Heft 
(1858) 9 09
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nach hon vens

auf und freue mich deſſen noch bis auf den heu⸗ tigen Tag. Meine nordiſche Reiſe gehört noch jetzt immer zu den Glanzpunkten meiner Erin⸗ nerung, und wenn mich jetzt meine Lagerſtätte ruhig und ſicher umfängt, denke ich mit großem Wohlbehagen nicht ſelten an meine erſte Nacht in Norwegen zurück.

Wir hatten nicht blos das herrliche Dale⸗ karlien durchſtreift, ſondern auch noch die finni⸗ ſchen Kolonien beſucht, und da unſer mitgenom⸗ mener Proviant verloren gegangen war, un⸗ ſern Durſt und Hunger mehrere Tage lang durch Genevre und Birkenrindenbrod nur noth⸗ dürftig ſtillen können. Es war nunmehr un⸗ ſere Abſicht, durch Herjedalen über die Kjölen auf demſelben Wege nach Drontheim zu eilen, auf welchem der berühmte Feldherr des roman⸗ tiſchen Karls XII., General Armfeld, vor länger als 100 Jahren den unglückſeligen Rück⸗ zug machen mußte. Unſer Rückzug war minder lang und minder unglücklich. Denn kaum hat⸗ ten wir zu Roß die Enge und Steilheit der Felſenwege ließ nicht einmal die im Nor⸗ den beliebten einſitzigen Karren mehr zu einige Meilen zurückgelegt, ſo überzeugten wir uns ſelbſt von der Unmöglichkeit der Weiter⸗ reiſe. Der nordiſche Herbſt war im Heran⸗ marſch, und die ſtarken Regengüſſe, denen wir ſchon acht Tage und Nächte lang ausgeſetzt ge⸗ weſen waren, hatten in dieſen hohen Gegenden alle Brücken abgeriſſen, die Bergſtröme bis zur Wuth empört und daher alle Uebergänge auch für den kühnſten Reiter völlig unwegſam ge⸗ macht. Daher mußten wir Drontheim für jetzt aufgeben und einen ſüdlicheren Weg nach Nor⸗ wegen einſchlagen. Wir beſtiegen wieder die Karren und fuhren felſenauf und felſenab in außerordentlicher Schnelligkeit noch einmal durch Dalekarlien, begrüßten noch einmal den Porphyr⸗Hexenberg bei Elfdalen und die Ka⸗ tarakte des Oeſterdalelfs und den weithinſtrah⸗ lenden Siljanſee mit dem Kupferbergwerke von Falun. Sodann ſchlugen wir den Weg durch das nördliche Wermeland ein, wo uns auch wieder auf ein paar Dorfſtationen das Glück zu Theil ward, eine eigenthümliche Art von Poſtillonen zu erhalten, nämlich Mädchen, welche, weil wegen dringender Waldarbeiten augenblicklich kein männlicher Lenker aufzutrei⸗ ben war, mit ſchwarzem Strohhut und kleinem rothem Umſchlagtuch angethan, trotz den männ⸗ lichen Poſtillonen die ſchönen Roſſe ſo muthig lenkten, daß Kies und Funken ſtoben und die kleineren Steinchen auf uns und über uns her⸗ umflogen und wir mehr in der Luft ſchwebten, als auf dem naiven Karrenbrett ſaßen.

Endlich am 21. Auguſt gegen Abend er⸗ reichten wir die norwegiſche Grenze, welche hier durch eine lange, in den Wald gehauene Linie bezeichnet iſt, zeigten dem Grenzlieutenant un⸗ ſern Paß, für deſſen Unterſchrift wir eine kleine Abgabe zahlten, und ſahen, nachdem wir noch ein paar Stunden durch den tiefen Wald gefah⸗ ren waren, am Ende desſelben das erſte norwe⸗ giſche Dorf.

Dieß Dorf beſtand, wie gewöhnlich die norwegiſchen Dörfer, aus einzelnen, ſehr zer⸗ ſtreut liegenden Häuſern und Hütten, welche von Holz erbaut und mit Birkenrinde und Erde bedeckt ſind, und liegt ſehr romantiſch. Der Norweger wählt überhaupt, an den Genuß einer romantiſchen Natur gewöhnt, ſehr gerne eine maleriſch ſchöne Gegend ſür ſeine Woh⸗ nung. Außer dieſem Sinne für Naturſchönheit zeichnet ihn eine herzliche Gaſtfreiheit und Ge⸗ ſelligkeit und eine überhaupt überaus große Bie⸗ derkeit und Treue, ſo wie Muth und Lebhaftig⸗ keit aus. Er hat, beſonders in dieſen öſtlichen Gebirgsgegenden, einen hohen, ſchlanken Wuchs, gelenkigen Gliederbau und eine ernſte, ausdrucks⸗ volle Geſichtsbildung, dabei einen ſchönen weißen Teint, meiſt blaue Augen und blondes Haar, und erfreut ſich, von Jugend auf abgehärtet, bei der reinen Luft, einfachen Koſt und harten Arbeit, einer kernigen Geſundheit. Der lange Bart und die feurigen Augen geben ihm bisweilen einen wildromantiſchen Anſtrich, der nicht we⸗ nig mit der Romantik ſeines Vaterlandes har⸗ monirt.

Nach den epiſchen Vorgängen der letzten Wochen harrte unſer hier ein liebliches Idyll, das wir, obwohl herzlich müde, doch in vollſter Seelenheiterkeit genoſſen.

