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einen ſtarken Zaun von zugeſpitzten Pfählen gezogen, welche ſechs Fuß hoch und durch le⸗ derne Riemen kreuzweis verbunden waren. Hinter denſelben ſtanden die Bogenſchützen der Fellatah, und unter dem Schutze der Hügel ihre Reiter. Den Verlauf des Gefechtes und Den⸗ hams Lebensgefahr und an's Unglaubliche grenzende Rettung laſſen wir ihn ſelbſt er⸗ zählen.
„Trotz der feſten Stellung der Feinde ſtürmten die Araber mit großer Tapferkeit vor⸗ wärts, ohne alle Hilfe oder Mitwirkung der Truppen von Bornu und Mandara; und un⸗ geachtet der aus der Verzäunung hageldicht her⸗ anſauſenden zum Theil vergifteten Pfeile hatte Bu Khalum mit ſeiner Handvoll Araber in einer halben Stunde die Feinde geworfen und trieb ſie, unaufhaltſam vorrückend, an den Berghöhen hinauf. Auch die Fellatahweiber waren immer zur Hand; während des Geſech⸗ tes verſahen ſie ihre Beſchützer mit neuen Pfei⸗ len, und als ſich die letzteren, ſtets auf ihre Ver⸗ folger ſchießend, auf die Höhen zurückzogen, deckten ihnen die Weiber den Rücken, indem ſie dicke Felsblöcke, die zu dem Zwecke vorher los⸗ gebrochen waren, niederrollen ließen. Hier⸗ durch wurden verſchiedene Araber getödtet, an⸗ dere verwundet. Jetzt rückte Barka Gana mit ungefähr hundert Lanzenträgern nach, un⸗ ter deren Stichen zuerſt fünfzig der Unglückli⸗ chen ſtarben, welche verwundet bei den Pfählen zurückgeblieben waren. Dann drang er vor⸗ wärts bis in die Stadt hinein; ich ritt dicht neben ihm und war Augenzeuge eines verzwei⸗ felten Gemetzels zwiſchen Barka Gana's Leuten und einem kleinen Trupp der Fellatah. Die letzteren warfen ihre Speere mit wunder⸗ barem Geſchick; drei Neger nach einander ſah ich durchbohrt niederſinken, welche abſtiegen, um die Stadt in Brand zu ſtecken. Barka Gana, deſſen gewaltiger Arm hier ſeine Rieſenkraft bewies, warf acht Speere, deren jeder traf, einige auf fünfzig Schritte weit.
Wären jetzt die Mandaratruppen oder die des Scheichs kühn nachgerückt, ſo hätten ſie die Stadt und die Höhen über derſelben ſicher ge⸗ nommen; ſtatt deſſen aber hielten ſie ſich auf der Nordſeite des Wadi außer Schußweite.
Als die Fellatah dieſe Läſſigkeit erkannten, griffen ſie ihrerſeits an; die Pfeile flogen ſo dicht, daß die Araber nicht mehr Stand halten konn⸗ ten und zu weichen begannen. Jetzt kamen die Fellatahreiter auch heran; und wäre nicht die kleine Schaar Barka Gana'’s und Bu Kha⸗ lum mit ein paar arabiſchen Reitern muthig auf ſie eingedrungen, es hätte Keiner von uns den nächſten Tag erlebt; auch ſo noch gab es ſchweren Verluſt. Dem Barka Gana wur⸗ den drei Pferde unter dem Leibe verwundet, von denen zwei durch die vergifteten Pfeile auf der Stelle todt blieben; von gleichen Geſchoſſen wurde auch Bu Khalums Pferd und der arme Bu Khalum ſelbſt tödtlich verwundet. Mein Pferd erhielt einen Schuß in den Hals, dicht an der Schulter, und einen in den Hin⸗
terſchenkel; ein Pfeil ſtreifte mein Geſicht, daß es blutete, zwei blieben in meinem Burnus ſtecken. Die Araber hatten gewaltig gelitten, die meiſten hatten zwei oder drei Wunden, einer ſtürzte neben mir, dem allein im Kopfe fünf Pfeile ſteckten; zwei von Bu Khalums Sklaven ſanken gleichfalls neben ihrem Gebie⸗ ter todt zu Boden.
Nicht ſo bald hatten die Truppen von Mandara und Bornn die Niederlage der Ara⸗ ber wahrgenommen, als ſie alleſammt auf die ſchmählichſte Weiſe Reißaus nahmen, ohne auch nur einmal den Pfeilen der Feinde ausgeſetzt geweſen zu ſein. In der äußerſten Verwirrung flohen ſie, an ihrer Spitze der Sultan von Mandara, der ſich darauf gefaßt gemacht hatte, im günſtigſten Falle bei der Plünderung tüch⸗ tig mit zuzugreifen, bei einer Niederlage der Araber aber geſchwind das Feld zu räumen.
