nen hatte. Jetzt ſtand er hinter den Wolken und ſtatt ſeiner ſchauten zwei blitzende Sterne herein. Ich rieb mir die Augen, die Sache war mir nun klar. Meiſter Braun blickte durchs niedrige Fenſter zu uns herein und beſah ſich die Gelegenheit bei den fremden Gäſten aus Preußenland; die akkompagnirenden Brumm⸗ ſtimmen kamen von ſeiner Gemalin und ſei⸗ nen friſchaufblühenden Töchtern oder Söhnen.
Die Sache wurde ernſthafter; ein kalter Schweiß überlief mich. Daß ich meine junge Königsberger Seele ſo fern vom lieben Lande der Väter ſchon jetzt aushauchen ſollte, und zwar auf ſo unerquickliche Weiſe, noch mehr, daß auch mein lieber Danziger Reiſegenoſſe ſo ſchmählich umkommen ſollte, war mir ein ſchrecklicher Gedanke. Und doch, was konnte ich thun? Schußwaffen hatten wir nicht, ſie hätten dießmal auch nicht viel gefruchtet. Mei⸗ nem Gefährten wieder zuzurufen, und ihn zu erwecken, überhaupt auch nur aufzuſtehen wagte ich nicht mehr; das leiſeſte Geräuſch hätte uns verrathen.
Die Angſt ſtieg mit jedem Athemzuge.
Da durchbrach der Bär mit ſeiner Schnauze die Scheiben. Glücklicher Weiſe ſtand die offene Genevreflaſche daſelbſt. Er erfaßte ſie⸗ und verließ brummend das Fenſter.
Wünſche wohl zu bekommen! dachte ich in der erſten Laune. Aber dieſe verging mir wie der Blitz, und ich wollte aufſpringen. Doch ich war wie gelähmt an allen Gliedern. Ich wollte den Degen ergreifen, konnte aber nicht meine Hand ausſtrecken; ich wollte„Fritz“ rufen, aber die Zunge verſagte mir den Dienſt.
Indeß brummten die Bären noch lauter wie zuvor und gingen um die Hausecke.
Jetzt kommen ſie in's Haus! dachte ich, jetzt ſind ſie an der Stubenthür, ihre Wuth nimmt zu, wir ſind verloren, die Verſchanzungen wer⸗ den ſie nicht hemmen und dann——
In dieſem Augenblick entſtand ein furcht⸗ bares Getöſe an der Thüre, und die hochthro⸗ nenden Stühle ſammt dem Tiſch ſtürzten mir und meinem Gefährten auf's Geſicht.
Nun erhob ich mich und rief:„Fritz! Fritz! Bären!“— ich reib mir die Augen: iſt es ein Traum?— Nein, ich ſehe mit klaren Augen die Barrikaden herabgeſtürzt, ich fühle an meiner Stirn den Schmerz der gewaltigen Beule, und meinem Gefährten, der auch auf dieſe unſanfte Weiſe ſofort erweckt iſt, blutet ſehr ſtark die Naſe. Wir ſprangen mit gleichen Beinen aus dem Bette— die roſenfingrige Eos küßte bereits den Horizont— ergriffen die Degen und eilten zur Thüre, des Kampfes ge⸗ wärtig.— Die Koffer hielten noch Stand, durch Eiſen⸗ und Kupfererze aus Danemoran und Falun noch mehr beſchwert. Es war drau⸗ ßen ganz ſtill. Sollten ſie ohne Kampf, ohne Beute ſich entfernt haben? Wir guck⸗ ten durch die Thürſpalte, aber nichts war zu ſehen, kein Brummen mehr zu hören. Schnell kleideten wir uns vollſtändig an—„im Schmuck nur reißt Apoll mich hin!“— und ſehen zum
Fenſter hinaus. Alles ſtill. Der Strom rauſcht, der Sturm pfeift, aber kein Bär läßt ſich ſehen, kein Gebrumm ſich hören.
In Eile erzähle ich meinem Gefährten, was ich, halb wachend, halb ſchlafend geſehen und gehört, und glaube nun wohl ſelbſt an die Möglichkeit, einen ſchweren Traum gehabt zu haben.
Allein die Kataſtrophe lag uns ja vor Au⸗ gen, die geſtürzten Barrikaden, meine ſtark er⸗ höhte Stirn, ſeine blutende Naſe.
Und wenn es keine Bären geweſen, ſo waren es vielleicht räuberiſche Menſchen?
Die Hütte ſchnell zu verlaſſen und käm⸗ pfend mit Bären oder Räubern uns eiligſt nach den andern Wohnungen des Dorfes zurückzu⸗ ziehen, war nunmehr unſer Entſchluß. Aber doch hielten wir es aus ſtrategiſchen Gründen für zweckgemäß, mit den gezückten Degen erſt die Hausflur zu durchforſchen, und, wenn wir hier nichts Verdächtiges fänden, um die Hütte herum zu gehen, und dann, mit Zurücklaſſung unſers ſchweren Gepäcks, durch einen Flanken⸗ marſch nach dem nächſten Häuschen den Fein⸗ den zuvorzukommen.
So gedacht, ſo geſchehen.