Auf einem freien Platze vor dem hoch ge⸗ legenen Hauſe unſeres Wirths wurde uns ein Kaffeetiſch mit Zubehör hingeſetzt. Tief unter uns brauſte der Waſſerſturz des Magnorelfs, der, auf den nordwärts gelegenen düſtern Wal⸗ dungen wild daher fluthend, die Weſtſeite des Dorfes rauſchend umſchlängelt. An ſein jenſei⸗ tiges Ufer lagern ſich grüne Wieſen, über welche hinüber der freie Blick weithin ſchweift, bis er am äußerſten Horizonte bei dem Silberfaden des heroiſchen Glommen ruht. Im Süden des Dorfes zieht ſich halbkreiſend der Granit des Gebirges nackt nach Oſten hin, aber in Nordoſt krönt er ſich mit den dichten Tannenwäldern, deren Wipfel jetzt die ſchönen Wolkengebilde der Abendſonne küßten.

Noch waren wir in das Anſchauen der wunderſchönen Natur vertieft und in höhere Lyrik aufgegangen: da nahte eine kleine Herde, voran das beſonnene Hornvieh in fußnachſchlep⸗ pendem Marſche, dahinter der Schäfchen hü⸗ pfende Schaar, und die Arriéregarde bildete das galoppirende Volk der grunzenden Borſtenge⸗ ſchöpfe.

O Theokrit! o Geßner! rief ich aus, und auf einmal kamen ein paar Kühe dicht an un⸗ ſern Tiſch heran, ich weiß nicht, ob zum Trunk oder zur Unterhaltung oder aus Wißbegierde, hier einmal Deutſche zu ſehen. Ich freute mich über die Leutſeligkeit, wollte dankbar ſein und lockte die ganze Herde durch Jodelgeſang näher heran, ſo daß ich im eigentlichſten Sinne des Wortes über jedes einzelne Individuum Mu⸗ ſterung halten und auch das norwegiſche Vieh hier zum erſten Male recht genau kennen lernen konnte; nur bedauerte ich, kein Landwirth oder Zoologe zu ſein. Blos die Borſtenthiere hatten

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kein Gefallen daran, ſondern galoppirten mit ihren, wie Jean Paul richtig bemerkte, nach der linken Seite ſchön gelockten Schweifchen in eini⸗ ger Entfernung vorüber, während ſo manches ehrſame Hornthier uns ſeinen Gruß recht nah entgegenbrüllte.

Immer lebhafter ward es; faſt das ganze Dorf verſammelte ſich um uns, beſonders die Jugend. Wir unterhielten uns, ſo gut es in unſerem noch ſchwediſchen Dialekt ging, recht vertraulich und forderten den göttlichen Hixten Eumäus, deſſen kräftige Stimme uns ſchon bei ſeiner Heimkehr mit der Herde aufgefallen war, zum Geſange auf. Das norwegiſche Volk hat viel Talent und große Liebe zum Geſang, es hält ſeine Nationallieder hoch in Ehren, und manche Landleute ſind ſogar Improviſatoren. Ob unſer Hirte auch improviſirte, weiß ich nicht; ſein Geſang klang männlich ſchön und kräftig und weckte das im Walde hold ſchlum⸗ mernde Echo, welche den lauten Liebesgruß gleichmäßig, doch ſanft und ſanfter zurückrief. Ich erwiederte ſein Lied mit einem deutſchen Volksliede, und das eingelegte Jodeln amüſirte Jung und Alt ſo ſehr, daß der Händedruck der lieben Leute, echt normänniſch kräftig und herz⸗ lich dargeboten, mir ihre Dankbarkeit recht fühl⸗ bar machte.

Indeſſen war der nördliche Himmel immer röther geworden, und unſere fortgeſetzten Ge⸗ ſänge tönten jauchzend in ein herrlich karrirtes Nordlicht hinein, welches wohl eine Stunde lang, faſt über den halben Himmel ſtrahlend, uns erfreute und die Seelen in eine heiligere Stimmung verſetzte.

Die Nacht brach heran und lud uns zur Ruhe ein. Wir gingen in das Haus des Wirthes hinein und hatten hier noch eine ſchöne Szene vor uns. Dicht vor der großen Oeffnung des Hauſes denn Hausthüren gibt es hier auch noch eben ſo wenig wie im nördlichen Dale⸗ karlien war die geräumige Küche, und auf dem großen Herde brannte ein mächtiges Feuer. Rund um dasſelbe, auf dem Herde ſelbſt, ſaßen alle ſechs Kinder des Wirths, nach dem Alter gereiht, in bloßen Hemden, um vor dem Schla⸗ fengehen ſich noch einmal zu erwärmen. Es war rührend, dieſe faſt ganz nackten Engelein ſo ſitzen zu ſehen: die liebliche Bläue ihrer Au⸗ gen, das brennende Roth des Feuers und die Schwärze der Herdmauer bildeten einen wun⸗ derbaren Kontraſt. Hinter den Kindern zunächſt ſtand die Mutter mit den größern Töchtern und Mägden, ihr gegenüber der Vater, und nahe an der offenen Stubenthür lag ihr kranker älteſter Sohn im Bette. Dieſe ſchöne Szene konnte nicht würdiger und heiliger beſchloſſen werden, als mit einem kurzen Gebet, welches die Hausfrau ſprach, und mit dem Vaterunſer, das der ganze Chor, die beiden Reiſenden mit eingerechnet, laut betete.

Jetzt fragten wir nach unſerm Nachtlager und vernahmen, wir könnten mit dieſer ganzen Familie in einem Zimmer ſchlafen; was übri⸗ gens hier nichts Auffallendes geweſen wäre,

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