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oder, falls wir das nicht wünſchten, in einer etwas entlegenen Hütte eine gute Lagerſtätte finden. Die Hütte, ſagte der Wirth, gehöre ſei⸗ nen beiden noch unverheirateten Brüdern und ſtehe jetzt ganz leer. Dieſe waren nämlich auf die gefährliche Bärenjagd ausgezogen und zwar in Begleitung eines bairiſchen Offiziers. Die Norweger lieben die Jagd leidenſchaftlich, zumal die Bärenjagd. Die Bären hier ſind beſon⸗ ders Liebhaber des Fleiſches und fallen daher gern größere und kleinere Thiere, denen ſie zuerſt das Blut ausſaugen und ſie dann in ihre Höhlen ſchleppen, auch wohl erwachſene Men⸗ ſchen, niemals aber, wie man behauptet, Kinder an, eine Gutartigkeit, welche ſich mit Liſt und Verſchlagenheit paart. Der norwegiſche Bauer pflegt dem Bären den Verſtand von zwei und die Stärke von ſieben Männern zuzuſchreiben, daher gehen denn auch gewöhnlich mehrere Schützen zuſammen auf die Jagd, und zwar nicht mit großen, kräftigen, ſondern, nach Art der Lappländer, mit kleinen Hunden, welche ſich gar nicht in den Kampf einlaſſen, ſondern den Bären necken und ſo zum Stillſtehen oder Um⸗ drehen, was ihn ſchwindlig macht, fortwährend nöthigen. Auch hier im Norden zeigt ſich die Kühnheit und die Kraft des Deutſchen. Denn es iſt nichts Seltenes, daß Deutſche nach Nor⸗ wegen reiſen, um die Bärenjagd kennen zu ler⸗ nen und ſelbe mitzumachen, während z. B. der Habeascorpus⸗Acten⸗Mann von Albions Eiland her dieſelben romantiſch⸗wilden Gegenden öfters bloß deßhalb beſucht, um die Lachſe in dem Au⸗ genblicke zu ſchießen, da ſie zur Reinigung ihrer Schuppen gegen den Waſſerſturz emporſpringen.
In Begleitung des Deutſchen waren alſo jene beiden Brüder auf die Bärenjagd ausge⸗ zogen und gedachten erſt morgen oder übermor⸗ den heimzukehren. Daher bot der Hirt uns ihre Hütte zum Nachtquartier an.
Dieſe Hütte war allerdings etwas abgele⸗ gen, tiefer im Walde, und das Wort Bären⸗ jagd machte unſre Phantaſie etwas mehr rege. Wir erzählten dem Wirth, daß wir bereits vor vier Nächten das Vergnügen gehabt, in der Nähe von Bären uns zu befinden. Unſere Pferde waren ſo ermüdet geweſen, daß wir ſie mitten im düſterſten Walde gerade um Mitter⸗ nacht zwei Stunden lang ausruhen gelaſſen, und dieſer Ruhepunkt muß ſehr nahe einem Bärenneſt geweſen ſein, denn unaufhörlich hör⸗ ten wir ganz in der Nähe alle nur mögliche Brummakkorde und Melodien, bald Solos oder Duette, bald ſtürmiſcheren Chor, bald Baß, bald Baryton. Wir hatten dieſe zwei Ruheſtunden, natürlich in nicht geringer Span⸗ nung, wenig und leiſe geſprochen, um uns nicht zu verrathen, doch aber nach dem Rathe unſers Poſtillons mit Stahl und Stein fortwährend Funken geſchlagen und vielleicht hiedurch die holdſelige Nachbarſchaft glücklich fern gehalten. Auch ſonſt ſchon waren uns oft friſche Spuren von Bären aufgefallen, ſogar einige dieſer ro⸗ mantiſchen Thiere von uns in der Ferne geſehen worden. Das alles erzählten wir dem Wirth, und
er mochte wohl entnehmen, daß wir nicht gerade deßhalb ſein ſchönes Vaterland beſuchten, um im Bärenkampfe die deutſche Kraft zu bewähren. Allein er meinte doch, bis hierher kämen ſelten Bären, wenn ſie nicht gerade ſehr hungrig wären; indeſſen könnten wir ja auch, wenn wir wollten, bei ihm in der Familienſtube über⸗ nachten.
Was war zu thun? Hier Kindergeſchrei, Krankengeſtöhn, Männergeſchnarch, alſo kein ruhiges Lager nach ſo vielen durchwachten und durchraſſelten Nächten; dort Ruhe und Ein⸗ ſamkeit und wieder einmal Federbetten, dabei aber Bärenphantaſieen und Räubereinbildungen.
Wir wählten die Ruhe und Einſamkeit. Der Wirth brachte uns nach der fernen Hütte und verſprach, uns am Morgen früh wecken zu laſſen und ein Fuhrwerk zur Weiterfahrt zu be⸗ ſorgen. Ein mächtiger Händedruck begleitete ſein„Gute Nacht.“— Da befanden wir uns nun allein im Zimmer, in der Hütte, im Walde, ich und mein zehn Jahre jüngerer Reiſegenoſſe Frit, ein lieber Schüler von mir, der auf die⸗ ſer Reiſe meiner Leitung und Obhut anver⸗ traut war, ſchon lange elternlos und Erbe eines bedeutenden Vermögens. Unſer Zimmer war ziemlich einfach meublirt. Außer zwei Betten, einem Tiſch und zwei Stühlen fand ſich nichts anderes vor.
