸗ lich;er iſt Schuld daran, daß ich mein Pferd verloren habe. Beim Haupte des Propheten, heute haben genug Gläubige das Leben gelaſ⸗

Erinnerungen. 1858.

ſen, was iſt da Beſonderes, ob auch dieſer Chriſt ſtirbt! Da verſetzte Denhams alter Wi⸗ derſacher MNalem Chadili:Nein! Allah hat ihn behütet, wir dürfen ihn nicht ver⸗ laſſen! Und Marami kehrte zu dem Schla⸗ fenden zurück, ſicher, was er zu thun habe, weckte ihn, hob ihn zu ſich auf's Pferd und brachte ihn, wiewohl langſam und mit man⸗ cher Mühe, mit den Uebrigen weiter. Auf⸗ fallend war es, wie das Waſſer auf die mit vergifteten Pfeilen getroffenen Pferde wirkte: kaum hatten dieſe getrunken, als ihnen das Blut baus Maul, Naſe und Ohren hervorbrach und ſie todt niederſtürzten. Mehr als dreißig Pferde gingen an dem Waſſer auf dieſe Weiſe ver⸗ loren.

Endlich langten die Flüchtlinge im Man⸗ daragebiete an. Denham war in dem kläg⸗ lichſten Zuſtande; nach dem ſcharfen Ritte von faſt zehn Meilen, nackt auf dem Rücken eines mageren Pferdes zurückgelegt, verurſachten der geſchwollene Nacken und die Wunden und Riſſe im Körper furchtbare Pein, für welche die von Ungeziefer wimmelnde Wolldeke des Arabers nicht gerade eine Linderung gewährte. Erſt am anderen Abende überließ ihm ein mitleidiger Ne⸗ ger ein Hemd, welches er ſelbſt ſchon zehn Tage getragen hatte, unter der Bedingung, dafür in Kuka ein neues zu erhalten. Barka Gana war verdrießlich oder unwohl und ließ ſich nicht ſehen, hatte auch ſein Zelt nebſt Weibern in Mora gelaſſen, ſo daß Denham bei ihm kein Obdach fand; daher mußte dieſer unter einem Baume liegen, wo er die Nacht und den gan⸗ zen folgenden Tag ſchlief, von Zeit zu Zeit durch den treuen Marami mit etwas Kornſchrot und Waſſer erquickt.

Fünfundzwanzig Araber waren geblieben, faſt alle waren verwundet; ſämmtliche Kameele und das ganze Gepäck hatten ſie verloren. Die an Giftpfeilen ſtarben, waren über den ganzen Körper ſchwarz und geſchwollen, den Meiſten brach im Augenblicke des Todes das Blut aus Naſe und Mund hervor. Als die Uebriggeblie⸗ benen den Sultan von Mandara um Beiſtand baten, wies ſie dieſer ſchnöde ab und traf jetzt ſelbſt Vorkehrungen gegen einen zu erwartenden An⸗ griff der Fellatah. Die Abziehenden waren ſo erbittert über ihn, daß ſie, als ſie Mora ver⸗ ließen, den Feinden jeden Erfolg, ihm jedes Unheil wünſchten. Bu Khalums Sattel, Zaum und Kleider behielt der Sultan. Den⸗ hams Pferd, welches einige Schua eingefan⸗ gen hatten, wurde ihm zurückgebracht, verwun⸗ det und ohne Piſtolen, aber mit Sattel und Zaum.

So lief der unglückſelige Feldzug ab, be⸗ ſtimmt zur Unterjechung Unſchuldiger, gewen⸗ det zum Verderben der Unterdrücker.

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Auf Scheremetjews Rechnung. Skizze aus Rußland*).

Laßt uns um des Kaiſers Bart ſpielen, ſagt man in Deutſchland, wenn man ein Spiel zum bloßen Zeitvertrieb ſpielen will. In Ruß⸗ land aber ſagt man in ſolchem Falle:Laßt uns auf Scheremetjews Rechnung ſpie⸗ len. Scheremetjew ſoll der reichſte aller ruſſiſchen Gutsbeſitzer geweſen ſein, und ſo mag denn auch ſein Name Anlaß zu dieſem Sprich⸗ worte gegeben haben.

Es war gegen Winter, als ich einmal eine Reiſe nach Poltäwa machte. Ein heftiges Schneegeſtöber überfiel mich auf dem Wege und nöthigte mich, auf der nächſten Poſtſtation das Unwetter abzuwarten. Ich mochte eine Viertelſtunde in dem elenden Stübchen des Stanzionüſmotritels(Poſtſtationsaufſehers) ge⸗ ſeſſen haben, als ein anderer Reiſender, ein junger Mann, angefahren kam, den das Schnee⸗ geſtöber ebenfalls hier zu verweilen nöthigte. Der junge Mann ſchien in der ſchönen Tugend, in der Geduld, noch nicht geübt zu ſein, wie das bei jungen Leuten gewöhnlich der Fall iſt. Es iſt zum Tollwerden! ich vergehe faſt vor langer Weile, ſagte er zu mir, als er kaum zehn Minuten hier geſeſſen hatte:ich ſollte ſo ſchnell als möglich nach St. Petersburg reiſen, und nun hält mich das verwünſchte Wetter in dieſem elenden Stübchen gefangen.Man muß Gott für Alles danken, deun wer weiß, ob das für unſere Reiſe ſo ungünſtige und für unſer Gefühl ſo höchſt unangenehme Wetter nicht zu unſerem Wohle von Gott angeordnet iſt? bemerkte ich u. ſ. w. Jetzt erzählte ich ihm Manches aus meinem Leben, wo gerade das⸗ jenige, das ich Anfangs als mein Unglück be⸗ trachtete, die Quelle meines Glückes war.Wol⸗ len wir uns nicht die Zeit ein wenig mit Kar⸗ tenſpielen vertreiben? fragte er mich nach einer Pauſe,das wäre mir die liebſte Unterhaltung, denn wenn ich meinen Gedanken nachhänge, ſterbe ich hier vor Ungeduld.

Alſo ein Spieler, dachte ich in meinem Sinne. Ein Feind alles Kartenſpiels, lehnte ich ſeinen Vorſchlag höflich, aber mit Beſtimmt⸗ heit von mir. Wir ſaßen darauf einige Mi⸗ nuten ſchweigend da, als ein dritter Paſſagier, ein freundlicher und einfach gekleideter Mann, den ich für den Haushofmeiſter einer vorneh⸗ men Herrſchaft anſah, zu uns hereinkam.Ach, Gott, welch unfreundliches Wetter! ſagte er, als er uns freundlich gegrüßt hatte. Er ſetzte ſich neben uns, wir waren uns einander ganz fremd. Schien mir der junge Mann unglücklich zu ſein, ſo kam mir dieſer dagegen recht glücklich vor. Mit Wohlgefallen betrachtete ich das freund⸗ liche, heitere Geſicht dieſes Mannes; ein an⸗ muthiges Lächeln bewegte ſeine ſchönen Lippen. Iſt Ihnen vielleicht gefällig, eine Partie zu machen? fragte der Spieler den Mann mit

*) Siehe Buchſchau.