Wir traten langſam und vorſichtig, über⸗ all unſre ſpähenden Blicke hinlenkend, mit blan⸗ ken Klingen den Rückzug aus dieſer furchtbaren Einöde an und hatten noch nicht die Hälfte des Wegs erreicht, als der Wirth bewaffnet und in Begleitung von zwei Knechten, uns entge⸗ gen kam.
„Jetzt gilt es!“ ſagten wir;„nun wiſſen wir, mit wem wir's zu thun haben! So leicht ſoll es ihnen nicht werden! Allein des Wirths freund⸗ licher Morgengruß ſchon von weitem, ſein Entgegenruf:„Was gibt es?“ und ſein ganzes Weſen überzeugte uns bald, daß er nicht in feindlicher Abſicht herankomme.
Wir reichten einander die Hände, und das Räthſel des Barrikadenſturzes löſte ſich auf die einfachſte Weiſe. Sein kleines Söhnchen, das uns ſehr früh wecken ſollte, hatte unſre Stu⸗ benthür in Haſt öffnen wollen, dabei waren Tiſch und Stühle heruntergeſtürzt, und theils dieß unerwartete, ihm unerklärliche Getöſe, theils unſer Schrei bei dem Schreck und beſon⸗ ders mein donnernder Ruf:„Fritz! Bären! Bären!“ hatte den goldgelockten Knaben ſo ſehr in Erſtaunen und Furcht geſetzt, daß er ſprachlos nach Hauſe gelaufen und nicht im Stande geweſen war, dem Vater das Vorge⸗ fallene zu erzählen. Daher hatte dieſer, in Be⸗ ſorgniß, daß uns irgend etwas zugeſtoßen ſein könne, ſich ſogleich in Gemeinſchaft zweier Knechte aufgemacht, um zu uns zu kommen.
Wir waren alle herzlich froh über dieſe Kataſtrophe, die uns nun veranlaßte, auf ein paar Stündchen unſre Abfahrt noch aufzuſchie⸗ ben, an dem lieblichen Bilde der idylliſchen Häuslichkeit unſers Wirthes uns noch unter angenehmen Plaudereien zu ergötzen und über unſre fata morgana herzlich zu lachen.
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Abenteuer auf einer Keiſe in's Innere Afrika's.*)
Von der engliſchen Regierung war nach Ritchies Tode eine zweite Expedition in das Innere Afrika's beſchloſſen worden. Der Paſcha von Tripolis verhieß ſicheres Geleit auf dem Wege durch die Sahara, die Regierung ſcheute keine Koſten und hatte, was für das glückliche Gelingen den Ausſchlag gab, die geeigneten Leute getroffen. Das Haupt der Reiſegeſell⸗ ſchaft war ein Naturforſcher Dr. Walter Oudney, deſſen Geſundheit ſich allerdings nicht kräftig genug erwies, den Gefahren des tropiſchen Klima's zu trotzen. Glücklicher aber waren ſeine beiden Reiſegefährten, der Major Dixon Denham und der Lieutenant Hugh Clapperton.— Der Weg nach Murzuk ging durch öde, waſſerarme Gegenden. Es überfiel ſie einer jener furchtbaren Sandſtürme, welche das Reiſen in der Wüſte ſo gefährlich machen. Der feine Sand wurde in ſolchen Maſſen em⸗ porgehoben, daß man kaum einige Schritte weit ſehen konnte; die Sonne war ganz verfin⸗ ſtert, ein drückendes Gefühl beengte die Bruſt, dazu geſellte ſich ein brennender, nicht zu lö⸗ ſchender Durſt. Die Reiſenden verloren ein⸗ ander aus dem Geſichte, die Pferde ließen die Zunge ſchlaff aus dem Maule hängen und wollten nicht vorwärts. Endlich ſprang der Wind nach Oſten um, die Luſt wurde heller, und nachdem ſie noch bis fünf Uhr weiter ge⸗ ritten waren, wurde unter dem Schutze einiger Hügel ein Lager aufgeſchlagen. In der Nacht riß der Wind die Zeltpflöcke mehrere Male um, und am Morgen lag der Sand zolldick auf den Decken der Reiſenden.
Am 8. April gegen Mittag war Murzuk, das nächſte Ziel der Reiſe, erreicht.
Der Empfang bei dem Sultan Muſtapha war artig, doch war er nicht geneigt, das ge⸗ hoffte Geleite durch die Wüſte nach Bornu zu gewähren; dafür machten die Reiſenden eine wichtige Bekanntſchaft, die des Kaufmanns Bu Khalum von Murzuk, durch deſſen Rath und Hilfe ſie aus ihrer Verlegenheit erlöſt wer⸗ den ſollten.
Die Karavane, welche aus 13 Perſonen mit einem Geleite von mehr als 200 wohlbe⸗ waffneten Arabern beſtand, nahm ihren Weg ſüdwärts auf der gewohnten Straße, die durch die Wüſte der Tibbo nach dem Reiche Bornu führte.
Von Tedjerri aus mußten die Reiſenden volle acht Tage reiſen, bis ſie wieder Waſſer fanden. Der Weg führte durch eine vollkom⸗ men dürre und vegetationsleere Wüſte, und ſeine Schrecken und das Bild der hier drohen⸗ den Gefahr wurden verſtärkt durch die vielen menſchlichen Gerippe, die überall am Wege la⸗ gen. An einem Tage zählte man ihrer hundert und ſieben, von denen die meiſten wohl von
*) Siehe Buchſchau.
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