Wir hatten auch ſchon ſonſt oft genug ganz allein in Hütten kampirt, welche verwünſchten Schlöſſern en miniature und Pfefferkuchen⸗ häuſern ähnlich ſahen. Aber dießmal kam uns die Sache doch etwas kritiſch vor. So müde und angegriffen wir auch waren, ſo ſtiegen doch allerlei Bedenken und Skrupel in unſrer Seele auf. Mein Gefährte dachte an die Mög⸗ lichkeit eines menſchlichen Ueberfalls. Die frem⸗ den etwas wilden Geſichter dieſer Gebirgsleute erſchienen doch etwas bedenklich, zumal da ſie bei der Auswechslung unſers ſchwediſchen Gel⸗ des in norwegiſches unſere Kaſſe hatten beäugeln können. Andrerſeits aber war das gemüthliche Idyll, welches wir eben genoſſen, und beſonders das gemeinſame Gebet am Hausherde ſo Ver⸗ trauen erweckend geweſen, daß ich den Grund⸗ ſatz feſthielt: quisquis praesumitur bonus (ſetze von Jedem Gutes voraus) und in dieſer Hinſicht meinen Hefährten zu beruhigen ſuchte. Allein ich war darüber ſchwankend, ob dieſer Grundſatz auch auf Bären und Wölfe Bezug habe, und acceptirte ſehr gerne den Vorſchlag, da auch hier keine Hausthür ſich zeigte, wenig⸗ ſtens die Stubenthür zu verſchanzen, welche nicht Schloß, nicht Riegel hatte und ſehr ge⸗ brechlich war. Wir ſtellten unſre Koffer vor, auf dieſelben den Tiſch und auf dieſen die bei⸗ den hölzernen Stühle, damit bei etwaigem An⸗ drang eines Feindes zuerſt die Stühle herab fie⸗ len und ſo das Geräuſch hievon uns, die wir beide eines geſegneten Schlafes uns erfreuten, ſofort aus Morpheus Armen riſſe. Als wir mit dieſer, zwar nicht ſehr impoſant, doch intereſſant ausſehenden Verbarrikadirung fertig waren— das Licht war unterdeſſen uch fertig geworden,
nur Luna beleuchtete uns noch— ſo ſtellten wir unſre Betten mitten in die Stube, entfern⸗ ter von den beiden einander gegenüber befind⸗ lichen, ſehr deſolaten Fenſtern, welche nur drei Fuß über der Erde waren, ſetzten die Reiſe⸗ flaſche mit Genevre auf das eine Fenſter, ver⸗ hingen das andere mit unſern Mänteln, ſtell⸗ ten unſere Degen jeden an das Kopfende ſeines Bettes, entkleideten uns nur halb und fühlten uns bald ſehr wohl und behaglich in den Fe⸗ derbetten, von denen wir auf der ganzen Reiſe in Schweden, alſo ſeit länger als zwei Monaten, uns hatten entwöhnen müſſen.
Wir wurden beide ſtiller. Auf einmal drehte ſich mein Genoſſe um:„Herr Doktor, ſchlafen Sie?“— Wir ſprangen zugleich auf und nach dem Fenſter, bemerkten aber nichts Auffallendes, und beruhigten uns bei dem Ge⸗ danken, daß der Sturm durch die Tannen rau⸗ ſche und der Magoroelf ſeine Fluth ſtärker dahin⸗ brauſen laſſe. Weiter vernahmen wir nichts und legten uns wieder in die Betten. Mein Gefährte ſchlief bald wieder ein, überwältigt von Müdigkeit, und ſchnarchte mir durch alle Akkorde ſeinen ſchönen Schlaf entgegen.— Mich aber beſiegte dießmal nicht ſo leicht der Schlaf. Tauſenderlei war mir durch den Kopf gegangen, und jetzt ſchwebten und wogten erſt recht die ſonderbarſten Phantaſiegebilde durch meine Seele. Ich konnte nicht das Auge ſchlie⸗ ßen, ſondern ſah unverwandt durch's Fenſter nach dem lieben Monde und ſeinem ſtillen Glanze. Ich dachte an die ſchönen Oſſiani⸗ ſchen Mondnächte beim Grabe Odins und ſei⸗ ner Sigtunaburg, und an die ſchöneren auf dem Oſtmeer, als uns nach glücklicher Rettung aus Sturzſee und Orkan das kühne Schiff mit ſei⸗ nen weißbuſigen Segeln blitzſchnell gen Norden ſchaukelte, und an die ſchönſten in der lieben Heimat, die meine Seele ganz erfüllten und mich des großen Dichters Worte repetiren ließen:
Mir iſt es, denk' ich nur an Dich,
Als in den Mond zu ſeh'n;
Ein ſtiller Friede kommt auf mich,
Weiß nicht, wie mir geſcheh'n! und es war mir ſo, als ob auch auf mich ein ſtiller, ſüßer Friede herniederkam.——
Aus dieſen ſüßen Träumereien weckte mich ein fernes Brummen; es ſchien näher zu kom⸗ men und ſich doch wieder zu entfernen und ich meinte abermals, das Fluthgeräuſch oder der Sturm täuſche mich. Aber das Brummen kam in der That näher und näher und ging aus Melodien in Harmonieen und reſpektive Dis⸗ harmonieen über. Ich täuſchte mich nicht und rief:„Liebſter Fritz!“ doch der war nicht zu er⸗ wecken; ich rüttelte ihn hin und her, er ſagte ſchlaf⸗ trunken: Ja, ja! und legte ſich immer wieder auf die andere Seite. Ich ſuchte Stahl und Stein, um erforderlichenfalls durch Feuerfun⸗ ken die Bärengäſte fern zu halten, aber ich fand nichts und der Froſt trieb mich wieder in's Bett. Mein Blick ſpähte nach dem Fenſter, durch das der Mond vorher ſo lieblich geſchie⸗
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