Erſt jetzt, da ich Barka Gana auf einem friſchen Pferde ſah, bedauerte ich es, mich thö⸗ richterweiſe ſo ganz unvorbereitet jedem Unge⸗ fähr preisgegeben zu haben. Rührte eine der Wunden meines Pferdes von einem giftigen Pfeile her, ſo war ich unrettbar verloren; aber da war wenige Zeit zum Ueberlegen. Auf ha⸗ ſtiger Flucht, in der größten Unordnung, ſtürz⸗ ten wir Alle dem Gehölze zu, das wir wenige Stunden zuvor wohl geordnet und in ganz an⸗ derer Stimmung durchzogen hatten. An der Schlucht gerieth Alles in Verwirrung, mehr als hundert Bornueſen wurden von den Fellatah erſtochen, ich kam glücklich hindurch, befand mich aber nun eine Strecke weit weſtlich von Barka Gana. In raſchem Galopp folgte ich einem von des Sultans Eunuchen, welcher ſich häu⸗ fig umſah und in deſſen Zügen ſich die gräß⸗ lichſte Angſt malte; da erſcholl hinter uns das wilde Geſchrei der verfolgenden Fellatah, das uns beide zu doppelter Eile antrieb. Aber mein heftiges Anſpornen ſchwächte mein Pferd, wel⸗ ches ſchon einen Pfeilſchuß im Schulterblatte hatte; jetzt kamen wir auf unebenen Boden, es ſtolperte und ſtürzte. Ehe ich mich aufraffen konnte, waren die Fellatah neben mir. Ich faßte raſch den Zügel, riß eine Piſtole aus dem Half⸗ ter und ſtreckte ſie zweien der wilden Angreifer entgegen, welche mit ihren Speeren auf mich eindrangen; ſie wichen zwar zurück, aber ein anderer rückte noch dreiſter heran, eben als ich wieder aufſitzen wollte, und meine Ladung traf ihn in die linke Schulter. Raſch, den Fuß kaum im Steigbügel, ſetzte ich meine Flucht fort; aber kaum einige hundert Schritte weiter ſtürzte mein Pferd zum zweitenmale, ich wurde weit weg an einen Baum geſchleudert, mein Pferd, durch die der Verfolger ſcheu gemacht, lief da⸗ von und ich blieb ſtehen, zu Fuß und unbewaff⸗ net. Auch der Eunuche und ſeine vier Beglei⸗ ter wurden hier eingeholt; ſie verſuchten Wi⸗ derſtand zu leiſten, aber vergeblich. Wenige Schritte von mir wurden ſie niedergemetzelt und nackt ausgezogen. Ihr Geſchrei war gräß⸗ lich; die Empfindungen jenes Augenblickes ſind mir noch friſch in der Erinnerung, ich hatte
kaum die geringſte Hoffnung mehr, mich zu retten. Schnell war ich umringt, und ebenſo ſchnell, da ich unbewaffnet und zu jedem Wi⸗ derſtande unfähig war, meiner Kleider beraubt.
Da, während die Plünderer um die Beute zankten, fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele, die Flucht zu wagen. Ohne einen Augenblick zu zaudern, ſchlüpfte ich unter dem nächſten Pferde hindurch und lief aus Lei⸗ beskräften in den dickſten Wald. Zwei der Fel⸗ latah verfolgten mich, ich hielt mich oſtwärts, da ich in dieſer Richtung unſere Flüchtlinge finden mußte, wiewohl ich Freunden und Feinden gleich wenig traute. Die Verfolger kamen mir ſchon nahe, denn das ſtachlichte Unterholz hielt mich auf und zerfleiſchte meine faſt nackten Glieder; da entdeckte ich zu meinem namenloſen Ent⸗ zücken in einer tiefen Schlucht einen reißen⸗ den Bergſtrom. Mit der letzten Kraft ergriff ich die Schößlinge eines dicken Baumſtum⸗ pfes, welcher an dem jähen Abhange ſtand, um mich in's Waſſer nieder zu laſſen; da, als die Zweige ſich unter der Laſt meines Körpers nie⸗ derſenkten, fuhr dicht neben meiner Hand aus ihrem Verſtecke eine ungeheure Liffa hervor, die gefährlichſte Schlange jener Gegend, eben im Begriff, auf mich loszuſchießen. Starr vor Entſetzen, einen Augenblick ganz außer Faſſung, ließ ich den Zweig aus der Hand ſchlüpfen und ſtürzte kopfüber hinab in das Waſſer. Aber dieſer Sturz belebte mich auf’s Neue, mit drei kräftigen Schlägen der Arme erreichte ich das andere Ufer, kletterte an demſelben hinauf und ſah mich erſt jetzt in Sicherheit vor meinen Verfolgern.
Kaum hatte ich mir zu meiner Rettung Glück gewünſcht, als die verzweifelte Lage, in welcher ich mich befand, ohne irgend einen Fetzen, meine Blöße zu bedecken, mir ſchwer auf's Herz fiel. Ich war bei klarſtem Bewußt⸗ ſein und verkannte keine der Gefahren, denen ich ausgeſetzt war. Schon überlegte ich, wie ich die Nacht in dem Gipfel eines Tamarindenbau⸗ mes zubringen wollte, um vor den Panthern geſichert zu ſein, an denen es, wie ich geſtern erfahren hatte, hier nicht fehlte, als der Gedanke an die ebenſo zahlreichen und nicht minder ge⸗ fährlichen Liffas mich auf's Neue ſchaudern machte.
Jetzt ſah ich durch die Bäume weiter im Oſten Reiter und wandte mich raſch dahin, un⸗ bekümmert, ob es Freunde oder Feinde waren; bald erkannte ich zu meiner unbeſchreiblichen Freude und mit dem Gefühle des lebhafteſten Dankes Barka Gana und Bu Khalum mit ungefähr ſechs Arabern, die ebenfalls durch einen Haufen Fellatah lebhaft verfolgt wurden. Die Flinten und Piſtolen der Araberſcheichs hielten die Feinde etwas in Schach und deckten den Rückzug des Fußvolks. Aus aller Macht rief ich ihnen zu, aber der Lärm und die Verwirrung, das Angſtgeſchrei derer, die unter den Speeren der Fellatah fielen, die Rufe der Araber, welche ſich ſammelten, und der Feinde, welche ſie ver⸗ folgten, würden jene Bemühung, ſie au


