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der vorjährigen Sklavenjagd des Sultans von Fezzan in Bornu herrührten, deſſen Transport dieſen Weg genommen hatte. Aber was für die Europäer ein Gegenſtand des Grauſens war, gab den Arabern nur Anlaß zu rohen Scherzen.
Am 25. Jan, begegneten ihnen in der Wüſte Tintuma zwei Couriere, welche von Bornu nach Murzuk auf Meheris oder hohen Reitka⸗ meelen ritten und auf ihren trefflichen Thie⸗ ren in einer Stunde faſt anderthalb Meilen zu rücklegten. Ihr ganzes Gepäck iſt ein Sack mit gedörrtem Getreide, zwei Schläuche mit Waſſer, ein kleines kupfernes Gefäß und eine hölzerne Schale, ſelten ein paar Streifen gedörrtes Fleiſch, das ſie dann roh eſſen. Wenn ſie ko⸗ chen, ſo brauchen ſie als Feuerung den gedörr ten Kameelmiſt aus einem unter dem Schwanz der Thiere aufgehängten Beutel.
Endlich nach langer Wanderung erblickten unſere europäiſchen Reiſenden zu ihrer un⸗ nennbaren Freude den weitausgedehnten Tſad⸗ ſee, der in majeſtätiſcher Ruhe, in den Strah len der Sonne glühend, kaum eine halbe Stunde entferut vor ihnen lag. Die Gefahren und Leiden der langen Wüſtenfahrt waren raſch vergeſſen, und ihnen ſchlug das Herz, indem ſie bedachten, zu welchen Schickſalen und Ent⸗ deckungen dieſer große von ihnen zuerſt auf⸗ geſundene See der Schlüſſel ſein möchte.
Am 17. Februar zog die Karavane zu der Reſidenz des Bornuherrſchers— die Europäer noch völlig ungewiß, von welcher Art Herrſcher und Reich ſei, und ob ſie den Regenten an der Spitze von Tauſenden wohlgerüſteter Krieger oder unter einem Baume zwiſchen nackten Scla ven ſitzend finden würden.
Aber bald wurde ihnen Gewißheit. Auf's Schönſte geſchmückt, um ihrerſeits den nöthigen Eindruck nicht zu verfehlen, ritten Bu Khalum und ſeine Araber vorwärts, als plötzlich der Wald ſich lichtete und ſie in kriegeriſchem Pomp und von muſterhafter Ordnung eine lange Reihe bewaffneter Reiter von ſtattlicher Hal⸗ tung vor ſich aufgeſtellt ſahen. Es waren meh⸗ rere Tauſende, einige Offiziere ritten vor der Fronte auf und ab und gaben Befehle. Mit lautem Geſchrei und dem rauſchenden Klange ihrer Inſtrumente begrüßte das Heer die nordiſchen Fremden, dann löſten ſich von bei⸗ den Flügeln und aus der Mitte drei kleine Ab⸗ theilungen los und ſprengten bis dicht an die Karavane heran, während die ganze Linie ſich in Bewegung ſetzte und die Flügel in der ſchärfſten und genaueſten Schwenkung von bei den Seiten herannahten. Mit lautem Zuruf und Gruß ſprengten die erſten Reiterhaufen um die Araber herum, wild ihre Speere ſchwin⸗ gend, bis die Hauptſchaar Alle völlig eingeſchloſ⸗ ſen hatte und die langen Lanzen über den Häup tern der Fremden zuſammenkl irrten. Es war ein freundlicher aber zugleich bedeutſamer Em pfang, den Barka Gana, der erſte General des Scheichs, veranſtaltet hatte. Er ſelbſt, der Führer der kriegeriſchen Schaar, eine edle Ge⸗
ſtalt mit einer bunten ſeidenen Tobe bekleidet, ſprengte auf einem ſchönen Mandararoſſe zu Bu Khalum heran, ehrerbietig wich die Menge zurück, und der Zug, ging langſam vor⸗ wärts gegen Kuka hin. Die Neger des Scheichs, ſo hieß der glänzende Reitertrupp, trugen Pan⸗ zerhemden von eiſernen Ketten, welche ſie vom Halſe bis zu den Knien ſchützten und hinten of⸗ fen waren, die meiſten hatten Turbane, manche auch Helme; die Köpfe der Pferde waren mit Eiſenblech unepanzert, die Lanzen zehn Fuß lang mit drei Fuß langen Eiſenſpitzen.
Am Stadtthore angelangt banen die Rei⸗ ter außer den Europäern nur Bu F dhalu m und zwölf Araber ein; dieſe ritten durch eine breite Straße! bis zur Thüre des Scheichs, zwi⸗ ſchen einem Spalier von drei Linien Reiterei hindurch, hinter denen Lanzenträger zu Fuß die Straße füllten. Aus dem Thore des Palaſtes ſprengten ein paar hohe Offiziere hervor, riefen laut aus:„Barka! Barka!(Heil, Heil!) und ritten dann zurück. Nun wurde Bu Kha⸗ lum eingelaſſen; eine halbe Stunde nach ihm rief Barka Gana„die vier Engländer.“ Sie wurden einzeln die Treppe hinaufgeführt, vor der Thüre des Audienzzimmers durch ge⸗ kreuzte Speere ihnen Halt geboten, dann kam Bu Khalum und hieß ſie eintreten zu dem „Scheich der Speere.“ In einem kleinen Zim⸗ mer auf einem Teppiche ſaß der Scheich da, in eine blaue Sudantobe gekleidet und das Haupt mit einem Turban bedeckt. An jeder Seite ſtan⸗ den zwei Neger mit Piſtolen im Gürtel, auch auf dem Teppiche lagen Piſtol en, 3 den Wänden hingen Flinten. Der Scheich el Kanemi, der mächtiger als der Sultan ſelbſt über das Reich Bornu herrſchte, war von einnehmendem Aeu⸗ ßern, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, und hatte ein ausdrucksvolles Geſicht. Mit wohlwol⸗ lendem Lächeln fragte er ſie, nachdem er den Brief des Paſcha geleſen, weßhalb ſie in dieſes Reich gekommen ſeien. Oudney gab zur Ant⸗ wort, ſie wünſchten das Land zu ſehen und Nachricht über ſeine Bewohner und Erzeugniſſe einzuziehen, da der Sultan von England alle Länder der Erde kennen lernen wolle.„Ihr ſeid willkommen,“ verſetzte er,„wir wollen Euch gerne Alles ſehen laſſen; jetzt aber geht in die Hütten, die ich für Euch habe bauen laſſen, und wenn ihr Euch von der langen Reiſe erholt habt, mögt Ihr mich wieder beſuchen.“
Die Reiſenden wurden freundlich entlaſſen, und nichts fehlte an der reichlichſten Bewirth ung der ganzen Geſellſchafft. Außer den Ochſen, ſo viele ſie deren bedurften, den Kameelladungen von Weizen und Reis, Lederſchläuchen voll But⸗ ter, Schüſſeln mit friſchem Honig, welche der Scheich ihnen bringen ließ u. dgl., erhielten ſie jeden Morgen und Abend ſechs große Schüſ⸗ ſeln mit gekochtem Fleiſch, Reis und einen fet tigen Teig von Gerſtenmehl, auch wiederholte Kameelladungen ſchmackhafter Fiſche.
Aonge in Kuka zu verweilen lag nicht in der Abſicht der Reiſenden, doch ſchien der Scheich
nicht geneigt, ihnen beliebige Ausflüge in 8Land
zu geſtatten, jedenfalls hielt er Vorſicht für nöthig und die Vogelbälge und die getrock⸗ neten Pflanzen nicht für den wahren Zweck ihrer Reiſe. Dazu waren kriegeriſche Zeiten. Die Begharmi, welche im Südoſten des Sees wohn⸗ ten, rückten wieder mit einem Heere in das Feld, und von Tag zu Tag erwartete man ihren Angriff.
Der Sultan von Bornu reſidirte in Birni, umgeben von dem abgeſchmackten Pomp ſeiner vermeintlichen Hoheit. Er hieß der König des
Landes, aber thatſächlich war es el Kanemi, welcher durch glückliche Feldzüge zu wiederholten Malen das Reich vom Üntergange gerettet hatte
Dem erbärmlichen Schattenkönig dieſes zu neuer Kraft ſich erhebenden Reiches galt der Beſuch Bu Khalums und der Engländer. Jener nahm Geſchenke mit von verhältnißmä⸗ ßig hohem Werthe, dieſe, aus Mißverſtändniß, kamen mit leeren Händen. An der Thüre des königlichen Palaſtes, welcher aus Lehm gebaut war, wurden ſie von einem Kammerherrn em⸗ pfangen, der acht bis zehn Toben oder Hem⸗ den von verſchiedener Farbe trug, eines über dem anderen, das äußerſte war von weißer Seide aus dem Sudan; in der Hand hielt er einen ungeheuren Stock, wie ein Tambourma⸗ jor, und auf dem Kopfe wackelte ein rieſiger Turban. Nach den erſten Begrüßungen wurde den Fremden geſtattet, ſich's bequem zu machen, und die reichliche Mahlzeit aus des Sultans Küche beförderte dieß nicht wenig. Siebenzig Schüſſeln mit Speiſe, jede groß genug für ſechs Perſonen, wurden herbeigeſchafft, dazu waren zwei Sklaven mit lebendigem Geflügel bepackt für den Fall, daß den Engländern die anderen Speiſen nicht munden ſollten.
Anderen Tages ging es zur Audienz, die im Freien von dem Palaſte ertheilt wurde. Im Hintergrunde ſaß der Sultan, und um ihn herum gruppirten ſich ſeine Hofleute, Alle im höchſten Staate— aber in einem ſo lächerli⸗ chen Aufzuge, mit ſo abgeſchmackten Manieren, daß man alle Höfe der Welt vergebens durch⸗ muſtern würde, um Aehnliches zu finden. Der Thron des Sultans Ibrahim war ein Näſig von Rohr, hinter deſſen Stäben ſeine Maje⸗ ſtät auf ſeidenen Polſtern kauerte. Auf dem Haupte trug er einen Turban,— oder viel⸗ mehr neben dem Haupte, denn die Eiikette verlangt, daß der Turban ſchief aufgeſetzt wird, — gegen welchen der des Hofherrn vom vorigen
Tage ein winziges Käppchen war. Wiewohl die Fremden ſich auf einen Piſtolenſchuß nähern durften, ſo konnten ſie doch vom Geſichte des Sultans nur wenig ſehen, das unten bis an die Naſe in einem Tuche ſteckte und oben im Turban verſchwand. Zur Linken, dem Sultan gegen⸗ über, ſtand ein Deklamator, welcher unauf⸗ hörlich in langen Phraſen das Lob des Herr⸗ ſchers und ſeines Stammes pries, und neben ihm ein Neger mit einem Frumfrum, der höl⸗ zernen Poſaune des königlichen Hofſtaates, der in den Pauſen herzzerreißende Poſaunenſtöße
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